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Früher Werder-Torwart, jetzt Torwart-Trainer: Christian Vander arbeitet seit 2006 in Bremen.

Torwart-Trainer über die Paraden der Nummer eins

Vander im Interview: „Pavlenkas Konstanz überrascht uns“

Bremen - Werders Torwart-Trainer Christian Vander spricht im Interview über die Paraden von Stamm-Keeper Jiri Pavlenka, Luca Plogmanns Perspektiven und Michael Zetterers Zukunft.

Nur elfmal stand Christian Vander für Werder Bremen in der Bundesliga im Tor. Heißt: Während seiner Zeit als aktiver Profi an der Weser saß er zwischen 2006 und 2013 ziemlich oft auf der Bank. „Ich habe schon früher viele Spiele von außen gesehen und deswegen einen anderen Blick entwickelt“, sagt der 37-Jährige, der seit 2014 als Torwart-Trainer für Werder arbeitet.

Im Interview mit der DeichStube erklärt Vander, wieso ihn Jiri Pavlenka sehr überrascht hat, warum er glaubt, dass der Tscheche auch nach dem Sommer noch in Bremen spielt – und was er mit seinem Vorgänger Felix Wiedwald gemeinsam hat. Darüber hinaus gibt Vander einen Einblick in seine Torwart-Gruppe, die ihm „sehr viel Freude“ macht und verrät, dass Jaroslav Drobny auch im hohen Fußballer-Alter noch viel dazulernen kann.

Herr Vander, was haben Sie gedacht, als Timo Werner am Sonntag in der 85. Minute allein aufs Werder-Tor zugelaufen ist?

Christian Vander: Die Szene hat mich direkt an das Spiel zwei Wochen zuvor gegen Frankfurt erinnert, weil es da eine ganz ähnliche Situation gab. Bei Jiri war es ein total stimmiger Ablauf. Deswegen war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er den Ball hält. Diese Eins-gegen-eins-Situationen sind sehr oft Trainingsinhalt bei uns. Gerade in der Vorbereitung auf Leipzig war es ein Schwerpunkt.

Warum speziell vor diesem Spiel?

Vander: Unser taktischer Plan war, dass wir relativ hoch pressen wollten. Dadurch entsteht die Gefahr, dass es hinter der letzten Linie viel Raum gibt. Da kann es leicht mal zu Eins-gegen-eins-Situationen kommen. Gegen Timo Werner war es dann eine besonders spektakuläre Szene, gerade bei dem Spielstand und so kurz vor Schluss.

Wie viel Prozent bei so einer Rettungstat macht das individuelle Talent aus?

Vander: Individuelle Qualität ist dafür ganz entscheidend. Man hat aber denselben Ablauf im letzten Jahr auch ganz oft bei Felix Wiedwald in Eins-gegen-eins-Situationen gesehen. Das war eine große Stärke von ihm. Das zeigt für mich, dass der Trainingsschwerpunkt und die Anzahl der Wiederholungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Torhüter auch im Spiel die richtige Technik abruft.

Chefcoach Florian Kohfeldt hat Ihre Arbeit nach dem Leipzig-Spiel besonders hervorgehoben. Was bedeutet Ihnen so ein Lob?

Vander: Das freut mich natürlich, aber es geht nicht um mich. In erster Linie freue ich mich über die tolle Leistung von Pavlas und über das Lob, das er bekommt. Gut fand ich die Aussage von Florian, dass Drobo (Jaroslav Drobny, Anm. d. Red.) und Luca (Plogmann, Anm. d. Red.) auch eine gehörige Portion dazu beitragen. Das ist ganz wichtig. Im Moment steht Pavlas im Vordergrund, aber die ganze Gruppe macht mir in diesem Jahr enorm viel Freude. Wir haben eine super Arbeitsatmosphäre, in der sich alle gut entwickeln.

Christian Vander trainiert mit Michael Zetterer.

Was macht die Gruppe denn speziell aus?

Vander: Erstmal das große Vertrauen untereinander. Wir legen immer den Fokus auf die Sache. Natürlich hat auch mal einer schlechte Laune, aber für die anderthalb Stunden Training wird das komplett ausgeblendet. Dafür sind die Jungs Profis.

Müssen Drobny und Plogmann der Nummer eins Pavlenka zuarbeiten?

