Erinnerungen an 2013: Kevin Artmann (re.) im Zweikampf mit Bayerns Bastian Schweinsteiger.
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Erinnerungen an 2013: Kevin Artmann (re.) im Zweikampf mit Bayerns Bastian Schweinsteiger.

„Wech vom Deich“ – Teil 3

Auf die harte Tour: Artmanns schmerzhafte Reise

Bremen - Kevin Artmann stand bei Werder und Bayern München vor einer großen Karriere, dann streikte sein Körper. Teil 3 unserer Serie „Wech vom Deich“.

Und auf einmal stand die Vergangenheit direkt vor ihm, unmittelbar, wie aus dem Nichts. 1,93 Meter groß, perfekt sitzende Frisur, mit dem Ansatz eines Lächelns im Gesicht. Kevin Artmann benötigte einen kurzen Moment, um die Begegnung unter gleißendem Flutlicht richtig einordnen zu können. Dann gab er Manuel Neuer die Hand. Ein kurzes Gespräch nur, flüchtige Sätze, wie man das eben so macht, wenn man sich von früher kennt, aber längst aus den Augen verloren hat. 

Im DFB-Pokal hatte Artmann mit seinem BSV Rehden gerade mit 0:5 gegen Neuer und Bayern München verloren – hier der Amateurfußballer, dort der deutsche Nationaltorhüter. Direkt nebeneinander und doch Welten voneinander entfernt. Am Abend dieses 5. August 2013 schloss sich für Artmann ein bittersüßer Kreis, denn einst hatte er als Jugendspieler selbst zu den Besten des Landes gehört. Werder, Bayern München, dann wieder Werder, Nationalmannschaft sowieso, eines Tages bis in den Bremer Profi-Kader. Es war eine äußerst verheißungsvolle Karriere, romantisch auch, der Junge aus dem eigenen Nachwuchs. Bis irgendwann alles schief ging.

Wenn der Körper nicht mehr funktioniert

Syke, Fußgängerzone, ein kleines Café mit Tischen und Stühlen vor der Tür. Hier ein paar Rentner, dort Mütter mit Kindern, nur hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Die Stadt schlummert an diesem Sommertag, Mitte Juni, zur besten Kaffee- und Kuchenzeit, bereits den großen Ferien entgegen – und bildet damit die perfekte Kulisse für die Geschichte, die Artmann zu erzählen hat. Die große, weite Fußballwelt, sie scheint hier im beschaulichen Syke meilenweit entfernt zu sein, und genau das ist ja irgendwie Thema des Gesprächs.

„Im Berufssport bist du von nichts abhängiger als von deinem Körper, und wenn der nicht mehr funktioniert, kannst du deinem Job nicht mehr nachgehen“, beginnt Artmann. Es ist ein Satz, der als Leitspruch über seiner Laufbahn stehen könnte. Beidseitiger Leistenbruch, Kreuzband- und Achillessehnenriss – für Artmann läuft es irgendwann nur noch auf die harte Tour, bis es eines Tages nicht mehr weitergeht. Ahnen kann das damals, im Sommer 1994, noch niemand, als dieser schüchterne Achtjährige aus Oldenburg beim großen Sichtungstag am Weserstadion alles in Grund und Boden spielt.

Kevin Artmann träumte bei Werder von einer großen Karriere.

Gut 2 000 Kinder träumen auf den Plätzen am Osterdeich vom großen Sprung in die Werder-Jugend. „Ich wurde am Ende als der Beste rausgesucht“, erinnert sich Artmann, dessen Eltern den Traum ihres Sohnes fortan mitleben. Tägliche Fahrten aus Oldenburg zum Training, 16.00 Uhr los, gegen 21.00 Uhr zu Hause: Es ist der Fußball, der nun den Alltag der Artmanns bestimmt. „Es war eine starke Belastung für meine Familie, das kann man nicht anders sagen“, betont Kevin Artmann, der bereits als Achtjähriger lernt, einem einzigen, großen Ziel alles andere unterzuordnen. Wenn die Freunde nachmittags Schwimmen gehen, spielt er Fußball, wenn sie samstags Kindergeburtstage feiern, auch. „Ein großer Teil meiner Jugend hat unter dem Sport gelitten“, sagt der heute 32-Jährige. Richtig kompliziert wird es allerdings erst, als seine Familie im Jahr 2000 aus beruflichen Gründen nach München zieht.

Sommer 2000: Artmann wechselt zum FC Bayern

Artmann, damals 14, bekommt von Werder das Angebot, als jüngster Spieler überhaupt ins Internat des Clubs zu ziehen. „Meine Mutter hat kategorisch Nein gesagt. Sie wollte nicht von ihrem Sohn getrennt sein“, berichtet er. „Da war das Kapitel Werder für mich eigentlich schon beendet.“ Artmann geht mit in den Süden, und weil sich sein Talent bis weit über die Grenzen Bremens herumgesprochen hat, wechselt er im Sommer 2000 in die U15 von Bayern München. 

Im gemeinsamen Training mit der U17 lernt er die ein Jahr älteren Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger kennen, auch sie noch ganz am Anfang ihrer langen Reise durch den Fußball, die im Sommer 2014 in Rio de Janeiro ihren Höhepunkt finden sollte. Kevin Artmann steht zu dieser Zeit seit einem Jahr beim BSV Rehden unter Vertrag – Regionalliga statt Renommee. Und ist froh, dass er überhaupt noch Fußballspielen kann. „Ich habe zwar nach jedem Spiel Schmerzen und komme morgens nicht mehr so gut aus dem Bett, aber es geht“, sagt er. 

