Valerien Ismael war beim VfL Wolfsburg 20 Tage Interimstrainer, bevor er zum Chefcoach befördert wurde.
+
Valerien Ismael war beim VfL Wolfsburg 20 Tage Interimstrainer, bevor er zum Chefcoach befördert wurde.

Ismael über die Zeit als Interimstrainer

Wie es sich als „Mann für gewisse Stunden“ lebt

Bremen - Um 10.00 Uhr geht es am Dienstag wieder los. Dann versammelt Florian Kohfeldt nach drei freien Tagen die Mannschaft um sich. Und es beginnt eine Arbeitswoche, von der Kohfeldt nicht weiß, was er an ihren Ende sein wird.

Immer noch Interimstrainer der Bremer Bundesliga-Profis? Vielleicht sogar Chef, weil sich alle anderen Optionen zerschlagen haben? Oder doch wieder Coach der U23? Es ist ein Berufsleben zwischen Baum und Borke, das Kohfeldt seit ein paar Tagen führt. Und es stellt sich die Frage: Wie geht es einem eigentlich im Ungewissen?

Die DeichStube hat mit Valerien Ismael über das Thema gesprochen. Der ehemalige Werder-Profi war ziemlich genau vor einem Jahr beim VfL Wolfsburg von der Übergangs- zur Dauerlösung aufgestiegen. An die Tage zwischen dem ersten Anruf von Geschäftsführer Klaus Allofs und der Beförderung erinnert er sich natürlich noch gut. Aufregend war's sicherlich, sagt Ismael, aber nicht nervenaufreibend.

Ismael: Interimstrainer muss sofort als Boss auftreten

„Es macht im Grunde nicht mal einen Unterschied, ob du Interimstrainer oder sofort Chefcoach bist. Du musst sowieso so auftreten, als wärst du schon der Boss. Du darfst der Mannschaft ja keine zwei Gesichter zeigen. Erst so, dann so – das würde nicht funktionieren“, erklärt Ismael. Soll heißen: Wer sich als Interimstrainer nicht sofort als Dauerlösung begreift und sich auch entsprechend gibt, macht etwas falsch, riskiert seine Autorität. Ismael: „Ich habe mich in Wolfsburg von der ersten Minute an als Cheftrainer gefühlt. Etwas anderes ging auch gar nicht.“ Wie sonst sollen die Spieler einen Trainer auf Bewährung ernst nehmen?

Natürlich geht das nicht mit einem Neustarter, der gerade vom Himmel gefallen ist. Ein Nachrücker aus der U23, der schon im Club integriert ist und schon im Kontakt zu einigen Spielern steht, kann direkt auf Akzeptanz hoffen. „Du darfst als Interimstrainer keine Berührungsängste haben“, meint Ismael und sieht in Bremen genau die Konstellation, wie sie sein muss, damit eine Zwischenlösung überhaupt erfolgreich sein kann: „Bei Werder ist es ideal. Florian Kohfeldt hat bestimmt keine Probleme mit der Akzeptanz.“

Valerien Ismael gewann 2004 mit Werder Bremen das Double aus Meisterschaft und Pokal.

Hat er tatsächlich nicht, so viel lässt sich sagen. Was sich nicht sagen lässt, ist, wie lange der 35-Jährige den Platzhalter spielen muss, bis er entweder abgelöst oder befördert wird. Bei Valerien Ismael waren es damals 20 Tage – und damit sei einerseits die Geduld ausgeschöpft und andererseits die Grenze des Sinnvollen auch erreicht gewesen.

„Nach zwei, drei Wochen muss spätestens eine klare Entscheidung getroffen werden. Es macht doch keinen Sinn, einen Interimstrainer vier Wochen lang arbeiten zu lassen, um ihn wieder abzulösen. Dann hat sich die Mannschaft gerade an den einen Stil gewöhnt und muss schon wieder von vorne beginnen“, sagt der gebürtige Franzose. Natürlich immer vorausgesetzt, dass sich der Erfolg eingestellt hat. „Sonst ist sowieso alles egal“, lacht Ismael.

Für Ismael lief es in Wolfsburg nie wirklich rund

Der Rekordhalter unter den „Männern für gewisse Stunden“, wie das Magazin „11 Freunde“ die Spezies der Interimstrainer mal nannte, ist wahrscheinlich Andre Schubert. Im Herbst 2015 lebte er bei Borussia Mönchengladbach 53 Tage lang im Ungewissen. In dieser Zeit gewann er sieben Partien, spielte dreimal unentschieden und verlor nur gegen Manchester City in der Champions League. Schubert ist folglich das Beispiel, dass eine Hinhaltetaktik durch den Club auch förderlich sein kann. Seinen Punkteschnitt von 2,18 als Interimstrainer konnte er dann als Chefcoach bei weitem nicht halten. Es ging in den 51 Partien runter auf 1,41 Zähler pro Spiel – Schubert wurde 13 Monate nach der Beförderung entlassen.