Vander: Nein, das nicht. Es gibt durchaus Bereiche, in denen Luca Dinge einen Tick besser umsetzt als Pavlas. Und von Drobo können sich die beiden eine ganze Menge abgucken. Trotz seines Alters geht er in jedem Training bis zum Schluss ans Limit. Er hat diese Geilheit, jedes Trainingsspiel gewinnen zu wollen. Deswegen ergänzt sich unsere Gruppe super. Wir müssen uns aber nicht jeden Tag in den Armen liegen. Dass wir einen guten Teamspirit haben, heißt nicht, dass wir keine Konkurrenz haben. Das war schon im Sommer so, als Zetti (Michael Zetterer, derzeit verletzt, Anm. d. Red.) noch dabei war. Er fehlt uns mit seiner Qualität und als Typ. Er hätte es im Sommer verdient gehabt, Einsätze zu bekommen.

Zetterer kuriert gerade einen erneuten Bruch des Handgelenks aus. Trauen Sie ihm zu, dass er nochmal zu alter Stärke zurückfindet und als Nummer zwei in die neue Saison gehen kann?

Vander: Ja, auf alle Fälle. Aber das ist im Moment eher eine Geschichte für die Mediziner. Wir müssen abwarten, wie sich die Sache entwickelt. In den nächsten Wochen wird es wieder eine Kontrolluntersuchung geben. Danach wird der Rehaplan besprochen, und dann kann man vielleicht sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass er nach dem Sommer wieder da ist. Bei unseren Besprechungen ist er trotzdem immer dabei, denn Torwart-Training kann auch im Kopf stattfinden.

Kommen wir zurück zu Pavlenka. In den meisten Torhüter-Statistiken der Bundesliga steht er ganz vorne oder ist zumindest vorne mit dabei. Sind Sie überrascht, dass er gleich in seinem ersten Jahr so durchstartet?

Vander: Die Konstanz in seinen Leistungen, das muss ich ehrlich sagen, überrascht uns schon. Es war vorher nicht abzusehen, dass seine Entwicklung so schnell und so gut vorangeht. Das eine ist ja immer die Leistung auf dem Platz, das andere ist die Arbeit im Training und das Talent, Dinge schnell umzusetzen. Ein gutes Beispiel ist das Stellungsspiel bei der Querpassverteidigung. Das dauert einfach Monate, bis man das im Spiel umsetzt. Bei Pavlas geht es schneller. Das hatten wir gehofft, aber es war nicht zu erwarten.

War es im Sommer ein Risiko, Wiedwald ziehen zu lassen und Pavlenka zu holen?

Vander: Wir hätten auch mit Felix, der einen großen Anteil am Klassenerhalt im Vorjahr hatte, ein gutes Gefühl gehabt. Trotzdem gab es den Wunsch, in der Torwart-Gruppe etwas zu verändern. Felix hätte bleiben können. Er wollte für sich aber den absoluten Nummer-eins-Status haben und ist deshalb gegangen.

Den hat er bei Leeds United inzwischen auch nicht mehr. Zuletzt stand er nicht mal mehr im Kader...

Vander: Ja. Wir schreiben ab und zu. Er ist gut in die Saison gekommen. Dann ist er, auch durch den Trainerwechsel, aber ein Stück weit weggebrochen. Ich verfolge, was er macht, denn es entwickelt sich ja auch eine Beziehung abseits des Fußballs. Sein Werdegang interessiert mich, genauso wie ich mit Koen (Casteels, Anm. d. Red.) in gutem Austausch bin. Ich habe als Torwart-Trainer nicht diese autoritäre Haltung, sondern bin mit den Torhütern immer auch im Dialog. Da ist es doch klar, dass sich eine Beziehung entwickelt.

Stichwort persönliche Beziehung: Wie läuft es da mit Pavlenka? Es heißt ja, dass Reden nicht unbedingt zu seinen Vorlieben zählt.

Vander: Ich kenne ihn auch ganz anders. Er ist gar nicht so verschlossen. Es gibt aber schon Parallelen zu Drobo. Vielleicht liegt es daran, dass beide aus Tschechien kommen (lacht). Florian (Kohfeldt, Anm. d. Red.) hat es kürzlich gut erklärt. Pavlas blendet alles um sich herum aus und sieht nur das für ihn Wichtige. Am Spieltag geht er total in sich und ist fokussiert auf die 90 Minuten.

Wie klappt es denn inzwischen mit der Sprache?

