Dirk Wintermann gehört zu den Neuen im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen. Im Interview mit der DeichStube spricht er unter anderem über die Zukunft des Sportchefs.
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Dirk Wintermann gehört zu den Neuen im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen. Im Interview mit der DeichStube spricht er unter anderem über die Zukunft des Sportchefs.

Im DeichStube-Interview

„Wir sind keine Ja-Sager“ - Werder-Aufsichtsratsmitglied Dirk Wintermann über Kritik und externe Hilfe im Fall Frank Baumann

Bremen – Dirk Wintermann hat sich gut vorbereitet, schließlich ist es sein erstes großes Interview als Aufsichtsratsmitglied des SV Werder Bremen. Der 54-Jährige will eine klare Botschaft senden: „Wir sind keine Ja-Sager im Aufsichtsrat oder gezielt ausgesuchte Personen, die mit irgendjemandem verbunden sind.“

Im Gespräch mit der DeichStube verrät der Unternehmer aus Großenkneten zudem, dass sich das Kontrollgremium bereits „externe Unterstützung“ geholt hat, für den Fall, dass ein Nachfolger für Sportchef Frank Baumann gefunden werden muss.

Herr Wintermann, Sie sind 2021 erst in den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen gewählt worden und dann für die FDP in den Kreistag des Landkreises Oldenburg. Welche Wahl wollen Sie 2022 gewinnen?

(lacht) Ich habe mir fest vorgenommen, mich erst mal für keine weitere Wahl aufstellen zu lassen. Ich habe jetzt genug Aufgaben.

Wie bekommen Sie das neben Ihrem Unternehmen unter einen Hut?

Das geht nur mit einem super Team, das ich in meiner Firma habe. Die halten mir alle den Rücken frei, sonst würde es nicht funktionieren.

Aber wer kein Werder-Fan ist, darf bei Ihnen jetzt nicht mehr arbeiten, oder?

Wenn wir uns im Handwerk auf solche Sachen einlassen könnten, wäre es schön, dann hätten wir nämlich keinen Fachkräftemangel. Nein, ich bin da völlig offen. Diese Schnackerei über Fußball und die Frotzeleien untereinander bereichern doch unseren Arbeitsalltag.

Sie haben nach Ihrer Wahl gesagt, dass Sie schnell hinter die Kulissen und in die Geschäftsbücher gucken wollen, um sich ein eigenes Bild von Werder zu machen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Da muss man schon unterscheiden zwischen dem sportlichen, wirtschaftlichen und strukturellen Teil. Wir gucken da als Aufsichtsrat ganz genau hin. Aber ich mag noch keine Bewertung abgeben. Das würde ich öffentlich ohnehin nicht machen. Wir behandeln solche Sachen intern sehr offen, kritisch und konstruktiv. Aber nach außen, so haben wir es abgemacht, wollen wir mit einer Stimme sprechen – und das übernimmt unser Vorsitzender Marco Fuchs.

In der noch kurzen Amtszeit des neuen Aufsichtsrats gab es erst den Impfpass-Skandal inklusive des Rücktritts von Trainer Markus Anfang, dann nach zwei Interimslösungen in Ole Werner einen neuen Coach – und nun musste in letzter Sekunde das Trainingslager abgesagt werden. Das wirkte zuweilen etwas chaotisch.

Chaotisch würde ich das nicht nennen. Das waren alles Dinge, die nicht wirklich zu beeinflussen waren. Hinterher kann man sich immer hinstellen und sagen, das hätte man besser wissen können. Mir ist eher aufgefallen, dass die nicht einfachen Aufgaben gut abgearbeitet und vor allem auch gut gelöst wurden. Da gibt es für mich nichts zu kritisieren.

Werder Bremen: Aufsichtsrat hat externe Hilfe für mögliche Suche eines neuen Sportchefs geholt

Wie laufen die Gespräche mit Sportchef Frank Baumann, dessen Vertrag im Sommer ausläuft?

Dazu ist alles gesagt. Wir sprechen – und es ist alles offen.

Würden Sie persönlich mit ihm verlängern?

Das ist ein netter Versuch, aber da lasse ich mich nicht locken.

