Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, hat die Hoffnung auf den Klassenerhalt nach wie vor nicht aufgegeben.
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Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, hat die Hoffnung auf den Klassenerhalt nach wie vor nicht aufgegeben.

Relegation noch nicht aufgegeben

Werder-Sportchef Frank Baumann vor dem Bundesliga-Finale: „Optimistisch ist das falsche Wort“

Mainz/Bremen - In der Schlussphase, als für Werder Bremen in Mainz längst alles gelaufen war, ging es nicht mehr anders. Die Spannung zu groß, das Unheil zu nah: Frank Baumann musste einfach sein Handy zücken!

„Ich habe schon zwei-, dreimal draufgeschaut“, berichtet der Sportchef des SV Werder Bremen, der das Gerät schließlich mit einer gehörigen Portion Erleichterung wieder in die Tasche gesteckt hatte: nicht abgestiegen, noch nicht. Augsburgs 1:1 in Düsseldorf sei Dank. Und doch hatte Werder an diesem 20. Juni 2020 irgendwie mehr verloren als nur ein Spiel. Nämlich eine große Portion Hoffnung, dass der zweite Bundesliga-Abstieg nach 1980 doch noch irgendwie abgewendet werden kann.

„Optimistisch ist das falsche Wort, aber wir geben natürlich nicht auf“, sagte Frank Baumann, als er am Sonntag seine Stimmungslage in Bezug auf den letzten Spieltag beschreiben sollte. Ein eigener Sieg gegen Köln, dazu eine Düsseldorfer Niederlage bei Union Berlin, und Werder würde noch auf den Relegationsplatz springen. Theoretisch möglich. Vorstellbar aber nur schwer. Was weniger an möglicherweise nicht mehr top-motivierten Berlinern, sondern mehr an taumelnden Bremern liegt. Ein Heimspiel gewinnen? Wieso sollte Werder das gegen Köln gelingen, wenn es zuvor neun Monate am Stück nicht geklappt hatte? Und dann auch noch nach so einem Auftritt wie in Mainz?

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann kritisiert die Mannschaft - und will auch bei Abstieg bleiben

„Wir machen immer wieder ähnliche Fehler, agieren immer wieder naiv“, sagte Baumann und stellte sicherheitshalber klar: „Das ist absolut als Kritik an der Mannschaft zu verstehen.“ Nur an der Mannschaft, wohlgemerkt. Trainer Florian Kohfeldt klammerte Baumann aus: „Ich denke, es ist nachvollziehbar, wenn ich vor dieser Woche keine Trainerdiskussion mehr aufmachen möchte.“ Ist es. Nach Saisonabschluss - und zwar unabhängig vom Ausgang - wird sie dafür umso heftiger geführt werden. Das ist eine Zwangsläufigkeit. Ex-Werder-Manager Willi Lemke ist etwa überzeugt davon, dass es eine „sehr lebhafte Diskussionen in Bremen“ geben wird. Auf die Frage nach Kohfeldts Zukunft antwortete er bei Sky: „Das wird einer der Punkte sein, die wir zu diskutieren haben.“

Das weiß auch Baumann. „Wir werden uns natürlich zur Analyse zusammensetzen“, kündigte er an. „Dabei wird es um die Spieler gehen, aber auch um Florian und mich.“ Seine eigene Bereitschaft, auch im Worst-Case-Szenario weitermachen zu wollen, hatte Frank Baumann kürzlich mit folgendem Satz angedeutet: „Grundsätzlich gehört es für mich zur Verantwortung dazu, sich in schlechten Zeiten zu stellen und nicht davonzulaufen.“ Dass daraus Schlagzeilen wurden wie „Baumann will auch bei Werder-Abstieg bleiben“, stört den 44-Jährigen nicht, denn „das wurde schon richtig interpretiert“. 

Werder Bremen: Was passiert mit Trainer Florian Kohfeldt im Falle eines Abstiegs?

Und Kohfeldt? Was passiert mit dem Trainer des Jahres 2018, dessen Absturz mindestens genauso bemerkenswert ist wie der Höhenflug zuvor? „Nicht der richtige Zeitpunkt“ sei es, darüber zu reden, ob der Verein mit dem Coach auch in die Zweite Liga gehen würde, erklärte Aufsichtsratschef Marco Bode am Sonntag bei Sky. Denn reden möchten sie bei Werder Bremen vor dem Köln-Spiel am liebsten gar nicht mehr. Das ging schon im Flieger auf der Rückreise aus Mainz los.

