NATÜRLICH herrschte bei Claudio Pizarro, Aaron Hunt und Sandro Wagner (von links) Enttäuschung. Das 1:1 in Augsburg entsprach überhaupt nicht den Bremer Erwartungen.

Werder spielt nicht wie ein Spitzenteam

Tendenz geht zum Mittelmaß

Augsburg/Bremen -  Es war mal wieder an der Zeit, sich zu ärgern. In fünfeinhalb Jahren als die Nummer eins bei Werder Bremen hatte Tim Wiese schon oft Anlass dazu. Immer ging es um die Fehler seiner unmittelbaren Vorderleute – so auch am Freitagabend.

 „Seit ich da bin, haben wir ein Problem mit der Defensive. Ich weiß nicht, wie wir das endlich auf die Reihe bekommen“, schimpfte der Torhüter nach dem 1:1 bei Aufsteiger FC Augsburg, über das es allerlei zu meckern gab. Eben über das Defensivverhalten, aber auch über die Chancenverwertung und die phänomenartige Bremer Besonderheit, immer erst einen Tritt in den Allerwertesten zu benötigen, um selber auf Touren zu kommen.

Axel Bellinghausen hatte diesen Tritt mit seinem Treffer zum 1:0 (49.) verabreicht – es war im zehnten Spiel der siebte Rückstand für Werder. Und es war ein verdienter Rückstand, denn Werder hatte bis dahin dermaßen fahrig und drucklos agiert hatte, dass es mehr als verwunderte, dass sich Thomas Schaaf später „mit der Leistung insgesamt zufrieden“ zeigte. „Mit dem Resultat natürlich nicht“, ergänzte der Werder-Coach. Doch das versteht sich eigentlich von selbst. Denn ein Unentschieden gegen einen Gegner mit limitierten fußballerischen Mitteln wie den FC Augsburg muss eine Mannschaft mit internationalen Ambitionen mehr erreichen als nur ein 1:1. „Das war heute deutlich zu wenig“, hielt deshalb Geschäftsführer Klaus Allofs fest: „Das Remis ist sehr ärgerlich.“ Und nach den vorangegangenen Niederlagen gegen Dortmund und Hannover „ein weiterer Rückschlag“.

Einzelkritik: Nur Naldo überzeugt in der Defensive

Die Einzelkritik: Der böse Wolf macht noch was gut

Tim Wiese: Die Sperre hat ihm nicht geschadet, klasse Parade gegen Bellinghausen (34.). Ansonsten wenig gefordert, beim Gegentor machtlos. Note 3 © nordphoto, dpa
Sokratis (bis 63.): Kaum Verkehr auf seiner Außenbahn – so langsam wird deutlich, warum er als Innen- und nicht als Rechtsverteidiger gilt. Hinten ebenfalls mit Problemen, und dann drohte ihm auch noch die Ampelkarte. Note 5 © nordphoto, dpa
Andreas Wolf: Einfach gruselig diese Fehler. So wie beim 0:1 darf ein Bundesliga-Spieler nicht über den Ball schlagen, und Wolf hatte es zuvor schon einmal gemacht. Dafür aber auch Vorlagengeber zum 1:1. Deshalb noch die Note 5 © nordphoto, dpa
Naldo: Immer wieder Naldo. Der Brasilianer gewann einen Zweikampf nach dem anderen, den wichtigsten gegen Bellinghausen (27.). Nur in der Vorwärtsbewegung wirkte der Abwehrchef nach seiner langen Verletzungspause noch etwas hölzern. Note 2 © nordphoto, dpa
Lukas Schmitz: Anders als Sokratis viel unterwegs, gefährlich wurde es auf der linken Seite trotzdem nur sehr selten, weil Schmitz oft die Mittel dazu fehlten. Note 4 © nordphoto, dpa
Aleksandar Ignjovski: Der neue „Sechser“ begann so giftig wie immer, wirkte gerade offensiv aktiver als Vorgänger Bargfrede. Doch das Level konnte der junge Serbe nicht halten. Note 3,5 © nordphoto, dpa
Clemens Fritz: Wo war eigentlich Fritz? Sonst immer der auffälligste Bremer, in der Augsburger Puppenkiste war der Kapitän nur ein Nebendarsteller. Note 4 © nordphoto, dpa
Aaron Hunt: Bekam einfach kein Tempo in sein Spiel. Nur seine Freistöße sorgten für etwas Gefahr. Note 4 © nordphoto, dpa
Marko Marin (bis 58.): Als Spielmacher viel zu selten am Ball. Vielleicht riskierte er deshalb auch zu viel und schockte damit seine Abwehr. Note 5 © nordphoto, dpa
Markus Rosenberg: Erst glücklos (21., Kopfball an die Latte), dann unfassbar harmlos, als er aus acht Metern nicht trifft (45.). Versuchte sich noch als Vorbereiter (81.). Note: 4 © nordphoto, dpa
Claudio Pizarro: Jetlag mit Verspätung? Eine Woche nach seiner Südamerika-Tour schlapp und unkonzentriert wie selten zuvor. Dann wacht der Torjäger plötzlich auf, und bringt so viel Druck hinter den (Kopf-)Ball wie kaum ein anderer – 1:1 (68.). Er hätte dann noch zum Matchwinner werden müssen, scheiterte aber zweimal (76. und 81.) völlig freistehend an Jentzsch. Note 4,5 © nordphoto, dpa
Sandro Wagner (ab 58.): Sorgte für Schwung und hätte fast noch das Siegtor erzielt (87.). Note 3 © nordphoto, dpa
Mehmet Ekici (ab 63.): Das wird ihm gut tun: Seine Ecke führte zum Ausgleich. Viel mehr gab‘s dann aber auch nicht mehr zu sehen. Note - © nordphoto, dpa