Vander: Am Anfang, als er kam, ging Deutsch gar nicht, und Englisch war schwierig. Ich habe seinem Deutschlehrer eine Liste mit den wichtigsten Fußball-Vokabeln an die Hand gegeben. Das hat dann schnell gesessen. Auch da ist Pavlas ein Vollprofi. Mittlerweile sprechen wir einen guten Mix aus Deutsch und Englisch.

Sie haben in Ihrer Laufbahn als Torwart-Trainer schon einige Keeper bei Werder erlebt. Sticht Pavlenka heraus?

Vander: In punkto Konstanz und geringe Fehlerhäufigkeit ist er mit Sicherheit herausstechend. Aber es waren und sind auch andere Torhüter dabei, denen ich das zutraue.

Wo kann sich Pavlenka noch verbessern?

Vander: Ich sehe da schon noch genug Punkte. Wir wollen den Ist-Zustand nicht einfach so laufen lassen. In der Raumverteidigung könnte zum Beispiel noch ein bisschen mehr Wucht in seine Entscheidungen kommen. Lauter sein, energischer sein. Das ist ein Schwerpunkt, der auch in der Sommer-Vorbereitung ein Thema sein wird.

Das hört sich so an, als ob Sie fest davon ausgehen, dass Ihre Nummer eins auch in der neuen Saison noch bei Werder spielt...

Vander: Ja, da gehe ich schwer von aus.

Ist ein Torhüter von diesem Kaliber denn auf Dauer in Bremen zu halten?

Vander: Ich glaube, dass im Moment beide Seiten voneinander profitieren. Wir von Pavlas’ guten Leistungen, und er von einer guten Mannschaft, einer guten Arbeitsatmosphäre und dem Trainerstab um ihn herum. Er sieht, dass es hier mit Florian in eine gute Richtung geht. Es gibt bei Pavlas überhaupt keine Anzeichen, dass er im Sommer irgendetwas anderes macht. Wir haben schon über Entwicklungen nach dem Sommer geredet.

Pavlenkas Ziel ist es, die Nummer 1 im tschechischen Nationalteam zu werden...

Vander: Als er zu uns kam, war er die Nummer drei oder vier. Jetzt hat er seine ersten Spiele gemacht und ist im Ansehen des Nationaltrainers gestiegen.

Pavlenka ist gerade 26 Jahre alt geworden. Wie lange ist es möglich, einen Torhüter weiterzuentwickeln?

Vander: Das kann man nicht pauschalisieren. Auch Drobo hat im letzten Jahr noch Fortschritte gemacht, zum Beispiel im Eins-gegen-eins. Auch was seinen schwachen Fuß betrifft, ist er besser geworden. Er ist ja ein klein wenig älter als Pavlas (Drobny ist 38 Jahre alt, Anm. d. Red.). Deswegen hängt es auch vom Typ ab. Möchte ich noch etwas lernen? Lasse ich mich noch von neuen Dingen überzeugen?

Wie gut und schnell sich Jiri Pavlenka im Werder-Tor entwickelt hat, hat Torwart-Trainer Christian Vander nicht geahnt.

Noch ist offen, wie es mit Drobny nach der Saison weitergeht. Würden Sie ihn gerne im Team behalten?

Vander: Klar! Er ist ein guter Typ für die Mannschaft und speziell für unsere Torwart-Gruppe.

Wie wichtig wäre es speziell für Pavlenka, dass sein Landsmann weitermacht?

Vander: Das kann ich nicht sagen. Da wir im Training auch Luca und Zetti dabeihaben, wollte ich von Anfang an nicht, dass Tschechisch gesprochen wird. Sonst wissen die anderen nicht, worum es geht. Entweder Deutsch oder Englisch, damit können alle etwas anfangen. Drobo wird auch so einiges von seinem Erfahrungsschatz an Pavlas weitergegeben haben.

Sie waren selbst Profi-Torwart, sind jetzt Trainer. Wie groß war die Umstellung?

Vander: So lange mache ich das ja noch gar nicht. Ich habe in meinen letzten beiden Jahren als Torwart schon angefangen, mich fürs Torwart-Training zu interessieren. Deswegen war es ein fließender Übergang, der mir vielleicht selber gar nicht so bewusst war. Man muss ja auch sagen, dass ich nicht so viele Spiele gemacht habe. Ich habe also auch vorher schon viele Spiele von außen gesehen und deswegen einen anderen Blick entwickelt.

Muss man, um ein guter Torwart-Trainer zu sein, selbst ein Torwart gewesen sein?

