Nach dem Double 2004 hieß es Abschied nehmen: Ailton wechselte von Werder Bremen zum FC Schalke 04, was ihn bis heute beschäftigt.
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Nach dem Double 2004 hieß es Abschied nehmen: Ailton wechselte von Werder Bremen zum FC Schalke 04, was ihn bis heute beschäftigt.

Werder-Legende Ailton räumt mit Wechsel-Mythen auf

„Es war dramatisch“: Kein Spieler verbindet den SV Werder Bremen und Schalke 04 so emotional miteinander wie Ailton

Bremen – Spätestens in dem Moment, als Ailton seinen rechten Unterarm wie zum Beweis vor sich auf dem Tisch ablegt, besteht kein Zweifel mehr: Die Sache nimmt ihn immer noch mit. Auch nach all den Jahren. Im Café Ambiente, nur einen Steinwurf vom Weserstadion des SV Werder Bremen entfernt, hat sich der Brasilianer einen frischen Minztee bringen lassen, gutes Getränk für einen tristen Novembernachmittag.

Gegen den plötzlichen Schauer, der ihm an einem ruhigen Tisch ganz hinten in der Ecke über den Rücken läuft, hilft es allerdings nicht. „Siehst du, Gänsehaut“, sagt Ailton, zieht den Ärmel seines Wollpullovers runter und die Schultern kurz hoch. Dann kehrt er zurück, in den Herbst 2003 und das Frühjahr 2004, zu zwei einschneidenden Momenten in seiner Karriere, die bis heute dafür sorgen, dass Ailton in den Fokus rückt, wann immer ein Spiel zwischen Werder Bremen und Schalke 04 naht.

Zum Anfang der Abschied. So soll das Gespräch, um das die DeichStube den Kugelblitz a. D. gebeten hat, beginnen. Schließlich gibt es da dieses Bild. Legendär. Und noch immer wirkungsmächtig, obwohl über 17 Jahre alt: Der weinende, der schluchzende, ja völlig aufgelöste Ailton direkt nach dem Gewinn der Meisterschaft auf dem Rasen des Münchner Olympiastadions. Und passend dazu eine Anekdote, die sich in Werder-Fankreisen bis heute hält: Ailton habe so bitterlich geweint, weil er im Moment des großen Triumphes erst so richtig realisiert habe, Bremen nach der Saison verlassen und zum FC Schalke 04 wechseln zu müssen.

Verfolgt das Duell von Werder Bremen gegen Schalke 04 im Live-Ticker der DeichStube!

Werder Bremen: „Quatsch!“ - Ailton weinte bei der Meisterschaft 2004 nicht wegen des Wechsels zu Schalke 04

„Totaler Quatsch“, sagt er heute. Und klärt ein für alle Mal auf: „Ich habe in dem Moment an meinen Bruder gedacht, der kurz vor der Saison gestorben war. Ihm habe ich alle Titel gewidmet.“ Deshalb die legendären Tränen von München, was aber nicht heißt, dass es nicht auch welche wegen des Abschieds von Werder Bremen gab. „Oh, doch, die gab es, vorher schon“, sagt Ailton. Und sie kamen regelmäßig. Begonnen hatte das alles bereits im Oktober 2003.

Im Café Ambiente, natürlich ist das so, hat Ailton, der ehemalige Top-Stürmer, der Torschützenkönig von 2004, inzwischen auch die Aufmerksamkeit der anderen Gäste erregt. Eine ältere Frau mit ziemlich großer Brille schaut immer wieder rüber, derart bemüht-unauffällig, dass es auffälliger nicht sein könnte. Ihr Tischnachbar ist weniger zurückhaltend, zahlt seinen Kaffee, kommt an den Kugelblitz-Tisch, sagt: „Legende“ und geht. Ailton, ganz Profi, lächelt die Situation routiniert weg. Und doch ist zu spüren, dass sie ihm guttut. Vergessen haben ihn die Menschen rund um den Osterdeich nicht. Auch wenn er schon lange nicht mehr ins Abseits läuft, um später noch zwei Tore zu schießen. Heute verdient er sein Geld, von dem er einst sehr viel hatte und viel wieder ausgegeben hat, vorrangig mit Werbung. „Ich bin wirklich zufrieden“, sagt er und baut sich damit die Überleitung zurück in die Vergangenheit selbst. Denn zufrieden war er am 5. Oktober 2003 auch.

