Die Trauer und Enttäuschung bei den Spielern (hier: Marco Friedl) und den Fans des SV Werder Bremen war nach dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte riesig.
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Die Trauer und Enttäuschung bei den Spielern (hier: Marco Friedl) und den Fans des SV Werder Bremen war nach dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte riesig.

So trauert ein Fan

Werder-Abstieg: Die Wunde von der Weser

Von Dirk Gieselmann. Werder Bremen ist abgestiegen. Dass das wehtun würde, war ja klar. Doch wie weh es tut, ist dann doch erstaunlich. Innenansichten eines verwundeten Fans.


Wer den Menschen in und um Bremen die Frage „Wie geht‘s?“ stellt, der bekommt oft zu hören: „Muss.“ Eine kurze Silbe nur, die den Antwortenden wie etwas Ungenießbares aus dem Mund fällt. Und doch sollte man sie nicht als Wortkargheit missverstehen – steckt in ihr doch eine ganze Lebenshaltung: dass es, auch wenn einem das Schicksal mitunter übel mitspielen mag, doch irgendwie weitergehen „muss“. 

Diese eigentümliche Mischung aus Fatalismus und Beharrlichkeit – „Es ist, wie es ist. Kein Grund zu jammern!“ – hat die Menschen in diesem Landstrich durch zahlreiche Krisen getragen. Ja, sie ist vielleicht sogar der Grund, warum die Urahnen sich hier, in diesem von unwirtlichen Mooren durchzogenen Niemandsland, auf dem nicht viel mehr zu ernten war als Buchweizen, überhaupt erst niedergelassen haben. Man kann sich ganz gut ausmalen, wie ein Siedler einst den anderen fragte: „Und hier willst du Ackerbau betreiben?“ Seine mutmaßliche Antwort: „Muss.“

Die Geschichte des SV Werder Bremen, wie man ihn kannte, hat ein Ende gefunden

Doch wie fällt die Antwort heute aus, am Tag, nach dem der SV Werder Bremen aus der Bundesliga abgestiegen ist? Natürlich „muss“ es auch jetzt irgendwie weitergehen. Das wird es ohnehin: Das Leben hat nun mal die lästige Angewohnheit, dass es, auch wenn einem gerade überhaupt nicht danach ist, von selbst immer weitergeht. Zur Stunde feiern jenseits des Wiehengebirges die Bielefelder ihren Klassenerhalt und scheren sich einen feuchten Dreck darum, wie es den Bremern geht. 

So ist das Leben im allgemeinen, so ist der Fußball im besonderen: Des einen Leid ist des anderen Freud. Doch noch nie zuvor hat man als Anhänger dieses glorreichen Vereins in derart bedrückender Weise das Gefühl verspürt, dass das Leid von Dauer sein wird. Dass es „für uns“ eben nicht weitergeht. Dass gestern eine Geschichte ihr Ende gefunden hat: die Geschichte des SV Werder, wie man ihn kannte. Wie fällt sie also heute aus, die Antwort auf die Frage: Wie geht‘s? 

Die gute alte Zeit des SV Werder Bremen ist ein Trost, der selbst schon traurig ist

Erlauben Sie mir, darauf etwas ausführlicher zu antworten: Ich bin 43 Jahre alt, vom letzten Abstieg des SV Werder Bremen weiß ich also nur aus Schauergeschichten, die mein Vater mir erzählt hat – als etwas, das nie wieder vorkommen darf, kann und wird. Ich bin in den Achtzigerjahren im Vorgefühl eines großen Triumphs aufgewachsen, der deutschen Meisterschaft, die sich aber ein ums andere Mal der FC Bayern holte, obwohl sie ihm nicht zustand – und die dann doch endlich der SV Werder errang, einmal, zweimal, dreimal. Der Abstieg vor 41 Jahren verblasste im Laufe der Zeit und kam mir bald nur noch vor, als wäre einer meiner Großväter nach einem längst vergangenen Schützenfest besoffen vom Fahrrad gefallen.  

Doch jetzt ist es wieder geschehen. Wieder, ja – und doch zum ersten Mal in meinem bewussten Leben. Leere macht sich breit, eine Leere, die so unermesslich und öde ist wie die Leere in der Pokalvitrine von 1899 Hoffenheim. Das einzige, worauf ich Lust hätte, wäre, am Bahnhof von Diepholz, von wo aus ich so oft zu Heimspielen aufgebrochen bin, in der Kneipe zu sitzen, lange, sehr lange zu schweigen und dann, nachdem ein oder zwei oder drei Schnäpse meine Zunge gelöst haben, irgendwann „Tja“ zu sagen. Im Hintergrund würde jemand leere Bierdosen auf die Dartscheibe werfen. Und in die Stille hinein, die nur unterbrochen würde vom Scheppern der Dosen und dem ratlos-melancholischen Dudeln des Spielautomaten, würde mein treuer Gefährte neben mir entgegnen: „Wollt ich auch gerade sagen.“ 