Weil er in München unter Trainer Hermann Hummels nicht glücklich wird, kehrt er nach nur einem Jahr in den Norden zurück. Seine Mutter stimmt dem Einzug ins Werder-Internat zu. „Es war ein schwerer Schritt für mich und meine Familie“, betont Artmann, der für den Fußball auf vieles verzichtet: Abschlussbälle der Geschwister, Geburt des Patenkindes. „Ich blicke gerne auf die Zeit im Internat zurück“, sagt er – und schränkt ein: „Manchmal frage ich mich aber schon, warum ich auf so viele schöne Momente mit meiner Familie verzichtet habe.“

Artmanns Weg zum Werder-Profi

Damals scheint es sich noch zu lohnen. Artmann blüht in Bremen sportlich auf, ist als zentraler Spieler im Mittelfeld immer einer, wenn nicht der beste Akteur seines Teams. Die logische Folge: Im Juli 2005 rückt er in Werders U23 auf, die damals noch unter dem schnörkellosen Namen „Amateure“ firmiert. Fünf Saisontore im ersten Regionalliga-Jahr, zwölf im zweiten – zur Belohnung steht er zwischenzeitlich sogar zweimal im Profi-Kader, kommt im UEFA-Cup aber weder gegen Ajax Amsterdam noch gegen Celta Vigo zum Einsatz. Eine große Zukunft traut Werder ihm trotzdem zu: Artmann erhält 2007 einen Profivertrag.

„Ich war im Training wie ein Schwamm und habe versucht, alles aufzusaugen“, erklärt er. Frings, Borowski, Klose, Diego, Mertesacker – namhafte Kollegen, von denen er sich etwas abschauen kann, gibt es zuhauf. Ehe sich der Nachwuchsspieler aber selbst einen Namen machen kann, beginnt der Körper zu streiken. Fordert plötzlich Tribut für die jahrelangen Belastungen, das Fitspritzen, das Knochenhinhalten. 2008 die Leistenoperation, beide Seiten, 2009 der Kreuzbandriss im rechten Knie, auch Meniskus und Knorpel nehmen Schaden. Als Artmann im Frühjahr 2010 wieder einsteigt, entzündet sich die rechte Achillessehne, die linke riss vor zwei Jahren. Auch das schmerzhaft, sehr sogar, der Traum vom Profi-Fußball war da aber schon längst geplatzt.

Als Artmanns Vertrag bei Werder 2011 nicht verlängert wird, sagen ihm die Ärzte, dass es keinen Sinn mehr macht. Aus und vorbei. Für das Supertalent von früher interessiert sich plötzlich niemand mehr. „Ich habe 16 Jahre für Werder gespielt, bin einer der wenigen, die von ganz unten bis ganz oben durchgekommen sind und wurde verabschiedet wie jemand, der fünf Monate da war.“ Eine Foto-Collage, eine Uhr, das Preisschild noch dran, mach's gut. „Der Moment war sehr enttäuschend“, sagt Artmann, der mit dem Thema inzwischen abgeschlossen hat: „Ich musste erstmal Abstand gewinnen, aber mittlerweile fluche ich wieder, wenn Werder ein Spiel verliert.“

Familie: Neue Träume, große Ziele

Über den TuS Heeslingen, FC Oberneuland und BSV Rehden führt Artmanns Weg im Winter 2017 zum TB Uphusen, Oberliga, wo er auch heute noch spielt. Es sind Vereinsnamen, die das Radar des Profifußballs nicht mehr erfasst. Spiele vor einer Handvoll Zuschauer, auf Bezirkssportanlagen, die für große Träume eigentlich viel zu klein sind – für Artmann bedeuten sie dennoch die Welt. „Ich habe in meiner Laufbahn durch Verletzungen so viele Spiele verpasst. Jetzt möchte ich so lange weitermachen, wie es geht“, sagt der Ex-Profi, der nie in der Bundesliga zum Einsatz kam. Inzwischen verdient er sein Geld als Industriekaufmann bei einer Bremer Firma, die Honig und alternative Süßungsmittel importiert. „Die Arbeit macht mir Spaß, weil ich Verantwortung übernehmen kann“, sagt Artmann. Im August erwarten seine Freundin und er das erste Kind, einen Sohn. Neue Träume, große Ziele.

Und dann war da ja noch dieser Abend im August 2013, das Spiel mit Rehden gegen die Bayern, live im TV. Artmann als Kapitän des Underdogs plötzlich doch noch auf der ganz großen Bühne, 89 Minuten lang, dann muss er ausgepumpt vom Platz. „Ich habe mich sehr gefreut, als Manuel Neuer hinterher auf mich zukam“, sagt Artmann. „Wir kannten uns noch aus der Jugend-Nationalmannschaft, und er wollte wissen, wie es mir so ergangen ist.“ In diesem Moment hätte Kevin Artmann dem frischgebackenen Triple-Sieger eine ziemlich lange Geschichte erzählen können.

Werder Bremen: Serie „Wech vom Deich“

Teil 1 - Die unglaubliche Odyssee des Kevin Schindler

Teil 2 - Francis Banecki: Wenn ein Baum fällt

Teil 4 - Özkan Yildirims Traum ist noch nicht vorbei

Teil 5 - Florian Trinks: Wech vom Deich - und wieder zurück?

Teil 6 - Marco Stier: Einst Deutschlands größtes Talent, heute Sportinvalide

Teil 7 - Jerome Polenz‘ Weltreise als Fußballprofi

Teil 8 - Levent Aycicek und der besondere Wechsel

Teil 9 - Gegen alle Widerstände: Tom Trybull - von der Regionalliga in die Premier League

Teil 10 - Nelson Valdez, der Weltenbummler

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