Arie van Lent, U23-Coach von Borussia Mönchengladbach, findet es gut, dass Werder Bremen an Trainer Florian Kohfeldt festhält.
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Arie van Lent, U23-Coach von Borussia Mönchengladbach, findet es gut, dass Werder Bremen an Trainer Florian Kohfeldt festhält.

Vor Werder-Spiel gegen die Fohlen

Gladbachs U23-Coach Van Lent im Interview: „Gut, dass Werder Kohfeldt vertraut“

Bremen/M‘Gladbach - Von Hans Günter Klemm. Am Niederrhein ist er heimisch geworden. Arie van Lent, gebürtiger Niederländer mit einem Pass aus Deutschland, wo er seine Profikarriere (255 Einsätze, 92 Tore) verbracht hat, betreut bis Ende Juni die Reserve von Borussia Mönchengladbach. Seit 2013 arbeitet der ehemalige Spieler des SV Werder Bremen für die Fohlen.

Der 49-Jährige, von 1990 bis 1998 im Weserstadion aktiv und in der Profielf in 32 Partien mit sechs Toren notiert, erlebt die herausragende Saison von Borussia Mönchengladbach aus nächster Nähe. Für die DeichStube analysiert der frühere Torjäger das Duell des SV Werder Bremen gegen Gladbach.

Sie haben Trainerwechsel einmal so kommentiert: „Wenn man so oft verliert, kann man nicht alles heiligsprechen.“ Wird bei Ihrem Ex-Club Werder aktuell zu viel Heiligsprechung betrieben?

Von außen ist dies schwer zu beurteilen. Was ich höre ist dies: Alle sind zufrieden mit der Art, wie gearbeitet wird. Allerdings vermute ich, dass vieles nicht so umgesetzt wird wie erhofft. Ich denke, dass öffentlich anders kommuniziert wird als im Innenverhältnis. In vielen Stellungnahmen der Verantwortlichen klingt schon durch, das alles in Ordnung sei. Natürlich haben die Bremer mit Florian Kohfeldt einen sympathischen Trainer, sie verweisen auf die Qualität der Mannschaft und loben die Zusammenarbeit. Es hört sich so an, als ob alles passt. Leider geht es aber in der Bundesliga um Ergebnisse.

Werder Bremen: Arie van Lent lobt Florian Kohfeldt, den „sympathischen Trainer“

Gladbach, Ihr augenblicklicher Verein, ist das genaue Gegenteil.

Richtig, die Elf ist gut aus den Startlöchern nach der Corona-Pause gekommen, hat indes auch schon vorher eine fantastische Saison gespielt. Wie schon in der letzten Spielzeit, als nur die Rückrunde etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Die Mannschaft bildet eine Einheit, sie steht gut in der Abwehr und besitzt eine überragende Qualität nach vorn.

Wen meinen Sie speziell in der Borussia-Offensive?

Es gibt einige überragende Spieler, ob Plea und Thuram in der Spitze, ob der zurückgekehrte Jonas Hofmann oder Lars Stindl, ob Embolo, der nun aus dem Mittelfeld kommt. Es ist eine unheimliche Wucht, eine enorme körperliche Präsenz und eine bewundernswerte Schnelligkeit, die das Gladbacher Spiel momentan auszeichnen.

Spielt die Borussia nach dem Trainerwechsel von Dieter Hecking zu Marco Rose wirklich einen anderen Stil?

Vor allem am Anfang der Saison lag der Schwerpunkt darauf, extrem hoch zu verteidigen und den Gegner schnell anzulaufen. Inzwischen ist auch der Rose-Stil auch auf mehr Ballbesitz ausgerichtet. Doch kennzeichnend für die aktuelle Spielweise ist dies: Alles geschieht in einem sagenhaften Tempo.

Also hat Manager Eberl mit dem Austausch auf der Trainerposition richtig gelegen?

Der Wechsel hat für den Verein den erwünschten Effekt erbracht. Überhaupt macht Max Eberl einen guten Job. Seitdem er verantwortlich ist, gibt es bei der Borussia eine positive Tendenz.

Borussia Mönchengladbach ein Titelkandidat? „Mit ihnen ist weiterhin zu rechnen“

Als Trainer der Reserve haben Sie Kontakt zu Marco Rose. Was ist er für ein Typ?

Ich habe lockeren Kontakt, weil bei uns Eugen Polanski der Verbindungsmann zwischen der U23 und der Profi-Elf ist. Was ich über den Kollegen sagen kann: Er ist ein akribischer Arbeiter, er verkörpert den modernen Trainertyp. Und er ist ein netter und sympathischer Mensch.

Kann Gladbach ernsthaft in den Kampf um den Titel einsteigen?

