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20 Jahre Werder Bremen! Diesen persönlichen Meilenstein feiert in diesen Tagen Sportchef Frank Baumann.

Wie aus einem Profi ein Sportchef wird

20 Jahre bei Werder Bremen: Baumann macht sein Ding

Bremen – Frank Baumann lehnt sich in dem tiefen Sessel zurück. Er hat alle Fragen beantwortet, das Interview ist zu Ende. Baumann könnte aufstehen, doch er bleibt sitzen. Dabei ist diese Hotel-Lobby in Belek nicht wirklich gemütlich. Außerdem steht schon bald die nächste Trainingseinheit an. Doch der Kapitän des SV Werder Bremen nimmt sich an diesem Mittag im Januar 2006 Zeit, er hat selbst Fragen, informiert sich über die Arbeit der Journalisten.

Diese Neugierde, Hintergründe zu entdecken und zu verstehen, gehört zu ihm wie der gepflegte Flachpass auf dem Feld. Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren wurde Frank Baumann als Neuzugang des SV Werder Bremen vorgestellt. Aus dem Spieler „Baumi“ ist längst der Sportchef „Frank Baumann“ geworden. Eine Bremer Erfolgsgeschichte! 

„Es war schon eine anstrengende Trainingseinheit. Aber das ist klar, wenn man das erste Mal seit drei Wochen etwas tut. Denn allzu viel habe ich im Urlaub nicht gemacht“, sagte Baumann nach seiner Premiere am Weserstadion am 6. Juli 1999. Was der Sportchef Baumann wohl denken würde, wenn einer seiner Spieler sich heute so äußern würde? Die Zeiten haben sich geändert. Zum Start in die Vorbereitung werden fitte Profis erwartet.

Werder Bremen: Frank Baumanns Job als Spieler wurde gerne unterschätzt

Nun sollte keiner denken, Baumann wäre als Profi womöglich faul gewesen. Im Gegenteil! Der Abwehrspieler gehörte immer zur Kategorie fleißig und zuverlässig. Er hat sich seine Karriere erarbeitet. Natürlich war da ein gewisses Talent, aber Baumann hatte auch den nötigen Willen. Er konnte sich quälen, er wollte aber auch immer lernen. Aus dem guten Libero wurde erst ein starker Innenverteidiger, dann ein brillanter Sechser.

Ein taktisches Foul müsste eigentlich „ein Baumann“ heißen, wie es im Eiskunstlaufen einen dreifachen Rittberger gibt. Kaum einer unterband gegnerische Konter so geschickt ungeschickt wie der Bremer. Es sah aus wie ein Versehen und wurde auch dank Baumanns gekonnter Unschuldsmiene fast nie mit einer Gelben Karte geahndet. Das fiel aber mehr den frustrierten Gegnern auf als den eigenen Fans. Auch Baumanns Job als Ballwand für die Spielgestalter, die die Kugel direkt weiterleitet, wurde gerne unterschätzt. Im Mittelpunkt stehen eben immer mehr die Vorbereiter und Torschützen.

Wahrscheinlich wäre Baumann bei aller sportlichen Bedeutung 2004 etwas untergegangen, hätte er nicht beim Double-Gewinn als erster Bremer die Trophäen in den Himmel gereckt. Denn der Franke war der Kapitän. Nur ein Jahr nach seinem Wechsel aus Nürnberg hatte er von Trainer Thomas Schaaf die Binde bekommen. Eine Überraschung! Wie sollte dieser stille, zurückhaltende Baumann nur diese Mannschaft mit so schillernden Figuren wie Andreas Herzog oder Frank Rost führen?

Baumann machte es ganz besonnen. Er war ein Ruhepol, aber kein Angsthase. Intern wie extern konnte er ziemlich deutlich werden. Doch dieses Mittel setzte er wohl dosiert ein, wie es eben auch ein guter Abwehrspieler mit der Grätsche macht. Baumann hatte die Gabe, Gefahren zu erkennen. Und so wusste er auch ganz genau, wann es Zeit wird zu gehen: 2009 – mit dem DFB-Pokal in der Hand. Der 33-Jährige wirkte nicht traurig, sondern sehr zufrieden.

Werder Bremen: Frank Baumann mit Startschwierigkeiten in seiner neuen Rolle als Allofs-Assistent

Außerdem war längst alles geplant. Der Mann aus Würzburg, der in seinem Leben nur für den TSV Grombühl, den 1. FC Nürnberg, Werder Bremen und Deutschland gespielt hat, sollte nach einem Jahr Pause Assistent der Geschäftsführung – also von Klaus Allofs – werden. Wohl dem, der wie Baumann vor der großen Karriere als Fußballer eine Ausbildung zum Sozialversicherungs-Fachangestellten abgeschlossen hat. Welcher Profi kann heute so etwas noch von sich behaupten?

Ein bisschen skurril war die neue Rolle schon. 2011, bei einem Testspiel in Southampton, verteilte Assistent Baumann auf dem Flughafen die Tickets an seine Ex-Kollegen – und handelte sich jede Menge Ärger ein. Er hatte die Dokumente einfach wahllos verteilt, wie es der Bundesligist bei Flügen mit einer selbst gecharterten Maschine immer gemacht hatte. Man war ja unter sich. Doch einen Wesley wollten die englischen Beamten partout nicht als Markus Rosenberg durchgehen lassen . . .

Der aktuelle Sportchef und sein Vorgänger bei Werder Bremen: Frank Baumann (l.) und Thomas Eichin (r.).

Baumann arbeitete sich hoch, wurde erst Leiter der Scouting-Abteilung, dann Sportlicher Leiter der U23 und Direktor Profifußball. Doch 2015 machte er Schluss - „Ich möchte mich noch einmal neu orientieren“, sagte er damals und kündigte eine Auszeit von mindestens einem Jahr an. Hatte das womöglich etwas mit seinem sehr extrovertierten Boss Thomas Eichin zu tun? Kamen die beiden nicht miteinander klar? Sie behaupteten stets das Gegenteil.

Ein Jahr später musste Eichin gehen – und für ihn kam ausgerechnet Baumann zurück. Gut erholt und weitergebildet, aber mit einer ganz schwierigen Entscheidung vor der Brust. Eichin hatte Trainer Viktor Skripnik feuern wollen. Da spielte der Aufsichtsrat nicht mit. Baumann überlegte lange, setzte dann weiter auf Skripnik und verlängerte sogar dessen Vertrag. Eine Fehlentscheidung, die Baumann nach drei Bundesligaspielen korrigierte. Auch bei Nachfolger Alexander Nouri lief es nicht wirklich glücklich, hätte eine Trennung eher erfolgen müssen. Baumann wurde schon nachgesagt, sich mit großen Entscheidungen schwerzutun.

Werder Bremen: Florian Kohfeldt und Frank Baumann lassen Club und Fans an Europa glauben

Das hat sich geändert. Der 43-jährige Familienvater zieht sein Ding durch, ist der ganz starke Mann bei Werder, baut den Club in vielen Bereichen um. Trainer Florian Kohfeldt ist dabei als enger Vertrauter ein ganz besonderer Mitstreiter. Das Duo lässt Werder und die Fans wieder an Europa glauben.

Baumann beantwortet immer noch viele Fragen, aber längst nicht mehr alle. Bei Transfers wird er zur Muschel. Bewahrt hat er sich hingegen die Neugierde, auch mal selbst Fragen zu stellen.

Unterdessen hat ein weiterer Trainer bei Werder Bremen seine Arbeit aufgenommen. Marcel Abanoz ist neuer Reha-Trainer bei den Grün-Weißen.

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