Alte Zeitungsartikel - chronologisch geordnet: Ein Besuch im Archiv des SV Werder Bremen.
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Alte Zeitungsartikel - chronologisch geordnet: Ein Besuch im Archiv des SV Werder Bremen.

Werder und das grün-weiße Gedächtnis

Im Werder-Archiv schlummern besondere Schätze aus der Vereinsgeschichte – ein Ortsbesuch

Bremen – Zunächst ist da dieser Vorraum, irgendwo im Wohninvest Weserstadion. Geräumig ist er und ziemlich unspektakulär. Helles Licht, ein paar Tische, drumherum Stühle, dazu an der linken Wand eine Tür. Sie ist grau, trägt keine Aufschrift, als wäre sie mit Absicht so dezent gehalten, wie es nur geht. Und sie ist alarmgesichert. Womit wir der Sache, dem Ziel dieses Ortsbesuchs, allmählich näherkommen. „Dann mal hereinspaziert“, sagt Marika Diesing, nachdem sie die Tür aufgeschlossen hat. „Willkommen im Gedächtnis des SV Werder Bremen“, hätte sie auch sagen können. Denn genau das ist es, was sich hinter der Tür verbirgt: das offizielle Archiv des Vereins. Ob Spielerverträge seit den 1940er Jahren, alte Trikots, Kreidemaschinen, Zeitungsartikel, Bierdeckel, Ankündigungsplakate – kurz durchatmen, gleich geht’s weiter –, Eintritts- und Autogrammkarten, Pokale, Wimpel oder Schals. All das lagert hier. Konserviert und katalogisiert. Höchste Zeit, einige dieser Werder-Schätze zu heben!

Das ist ein Satz, der sich prima entschlossen anhört. Doch ganz am Anfang, ehrlicherweise, ist da vor allem eines: ein Gefühl der Überforderung. Vergleichbar mit dem, das Studenten im ersten Semester empfinden, wenn sie das erste Mal die Bibliothek ihrer Universität betreten. Hier steht also alles, okay. Aber wo steht hier was? Wo anfangen? Was auf jeden Fall anschauen? Und was nicht unbedingt? „Wir können ja mal gemeinsam durchgehen“, bietet Hans-Joachim Wallenhorst an, der sich gemeinsam mit Diesing um das Archiv kümmert und der im Handumdrehen, sagen wir, das Werder-Echo vor dem Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart im Dezember 1989 (27. Jahrgang, Nr. 479) aus dem Regal ziehen könnte. So jemanden braucht es jetzt. Dringend.

Trikots, Verträge, Dokumente: Das Archiv von Werder Bremen ist eine Schatzkiste

„Wir haben Dokumente aus allen Jahren der Vereinsgeschichte. Alles, was wir bekommen konnten“, sagt der 67-Jährige über seine rechte Schulter hinweg, während er die Regalreihen abschreitet. Einiges haben Fans und Mitglieder im Laufe vieler Jahre gespendet, teilweise konnte das Archiv auch ganze Sammlungen von chronologisch penibel geordneten Zeitungsartikeln in seinen Bestand übernehmen. „Das sind natürlich Glücksfälle“, betont Wallenhorst, der aber auch die andere Seite kennt: eher halbgare Angebote, „bei denen man wirklich aufpassen muss“. Oft komme das zwar nicht vor, an einen Fall erinnert sich der Archivar aber bis heute. Ein Mann gab an, dass er in Besitz des Spielballs aus dem Europapokal-Finale von 1992 sei, das Werder Bremen – wir wissen es alle – in Lissabon mit 2:0 gegen Monaco gewann. „Er wollte von uns eine Expertise, dass der Ball echt ist“, sagt Wallenhorst, der dafür damals aber keine Garantie übernehmen wollte. Hinterher stellte sich raus: Der Ball war nicht echt.

Sie hüten das Archiv des SV Werder Bremen: Marika Diesing und Hans-Joachim Wallenhorst.

Das klobige Gerät auf Rollen, ganz hinten in der Ecke, auf das Marika Diesing während der Führung nun zielstrebig zusteuert, ist es aber sehr wohl. Es ist ihr Lieblingsstück, eine längst ausrangierte Kreidemaschine. „Ich habe gerne Objekte, die eine Geschichte erzählen“, sagt die 43-Jährige und streicht über den Griff des grünen Geräts wie ein Antiquar über den Buchrücken einer seltenen Erstausgabe. „Damit ist hier Champions League gekreidet worden“, sinniert Diesing. Die gute alte Zeit. Kurzer Fach-Talk: Das klassische Rüttelsieb mit Kreide, wie es in diesem Modell verbaut ist, hat lange ausgedient. Inzwischen wird im Profi-Fußball bei der Linierung spezielle Farbe auf den Rasen aufgetragen. Fach-Talk Ende.