Wird es im Februar eine Entscheidung geben?

Das halte ich sehr gut für möglich.

Angenommen Frank Baumann würde selbst einen Schlussstrich ziehen. Wäre dieser Aufsichtsrat überhaupt in der Lage, einen Nachfolger zu finden, schließlich fehlt in der aktuellen Besetzung einer aus dem Profifußball?

Wir sind auf die unterschiedlichen Szenarien vorbereitet. Dafür haben wir uns auch externe Unterstützung geholt und dadurch die nötige Expertise. Da muss sich niemand Sorgen machen.

Wer hilft dem Aufsichtsrat dabei?

Das bleibt intern. Ich kann nur sagen: Wir sind gut vorbereitet!

Sie wirken wesentlich präsenter als andere Aufsichtsratsmitglieder, wollten auch mit ins Trainingslager fahren, warum?

Ich wollte das Team und alle drumherum in der täglichen Arbeit erleben. Nur so bekommt man ein Feeling dafür, wie das alles funktioniert. Es ist wichtig für den Aufsichtsrat, sich solche Eindrücke zu verschaffen, um diesen Bereich zu verstehen.

Werder Bremen: Aufsichtsrats-Mitglied Dirk Wintermann hat keine Sorgen vor einer Insolvenz

Weil Sie dann besser kontrollieren können?

Nein, es geht nicht so sehr um eine Kontrolle, sondern vielmehr um eine Einordnung und darum, die Abläufe kennenzulernen. Nur so kann man erfahren, wie die Stimmung tatsächlich ist. Ich hätte meinen Aufsichtsratskollegen gerne so ein Feedback gegeben, das müssen wir wegen Corona nun auf den Sommer verschieben.

Gucken Sie die Spiele anders als früher?

Ja, weil man mehr Input hat.

Was genau meinen Sie damit?

Durch Gespräche mit Frank Baumann und Clemens Fritz bekommt man schon mehr mit als vorher.

Sie wissen also, warum wer nicht spielt?

Natürlich nicht. Ich will mir auch gar nicht anmaßen, da sportlich zu sehr ins Detail zu gehen. Trotzdem ist es sehr interessant, auch mal ein paar Hintergründe zu erfahren.

Wenn Sie sofort etwas bei Werder verändern könnten, was wäre das?

Ich würde sofort die Geisterspiele abschaffen, aber das liegt natürlich nicht in unserer Hand und wir gehen auch weiter den Weg mit, den die Politik in dieser Pandemielage vorgibt. Keine Frage. Aber die Fans fehlen einfach. Das hat man gemerkt, als sie endlich wieder da waren – auch die Ultras. Da war der Fußball fast schon wieder so, wie er mal war – mit viel Stimmung und Emotionen.

Bei dem Thema geht es auch ums Geld. Als das letzte Mal Geisterspiele anstanden, da drohte Werder die Insolvenz. Machen Sie sich Sorgen?

Nein, die mache ich mir nicht. Es hängt aber natürlich davon ab, wie lange dieser Zustand anhält. Das dürfte jedoch allen Vereinen so gehen.

Werder Bremen - Dirk Wintermann im Interview: „Wir sind keine Ja-Sager im Aufsichtsrat“

Werder war allerdings einer der wenigen Clubs, der deutlich gesagt hat, wie schlecht es ihm geht.

Gott sei Dank ist Werder damit etwas offener umgegangen als andere Clubs. Man merkt doch inzwischen, dass viele Vereine ähnliche, wenn nicht sogar noch größere Probleme haben.

Warum „Gott sei Dank“?

Weil ich es gut finde, wenn man offen über solche Sachen redet. Das hat auch etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Ich mag es nicht, wenn man immer so tut, als wäre alles gut. In der Branche weiß doch ohnehin jeder Bescheid.

Sehen Sie Werder gut aufgestellt für die Zukunft?

Wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden in den nächsten Jahren, dann ja.

Welche wären das?

Da sind wir wieder beim Thema: Das besprechen wir im Aufsichtsrat und mit der Geschäftsleitung und nicht in der Öffentlichkeit. Wenn wir da etwas mitzuteilen haben, werden wir das sicher tun.