Auch wenn die Bremer sich durch das Remis sogar auf Rang vier der Tabelle verbesserten – heute können Hannover 96 (gegen Bayern) sowie Schalke 04 (in Leverkusen) vorbeiziehen –, folgen die Leistungen doch einem Trend: Es geht Richtung Bundesliga-Mittelmaß. Wenngleich sich Akteure wie Verantwortliche gleichermaßen weigern, dies zu erkennen. „Wir sind immer noch auf einem guten Weg“, behauptete Coach Schaaf in Augsburg.

Zuvor hatte er eine Kurz-Analyse des Spiels seiner Mannschaft geliefert, der nur schwer zu folgen war. „Wir machen mehr Dinge richtig, als dass wir uns selbst in Not bringen“, sagte der Trainer. Dabei hatten sich die Bremer vor 30 660 Zuschauern in der SGL-Arena gewaltig in Not gebracht. Die Fehler im Spielaufbau waren gravierend, die Aussetzer in der Abwehr auch. Den gröbsten leistete sich Andreas Wolf, als er einen haarsträubenden Ballverlust fabrizierte und Bellinghausen so das 1:0 ermöglichte. „Das war mein Bock, das muss ich ganz klar auf meine Kappe nehmen“, gestand der Innenverteidiger.

Leugnen wäre allerdings auch zwecklos gewesen. „So ein Fehler darf nicht passieren“, grantelte Allofs, der in der Folge noch mehrfach Grund hatte, ungläubig den Kopf zu schütteln. Nun aber nicht mehr wegen Unzulänglichkeiten in der Defensive, sondern wegen erstaunlicher Aussetzer im Angriff. Werder bäumte sich nach dem Rückstand auf, spielte endlich Fußball und kam auch zum Ausgleich durch Claudio Pizarro (68.). Doch eben jener Pizarro, mit sieben Saisontoren Werders bester Stürmer, vergab zwei weitere hochkarätige Möglichkeiten. Allofs dazu: „Wir sind auf der Bank bei den Szenen alle verrückt geworden. Auch, wenn wir lange nicht gut gespielt haben, müssen wir dieses Spiel am Ende für uns entscheiden.“

Weil’s nicht klappte, sind die famos in die Saison gestarteten Bremer nun schon seit drei Spielen sieglos. Und am Samstag geht‘s zum FSV Mainz 05. Erfolgsaussichten? Hundert Prozent, glaubt jedenfalls Tim Wiese: „Augsburg hat da gerade gewonnen, also gewinnen wir da auch.“ Wenn Fußball doch so einfach wäre…

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