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Angelos Charisteas, Double-Gewinner mit Werder Bremen, ist zugleich Manager bei Aris Saloniki und politischer Abgeordneter im Regionalparlament.

Doppelbelastung für Werder-Double-Sieger

Vom Volkshelden zum Volksvertreter: Werder-Star Angelos Charisteas und sein Doppelleben

Von Hans-Günter Klemm. Bremen – Frank Baumann sollte vorgewarnt sein. Demnächst könnte er einen Anruf erhalten von einem guten alten Bekannten. Angelos Charisteas, der Grieche mit Kultstatus, den er einst bei Werder Bremen erworben hat, als er an der Seite des heutigen Managers spielte, könnte in der Leitung sein und sein Anliegen vortragen.

„Warum nicht?“ stellt „Harry“, wie er damals bei Werder Bremen gerufen wurde, eine rhetorische Frage, die er sogleich selbst beantwortet. „Warum sollte ich nicht Frank anrufen und ihn fragen, ob er nicht ein paar Spieler für mich hat?“

Zunächst einmal telefoniert Charisteas im Advent mit der DeichStube. Ein Gespräch über seine abgeschlossene Karriere und sein gegenwärtiges Dasein in seiner Heimat. Und über sein neues Leben, den spannenden Lebensabschnitt, der in diesem Jahr begonnen hat. Charisteas und sein Doppelleben: Der Torjäger, nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn vor sechs Jahren noch unentschlossen und ein wenig ziellos bei seiner Lebensplanung unterwegs, hat nun seine Bestimmung gefunden. Eine doppelte Perspektive für den 39-Jährigen, der in zwei Bereichen seine Zukunft sieht. Er macht in Sport, was nicht weiter verwunderlich ist bei der Vorgeschichte. Und er macht in Politik, was durchaus einen Überraschungseffekt beinhaltet.

Werder Bremen: Ex-Stürmer Angelos Charisteas mit überwältigendem Ergebnis ins Parlament gewählt

Im ereignisreichen Jahr 2019 stellte Charisteas die Weichen in beruflicher Hinsicht. Als Manager will er Aris Saloniki, seinen Stammverein, auf Vordermann bringen. Als Abgeordneter ließ er sich ins Regionalparlament von Zentral-Makedonien wählen. Zwei Jobs, zwei Herausforderungen, denen er sich stellt, die sowohl Zeit als auch Energie kosten. „Mein Leben ist nicht ruhig“, sagt der viel beanspruchte Fußballschaffende und Politiker in Personalunion. Doch es lasse sich schon vereinbaren. „Ich habe halt weniger Zeit für meine Familie.“

Angelos Charisteas ließ sich 2019 als Abgeordneter ins Regionalparlament von Zentral-Makedonien wählen.

Sätze, die untermalt werden mit einem herzhaften Lachen, schon seit jeher das Markenzeichen des sympathischen Profis, dieser personifizierten Freundlichkeit. Charisteas ist der Alte geblieben, ganz die Liebenswürdigkeit und die Warmherzigkeit in Reinkultur. Charaktereigenschaften, die zu seiner Popularität und Beliebtheit beigetragen haben. Davon profitierte er, als er sich auf das auch in Südeuropa recht glatte politische Parkett wagte und sich zur Wahl stellte. Seine Frau Varvara war skeptisch und warnte ihn. Angelos ging das Wagnis ein und triumphierte. Das Mitglied der neuerdings wieder regierenden Partei „Nea Dimokratia“ erzielte ein überwältigendes Ergebnis, eines der besten Resultate in der Region bescherte ihm einen glanzvollen Einzug ins Parlament in Saloniki.