Also sind Ihnen schon Sachen aufgefallen, über die gesprochen werden muss.

Ich will diese Gelegenheit mal nutzen, um mit einer Mär aufzuräumen: Wir sind keine Ja-Sager im Aufsichtsrat oder gezielt ausgesuchte Personen, die mit irgendjemandem verbunden sind. Alle haben ein hohes Maß an persönlicher wie beruflicher Lebensleistung vorzuweisen. Keiner von uns wäre als Ja-Sager oder ohne Mut zum Widerspruch in seine Position gekommen. Wir bringen alle unterschiedliche Qualitäten in das Gremium ein. Unsere Heterogenität ist als Team unsere Stärke.

Das wurde über den alten Aufsichtsrat auch gesagt, trotzdem entstand der Eindruck, dass immer alles wie gehabt weiterläuft.

Dazu kann ich nichts sagen. Ohnehin bringt uns der Rückblick auch nicht weiter. Wir müssen nach vorne schauen.

Wird es denn sichtbare Veränderungen geben?

Das werden wir im Aufsichtsrat und mit der Geschäftsleitung besprechen und dann kommunizieren.

Werder Bremen: Investor? Aufstieg? Fans? Aufsichtsrats-Mitglied Dirk Wintermann bezieht Stellung

Könnte ein Investor Werder helfen?

Das weiß ich nicht. Ich möchte den Einstieg eines Investors nicht kategorisch ausschließen. Aber man müsste schon ganz genau hinschauen, wer das wäre. Da müsste sehr viel passen.

Gibt es Interessenten?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Bei Werder gibt es eine wichtige Diskussion: Soll der Profi-Fußball weiterhin den anderen Leistungssport wie Frauen-Fußball, Tischtennis, Handball und Schach mitfinanzieren oder muss er sich voll auf sich konzentrieren?

Darüber sprechen wir gerade in der Strukturkommission – und zwar völlig ergebnisoffen. Eines ist aber klar: Die Strukturkommission gibt Impulse und Rahmenbedingungen für alle inklusive der Geschäftsführung vor – und nicht andersherum. Auch die Professionalisierung im e.V. wird in Zukunft ein Thema sein müssen. Letztendlich entscheiden das aber die Mitglieder.

Der große Werder-Fan-Club 27801 hat Ihre Kandidatur für den Aufsichtsrat unterstützt. Wie bringen Sie die Sicht der Fans in das Kontrollgremium ein?

Zuhören, fragen, zuhören – wie ich es auch mit meinen Besuchen bei den einzelnen Abteilungen des Vereins mache. Ich versuche, die verschiedenen Sichtweisen zu verstehen, um dann vielleicht einen entsprechenden Impuls im Aufsichtsrat zu geben. Wir müssen als Aufsichtsrat wieder mehr mit den Menschen um uns herum kommunizieren. Wir haben so viele Köpfe, die diesen Verein bereichern – diese Stimmen müssen gehört werden. Deshalb steht mein Angebot: Wer mich erreichen möchte, der kann mich auch erreichen.

Wann steigt Werder wieder auf?

Gerne sofort. Wir haben einen gut aufgestellten Kader und den richtigen Trainer. Die Rahmenbedingungen sind also gar nicht so schlecht. Aber gerade in diesen Corona-Zeiten ist eine Prognose wirklich schwierig. Trotzdem müssen wir unbedingt daran glauben. (kni) Lest auch: Grundsätzliche Einigung erzielt - Frank Baumann bleibt Sportchef beim SV Werder Bremen!

Dirk Wintermann: Treppen und Innentüren sind sein Metier. Neben der Tischlerei in Großenkneten betreibt Dirk Wintermann mit seinem gleichnamigen Familienunternehmen und den knapp 50 Mitarbeitern auch zwei Studios in Bremen und Aurich. Für seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied des SV Werder Bremen musste der Vater von vier Kindern seinen Posten als Vorsitzender des TSV Großenkneten aufgeben. Für die FDP sitzt der 54-Jährige im Kreistag des Landkreises Oldenburg.

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