Dr. Florian Weiß ist seit September 2021 im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen.
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Dr. Florian Weiß ist seit September 2021 im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen.

Werders-Aufsichtsratsmitglied im DeichStube-Gespräch

Werder-Aufsichtsratsmitglied Florian Weiß verteidigt im DeichStube-Interview neuen Baumann-Vertrag

Bremen – Dr. Florian Weiß ist seit Oktober neu im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen. Der 44-Jährige wollte genau analysieren, warum sein Lieblingsclub nicht mehr erstklassig ist, und dann die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Doch der große Knall blieb aus. Der Aufsichtsrat hat den Vertrag mit Sportchef Frank Baumann bis 2024 verlängert. Dafür gab es nicht nur Zustimmung. Weiß führte gemeinsam mit Marco Fuchs die Verhandlungen. Im Gespräch mit der DeichStube verteidigt er die Entscheidung pro Baumann und erklärt, was der Aufsichtsrat nun erwartet.

Florian Weiß, in einer Online-Umfrage der DeichStube haben knapp 51 Prozent der Teilnehmer die Vertragsverlängerung mit Sportchef Frank Baumann als „richtige Entscheidung“ beurteilt. Wie bewerten Sie das Ergebnis?

Positiv, weil wir die Umstände berücksichtigen müssen. Frank wird von vielen nach wie vor als Verantwortlicher für den Abstieg gesehen, deswegen konnten wir keine 98-prozentige Zustimmungsrate erwarten. Aber immerhin ist es die Mehrheit. Ich hoffe, dass dieser Prozentsatz durch kurz-, mittel- und langfristige Erfolge weiter steigen wird.

Birgt diese knappe Mehrheit nicht auch die Gefahr, dass die Stimmung schnell wieder gegen Baumann kippt, wenn nicht mehr gewonnen wird?

Das ist gerade die größte Herausforderung – vor allem in der Kommunikation. Wir müssen die Fans mitnehmen auf diesem Weg und Verständnis dafür schaffen, dass es eher ein Marathon als ein Sprint ist: Der Aufbau nachhaltig erfolgreicher Strukturen muss im Zweifel wichtiger sein als der kurzfristige Erfolg. Dieses Commitment haben wir auch Frank mitgegeben. Wir müssen deutlich machen, dass unser Weg der richtige ist und langfristig zum Erfolg führen wird.

Werder Bremen-Aufsichtsratsmitglied Dr. Florian Weiß im Interview: Frank Baumann überzeugte mit detaillierten Plänen

Frank Baumann verbreitete auf seiner Pressekonferenz allerdings alles andere als Aufbruchstimmung und sein Drei-Säulen-Konzept beinhaltete nur Altbekanntes – wo sieht der Aufsichtsrat da die große Perspektive für Werder?

Es stimmt, die Überschriften über diese drei strategischen Eckpfeiler werden wahrscheinlich nicht die große Aufbruchstimmung auslösen. Aber es liegt auch daran, dass dies die logischen Säulen für erfolgreichen Fußball sind. Die Magie entsteht erst darunter. Aber es ist gerade im Rahmen einer Pressekonferenz extrem schwierig, die einzelnen Stellschrauben zu beschreiben. Uns hat Frank in vielen Runden mit seinen detaillierten Plänen überzeugt. Einige Dinge funktionieren auch schon sehr gut.

Welche?

Mit elf Eigengewächsen im Kader stehen wir an der Spitze beider Ligen, acht von ihnen wurden in dieser Saison auch schon eingesetzt – und fast alle sind mindestens schon seit der U 15 bei uns. Frank hat da einen sehr systematischen Ansatz, den er uns sehr gut erläutert hat. Klar ist aber natürlich: Dieser Aufbau von Strukturen ist nicht so gut präsentabel wie beispielsweise ein neues iPhone, das Steve Jobs von Apple spektakulär einer begeisterten Öffentlichkeit präsentiert. Da ist Frank Baumann ja auch von der Art her ein etwas anderer Typ.

Stattdessen präsentiert Baumann mit der einheitlichen Spielidee vom Nachwuchs bis zu den Profis einen alten Hut, den er sich schon vor Jahren aufgesetzt hat. Da fragt man sich: Was wurde in dieser Zeit gemacht?