Politiker Angelos Charisteas will Sport fördern: „Im Sport lernst du für das Leben“

„Die Menschen glauben an mich, das macht mich stolz“, meinte der überglückliche Wahlgewinner. Der Quereinsteiger will nicht nur eindimensional wirken und keineswegs seine Akzente nur auf den Sport ausrichten, obwohl Sportförderung – so seine Losung – ein Schwerpunkt sein werde. Weil er als ehemaliger Leistungssportler erkannt hat: „Im Sport lernst du für das Leben.“

Dass die Griechen wegen der wirtschaftlichen Lage ein „schweres Jahrzehnt“ überstanden hätten, betont Charisteas, der nun wieder Licht am Horizont sieht. Unter Kyriakos Mitsotakis, dem neuen Premier und Parteifreund, gehe es aufwärts. Der Politik-Neuling will dabei auf regionaler Ebene mithelfen. Ambitionen, mal nach Athen zu gehen, ins Parlament am Syntagma-Plattz in der Hauptstadt? „Man weiß nie“, so Charisteas. „Ich lerne viel und will in der Politik weitermachen. Und ich muss noch viel lernen, weil die Politik schon ganz anders ist als beispielsweise der Fußball.“

Werder Bremen-Legende Angelos Charisteas und Michael Oenning leiten die Geschicke bei Aris Saloniki

Das Stichwort ist gefallen. Der Fußball bleibt trotz des „Fremdgehens“ in die neuen Gefilde die zentrale Achse im Leben des Ex-Profis. Der Pol in all seinem Tun, wie er gesteht: „Ich wollte immer im Fußball bleiben.“ Zunächst locker als Spielerberater tätig, schuf er die Grundlage für erfolgversprechendes Wirken in der Branche. Charisteas bildete sich weiter, machte die B-Lizenz der UEFA, hat sich inzwischen angemeldet, um weitere Trainerscheine zu erwerben. „Ich will alle Diplome haben, das ist wichtig auch als Sportdirektor.“

Diesen Titel trägt er seit drei Monaten: Sportdirektor bei Aris Saloniki, verantwortlich für das große Ganze bei dem Traditionsclub, der immer etwas im Schatten des mächtigen Lokalrivalen PAOK steht. Kleines Budget, viele junge Spieler, keine großen Sprünge gegenüber dem Konkurrenten aus der nordgriechischen Metropole, der mit Olympiakos Piräus das Nonplusultra in der Super League 1 darstellt und den Charisteas nur „die Millionaros“ nennt. Der Anfang glückte, Aris hatte Erfolg, lange ungeschlagen. Ein neues Kapitel eingeleitet mit einem neuen Coach, der aus Deutschland kommt. Sein Name: Michael Oenning, zuletzt Magdeburg, davor in der Bundesliga beim Hamburger SV und beim 1. FC Nürnberg. Charisteas hat ihn geholt, den Trainer, unter dem er ehedem in Nürnberg spielte. „Nun bin ich der Boss von ihm“, strahlt er. So ändern sich die Zeiten.

Am 29. August 2019 übernahm Angelos Charisteas das Amt des Sportlichen Leiters bei Aris Saloniki.

Angelos Charisteas und das Tor, das Griechenland zum Europameister machte

Charisteas selbst lebt in der Gegenwart und plant die Zukunft, obwohl er regelmäßig an die Vergangenheit erinnert wird, die für ihn so glanzvoll und glorreich verlief. Vor allem auf dem Höhepunkt seines fußballerischen Schaffens, an jenem 4. Juli 2004, als er sich einen dauerhaften Platz in der Historie dieser Sportart sicherte. Der 1,91 Meter große Stürmer schrieb mit einer Glanztat wahrlich Geschichte: ein außergewöhnlicher Kopfball, das Goldene Tor im Finale der Europameisterschaft in Lissabon gegen Gastgeber Portugal, das Tor, das Griechenland zum Europameister machte.

