Heribert Bruchhagen spricht im DeichStube-Interview über die die Lage des SV Werder Bremen in der 2. Bundesliga.
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Heribert Bruchhagen spricht im DeichStube-Interview über die die Lage des SV Werder Bremen in der 2. Bundesliga.

Ein Interview der DeichStube

„Niclas Füllkrug könnte zum Ausnahmespieler werden“: Heribert Bruchhagen über Werder Bremens Saison und einen Bremer Pluspunkt

Bremen - Mit Fug und Recht darf er sich als Experte der 2. Bundesliga bezeichnen. Heribert Bruchhagen hat einige Partien im Unterhaus gesehen in dieser Saison. „Ich war oft bei Schalke oder beim HSV“, berichtet der 73-Jährige von Besuchen bei seinen Ex-Clubs, für die er einst als Manager tätig gewesen ist. Der bundesweit anerkannte Funktionär, früher auch beschäftigt bei der Frankfurter Eintracht und der Bielefelder Arminia sowie Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga (DFL), erlebt eine spannende Zweitliga-Saison. Der HSV ist für Bruchhagen der Favorit auf den Aufstieg. Für Werder sieht er den Pluspunkt der Geschlossenheit im Verein: „Das Nervenkostüm ist stabiler als bei der Konkurrenz. Das könnte ein Vorteil sein.“

Welches Fazit nach der Hinrunde der 2. Liga ziehen Sie, Heribert Bruchhagen?

Es hat sich eine tolle Konstellation ergeben. Mit St. Pauli und Darmstadt stehen zwei Außenseiter an der Spitze, zwei Teams, die bewiesen haben, dass sie konstant zu spielen imstande sind. Dahinter folgen die Favoriten, die drei Traditionsclubs Hamburger SV, Schalke 04 und Werder Bremen. Eine ideale Ausgangslage, die viel Spannung im neuen Jahr verspricht.

In dieser Beziehung ist die 2. Liga also weitaus attraktiver als die Bundesliga, oder?

Was den Aspekt der Spannung anbelangt auf jeden Fall.

Werder Bremen in der 2. Bundesliga: Heribert Bruchhagen über Spannung, Ole Werner und Aufstiegschancen

Somit stimmt, was zahlreiche Experten vorhergesagt haben. Ist die 2. Liga insgesamt womöglich die bessere Liga?

Das Urteil ist nur richtig, wenn der Moment der Dramatik und der Ausgeglichenheit der Mannschaften in Betracht gezogen wird. Was die Qualität anbelangt, trifft es nicht zu. Es besteht vom Niveau her ein himmelweiter Unterschied zwischen den beiden Profiligen. Ich habe einige Erstligaspiele live in meiner Nachbarschaft gesehen, in Bielefeld. Ich habe große Bedenken, ob die Aufsteiger später überhaupt wettbewerbsfähig sind. Eine großen Sorge, die auf alle Kandidaten zutrifft. Egal, ob Schalke, Hamburg oder Bremen, ob so ambitionierte Vereine wie Nürnberg oder Hannover 96, die aus Kostengründen den Aufstieg anstreben müssen.

Ist ein Club wie Union Berlin nicht das beste Gegenbeispiel?

Richtig, Gegenbeispiele gibt es immer. Ich habe den Berlinern einen schweren Gang in der Erstklassigkeit prophezeit. Da habe ich mich geirrt. Union hat sich vortrefflich etabliert.

Zurück zur 2. Liga: Anfangs haben die Favoriten geschwächelt, nun haben Sie Fahrt aufgenommen. Wer hat von den drei großen Vereinen – Werder, Schalke, HSV – die größten Chancen, am Ende den Aufstieg zu schaffen?

Ich tippe auf den HSV, weil er von der Spielanlage her aus meiner Sicht die meiste Qualität bietet. Im zentralen Mittelfeld besitzt der HSV in Sonny Kittel, den ich aus Frankfurt kenne und schon immer geschätzt habe, sowie mit dem Niederländer Ludovit Reis herausragende Akteure, die den Unterschied ausmachen.

