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Kollektive Ratlosigkeit? Der SV Werder Bremen offenbarte auch beim Bundesliga-Neustart gegen Bayer 04 Leverkusen die altbekannten Schwächen.

Nach 1:4-Pleite gegen Leverkusen

Taktik-Analyse: Werder plagen trotz langer Pause dieselben eklatanten Schwächen

Über neunzig Minuten läuft Werder Bremen hinter Bayer Leverkusen hinterher. Trotz kompakter Defensivleistung fangen die Bremer vier Tore – und auch offensiv haben sich die Grün-Weißen in der Coronavirus-Pause kaum verbessert. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die 1:4-Niederlage.

Zwei Monate waren vergangen, seit Werder Bremen zuletzt ein Pflichtspiel bestritten hatte. Die Bremer Fans dürften gehofft haben, dass sich seitdem nicht nur die Welt, sondern auch die Leistungen der Werder-Spieler verändert haben. Doch bereits das erste Spiel nach der Corona-Pause beweist: Werder plagen nach wie vor die alten Schwächen. Beim 1:4 gegen Bayer Leverkusen war Werder in allen Belangen unterlegen.

Bayer Leverkusen lässt den Ball und Werder Bremen laufen

Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt schickte seine Mannschaft in einer 4-1-4-1-Formation auf das Feld. Davie Selke gab den einsamen Stürmer. Auf den Flügeln rückten Milot Rashica und Leonardo Bittencourt als nominelle Außenstürmer leicht in die Mitte ein.

Werder begann das Spiel ohne Risiko, setzte dafür aber auf eine hohe Kompaktheit. Bayer Leverkusen, unter Trainer Peter Bosz als Ballbesitz-Team bekannt, durfte die Kugel in den eigenen Reihen laufen lassen. Selke lief praktisch nie die gegnerischen Innenverteidiger an.

Die Grafik zeigt Werders Bemühungen, Leverkusens Doppelsechs aus dem Spiel zu nehmen. Diese waren gefangen in einem engen Fünfeck.

Wichtiger war es Werder, die Zuspielwege zu Leverkusens Sechsern Kerem Demirbay und Charles Aranguiz zu blockieren: Rashica und Bittencourt positionierten sich so, dass die gegnerischen Außenverteidiger nicht den Pass in die Mitte spielen konnten. Selke wiederum versperrte den gegnerischen Innenverteidigern den Passweg nach vorne. Kam der Ball doch einmal zu Leverkusens Doppelsechs, standen ihnen Bremens Doppelacht Maximilian Eggestein und Philipp Bargfrede auf den Füßen.

Werder Bremen läuft nur hinterher

Bayer konnte den Ball in der eigenen Abwehr laufen lassen, sie konnten aber nicht durch das Mittelfeldzentrum Raumgewinn erzielen. Dahinter verfolgte Werders Abwehr die Bewegungen der Leverkusener Angreifer genau, sobald diese sich hinter die Bremer Mittelfeldreihe schlichen. Werder verteidigte in der ersten halben Stunde kompakt; mal wieder, könnte man sagen. Schon vor der Corona-Zwangspause gab Kohfeldt seinem Team häufig einen passiven, aber gut funktionierenden Defensivplan mit.

Leider gab es aus Bremer Sicht noch weitere Parallelen zu den bisherigen Rückrunden-Spielen. Erneut strahlte Werder Bremen offensiv wenig Gefahr aus. Zu Kontern kamen sie praktisch nie. Leverkusen zeigte sich wuchtig im Nachsetzen nach Ballverlusten. Werder versuchte zwar, über Eggestein diese Pressingsituationen zu umspielen. Er wich immer wieder nach links aus. Doch im Bremer Spiel fehlte die Präzision sowie ein Stürmer, der Bälle auch einmal festmacht.

Ebenfalls leistete sich Bremen in der Defensive eklatante Fehler, welche die kompakten Abwehrbemühungen konterkarierten. Vor dem 0:1 sprachen sich Eggestein und Marco Friedl schlecht ab, sodass Moussa Diaby frei zur Flanke kam (28.). Beim 1:2 kam Kai Havertz nach einem Freistoß völlig frei zum Kopfball (33.); es war das 15. Gegentor nach Standardsituationen in dieser Saison. Da half es nichts, dass Theodor Gebre Selassie zwischenzeitlich ausgleichen konnte (30.).

Werder Bremen harmlos: Keine Impulse von der Bank

Überraschend hingegen war, dass größere taktische Umstellungen ausblieben. Nach der Pause zog sich Kevin Vogt etwas weiter zurück, sodass Werder offensiv eher in einem 3-4-3 als in einem 4-3-3 agierte. Noch immer fehlte die Anbindung zwischen Abwehr und Angriff. Einzig Bittencourt versuchte immer mal wieder, sich von seinen Bewachern zu befreien. Er bekam im Zehnerraum aber ebenso wenige Anspiele wie der nach vorne startende Eggestein. Leverkusens bärenstarkes 4-2-2-2-Pressing lenkte Werder immer wieder in Zonen, in denen sie in Unterzahl waren.

Insgesamt fünfmal wechselte Florian Kohfeldt. Kein Wechsel belebte das Team. Am Ende agierte Werder in einem etwas improvisiert wirkenden 4-2-3-1-System, in dem Nick Woltemade hinter Josh Sargent agierte. Angesichts der zahlreichen Wechsel ging die Kompaktheit der ersten Halbzeit völlig verloren. Werder brach ein. Vor dem 1:3 schaltete Leverkusen schnell um (61.), vor dem 1:4 hatte Werder bereits jegliche defensive Ordnung verloren (78.).

Die Hoffnung auf einen Bremer Neustart verflüchtigt sich bereits nach einem Spiel. Werder wiederholt auch nach zwei Monaten Pause all die Fehler, die ihr Spiel bereits vor Wochen plagten: Die gute defensive Kompaktheit wird von Fehlern im Strafraum und bei Standards zunichte gemacht, offensiv findet Bremen kaum statt. Es braucht wohl mehr Trainingseinheiten mit der kompletten Mannschaft, um diese Probleme anzugehen. Nur so lässt sich das Wunder Klassenerhalt erreichen.

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