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Thomas Horsch spricht einfach gerne über Fußball und fühlt sich auch deshalb bei Werder ziemlich wohl.

Co-Trainer über den Umgang mit Stars und sein perfektes Spiel

Horsch im Interview: „Als Chef wäre ich auch aktiver“

Bremen - Seit einem halben Jahr steht auch Thomas Horsch auf der großen Fußball-Bühne – wenn auch als Co-Trainer des SV Werder nicht unbedingt im Rampenlicht.

„Ein Traumjob“, sagt der 49-Jährige, der erst Anfang 2017 zu Werder gekommen ist. Bis dahin hatte Horsch als DFB-Stützpunkttrainer in Bremen gearbeitet – und sich um die möglichen Stars von morgen gekümmert.

Wie der ehemalige Torwart nun mit Nationalspielern umgeht, wann er Chefcoach Florian Kohfeldt etwas bremst und warum Atletico Madrid, der FC Liverpool und der FC Barcelona ein perfektes Spiel ergeben könnten, das erklärt Horsch im Interview mit der DeichStube.

Herr Horsch, was halten sie von Klatschpappen?

Thomas Horsch: Sehr viel. Gegen Leipzig war das mit den Klatschpappen schon eine andere Atmosphäre im Weserstadion. Ich fand es super. Ich benutze die Dinger auch gerne selbst.

Deswegen auch die Frage – es gibt nämlich ein Bild von Ihnen als Zuschauer beim Basketball-Bundesligisten Eisbären Bremerhaven.

Horsch: Da habe ich mitgeklatscht (lacht). Und es hat geholfen, die Eisbären haben in dem Spiel den Klassenerhalt geschafft.

Wie angenehm war es, dort nur Zuschauer im Abstiegskampf zu sein?

Horsch: So richtig abschalten kannst du dort auch nicht, weil du einfach weißt, wie sich die Personen dort gerade fühlen. Du kennst das ja. Aber ich schaue einfach gerne mal über den Tellerrand hinaus. Das macht Spaß.

Zurück zum Fußball: Nehmen Sie nach einem halben Jahr als Co-Trainer die Stimmung in den Bundesliga-Stadien überhaupt noch wahr?

Horsch: Durchaus. Obwohl man sich inzwischen noch mehr in seiner Arbeit verliert. Es gibt auch wenige Stadien, die mich beeindrucken. Aber die Stimmung im Weserstadion ist einzigartig. Und für mich ist ein Moment bei Auswärtsspielen ganz besonders.

Welcher?

Horsch: Wenn Tim Borowski und ich wie in Mainz lange vor dem Spiel auf dem Platz alles für das Aufwärmen aufbauen, dann sind die Werder-Fans fast allein im Stadion und applaudieren. Das ist ein beeindruckendes Gefühl.

Haben Sie ein Ritual vor den Spielen?

Horsch: Eher einen festen Ablauf. Wir fahren mit dem Bus vom Parkhotel ins Stadion, dann wird der Matchplan in der Kabine aufgehängt – genauso wie die Standardsituationen. Danach bauen ,Boro’ und ich draußen auf. Wenn wir die Aufstellung vom Gegner bekommen, gibt es die Zuteilung für die Standards. Eine gute halbe Stunde vor Spielbeginn geht es dann gemeinsam raus zum Aufwärmen.

Werden Sie dann nervös?

Horsch: Das Kribbeln beginnt erst bei Spielbeginn.

Haben Sie Spezialaufgaben vor den Spielen?

Horsch: Ab der letzten Besprechung vor dem Spiel im Parkhotel beginnt für uns Co-Trainer der Job, die Spieler zu beobachten. Wie ist der eine drauf, wie reagiert der andere auf eine Aussage des Cheftrainers. Wie verhalten sich die Ersatzspieler. Darauf kann ich dann beim Warmmachen eingehen, noch mal das Gespräch suchen – oder eben nicht. Du musst immer die Antennen auf Empfang haben. Manche Spieler kommen selbst auf einen zu, wollen taktische Dinge noch mal erklärt bekommen.

Co-Trainer Thomas Horsch berät Chefcoach Florian Kohfeldt.

