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Der Altmeister und sein Schüler: Claudio Pizarro könnte im Sommer von Josh Sargent bei Werder Bremen beerbt werden.

Kohfeldts Pläne für das Sturm-Talent

Der Spagat mit Sargent: US-Boy soll Pizarro beerben

Bremen - Es ist die Geschichte von einem großen Talent, einem sehr großen Talent, vielleicht sogar dem größten Talent, das der SV Werder in den vergangenen Jahren hatte: Josh Sargent.

Und der erst 18-Jährige hat tatsächlich gleich in seinem ersten Bundesliga-Einsatz geliefert und den 3:1-Endstand gegen Düsseldorf erzielt. Alle freuen sich riesig – natürlich auch Florian Kohfeldt. Aber der Werder-Coach sorgt sich genauso um eine viel zu große Erwartungshaltung. Und das nicht erst seit gestern. Schon lange existiert deshalb ein klarer Plan, wie aus dem Talent ein echter Bundesliga-Spieler wird. Wenn es gut läuft, könnte Sargent im Sommer den Kaderplatz von Claudio Pizarro erben – freilich noch nicht dessen Star-Status.

Wenngleich am Freitagabend schon ein anderer Eindruck entstehen konnte. Bereits bei Sargents Einwechslung bebte das Weserstadion, der Stadionsprecher forderte das Publikum gleich drei Mal auf, den Namen des Debütanten zu rufen. „Das war, als würde wer weiß wer eingewechselt, dabei hatte Josh noch nicht einmal für Werder in der Bundesliga den Ball berührt“, erinnert sich Kohfeldt.

Sargents schwerer Start in Bremen

Diese kleine Episode passt einfach zum Sargent-Hype. Der Verein selbst hatte die Verpflichtung des Nachwuchsspieler vor gut einem Jahr in den eigenen Publikationen gefeiert. Für die Medien und die Öffentlichkeit war Sargent fortan das große Versprechen für die Zukunft, der US-Amerikaner rückte immer wieder in den Fokus.

Dabei durfte er in seinem ersten halben Jahr nach seiner Ankunft in Bremen Anfang Januar gar nicht spielen, denn sein Wechsel galt erst nach Ende der Transferperiode als vollzogen. „Für Josh war das keine leichte Zeit“, sagt Kohfeldt und fügt noch schmunzelnd an: „Außerdem ist es auch nicht so schön, ausgerechnet im Januar aus dem heißen Florida nach Bremen zu kommen.“

Erster Bundesliga-Einsatz, erstes Tor: Werder-Talent Josh Sargent jubelt gegen Fortuna Düsseldorf.

Werder nutzte die Zeit, um Sargent vor allem körperlich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Dazu gab es quasi eine Rund-um-Betreuung. Sargent lebte im Werder-Internat, bekam Deutsch-Unterricht – und sogar Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode ging mal mit ihm essen, um die Eingewöhnung zu erleichtern.

Im Sommer folgte Teil zwei des Projekts Sargent. Der US-Amerikaner sollte in der U23 möglichst viel Spielpraxis sammeln. Schließlich hatte er ein Jahr nicht gespielt – außer für die USA. Die sahen in ihm nach der verpassten WM einen Hoffnungsträger. Plötzlich war Sargent sogar A-Nationalspieler, traf gleich im ersten Spiel gegen Bolivien.

Kohfeldt warnt vor Erwartungen und sieht Verbesserungspotential

Wieder stiegen die Erwartungen, dabei hatten die meisten Länderspiele der USA wenig mit Bundesliga-Niveau zu tun. In der U23 traf Sargent auch sieben Mal in zwölf Spielen. Das ist gut, aber für ein vermeintliches Supertalent in einer Regionalliga auch nicht überragend. So richtig nah dran an seinem Bundesliga-Debüt war Sargent deshalb nicht – dazu war auch die Konkurrenz zu groß. Am 7. Dezember klappte es dann doch, dabei profitierte er auch vom Ausfall von Yuya Osako.

Noch ist Sargent nicht wirklich in der Verfassung, einen der etatmäßigen Spieler zu verdrängen. Darüber konnte auch sein Tor gegen Düsseldorf nicht hinwegtäuschen. „Ich habe einige Aktionen gesehen, die noch nicht so gut waren“, sagt Kohfeldt. Er will nicht zu sehr ins Detail gehen, möchte den jungen Spieler nicht öffentlich schlecht reden. Es geht ihm vielmehr um eine vernünftige Einordnung. „Wir müssen alle aufpassen, welche Erwartungen wir an ihn stellen“, sagt Kohfeldt und präsentiert seine eigene: „Wenn er bis zum Sommer fünf, sechs Bundesliga-Einsätze gemacht hat, dann war das ein gutes Jahr für ihn.“

Dafür sei der nächste Schritt entscheidend. Im Trainingslager in Südafrika soll Sargent sich in Position bringen, um dann voll im Kampf um die Kaderplätze einsteigen zu können. Für Kohfeldt würde das im Erfolgsfall bedeuten, dass er plötzlich namhafte Spieler auf die Tribüne schicken müsste, falls Sargent wirklich durchstartet. „Lieber so als anders“, freut sich Kohfeldt über die Auswahl.

Zu den Planungen gehört ohnehin, dass Sargent in der nächsten Saison nicht mehr nur das Talent ist, sondern einer der festen Angreifer im Bundesliga-Kader. Möglich ist dabei auch „ein Umweg“, wie es Kohfeldt nennt und auf das Beispiel Johannes Eggestein verweist. Der 20-Jährige wurde zum Außenstürmer umgeschult, kommt sogar als Achter zum Einsatz. Letzteres ist bei Sargent eher unwahrscheinlich, „aber Josh kann alle Positionen im Angriff spielen“, sagt Kohfeldt.