Vander: Das glaube ich nicht. Es hilft aber in verschiedenen Drucksituationen, sich in den Torwart hineinzuversetzen. Ich kenne aber auch richtig gute Kollegen, die selbst nie im Tor standen.

Erleichtert es denn Ihre Arbeit, dass Florian Kohfeldt früher auch Torwart war?

Vander: Absolut. Unser Bild vom Torwartspiel ähnelt sich. Da sind wir sehr klar in unseren Gedanken. Das macht es sehr angenehm.

Florian Kohfeldt ist nach Viktor Skripnik und Alexander Nouri bereits der dritte Cheftrainer seit 2014, unter dem Sie arbeiten. Wie schwer ist es, sich auf wechselnde Vorgesetzte einzustellen?

Vander: Damit muss man offen umgehen. Das wird in mehreren Gesprächen direkt zu Beginn besprochen. Wie sieht der Chefcoach den Torwart-Trainer inhaltlich? Was ist die Vorstellung vom Spiel? Dann bin ich letztlich auch nur Zulieferer.

Ein Zulieferer, der seine Chefs überdauert...

Vander: Es war der Wunsch von Frank Baumann (Sportchef, Anm. d. Red.), den Torwart-Trainer konzeptionell zu verankern. Deswegen bin ich auch Koordinator für das Torwart-Training im Leistungszentrum. Wir haben ein Konzept mit Arbeitsprinzipien festgelegt, nach denen die Torwart-Trainer-Gruppe arbeitet. Manuel Klon, Michael Jürgen, Eike Herding, Hansi Gundelach, das sind alles gute Torwart-Trainer, die wiederum Jungs betreuen, die hoffentlich in Zukunft im Werder-Tor stehen werden.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass Luca Plogmann der erste dieser Jungs wird. Wann sehen wir ihn für Werder in der Bundesliga?

Vander: Ich bin kein Hellseher, deswegen kann ich nicht sagen, wann. Ich kann aber sagen, dass Luca großes Potenzial hat und eine hervorragende Einstellung besitzt. Dass es bei einem 18-Jährigen gewisse Leistungsschwankungen gibt, ist ganz normal. Wenn er seinen Weg so weitergeht, wird er auf jeden Fall ein Kandidat als Nummer eins für die Bundesliga sein.

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Pavlenka - der Held, der nicht sprechen mag

Jiri Pavlenka: Seine Karriere in Bildern

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka spielte zuerst beim FC Hlucin in den Jugendmannschaften, wechselte dann in die Jugend des FC Banik Ostrau. Ab 2011 war er dort bei den Profis, wurde zunächst aber wieder für ein Jahr an den FC Hlucin verliehen. Nach seiner Rückkehr wurde er ab der Saison 2013/14 Stammtorhüter bei Ostrau.  © imago
Jiri Pavlenka
Im Januar 2016 verpflichtete der SK Slavia Prag den tschechischen Keeper. © imago
Jiri Pavlenka
Pavlenka holte mit Prag in der Saison 2016/17 die tschechische Meisterschaft und nahm an der Europa-League-Qualifikation teil.  © imago
Jiri Pavlenka
Zur Saison 2017/18 kam Jiri Pavlenka für drei Millionen Euro an die Weser... © Gumz
Jiri Pavlenka
...und ersetzte den früheren Stammkeeper Felix Wiedwald.  © Gumz
Jiri Pavlenka
Zu Beginn der Saison 2017/18 stand er in allen Partien zwischen den Pfosten.  © imago
Jiri Pavlenka
Bei den Bremer Fans machte er sich schnell durch gute Leistungen beliebt.  © imago
Jiri Pavlenka
Während des schlechten Saisonstarts war Pavlenka fast immer der beste Mann auf dem Platz und ein sicherer Rückhalt.  © Gumz
Mit Glanzparaden verhinderte der Keeper dabei, wie hier gegen Freiburg, meist Schlimmeres.
Mit Glanzparaden verhinderte der Keeper dabei, wie hier gegen Borussia Mönchengladbach, meist Schlimmeres. © gumzmedia
Jiri Pavlenka
Seine Heimat Tschechien durfte Pavlenka in vier Spielen der U21-Nationalmannschaft vertreten, seit November 2016 steht er auch im Kader der A-Nationalmannschaft. © imago
Durch viele starke Paraden ist Jiri Pavlenka zu einem der besten Keepern der Liga geworden.
Durch viele starke Paraden ist Jiri Pavlenka zu einem der besten Keepern der Liga geworden. © gumzmedia

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