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Unterschiedsspieler beim SV Werder Bremen: Heribert Bruchhagen lobt Niclas Füllkrug

Wenn Sie einen Blick auf Bremen werfen, welchen Unterschiedsspieler besitzt Werder?

Niclas Füllkrug könnte einer sein. Er besitzt außerordentliche Fähigkeiten, doch diese stellt er zu selten unter Beweis. Zu Saisonbeginn saß er zeitweise nur auf der Bank, nun hat er zum Glück in die Spur gefunden. Ein Spieler, der unbestritten alle Möglichkeiten hat und zu einem Ausnahmespieler in dieser Spielklasse werden könnte, wenn er sein Potenzial abruft.

Liegt in der mangelhaften Konstanz der Unterschied zwischen Füllkrug und beispielsweise Simon Terodde, dem Rekordtorjäger von Schalke?

Terodde ist ein Phänomen, er trifft regelmäßig. Doch auch er wird älter, die Zeit läuft gegen ihn.

Wie beurteilen Sie insgesamt die Hinserie von Werder?

Die Mannschaft hat sich nach Anfangsschwierigkeiten jetzt stabilisiert. Sie liegt in Lauerstellung und kann in der Rückserie angreifen. Und ich sehe einen klaren Vorteil für Bremen im Aufstiegsrennen. Der Verein verkörpert immer noch trotz aller Rückschläge eine gewisse Geschlossenheit, steht für einen Gemeinschaftssinn. Im Gegensatz zu Schalke und Hamburg. Ich denke, dass bei Werder Bremen das Nervenkostüm stabiler ist als bei der Konkurrenz. Zur Hälfte der Rückrunde, wenn bei allen das große Nervenflattern beginnt, könnte das ein Trumpf für Werder sein. Das beste Beispiel: Der HSV ist in den letzten drei Spielzeiten, als der Aufstieg nahe war, letztlich nur an der Nervosität und Unruhe gescheitert.

War der unvermeidliche Trainerwechsel von Markus Anfang hin zu Ole Werner ein Glücksfall?

Das vermag ich nicht zu beurteilen aus der Ferne. Doch ich bin häufiger in Hamburg, auch aus familiären Gründen. Und ich habe mitbekommen, dass Ole Werner im Norden einen exzellenten Ruf genießt. Er scheint mir eine gute Wahl für Bremen zu sein, wie auch die Resultate zeigen.

Es wird im neuen Jahr wieder Geisterspiele geben im bezahlten Fußball. Ein gewaltiger Rückschlag für die Vereine?

Natürlich, vor allem für viele Zweitligisten, bei denen ein gewaltiger Kostendruck herrscht. Die namhaften Vereine, zu denen ich auch Hannover und Nürnberg zähle, haben einen ganz anderen Apparat aufgebaut als Zweitliga-Vertreter wie Aue oder Sandhausen. Die Verantwortlichen müssen sich nun wieder stärker um das Finanzmanagement kümmern als um sportliche Fragen. Die Finanzvorstände sind gefordert.

Heribert Bruchhagen im DeichStube-Interview über die Rückkehr der Geisterspiele und die Konsequenzen für Werder Bremen

Noch ein Wort zur Bundesliga: Gratulieren auch Sie schon den Bayern zum erneuten Titelgewinn?

Mir bleibt nichts anderes übrig. München wird Meister, auch in diesem Jahr, vermutlich in den kommenden Spielzeiten ebenfalls.

Sie haben diese Entwicklung schon vor über einem Jahrzehnt vorhergesagt. Fühlen Sie sich bestätigt?

Es geht mir nicht um Wichtigtuerei, doch ich habe bereits 2008 in einem Interview mit „11Freunde“ auf diesen unausweichlichen Trend hingewiesen, der auf der ungleichen Verteilung der TV-Gelder gründet. In den nächsten Jahren, sagte ich, werde Bayern achtmal den Titel holen. Ich habe mich noch geirrt, sie wurden sogar neunmal Meister und stehen nun vor dem zehnten Titelgewinn. Damals stand übrigens mit Willi Lemke ein Bremer an meiner Seite sowie der Bochumer Vereinschef Werner Altegoer. Doch wir waren in der Minderheit und konnten uns nicht durchsetzen.

Interview: Hans-Günter Klemm

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