Werder Bremen: Rudi Assauer lockte Ailton mit viel Geld zu Schalke 04

Werder Bremen hatte sein Heimspiel gegen Wolfsburg dank zweier Ailton-Tore mit 5:3 gewonnen, als sich der Brasilianer am Abend mit Schalke-Manager Rudi Assauer im Bremer Maritim-Hotel traf. „Eine Stunde lang haben wir gesprochen“, erinnert sich der Ex-Profi, der das Hotel mit einem fetten Angebot in der Tasche wieder verließ. Zwei Gespräche mit Werders Sportchef Klaus Allofs über eine mögliche Vertragsverlängerung waren zuvor erfolglos geblieben. Dann kam Assauer. Dem Vernehmen nach soll er Ailton damals ein Gehalt in Höhe von vier Millionen Euro geboten haben, bei Werder waren es bis dato etwa 1,9 gewesen.

„Ich hatte ein paar Tage Bedenkzeit und habe viel an meine Familie gedacht“, sagt Ailton, der Schalke 04 schließlich den Zuschlag gab. Und in den kommenden Wochen viel weinen sollte. Ailtons Berater hat damals sogar versucht, Assauer einen anderen Brasilianer zu vermitteln, um aus dem Deal doch noch rauszukommen. Ohne Erfolg. „Assauer hat gesagt: Mein Brasilianer heißt Ailton. Punkt. Aus. Feierabend.“ Darauf erstmal einen Schluck Minztee. Und noch so eine Anekdote, mit der Ailton endlich aufräumen möchte.

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Ailton erzählt liebste Werder Bremen/Schalke 04-Erinnerung: Fan-Gesänge vor dramatischem Elfmeter-Fehlschuss

„Es hieß damals, dass ich in Bremen wohnen bleibe, nur zum Training und zu den Spielen nach Gelsenkirchen komme, um dann ganz schnell wieder abzuhauen“, erinnert sich der Angreifer – und sagt ein zweites Mal an diesem Nachmittag: „Totaler Quatsch.“ Viele Fans von Schalke 04 hätten ihm vorgeworfen, kein Königsblauer zu sein. „Deshalb sind wir als Familie nach Gelsenkirchen gezogen, obwohl wir eigentlich nach Düsseldorf wollten.“ Und auch durch seine sportlichen Auftritte machte sich Ailton schnell beliebt. In 44 Pflichtspielen für Schalke schoss er beachtliche 20 Tore. Seinen Abgang in Richtung Besiktas Istanbul nach nur einem Jahr nennt er heute „den größten Fehler meiner Karriere, denn Schalke war wirklich gut zu mir“. Ähnlich wie bei Werder Bremen ist der Kugelblitz auch im Pott bis heute gern gesehen. Wenn die aktuellen Teams am Samstag aufeinandertreffen, wird er im Stadion sein. „Wo denn sonst?“, fragt er und liefert kurz vor Ende des Gesprächs noch schnell seine liebste Werder-Schalke-Erinnerung, die hier natürlich nicht fehlen darf.

„Es war das Pokalhalbfinale 2005, Schalke gegen Werder, Elfmeterschießen. Ich war Schalkes fünfter Schütze. Der Weg zum Punkt war lang wie eine Autobahn. Im Stadion war es sehr still. Nur die Werder-Fans waren zu hören. Sie sangen: A-i-l-t-o-n, oh, oh, obwohl ich doch beim Gegner war. Da konnte ich nicht mehr, das Tor wurde immer kleiner. Ich hatte richtig Panik in dem Moment, habe die Augen zugemacht und einfach draufgehalten. Es war dramatisch.“ Der Schuss des Stürmers klatschte gegen die Latte, Schalke kam am Ende aber trotzdem weiter. Irgendwie ganz gut. So hatte Ailton seinen Bremern wenigstens nicht selbst wehgetan. (dco) Lest auch: So könnt Ihr den Zweitliga-Kracher von Werder Bremen gegen Schalke 04 live im TV und im Live-Stream sehen!

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