Sargent wie Pizarro: eine Alternative für besondere Gelegenheiten

Im Sommer wird im Sturm sehr wahrscheinlich ein Platz frei. Pizarro dürfte dann mit seinen fast schon 41 Jahren seine Karriere beenden. Sargent gilt als sein Nachfolger, was nicht falsch verstanden werden sollte. Denn nicht vergessen: Pizarro war keineswegs als Stammkraft eingeplant, sondern als zusätzliche Alternative für besondere Gelegenheiten. Ein guter Job am Ende einer Karriere, aber auch ein guter Job am Anfang einer Karriere – mit der Perspektive für Spieler und Club, dass daraus noch viel mehr wird.

Klingt ziemlich plausibel, ist aber durchaus ein Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn niemand weiß, wie sich Sargent tatsächlich entwickelt. Werder versucht ihn, dabei noch so gut wie möglich zu beschützen. Deshalb erzählt nicht Sargent selbst seine Geschichte, sondern Kohfeldt nimmt sich für die Medien Zeit dafür – und versieht die einzelnen Episoden mit einordnenden Fußnoten.

Josh Sargent: Seine Karriere in Bildern

Josh Sargent Werder Bremen
Joshua Thomas Sargent startete seine fußballerische Karriere bei St. Louis Scott Gallagher Missouri in den USA.  © gumzmedia
Vor allem in den Jugendauswahlmannschaften des „Team USA“ überzeugte Sargent auf ganzer Linie: Für die U17 erzielte der Angreifer 25 Tore in 44 Einsätzen.
Vor allem in den Jugendauswahlmannschaften des „Team USA“ überzeugte Sargent auf ganzer Linie: Für die U17 erzielte der Angreifer 25 Tore in 44 Einsätzen. © imago/ZUMA Press
Hier besucht Sargent gemeinsam mit seiner Freundin Kirsten Lepping ein Team-Training des SVW im November 2017.  
Hier besucht Sargent gemeinsam mit seiner Freundin Kirsten Lepping ein Team-Training des SVW im November 2017.   © gumzmedia
Am Tag seines 18. Geburtstages setzte er seine Unterschrift unter einen bis 2021 datierten Profivertrag bei Werder Bremen. 
Am Tag seines 18. Geburtstages setzte er seine Unterschrift unter einen bis 2021 datierten Profivertrag bei Werder Bremen.  © gumzmedia
Bei seinem Debüt für die A-Nationalmannschaft der USA konnte sich Werders Sturmhoffnung in die Torschützenliste beim 3:0-Sieg Ende Mai 2018 gegen Bolivien eintragen. 
Bei seinem Debüt für die A-Nationalmannschaft der USA konnte sich Werders Sturmhoffnung in die Torschützenliste beim 3:0-Sieg Ende Mai 2018 gegen Bolivien eintragen.  © imago/ZUMA Press
Seit Sommer 2018 trainiert Sargent bei den Profis mit und hat die komplette Sommer-Vorbereitung absolviert. Hier führt er ein Zwiegespräch mit Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt.
Seit Sommer 2018 trainiert Sargent bei den Profis mit und hat die komplette Sommer-Vorbereitung absolviert. Hier führt er ein Zwiegespräch mit Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt. © gumzmedia
Josh Sargent und Davy Klaassen feiern zusammen nach einem Treffer für die Grün-Weißen.
Josh Sargent und Davy Klaassen feiern zusammen nach einem Treffer für die Grün-Weißen. © gumzmedia
Der 1,85 Meter-Mann ist für die U23 in der Regionalliga aktiv (hier gegen St. Pauli II) und deutet regelmäßig sein großes Potenzial an.
Der 1,85 Meter-Mann ist für die U23 in der Regionalliga aktiv (hier gegen St. Pauli II) und deutet regelmäßig sein großes Potenzial an. © imago/foto2press
Was für ein Traum-Debüt! Gegen Fortuna Düsseldorf steht Josh Sargent erstmals im Bundesliga-Kader, er wird eingewechselt und erzielt kurz vor Schluss das Tor zum 3:1.
Was für ein Traum-Debüt! Gegen Fortuna Düsseldorf steht Josh Sargent erstmals im Bundesliga-Kader, er wird eingewechselt und erzielt kurz vor Schluss das Tor zum 3:1. © gumzmedia
Am Ende des Jahres 2018 konnte Sargent auf eine erfolgreiche Hinrunde zurückblicken, in der er in zwölf Einsätzen für die U23 sieben Mal einnetzte und in drei Bundesliga-Einsätzen zwei Tore erzielte.
Am Ende des Jahres 2018 konnte Sargent auf eine erfolgreiche Hinrunde zurückblicken, in der er in zwölf Einsätzen für die U23 sieben Mal einnetzte und in drei Bundesliga-Einsätzen zwei Tore erzielte. © gumzmedia
Nach seinem Startelf-Debüt gegen den VfB Stuttgart am 23. Spieltag (1:1) verlängerte der US-Boy seinen Vertrag an der Weser am 26. Februar 2019 langfristig - sein zuvor gültiger Vertrag lief bis 2021.
Nach seinem Startelf-Debüt gegen den VfB Stuttgart am 23. Spieltag (1:1) verlängerte der US-Boy seinen Vertrag an der Weser am 26. Februar 2019 langfristig - sein zuvor gültiger Vertrag lief bis 2021. © gumzmedia

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