Doch die alte Bahnhofskneipe gibt es nicht mehr. Dort befindet sich jetzt eine Fahrschule. Ein Flipchart steht da, wo einst der Tresen war. So kommen mir nur noch die Zeilen des Liedermachers Sven Regener, eines gebürtigen Bremers, in den Sinn: „Wir stehen staunend vor den Trümmern einer guten alten Zeit.“ Die gute alte Zeit des SV Werder Bremen ist hier und an anderer Stelle in epischer Breite erzählt worden und wird auch weiterhin erzählt werden. Sie füllt Chroniken, Gedächtnisse, Herzen, der eine oder andere hat sie sich sogar unter die Haut stechen lassen. Sie ist ein Trost, der selbst schon traurig ist. Schließen wir also an dieser Stelle nur kurz die Augen und denken an Johan Micouds göttlichen Heber über Oliver Kahn hinweg am 32. Spieltag der Saison 2003/2004. Ach!

Werder Bremen zwang die Gegner vor 12 Jahren allein durch die Nennung der Spieler auf dem Aufstellungsbogen in die Knie

Noch vor zehn, zwölf Jahren – das ist nicht sehr lang her, und doch schlägt man, wenn man darauf zu sprechen kommt, wie von selbst einen Ton an, als würde man eines fernen Tages seinen Enkeln davon erzählen – da trugen Spieler das grün-weiße Trikot, die es vermochten, allein durch die Nennung ihres Namens auf dem Aufstellungsbogen die Gegner in die Knie zu zwingen: Diego, Mesut Özil, Per Mertesacker, Naldo, Claudio Pizarro. Noch mal: Ach! Und selbst danach noch, 2013, 2015, 2018: Kevin de Bruyne, Zlatko Junuzović, Max Kruse. Eine leises, letztes Ach.

Das nur am Rande: Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was wohl gewesen wäre, wenn Tim Wiese – nichts gegen Tim Wiese, jeder Mensch macht mal Fehler – in der 88. Minute des Achtelfinalrückspiels gegen Juventus Turin am 7. März 2006 der Ball beim allzu artistischen Abrollen nicht aus den Armen gekullert wäre, Emerson vor die Füße, der das 2:1 machte und so Werder Bremen aus der Champions League schoss? Was dann wohl noch alles möglich gewesen wäre? Wo der Verein dann heute stünde? Wie ihn die Millionen an Mehreinnahmen finanziell stabilisiert hätten? Wie ihn das Selbstvertrauen eine Juventus-Bezwingers in noch größere Höhen katapultiert hätte? Doch noch mal: Ach. 

Werder Bremen: Der Wunsch, Johan Micoud würde mit der Kraft ewiger Jugend zurückkehren, ist müßig

Es ist müßig, sich an einem singulären Missgeschick aufzureiben. Ebenso müßig wie der Wunsch, Johan Micoud würde mit der Kraft ewiger Jugend zurückkehren und alles endlich ins Rechte Lot rücken. Die Dinge sind nun mal geschehen, andere sind dafür unterblieben, und die Beschissenheit hat ihren Lauf genommen. Am Ende einer Epoche des Pechs, des mangelnden Glücks, des Glücks anderer, der Ungerechtigkeit des Schicksals, der massiven Umverteilung von Geld und Erfolg in der Bundesliga, aber auch der Fehleinschätzungen, Fehlplanungen und der Beschwörung eines Werder-Familiengeistes, die an irrationale Affenliebe grenzte, befanden sich gestern elf Jungs auf dem Platz, denen in ihre blassen Gesichter geschrieben stand: „Hilfe, wir steigen ab!“ Und das stand da nicht erst vor dem Anpfiff dieser letzten, alles entscheidenden Partie gegen Borussia Mönchengladbach, sondern, wenn man genau hingeschaut hat, bereits auf dem Mannschaftsfoto im „Kicker-Sonderheft“ zu Beginn der Saison. Und wenn man noch genauer hingeschaut hat: auch schon zu Beginn der Saison davor. Und der davor. 
 
Diese Gegend ist so flach, dass man heute schon sieht, wer morgen zu Besuch kommt. Und so hat man auch das Abstiegsgespenst nach Bremen kommen sehen, gestern, vorgestern, vor drei Jahren. Es sauste bald sogar den Osterdeich entlang, manchmal am helllichten Tag, es wurde immer frecher. In einem entsetzlich menschenleeren Weserstadion begann es seit dem Winter, zu spuken, zu grölen und zu feixen. Und als es schließlich, gestern um kurz vor halb sechs, sein schmutzig-graues Gewand über den ganzen Verein warf, da war es plötzlich ganz leise im weiten Rund. Klingt es wirklich so, wenn ein großer Verein wie der SV Werder abstürzt? Klingt es denn nicht wie ein Erdrutsch? Wie eine Steinlawine? Der Absturz eines Meteoriten? Wo zum Teufel war der dramatische Schlussakkord?   