Seine Erinnerung an diesen Treffer: „Wenn er vor meinem geistigen Auge abläuft, kommt es mir so vor, als sei ich in diesem Moment komplett allein im Strafraum.“ Angelos Basinas hatte die Ecke hereingebracht, Angelos Charisteas hatte wuchtig mit dem Kopf getroffen. Zweimal Angelos, was „Goal News“ zu der Zeile inspirierte: „Die Melodie der Engel.“ Diesen Tag und diese Tat werde er nie vergessen, sagt Charisteas, der von einer „unglaublichen Geschichte für den griechischen Fußball“ spricht. Griechenland sensationell Europameister nach drei 1:0-Siegen in Folge. Griechenland mit der Goldenen Generation um Karagounis und Katsouranis, um Nikopolidis und Zagorakis, mit dem deutschen Trainer Otto Rehhagel und mit dem Torjäger aus der Bundesliga auf dem Olymp.

Angelos Charisteas: Double-Gewinn mit Werder Bremen als Edeljoker

Es startete die Heldenverehrung. In seinem Geburtsort Strimoniko wurden das Stadion und ein Kindergarten nach Angelos Charisteas benannt. Sogar in der beliebten TV-Serie „Lindenstraße“ wurde der Kult um den Torschützen zelebriert. Im Lokal „Akropolis“, dem Herzstück der damals beliebten Sendung, stand fortan ein Charisteas gewidmeter Schrein im Mittelpunkt, den regelmäßig die Kamera einfing.

So wuchs der Bekanntheitsgrad des Werder-Profis, der zu der Bremer Mannschaft zählte, der ebenfalls 2004 in Deutschland eine Sensation gelang, die dem Überraschungscoup der Griechen in Europa gleichzusetzen ist. Werder holte das Double. Und obwohl er nur sporadisch spielte, weil das treffsichere Traumduo Ailton und Klasnic meist gesetzt war, fühlte sich Charisteas auch in dieser Hinsicht als Triumphator: „2004 war eindeutig mein Jahr.“

Der „gefallene Engel“ Angelos Charisteas hat bei Werder Bremen „zu schnell aufgegeben“

Das neue Jahr 2005 begann indes mit einer Enttäuschung. Die Bremer hatten Miro Klose geholt als Ersatz für den Brasilianer Ailton. Charisteas, Bremens Sportler des Jahres 2004, rechnete sich dennoch mehr Einsatzzeiten aus, verrechnete sich dabei. So entschloss sich der Publikumsliebling zu einem Vereinswechsel, der Europameister ging zu Ajax Amsterdam. „Mein größter Fehler“, gibt er heute zu. „Mit Werder hätte ich in der Champions League spielen können.“ Zu schnell habe er damals aufgegeben, so Charisteas weiter: „Ich hätte mehr Geduld haben müssen.“

So gab es eine selbstverschuldete Vollbremsung in der Karriere, die soeben kräftig Fahrt aufgenommen hatte. Sowohl in den Niederlanden als auch bei seinen späteren Stationen fand Charisteas keine Erfüllung mehr. Vom „gefallenen Engel“ schrieb die Sportpresse in Holland über den Offensivspieler, der mit der Nationalelf noch an der EM 2008 und der WM 2010 teilnahm.

Angelos Charisteas über Otto Rehhagel: „Er ist wie ein Vater für mich“

An früher denkt der 88-malige Nationalspieler gern zurück, zu den Mitstreitern von früher hält er weiterhin Kontakt. Was erstaunt: Besonders enge Beziehungen pflegt er zu den ehemaligen Konkurrenten Ivan Klasnic, Nelson Valdez und Ailton – und natürlich zu Vaterfigur Rehhagel. „Otto ist wie mein Papa“. Im Sommer hat er den Trainer in alter Frische („Er ist noch fit wie eh und je und mental stark“) getroffen beim Legendenspiel Griechenland gegen Portugal, die Neuauflage 15 Jahre nach dem EM-Finale.

Sie haben geplaudert. Über alte Zeiten, aber auch über die Neuzeit, die neue Epoche im bewegten Leben des Angelos Charisteas, einst das Prachtstück in der Fußballfamilie und nun womöglich das neue Glanzstück in der griechischen Gesellschaft. Charisteas bleibt in jeder Hinsicht ein Star bei den Hellenen. Er hat sich vorgenommen, dieses Anliegen umzusetzen: „Ich will den Leuten in Griechenland etwas zurückgeben.“

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