Na ja, wir sind durch eine Zeit gegangen, in der nicht nur die Öffentlichkeit pragmatischen Fußball gefordert hat, um den Abstieg zu verhindern. Da standen wir immens unter Druck. Wir haben jetzt im Aufsichtsrat intensiv diskutiert, ob dieses Bild des attraktiven Werder-Fußballs aus Zeiten von Micoud, Diego oder Özil mit unseren finanziellen Mitteln überhaupt noch darstellbar ist. Das Agreement lautet jetzt: Auch wenn wir kurzfristig unter Druck stehen, wollen wir langfristig etwas entwickeln. Deshalb werden wir künftig auch in schwierigen Zeiten für offensiven Werder-Fußball stehen.

Ist das nicht riskant?

Nicht zwangsläufig, auch hier geht es wieder darum, ein langfristiges Ziel in einen konkreten Plan zu übersetzen, kontinuierlich Fortschritte zu erzielen und diese messbar zu machen. Frank Baumann hat mit seinem Team beispielsweise daran gearbeitet, die Spielphilosophie in Daten zu übersetzen und messbar zu machen.

Werder Bremen-Aufsichtsratsmitglied Dr. Florian Weiß im Interview: Frank Baumann arbeitet sehr detailversessen

Wie funktioniert das?

Frank könnte das sicher besser erklären. Aber ich versuche es mal in aller Kürze: Attraktiver Fußball kann sich zum Beispiel ausdrücken in der Anzahl von Kontakten, bevor der Ball weitergespielt wird. Oder im Anteil von vertikalen Pässen in die Tiefe. Diese Daten kann man wiederum nutzen, um Profile für einzelne Positionen zu schärfen, die Leistung der Spieler zu bewerten und diese entsprechend weiterzuentwickeln.

Klingt sehr detailversessen.

Ist es auch. Deswegen kann man Franks Arbeit auch nicht abstrakt bewerten, sondern man muss diese Details kennen und die langfristigen Erfolge sehen.

Wie kann der aktuelle Aufsichtsrat gerade diese Details beurteilen, wo doch kein Mitglied aus dem Profi-Fußball stammt?

Ich verstehe diesen Vorwurf. Keiner von uns kann diese Details in der Sache beurteilen, aber wir können uns mit unserer persönlichen Expertise ein Bild davon machen, wie professionell dieses Thema angegangen wird. Welche Strukturen gibt es? Wie misst Frank die Leistung seiner Mitarbeiter? Wie stehen wir im Ligavergleich da? Diese Fragen werden wir immer wieder stellen. Die Aufgabe des Aufsichtsrats ist es nicht, Transfers besser beurteilen zu können als Frank. Wir müssen ihn dabei begleiten, eine hoffentlich objektivierbare Strategie zu entwickeln, um gute Transferentscheidungen zu treffen. Frank hat beispielsweise schon vor Jahren das Konzept des Schattenkaders eingeführt. Da gibt es für jede Position eine Liste von Spielern, die über Jahre gecastet werden. So etwas überzeugt mich.

Werder Bremen-Aufsichtsratsmitglied Dr. Florian Weiß: Junge Spieler sollen Einsatzzeiten erhalten

Sie haben in der Pressekonferenz auch von Zielvereinbarungen mit Frank Baumann gesprochen, was bedeutet das konkret?

Es geht nicht um vertragliche Vereinbarungen, die irgendwelche Bonuszahlungen zur Folge haben können. Wir als Aufsichtsrat geben uns aber nicht damit zufrieden, jetzt einen Plan zu verabschieden und dann im Sommer 2024 auf die Ergebnisse zu schauen. Wir müssen den Fortschritt in jedem Bereich messbar machen, um ihn kontinuierlich bewerten zu können. Also in kurzen Zeitabständen.

Worum genau geht es dabei?

Zum Beispiel um die Einsatzzeiten von jungen Spielern. Das wird von der Deutschen Fußball Liga extra honoriert. In der vergangenen Saison waren das 775.000 Euro, in der aktuellen Hinrunde schon 1,3 Millionen Euro. So etwas kann man als Ziel vereinbaren.

Was passiert, wenn die Ziele nicht erreicht werden?

Dann müssen weder Frank noch Mitarbeiter gehen, sondern man setzt sich zusammen und diskutiert, warum die Ziele nicht erreicht wurden und wie man am besten sofort gegensteuern kann.

Sie haben betont, dass im Aufsichtsrat auch über andere Kandidaten für den Posten des Sportchefs diskutiert wurde, aber nur Frank Baumann ein Konzept präsentieren durfte. Warum?