Während des Spiels gehen Sie häufiger mal zu Florian Kohfeldt am Spielfeldrand und flüstern ihm etwas ins Ohr – was genau?

Horsch: Es geht um Eindrücke, die wir auf der Bank haben. Oder ich frage ihn, was er vorhat, um das taktisch vielleicht schon vorbereiten zu können.

Was für ein Chef ist Florian Kohfeldt?

Horsch: Ganz klar, Florian entscheidet. Aber er lässt sich gerne beraten. Er fordert unsere Meinung ein und lässt sich durch Argumente überzeugen. Wir diskutieren viel auf fachlicher Ebene. Aber die Rollenverteilung ist schon eindeutig: Als Co-Trainer lieferst du zu, die Entscheidungen trifft der Cheftrainer.

Florian Kohfeldt hat neulich im Interview verraten, dass Sie beruhigend auf ihn einwirken, wenn er sich mal zu sehr aufregt. Wie machen Sie das?

Horsch: Verbal – und manchmal auch über Körperkontakt.

Wie bitte!?

Horsch: (lacht) Das ergibt sich aus der Situation. Wenn er am Spielfeldrand mal zu sehr unter Strom steht, mit dem vierten Offiziellen aneinandergeraten ist, dann gehe ich schon mal hin, sage ihm was oder gebe ihm auch mal einen kleinen Schubs. Das hilft.

Waren Sie schon immer so ein besonnener Typ?

Horsch: Wenn ich Cheftrainer wäre, würde ich sicher auch aktiver sein. Das hat mit der Rolle zu tun. Aber es ist schon mein Naturell, etwas ruhiger zu sein.

Sind Sie auch ganz ruhig geblieben, als Sie zum Beispiel so eine Trainer-Ikone wie Jupp Heynckes getroffen haben?

Horsch: Den habe ich ja sogar noch als Spieler erlebt, so alt bin ich schon (lacht). Nervös macht mich so etwas nicht. Beeindruckt hat mich auswärts in der Bundesliga nur eine Sache: die Anfahrt zur Arena in München. Die Bayern haben außen Banner ihrer ganzen Trophäen angebracht. Da fährst du gefühlt zwanzig Minuten vorbei – und es hört nicht auf. Dann spielst du auch noch gegen Robben, Ribery, Hummels Martinez, das ist schon was. Umso begeisterter war ich, dass wir dort echt die Chance hatten, zu gewinnen, weil wir richtig gut gespielt haben.

Wie sehr hat sich Ihr Leben durch den Job in der Bundesliga verändert?

Horsch: Noch mehr Menschen in meinem Umfeld interessieren sich jetzt für meinen Job oder besser gesagt: für Werder. Selbst meine Nichte, die sich sonst nie um Fußball gekümmert hat. Freunde aus Finnland schicken mir nun regelmäßig Nachrichten mit Werder-Bezug. Und bei mir selbst? Ich bin jetzt wirklich jedes Wochenende weg, weil wir auch bei Heimspielen im Hotel schlafen. Aber ansonsten? Da hat sich nicht viel verändert.

Gibt es Dinge, die Sie vermissen?

Horsch: Du kannst Urlaub nur noch zu ganz bestimmten Zeiten machen – also zum Beispiel jetzt. Die zwei Wochen Herbstferien in Dänemark, die ich geschätzt habe, wird es für mich so nicht mehr geben. Da bin ich vom Bundesliga-Spielplan abhängig. Ansonsten ist es natürlich ein Traumjob.

Was macht am meisten Spaß am Job?

Horsch: Dieser Austausch über Fußball – mit Florian Kohfeldt, dem Trainerteam, den Analysten und Frank Baumann. Und natürlich die Zusammenarbeit mit den Spielern – speziell die Einzelvideos.

Mussten Sie den Umgang mit Fußball-Stars erst lernen?

Horsch: Nein. Ich sehe sie nicht als Stars, sondern als Fußballer. Da komme ich mal wieder zu meinem VfL 07 Bremen: Es ist egal, ob du mit einem Spieler aus der Bundesliga, der U23, den A-Junioren oder der Mädchen-Auswahl sprichst, es geht erst mal um das Zwischenmenschliche. Wie kommt man miteinander klar? Wie reagiert er als Mensch? Dann kommt die fachliche Ebene.