„Die Stimmung war so, wie man es sich vorstellen kann“, berichtete Frank Baumann, „es wurde fast nicht gesprochen“. Zu tief die Enttäuschung über den abermalig sportlich schwachen Auftritt während des 1:3. Und zu groß die Ahnung davon, was am kommenden Samstag sehr wahrscheinlich alle Werderaner erwartet: der Absturz. Bevor der aber nicht amtlich ist, will Werder kämpfen, sich noch einmal aufbäumen. „Auch wenn die Saison viel Kraft gekostet hat, ist bei mir noch genug Energie da, um noch einmal die kämpferische Seite zu aktivieren“, sagte Baumann. Für Florian Kohfeldt gelte das auch. „Dass er nach dem Spiel in Mainz seine Enttäuschung gezeigt hat, ist menschlich. Aber er hat noch genug Kraft, um die Mannschaft bestmöglich auf das Spiel gegen Köln vorzubereiten.“ (dco)

Zur letzten Meldung vom 19. Juni 2020:

Frank Baumann mag gar nicht auf diesen aus Sicht von Werder Bremen so schwarzen Mittwochabend zurückblicken. „Die Enttäuschung war extrem, die Nacht schon etwas unruhiger als sonst“, gesteht der Sportchef, fügt aber sogleich an: „Morgens bin ich dann im Kampfmodus aufgewacht. Ich kämpfe dagegen an, wir kämpfen dagegen an.“

Werder Bremen stemmt sich mit voller Wucht gegen den Abstieg – 40 Jahre nach dem ersten. Schon am Samstag könnte es die Bremer erwischen. Eigentlich hatten alle Grün-Weißen nach dem mehr als respektablen 0:1 gegen den FC Bayern gehofft, dass die Konkurrenten um den Klassenerhalt in ihren Duellen mit den Spitzenteams ordentlich Federn lassen. Doch es kam anders. Mainz 05 gewann bei lustlosen Dortmundern mit 2:0, Fortuna Düsseldorf holte durch eine ganz späte Aufholjagd noch ein 2:2 in Leipzig. 

Die Rheinhessen sind nun sechs Punkte weg, die Rheinländer einen Zähler. „Ja, wir haben es nicht mehr selbst in der Hand. Und die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt ist sicher nicht gestiegen“, sagt Frank Baumann: „Aber die Chance ist immer noch da. Die Herangehensweise für das Spiel am Samstag hat sich nicht geändert: Wir müssen gewinnen.“

Werder Bremen und die Hoffnung auf die Last-Minute-Rettung

Mit Kritik am Auftreten speziell der Dortmunder solle sich deshalb nun kein Bremer aufhalten. „Wir müssen auf uns schauen“, betont Baumann. Und dabei sei durchaus Aufbauarbeit gefragt. Denn für die Seele der Spieler wären die Ergebnisse natürlich Gift gewesen, der Sieg von Mainz 05 ein herber Rückschlag für Werder Bremen nach dem 5:1-Erfolg in Paderborn und der starken Leistung gegen die Bayern. „Florian hat schon mit dem einen oder anderen Spieler gesprochen“, berichtet Baumann über erste Maßnahmen von Trainer Florian Kohfeldt

Nach einem fast freien Donnerstag (nur Behandlung und individuelles Training) kommt die Mannschaft erst wieder am Freitag zusammen, dann gilt der ganze Fokus dem Abstiegskracher des SV Werder Bremen gegen Mainz 05. Und Baumann macht das, was ein Sportchef im Abstiegskampf einfach tun muss: Er dreht das Negative ins Positive. „Wir müssen diese brutale Enttäuschung für uns nutzen und müssen mit Wut und Überzeugung in die letzten Spiele gehen.“ Dann greift er verbal zum Rechenschieber: „Wir haben zwei Spiele, um einen Punkt auf Düsseldorf aufzuholen. Das ist möglich. Wir wussten, dass es bis zum letzten Moment spannend bleiben kann.“

Werder Bremen wehrt sich gegen den Abstieg: „Werden bis zur letzten Minute kämpfen“

Frank Baumann hat es als Spieler selbst erlebt. Doch eigentlich mag er über seine Erfahrungen nicht so gerne reden, er will seine Spieler nicht mit der Vergangenheit nerven. Das ist ihm offenbar einst selbst auf den Geist gegangen. Aber jetzt nutzt der 44-Jährige sein Wissen, weil es vielleicht den Gegner nervös machen könnte, wie er schmunzelnd anmerkt: „Ich bin schon mal mit drei Punkten und fünf Toren Vorsprung in den letzten Spieltag gegangen und trotzdem abgestiegen. Im Abstiegskampf ist am Ende wirklich alles möglich.“ Ein Satz, den nach dieser verrückten Saison 1998/99 wirklich niemand mehr bezweifelt. Baumanns 1. FC Nürnberg war tatsächlich noch von Platz zwölf auf Rang 16 abgerutscht, was damals den direkten Abstieg bedeutete. 

Der Defensivspezialist wechselte anschließend zum SV Werder Bremen, mit dem er 2004 das Double holte und für den er seit vier Jahren als Sportchef arbeitet. Nun droht Frank Baumann erneut der Abstieg. Doch damit will er sich nicht abfinden und verspricht: „Wir werden bis zur letzten Minute kämpfen.“ (kni)

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