Was im Archiv zwischen den Regalen schnell auffällt und eine ganz besondere Anziehungskraft auf den Besucher ausübt, sind die Kleiderstangen, prall behangen mit Trikots. Vielleicht, weil sie sich farblich gegenüber den vielen braunen und weißen Kartons wie exotische Vögel abheben. Vielleicht aber auch, weil man den Spielern durch sie gefühlt am nächsten kommt. Der erste Griff hinein gleich ein Volltreffer: Dong-gook Lee, der zwischen Januar und Juli 2001 zugegebenermaßen eher wenig sportliche Spuren hinterlassen hat, in seiner Heimat Südkorea aber inzwischen ein Fußball-Volksheld ist. Daneben, ein paar Bügel weiter, Jerseys aus den ersten Bundesligajahren. Und auf der anderen Seite: brasilianische Nationaltrikots, die Spieler einst von ihren Länderspielreisen mit an die Weser brachten. Welches Shirt tatsächlich von einem Profi getragen wurde, also mit dem Fach-Prädikat „Matchworn“ veredelt werden darf, und welches nicht? Diesing und Wallenhorst können es nicht für jeden Einzelfall sagen. Dem Archiv geht es ohnehin vielmehr darum, die Saisons kleidungstechnisch möglichst lückenlos abzudecken. Deshalb auch dieser flache Karton im Regal, Aufschrift: „Trainingskleidung von Thomas Schaaf aus der letzten Saison, Quelle: Thomas Schaaf“. Die dürfte also getragen worden sein und erblickt irgendwann vielleicht auch wieder das Licht der Öffentlichkeit.

Im Archiv des SV Werder Bremen gibt es ALLE Werder-Trikots zu bestaunen.

Das Archiv muss nämlich auch als großes Hinterzimmer des offiziellen Vereinsmuseums „Wuseum“ verstanden werden. Von hier aus werden die Ausstellungen bestückt, hierhin wandert zurück, was keinen Platz mehr im Schaukasten hat. „Theoretisch müssten wir das ganze Stadion zum Wuseum umbauen, wenn wir wirklich alles ausstellen wollten“, sagt Wallenhorst, und für einen kurzen Augenblick ist dem Besucher nicht klar, ob das jetzt ein Scherz oder doch ernst gemeint war.

Besondere Zeitreise: Das Archiv von Werder Bremen - ein Ortsbesuch der DeichStube

Definitiv ernst, so viel steht fest, wurde es für das Werder-Archiv im Dezember 2013. Am Tag vor dem Heimspiel gegen Bayern München sorgte das Orkantief Xaver für eine Hochwasser-Warnung rund ums Weserstadion. Mit etlichen Helfern wurden bis in die Nacht hinein die Devotionalien gesichert, hochgestellt oder gleich, in Kartons verpackt, in höher gelegene Stockwerke des Stadions getragen. Am Ende ging alles gut, blieb alles trocken. „Gott sei Dank. Es wäre eine Katastrophe gewesen“, sagt Wallenhorst. Eine besondere Gemeinheit für jeden Archivar: Wenn etwas weg ist, ist es weg und lässt sich in der Regel nicht mehr wiederbeschaffen.

Gegen Ende aber nochmal zurück zu den Schätzen, die dieser Text am Anfang zu heben versprochen hatte. Es hätten Hunderte sein können. Aus Platzgründen seien hier nur drei genannt: 1.) Die weiße Papierserviette, auf der Manager Rudi Assauer in der Saison 1977/78 ein Freundschaftsspiel in Bremervörde vertraglich fixierte. 2.) Die ersten Handys der Werder-Geschäftsführung, damals vermutlich der letzte Schrei, heute ein klobiger Traum in Holzoptik. Und 3.) Das erste Werder-Foto überhaupt aus dem Gründungsjahr 1899, das zwölf junge Männer, einen Ball und eine Wäscheleine zeigt – und auf seine Art auf ein Problem des Archivs hinweist: die Digitalisierung. Dass immer mehr Bilder und Texte nicht mehr haptischer Natur sind, erschwert das Sammeln und Aufbewahren. Weiter geht es damit für die Archivare von Werder Bremen aber trotzdem. „Es gibt kein Ziel“, sagt Wallenhorst und lässt einen schönen Schlusssatz folgen: „Archivieren ist eine permanente Aufgabe.“

Handy in Holz-Optik: Eines der ersten Mobiltelefon für die damaligen Macher des SV Werder Bremen.

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