Gibt es ein stilles Kämmerlein, wo das Trainerteam die taktischen Kniffe ausbrütet?

Horsch: Unser Trainerbüro mit vier, fünf Arbeitsplätzen. Dort treffen wir uns zum Beispiel zur Gegneranalyse und erarbeiten den Matchplan. Da ist das Trainerteam dabei, ein Analyst und Frank Baumann. Florian, Tim und ich haben bis dahin jeder mindestens ein Spiel geguckt. Ich versuche, jeden Gegner vorher einmal live gesehen zu haben – idealerweise passend dazu, ob wir ein Heim- oder Auswärtsspiel haben. Ich möchte ein Gefühl für das Publikum bekommen, sehen, wie der Trainer und die Mannschaft in bestimmten Situationen reagieren. Das geht am Fernseher nicht.

Das Trainer-Team, das Werder Bremen wieder in die Spur geführt hat: Tim Borowski (v.l.), Florian Kohfeldt, Thomas Horsch.

Wie schaffen Sie das zeitlich?

Horsch: Ich suche Lücken im Spielplan und fahre dann eben sonntags nach Dortmund, wenn wir schon samstags gespielt haben. Klar ist das anstrengend, aber ich weiß, wofür ich das mache. Das habe ich aber auch schon in der Dritten Liga bei der U23 gemacht.

Was ist für Sie das perfekte Spiel?

Horsch: Eine Mischung aus Atletico Madrid, FC Liverpool und FC Barcelona.

Warum?

Horsch: Die Mentalität von Liverpool und Atletico gegen den Ball finde ich überragend – also das Gegenpressing von Jürgen Klopp bei Liverpool und das Spiel aus der Ordnung bei Atletico. Das gepaart mit der Spielintelligenz von Barcelona mit dem Ball kommt sehr nahe ans perfekte Spiel heran.

Wäre es überhaupt möglich, das in einer Mannschaft zu vereinen?

Horsch: Ja, aber das hat viel mit Qualität zu tun. Wir reden da vom höchsten Niveau.

Ist das auch die Spielidee, die das Trainerteam bei Werder verfolgt?

Horsch: Es geht in diese Richtung. Wir wollen mit einer super Mentalität gegen den Ball arbeiten und gleichzeitig attraktiven Offensivfußball bieten. Diese Verbindung muss man aber erst mal hinkriegen. Wir versuchen, das mit den Mitteln, die wir hier haben, hinzubekommen.

Ist das nicht gewagt?

Horsch: Was heißt gewagt?

Sie haben eine hohe Qualität der Spieler als Voraussetzung genannt. Kann sich Werder diese Klasse überhaupt leisten?

Horsch: Qualität kann auch die tägliche Zusammenarbeit bedeuten. Wir trainieren unsere Spielidee intensiv, entwerfen einen entsprechenden Matchplan, geben den Spielern Hilfen. Wir wollen auch in München gewinnen, genauso wie bei uns gegen Köln und Hertha – und dabei gerne auch das Spiel dominieren.

Aber es heißt oft: Ballbesitzfußball können nur Mannschaften mit Weltklassespielern abliefern.

Horsch: Und in der Bezirksliga heißt es immer: Wir können nicht auf Abseits spielen, weil wir keine Linienrichter haben. Also brauchen wir einen Libero. Das mag ich nicht. Man muss einfach intensiv an den Details arbeiten, das machen wir. Du musst dem Innenverteidiger schon zeigen, wo er den Ball hinspielen soll – und zwar genau in den richtigen Fuß des Mitspielers, damit dieser ihn gleich mitnehmen kann.

Was ist in der neuen Saison für Werder möglich?

Horsch: Es ist sicherlich vieles möglich, aber wir müssen uns auch alles wieder ab Anfang Juli hart erarbeiten.

Was machen Sie bis dahin?

Horsch: Erst mal bin ich zwei Wochen in Kroatien, dann habe ich noch Silberhochzeit. Dazwischen haben wir einen Workshop mit dem Trainerteam. Aber ich versuche, einfach mal ein bisschen abzuschalten.

Ganz ohne Fußball?

Horsch: Mein Bedarf an Fußball ist erst mal gedeckt (lacht).

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