Werder Bremen: Manchen Fan hatte die Angst vor dem Abstieg zur Fantasie verleitet, dass es ganz schön wäre mal abzusteigen

Manchen Fan hatte die chronische Angst vor dem Abstieg schon zu der fieberhaften Fantasie verleitet, dass es doch irgendwie ganz schön wäre, tatsächlich mal abzusteigen. Dann könnte man in Ruhe etwas Neues aufbauen, junge Spieler sich entwickeln lassen - und nicht zuletzt: endlich wieder zweimal hintereinander gewinnen. Lieber unten auch mal oben sein, als oben immer nur unten. Mensch, die tollen Nordderbys in der zweiten Liga! Und dann auch noch der KSC, Nürnberg, Düsseldorf! Nennen wir es doch einfach „Bundesliga Classic“! Und die aberwitzigen Millionen für Davie Selke muss Werder dann auch nicht mehr blechen! Ein Geniestreich! Hurra! Es war vielleicht nicht die Lust eines Boxers, das Handtuch zu werfen. Mindestens aber die Unlust, weiterhin auf die Fresse zu kriegen. 

Aber dann war da plötzlich dieses akustische Nichts. Kein Schrei des Entsetzens, kein Jingle vom Möbelhaus Meyerhoff aus Osterholz Schambeck, das einem diesen Abstieg präsentiert, kein „Mann, do!“ vom Coach. Beinah meinte man, Thomas Schaafs Gesicht knirschen hören zu können, wie es sich von einem finsteren zu einem noch finsteren Ausdruck verschob: das steinerne Geräusch eines lebenden Denkmals. Dass gerade er, der als Trainer eine Ära voller glückselig machender Ereignisse prägte, nun so hilflos den Niedergang hat bezeugen müssen, macht das Tragische noch tragischer.  
 
Dabei hatte Ailton, der Schutzpatron des übertriebenen Optimismus, doch noch eine Grußbotschaft auf den Weg geschickt: „Alles gut für SV Werder Bremen!“, hatte er deklamiert, vor einer Schrankwand im heimischen Wohnzimmer stehend. „Samstag, Leute: Gas, Gas! Alles gut! Toitoitoi!“ Und für einen Augenblick war die Hoffnung aufgekeimt, dass noch einmal ein Wunder geschehen würde. Dass Werder Gladbach mit 5:0 nach Hause schicken würde wie einst Dynamo Berlin. Und dass Thomas Schaaf selbst, wie damals, am 11. Oktober 1988, das letzte Tor des Spiels erzielen würde. 

Werder Bremen: Statt einem Wunder blicken wir auf eine Wunde von der Weser

Doch nichts ist gut. Alles ist schlecht. Statt einem Wunder blicken wir auf eine Wunde von der Weser. Sie beginnt nun, nach anfänglicher Taubheit, immer stärker zu schmerzen. Wie schnell sie sich schließen wird und ob überhaupt jemals, ist zutiefst ungewiss. Kann diese Mannschaft, deren Leistungsträger in Anbetracht der finanziellen Last, die der Verein zu stemmen hat, wohl allesamt verkauft werden müssen, sich im Unterhaus ihrer Haut erwehren? „13 Stars vor dem Abgang“, las ich bereits irgendwo – und fragte mich, bei aller Liebe: Welche 13 Stars denn, bitte? Wer kommt stattdessen? Wer wird überhaupt der Trainer dieser neu formierten Truppe sein? Droht, wenn der Wiederaufstieg nicht sofort gelingt, sogar die Insolvenz? Und wo liegt eigentlich Heidenheim? 

Bevor ich nun den alten Autoatlas hervorkrame, zum Schluss noch einmal zurück zu der Frage: Wie geht’s? Wenn Sie es ganz genau wissen möchten: Jetzt gerade fühlt es sich an, als würden ein gewaltiger Liebeskummer und ein noch gewaltigerer Kater in einem Körper zusammentreffen, der schon von einer Grippe geschwächt ist. „Hinter Huchting ist ein Graben, in den sich einer übergibt“, heißt es an anderer Stelle bei Sven Regener. Das könnte ich sein. Dort heißt es aber auch: „Es ist schön, wenn’s nicht mehr wehtut.“ Wann wird das sein? Ich glaube, spätestens nach dem haushohen Sieg gegen den Hamburger SV, wenn wir alle wieder rufen: „Werder, die Weltmacht!“ Wie auch immer. Es geht weiter. Weil es muss. 

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