Zittern bis zum Schluss: für Florian Kohfeldt und den SV Werder Bremen war das Jahr 2020 nicht nur sportlich, sondern auch finanziell zum Vergessen.
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Anspannung bis zum Schluss: für Florian Kohfeldt (hier vor dem Relegationsrückspiel in Heidenheim) und den SV Werder Bremen war das Jahr 2020 nicht nur sportlich, sondern auch finanziell zum Vergessen.

Corona, Mindereinnahmen und Fast-Abstieg

Das Werder-Bremen-Jahr 2020: Eine Allianz der Angstmacher

Abstiegskampf, Viererkette, Fallrückzieher, Kreuzbandriss, Ablösesumme, Muskelfaserriss und Ausstiegsklausel – das sind nur einige der Begriffe, die bis vor einigen Monaten noch das Arbeitsleben und das Vokabular eines Sportreporters geprägt haben. Vorbei! Oder besser: nicht mehr so wichtig. Denn 2020 sorgte für eine Revolution im aktiven Wortschatz des Fußball-Berichterstatters. Auf einmal ging es um Inzidenzwert, Geisterspiele, KfW-Kredit, Quarantäne und Coronatests – überhaupt nicht hipp und trotzdem voll angesagt. Neue Trendbegriffe in einer neuen Zeit. Und in Kombination mit Abstiegskampf kaum zu ertragen. Siehe Werder Bremen!

Gehen wir gedanklich zurück in den März, zurück zum 7. des Monats. Werder Bremen verspielte beim 2:2 bei Hertha BSC eine 2:0-Führung (übrigens noch vor 58.028 Zuschauern), und es verstärkte sich das schon länger vorherrschende mulmige Gefühl, dass diese auf Platz 17 der Tabelle darbende Mannschaft nicht stark genug sein würde, die Klasse zu halten. Untergangsszenarien waberten durch die Fan-Köpfe. Abstieg gleich Finanzchaos gleich Zusammenbruch? Es war nicht schön. Und es wurde noch so viel schlimmer.

Denn mit dem Corona-Lockdown, der nach diesem 2:2 bei der Hertha einsetzte, wurde dem ganzen Fußball vor Augen geführt, wie fragil das Gebilde Profi-Fußball trotz des großen Glamours ist. Überall in den Clubs rechneten die Finanzchefs durch, was der Lockdown kosten würde. Panik kam auf beim Gedanken an einen Saisonabbruch - er hätte wohl zu einer Pleitewelle geführt, die auch Werder Bremen fortgespült hätte.

Werder Bremen 2020 am Rande des Abgrunds: Corona-Pandemie, Geisterspiele und Relegation

Doch allein der Zuschauerausschluss – gemeinhin als Geisterspiel bezeichnet – riss ein riesiges Loch in die Kasse. Klaus Filbry, in Bremen der Herr über die Bilanzen, machte es öffentlich. 30 Millionen Euro Mindereinnahmen bis zum Saisonende – Werder stand am Rande des Abgrunds. Nicht nur wegen der sportlichen Situation, auch wegen Corona. Eine unheilvolle Allianz der Angstmacher.

Die sportliche Gefahr hat Werder Bremen abwenden können – vorerst jedenfalls. In der Relegation gelang die Rettung, und irgendwie waren es wohltuende Momente, als Ludwig Augustinsson gegen den 1. FC Heidenheim den Ball ins leere Tor schoss und damit den Klassenerhalt klarmachte. Oder als alle Spieler Club-Legende Claudio Pizarro in die Luft warfen und ihn damit in den Fußballer-Ruhestand verabschiedeten. Es war der Tag, an dem in Bremen die Fans, die in den Stadien so schmerzlich vermisst werden, auf den Straßen feierten – trotz Corona. Teils enthemmt und allesamt einfach nur glücklich, dass der Kelch des Abstiegs an ihnen vorübergegangen war. Doch die Corona-Bedrohung blieb. Im Alltag und für den Lieblingsverein.

Werder Bremen 2020: Fast-Abstieg, 30-Millionen-Euro-Minus und die „Gruppe besorgter Mitglieder“

30 Millionen Euro aufzufangen, ist kein Kinderspiel. Zumal für Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt Ablösesummen gezahlt werden mussten, die mal eben den Erlös aus dem Verkauf von Leistungsträger Davy Klaassen auffraßen. Werder Bremen versuchte es mit Einsparungen und Verzicht auf einen Teil der üppigen Gehälter für Spieler, Trainer und Geschäftsführung. Das war zwar mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, reichte aber bei weitem nicht aus. Nur ein 20-Millionen-Kredit, bewilligt von einem lokalen Bankenkonsortium und per Bürgschaft durch das Land Bremen gestützt, stellt sicher, dass Werder durch die Saison 2020/21 kommt. Finanziell. Sportlich weiß man das noch nicht.

Und dann gibt es noch etwas Neues für den Reporter-Wortschatz: die „Gruppe besorgter Mitglieder“ formiert sich. An ihre Spitze setzt sich TV-Journalist Jörg Wontorra, der die aktuelle Geschäftsführung kritisiert. Ihr fehle es an „Kompetenz“, „Innovationen und Visionen“: „Werder muss weltmännischer werden, dafür braucht es andere Manager“, fordert Wontorra, der seine Kandidatur für den Aufsichtsrat zunächst nicht und dann doch bestätigt. Gewählt wird allerdings erst im kommenden Frühjahr. Frank Baumann, den Wontorra ausdrücklich von seiner Geschäftsführer-Kritik ausnimmt, hat derweil noch vor dem Jahreswechsel seinen im Sommer 2021 auslaufenden Vertrag verlängert. (csa)

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