Es ist doch schon so, dass sie im Titelrennen mitmischen, schon von Beginn der Spielzeit an. In der Hinserie haben sie ihre Ambitionen eindrucksvoll unterstrichen, lange als Tabellenführer. Ich denke, die Elf wird bis zum Ende an der Tabellenspitze stehen und kann zumindest für die Champions League planen. Auch nach der Heimniederlage gegen die bärenstarken Leverkusener, die die Ausgangslage ein wenig verschlechtert hat, ist mit der Borussia weiterhin zu rechnen.

Wie sehen Sie den Re-Start der Liga?

Es ist gut, dass die Bundesliga wieder angefangen hat nach den wochenlangen Diskussionen. Ich fand das Niveau der meisten Spiele durchaus beachtlich, auch in der 2. Liga übrigens. Und nach dem Gewöhnungseffekt wird es wahrscheinlich noch besser werden.

Arie van Lent über Werder Bremen: „Leider zählen Sympathiepunkte nicht in der Tabelle“

Es gab überwiegend Punktgewinne der Auswärtsmannschaften. Existiert bei den Geisterspielen noch der berühmte Heimvorteil?

Ich glaube, dass dieser Effekt nicht mehr vorhanden ist, wie die ersten beiden Spieltage bewiesen haben. Als Beispiele lassen sich vor allem Bremen, Union Berlin und Frankfurt anführen, die zuletzt darunter zu leiden hatten. Die Werder-Fans gelten als der berühmt-berüchtigte „Zwölfte Mann“ im Weserstadion, haben oftmals die Spieler angetrieben. Aber in Moment geht es leider nur ohne Zuschauer.

Was passiert in Bremen, wenn es den zweiten Abstieg in der Vereinshistorie geben sollte?

Zunächst einmal hoffe ich, dass es nicht dazu kommt. Der Auswärtssieg in Freiburg hat meine Hoffnung noch gestärkt. Es sind noch acht Spiele, in denen Werder aus eigener Kraft der Verbleib gelingen kann. Wenn der Klassenerhalt nicht gelingen sollte, wäre es traurig, schade für den Verein und für die Stadt. Werder ist im Bewusstsein der meisten Fans in Deutschland ein sympathischer Verein. Doch leider zählen Sympathiepunkte nicht in der Tabelle.

Sie wohnen am Niederrhein in Korschenbroich. Haben Sie einen engen Draht zu einem berühmten Mitbürger?

Sie meinen Berti Vogts?

Richtig.

Vogts wohnt in Kleinenbroich, dem Nachbarort. Hier in der Gegend haben sich viele ehemalige Borussen niedergelassen. Doch zu Berti Vogts habe ich keinen Kontakt.

Einen anderen Prominenten haben Sie bei Ihrer Ausbildung zum Trainer näher kennengelernt. Bei Jürgen Klopp damals in Dortmund durften Sie ein Praktikum absolviert. Was haben Sie von ihm gelernt?

Es war eine tolle Zeit, ich konnte überall dabei sein. Eine Lehrstunde in Sachen Vollgasfußball. Und Jürgen Klopp ist als Typ, so wie er rüberkommt – total authentisch.

Werder Bremen hat Florian Kohfeldt das Vertrauen ausgesprochen - Arie van Lent: „Ich finde es gut“

Hypothetische Frage: Könnte Klopp als Werder-Trainer den Traditionsverein retten?

Diese Frage kann und will ich nicht beantworten. Auch aus Respekt vor dem Kollegen Florian Kohfeldt. Die Bremer Führung hat diesem das Vertrauen ausgesprochen. Ich finde es gut.

Kann ein Trainerwechsel im jetzigen Stadium der Spielzeit überhaupt etwas bewirken?

Eine Gewissheit, dass sich Erfolg einstellt, gibt es nicht, gab es nie. Nochmals: Werder betont, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft intakt ist, sieht keine Veranlassung zu wechseln. Punkt.

Erinnern Sie sich an Ihre skurrile Beurlaubung 2009 in Kleve, Ihrer ersten Trainerstelle?

Die Frage musste kommen. Es heißt, der Vorstand hätte sich in der 80. Spielminute auf der Tribüne beraten und mich entlassen. Eine Legende, davon habe ich nichts mitbekommen. Nach dem Schlusspfiff bin ich ganz normal beurlaubt worden.

Und nun läuft Ihr Vertrag in Gladbach aus. Wie empfinden Sie die Trennung?

Optimal wäre gewesen, ich hätte weitermachen können. Doch es ist völlig in Ordnung, dass der Verein nach siebenjähriger Zusammenarbeit andere Wege gehen und ein neues Gesicht präsentieren möchte. Für mich war es eine tolle Zeit, sieben Jahre ein Job direkt vor der Haustür.

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