Frank war für uns der erste Ansprechpartner, und wir wollten ihm die Chance geben, uns zu überzeugen. Hätten wir nach den ersten Runden den Eindruck gehabt, dass da nicht viel zu erwarten ist, wären wir sofort auf andere Kandidaten zugegangen. Zum Verständnis: Da geht es doch nicht nur um ein 60-minütiges Gespräch, sondern um einen langen Prozess. Ein Kandidat müsste neben seinem normalen Job viel Arbeit und Zeit in ein Konzept stecken. So etwas fordert man auch erst, wenn man schon mit jemandem auf der Zielgeraden ist.

Im sportlichen Bereich setzt der neue Aufsichtsrat also auf Kontinuität, gilt das auch für den wirtschaftlichen Bereich von Klaus Filbry als Vorsitzenden der Geschäftsführung?

Eines möchte ich dabei klarstellen: Kontinuität bedeutet kein einfaches „Weiter so“, wie gerne mal kritisiert wird. Gerade Frank Baumann ist sehr reflektiert, hat Fehler eingestanden und ist sehr offen für Veränderungen, die er schon eingeleitet hat. Zu Klaus Filbry: Er hat mit seinem Team in extrem schwierigen Zeiten einen hervorragenden Job gemacht und den bestmöglichen Weg gefunden, die Liquidität zu sichern. Frank Baumann hat mit den hohen Transfereinnahmen mitgeholfen. Jetzt ist es unsere gemeinsame Aufgabe, uns ein Stück weit finanziell vom sportlichen Erfolg zu entkoppeln und neue Finanzströme zu generieren. Wir arbeiten gerade an ersten vielversprechenden Ansätzen rund um das Thema Digitalisierung.

Werder Bremen-Aufsichtsratsmitglied Dr. Florian Weiß: Keine intensiven Diskussionen über Einstieg eines Investors

Welche Rolle spielt der Einstieg eines Investors?

Das wird intensiv diskutiert. Aber wir dürfen nicht vergessen: Als Zweitligist und in Zeiten von Corona ist die Bewertung des Clubs sicher nicht so hoch, wie wir uns das wünschen. Deswegen müssen wir zusehen, in eine bessere Ausgangssituation zu kommen. Eines steht über allem: Werder wird sich niemals für einen Investor entscheiden, bei dem wir Gefahr laufen, unsere Identität zu verkaufen.

Es ist gerne von der Werder-Familie die Rede – welche Rolle nehmen Sie da ein?

In der Anfangszeit als Aufsichtsrat war ich vielleicht der fordernde Sohn, der nicht mehr alles glaubt, was ihm seine Eltern erzählen. Doch je tiefer du in die Materie eintauchst, desto größer wird dein Verständnis. So wird dann aus einer allgemeinen Forderung von außen ein konkretes, konstruktives und gemeinsames Arbeiten an Lösungen. Ich habe großes Vertrauen in die handelnden Personen und spüre, dass sie uns als Aufsichtsrat sehr ernst nehmen.

Für die „Bild“-Zeitung sind Sie nach der Pressekonferenz schon der „heimliche Chef des Aufsichtsrats“, weil Sie wesentlich mehr gesprochen haben als Marco Fuchs, dem eigentlichen Boss. Streben Sie dessen Amt an?

Das war und ist nicht in meinem Interesse. Aber wir haben uns darauf geeinigt, dass es wichtig ist, dass auch die Stimmen der neuen Aufsichtsräte gehört werden. Marco wäre möglicherweise der Vorwurf gemacht worden, dass er Frank Baumann schon so lange kennt und nur deshalb der Vertrag verlängert worden ist. Aber es gibt kein „Marco macht das schon“ bei uns. Wir vier neuen Aufsichtsräte haben uns eine eigene Meinung gebildet. In der Vergangenheit hat ausschließlich Marco Bode für den Aufsichtsrat gesprochen, bei uns wird das entsprechend der Aufgabenverteilung sein. Und ich war eben stark in die Vertragsverlängerung involviert.

Sie haben Ihrem im vergangenen Sommer eingeschulten Sohn versprochen, dass er während seiner Schulzeit eine Deutsche Meisterschaft des SV Werder feiern wird. Wie viel Unterstützung würden Sie dabei wohl in einer entsprechenden Umfrage der DeichStube bekommen?

Ich glaube, 25 Prozent würden sagen, das kann klappen. Natürlich wirkt das verrückt. Aber es muss immer Verrückte geben, die an das Unmögliche glauben, ansonsten passiert nichts. (kni)

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