Für Valerien Ismael lief es in Wolfsburg nie wirklich rund. In der Aufwärmphase reichten noch zwei Siege und zwei Niederlagen, um einen Vertrag als Cheftrainer zu bekommen. Doch fortan holte er durchschnittlich nur noch einen Punkt pro Spiel. Nach nur 13 Partien war deshalb Schluss.

Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern

Florian Kohfeldt spielte von 2001 bis 2009 in Werders dritter Mannschaft, wechselte dann ins Trainerfach. Als Co-Trainer von Viktor Skripnik war er vier Jahre lang bei der U17 tätig, in der Saison 2013/14 dann auch bei Werders U23.
Florian Kohfeldt spielte von 2001 bis 2009 in Werders dritter Mannschaft, wechselte dann ins Trainerfach. Als Co-Trainer von Viktor Skripnik war er vier Jahre lang bei der U17 tätig, in der Saison 2013/14 dann auch bei Werders U23. © gumzmedia
Viktor Skripnik, Florian Kohfeldt und Torsten Frings
Im Oktober 2014 wurde Skripnik nach der Entlassung Robin Dutts Cheftrainer bei den Profis. Seine Co-Trainer bei der U23, Kohfeldt und Torsten Frings, folgten ihm in die Bundesliga. © Gumz
In 70 Pflichtspielen der Profis saß Kohfeldt auf der Werder-Bank.
In 70 Pflichtspielen der Profis saß Kohfeldt auf der Werder-Bank. © gumzmedia
Nachdem Skripnik im September 2016 gehen musste und U23-Trainer Alexander Nouri seinen Posten übernahm, kehrte Kohfeldt zu Werders U23 zurück.
Nachdem Skripnik im September 2016 gehen musste und U23-Trainer Alexander Nouri seinen Posten übernahm, kehrte Kohfeldt zu Werders U23 zurück. © gumzmedia
Florian Kohfeldt
Seit Oktober 2016 ist er dort als Trainer tätig und schaffte in der Saison 2016/17 den Klassenerhalt. © Gumz
Nach der Entlassung von Alexander Nouri am 30. Oktober 2017 übernahm Fußballlehrer Kohfeldt die Bundesliga-Mannschaft interimsweise als Cheftrainer.
Nach der Entlassung von Alexander Nouri am 30. Oktober 2017 übernahm Fußballlehrer Kohfeldt die Bundesliga-Mannschaft interimsweise als Cheftrainer. © gumzmedia
Florian Kohfeldt
Kohfeldt genießt bei Werder eine sehr hohe Wertschätzung. „Er kann Spieler weiterentwickeln. Er hat eine klare Ansprache. Er ist ein intelligenter, junger, innovativer Trainer“, lobte Sportchef Frank Baumann nach Kohfeldts Beförderung. © Gumz
Florian Kohfeldt
Zwar setzte Kohfeldt in seinem ersten Erstliga-Spiel als Cheftrainer mit Werder neue Impulse, das Spiel gegen Eintracht Frankfurt ging durch ein spätes Gegentor trotzdem mit 1:2 verloren. © Gumz
Doch unter Kohfeldt ging es aufwärts. Am 10. November meldete Werder Vollzug: Kohfeldt bleibt Cheftrainer - zunächst bis zur Winterpause.
Doch unter Kohfeldt ging es aufwärts. Am 10. November meldete Werder Vollzug: Kohfeldt bleibt Cheftrainer - zunächst bis zur Winterpause. © gumzmedia
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt hatte Erfolg, wurde fest als Cheftrainer installiert und führte Werder aus der Abstiegszone in der Bundesliga. © Gumz
Florian Kohfeldt
Anfang April 2018 unterschrieb Kohfeldt einen Vertrag bei Werder bis 2021. © Gumz
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt blieb in der Saison 2017/2018 in allen zwölf Heimspielen als Cheftrainer ungeschlagen. © Gumz
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt hat Werder eine neue Handschrift und Mentalität verpasst. Mit ihm soll es nun wieder dauerhaft aufwärts gehen. © Gumz
Der DFB verleiht Florian Kohfeldt den „Trainerpreis des deutschen Fußballs 2018“. Der „Trainer des Jahres 2018“ begeistert nicht nur an der Weser.
Der DFB verleiht Florian Kohfeldt den „Trainerpreis des deutschen Fußballs 2018“. Der „Trainer des Jahres 2018“ begeistert nicht nur an der Weser. © imago images/Jan Huebner
Der Chef bleibt an Bord - Ende Juli hat Florian Kohfeldt seinen Vertrag bei Werder Bremen vorzeitig um zwei weitere Jahre bis 2023 verlängert.
Der Chef bleibt an Bord - Ende Juli 2019 hat Florian Kohfeldt seinen Vertrag bei Werder Bremen vorzeitig um zwei weitere Jahre bis 2023 verlängert. © gumzmedia

Lest auch:

Werders Trainersuche: Herzog empfiehlt Hütter

Die Spur in die Schweiz: Baumann auf Reisen - Wegen Adi Hütter?

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare