Aufsichtsrat-Mitglied Marco Fuchs spricht im DeichStube-Interview über die Zukunft des SV Werder Bremen, gesteht aber auch Fehler ein, die zum Abstieg geführt haben.
+
Aufsichtsrat-Mitglied Marco Fuchs spricht im DeichStube-Interview über die Zukunft des SV Werder Bremen, gesteht aber auch Fehler ein, die zum Abstieg geführt haben.

Wer kommt in den Werder-Aufsichtsrat?

Werder-Aufsichtsrat Marco Fuchs im DeichStube-Interview: „Es ist ein komisches Gefühl, zu bleiben, obwohl die anderen gehen“ 

Bremen/Zell am Ziller – Vier gehen, er bleibt! Seit sieben Jahren ist Marco Fuchs, Vorstandvorsitzender der OHB System AG Bremen, im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen vertreten. Und wenn sich das Gremium demnächst weitgehend auflöst, weil sich Marco Bode, Andreas Hoetzel, Thomas Krohne und Kurt Zech als Reaktion auf den Abstieg auf der Mitgliederversammlung am 5. September nicht mehr zur Wahl stellen, kann der 59-Jährige den Mitstreitern zwar traurig nachwinken, selbst hält er aber die Stellung.

Marco Fuchs ist – wie der Kollege Axel Plaat – vom SV Werder e.V. in den Aufsichtsrat entsandt, muss und kann sich also gar nicht der Wahl stellen. Er wird seine Kontrollfunktion weiter ausüben, sieht es als seine Pflicht an, „den Laden zusammenzuhalten“. Während seines Besuchs im Werder-Trainingslager im Zillertal nahm sich Fuchs Zeit für ein Interview mit der DeichStube. Darin gesteht er, dass es „ein komisches Gefühl“ sei, „jetzt zu bleiben, obwohl die anderen gehen.“ Fuchs sieht im Projekt Wiederaufstieg eine Aufgabe für ganz Bremen, nicht nur für den SV Werder Bremen, steht aber so manchem Finanzierungsmodell skeptisch gegenüber.

Marco Fuchs, waren es schöne oder doch eher traurige Tage für Sie im Zillertal?

Schöne Tage. Es war schön zu sehen, wie sich die Mannschaft auf die neue Saison vorbereitet und der ganze Verein die Herausforderung 2. Liga angenommen hat. Aber natürlich ist auch eine gewisse Traurigkeit da, weil man realisiert, dass wir nicht mehr erstklassig sind.

Werder Bremen: Aufsichtsrat-Mitglied Marco Fuchs räumt Fehler ein - Trainer Florian Kohfeldt zu spät entlassen

Kommt auch Wehmut auf, weil der Aufenthalt hier die Abschiedsvorstellung des Aufsichtsrats in dieser Zusammensetzung ist?

Natürlich, bei den Betroffenen sicher noch mehr als bei mir. Wir haben hier früher in unseren Workshops auf die neue Saison geblickt, das ist jetzt natürlich anders. Es fanden zwar immer noch wichtige Gespräche statt und der direkte Kontakt zu den handelnden Personen ist wichtig, aber den Workshop gab es diesmal nicht. Die Welt ist durch den Abstieg eben anders geworden.

Vier Ihrer Aufsichtsratskollegen werden sich am 5. September bei der Mitgliederversammlung nicht mehr zur Wahl stellen. Eine richtige Entscheidung?

Es ist mit dem Abstieg etwas außergewöhnlich Negatives passiert. Da gab es den Wunsch, deutlich zu machen, dass auch der Aufsichtsrat Verantwortung dafür übernimmt.

Welche Verantwortung ist das?

Wir haben zu spät den Trainer gewechselt. Ich war auch einer der Aufsichtsräte, die diesen Trainerwechsel nicht machen wollten. Ich habe nach dem Sieg in Bielefeld, als wir am 24. Spieltag 30 Punkte hatten, nicht mehr daran geglaubt, dass wir absteigen könnten. Von dem weiteren Verlauf bin ich böse überrascht worden.

Die anderen Aufsichtsratsmitglieder hören auf, Sie nicht – warum?

Was bislang im Alltag keine Rolle gespielt hat, ist die Unterscheidung der Aufsichtsräte in die vier von den Mitgliedern gewählten und die beiden vom Verein entsandten, zu denen auch ich gehöre. Diese Entsendung hat bereits im vergangenen Herbst stattgefunden. Natürlich gab es jetzt noch einmal Gespräche – vor allem mit dem Präsidium. Dort ist die Entsendung ausdrücklich bekräftigt worden. Es ist aber trotzdem ein komisches Gefühl, jetzt zu bleiben, obwohl die anderen gehen.

Haben Sie an Rücktritt gedacht?

Das ist doch selbstverständlich, wenn vier Kollegen entscheiden, nicht mehr weiterzumachen. Aber wir haben jetzt eine Wahl vor uns, die unter dem Eindruck des Abstiegs wahrscheinlich nicht mehr so ablaufen wird wie früher, als es Blockwahlen gab. Da war die Wahl eher eine Bestätigung der Kandidaten, die vom Wahlausschuss vorgeschlagen worden waren. Bei einer echten Auswahl ist das Spiel nun ein anderes.

Sind Sie und der ebenfalls vom Verein entsandte Axel Plaat dann so etwas wie die Absicherung des Vereins, dass es zumindest auf zwei Positionen Verlässlichkeit gibt?

Es geht schon darum, dass dieses Gremium nicht völlig neu besetzt wird. Der Übergang kann damit etwas stabiler erfolgen.

Mussten Sie überredet werden?

Es gibt schon eine gewisse Pflicht, den Laden zusammenzuhalten, die Dinge zu stabilisieren. So empfinde ich das, und deshalb bin ich auch bereit, weiterzumachen. Wir müssen diesen völlig unnötigen Abstieg reparieren. Werder Bremen gehört nicht in die 2. Liga. Ich kann mich damit nicht abfinden. Als Verein, als Stadt, als Region nicht zur 1. Liga zu gehören, das ist eine Zäsur. Das hat etwas sehr Schmerzendes.

Wie können Marco Bode, Kurt Zech, Andreas Hoetzel und Thomas Krohne adäquat ersetzt werden?

Das ist nicht so einfach und wird auch nicht so schnell gehen. Ich bin mir auch nicht so ganz sicher, wie das gelingen soll.

Es drängt ein Prominenter wie TV-Moderator Jörg Wontorra oder eine Maria Yaiza Stüven Sanchez als Fan in den Aufsichtsrat. Stellen Sie sich so ein Kontrollgremium für einen Zweit- oder Bundesligisten vor?

Das zu beurteilen, ist natürlich nicht meine Aufgabe. Das ist einzig und allein Sache der Mitglieder in der Mitgliederversammlung.

Wie sieht der neue Aufsichtsrat des SV Werder Bremen aus?

Halten Sie es denn grundsätzlich für sinnvoll, die Fan-Seite auch in diesem Gremium zu berücksichtigen?

Natürlich ist die Fan-Seite sehr wichtig. Aber wir können uns keinen Aufsichtsrat zusammenbasteln, sondern der wird gewählt. Und wenn nach der Wahl die Fan-Basis vertreten sein sollte, dann ist das eine gute Sache.

Die Blockwahl hatte auch den Hintergedanken, honorigen Kandidaten die Schmach einer Niederlage zu ersparen. Werden sich solche Persönlichkeiten nun nicht zur Verfügung stellen?

Das kann passieren. Ich wüsste selbst auch nicht, ob ich mich so einer offenen Wahl stellen würde. Was ist denn, wenn ich nicht gewählt würde – wäre ich dann blamiert? Am nächsten Tag stünde es zudem in der Zeitung. Das ist ein unangenehmer Gedanke. Andererseits verstehe ich, die Wahl gerade jetzt öffnen zu wollen, weil die Folgen der Pandemie und des Abstiegs schon sehr gravierend für Werder sind. Da darf man sich auch nicht zu sehr verschließen.

In der Öffentlichkeit, aber auch im Aufsichtsrat wurde nach dem Abstieg intensiv über die Zukunft von Frank Baumann diskutiert. Wie stehen Sie zum Sportchef?

Ich glaube, dass Frank Baumann in den letzten Jahren einen guten Job gemacht hat.

Trotz des Abstiegs?

Ja. Er macht auch jetzt einen guten Job. Man unterschätzt die Schwierigkeit, mit den Mitteln in Bremen das auf die Beine zu stellen, was Frank geschafft hat. Wir sind gegenüber den Clubs, die eine andere Finanzierungsstruktur, andere Eigentümerverhältnisse und ein anderes Geschäftsmodell als wir haben, nun einmal im Nachteil.

Sollte Werder deshalb nicht das Modell ändern?

Das weiß ich nicht. Das Werder-Modell mit einer Profi-Mannschaft, die zu 100 Prozent dem e.V. gehört, hat auch Vorteile – zum Beispiel was die Marke betrifft, aber auch die Werte, die wir vermitteln wollen. So ist es leichter, die Fans hinter sich zu bringen, als wenn man nur eine Firma ist, die zudem nur eine Abteilung eines Großkonzerns darstellt.

Trotzdem hat sich auch Werder schon mit Investoren beschäftigt, woraus letztlich nie etwas geworden ist. Warum gehen Sie und Ihr Aufsichtsratskollege Kurt Zech als erfolgreiche Unternehmer nicht voran und gründen einen Investoren-Pool?

Wir haben bei Werder immer die Grundhaltung gehabt, uns aus den laufenden Einnahmen zu finanzieren und nicht auf den einen Investor zu setzen. Natürlich haben wir uns im Aufsichtsrat intensiv mit der Investorenfrage beschäftigt. Das Entscheidende ist: Anteile können sie nur einmal verkaufen. Wenn sie da an den Falschen geraten, haben sie ein Riesenproblem.

Sie, Herr Zech und vielleicht noch einige weitere Bremer wären aber eher nicht die Falschen.

Das kann sein. Ich glaube aber nicht, dass man in so einem Modell ein signifikantes Volumen erreichen kann. Das ist nicht vergleichbar mit den Investoren bei anderen Clubs, da hängt oftmals eine ganze Profisportindustrie dran wie zum Beispiel in Leipzig. Das sind ganz andere Dimensionen. Außerdem sind Modelle mit Mäzenen auch nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Hannover und Hamburg treffen wir jetzt in der 2. Liga wieder.

Wäre es nicht zumindest denkbar, dass Bremer Investoren den dringend notwendigen Neubau des Leistungszentrums vorantreiben?

Der Abstieg wird zeigen, wie bedeutend Werder für Bremen ist. Damit meine ich die Fans, die Stadt, aber auch die öffentliche Hand. Es wird Diskussionen geben müssen, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen: Was können wir gemeinsam tun, damit Werder für Bremen erfolgreich ist und wieder erstklassig wird? Da wird es auch um das Leistungszentrum gehen. Aber es gibt im Moment viel dringendere Themen. Wir mussten lernen, dass diese doppelte Krise – also Corona und sportlicher Misserfolg – Werder Bremen an den Abgrund geführt hat.

Aufsichtsrat-Mitglied Marco Fuchs im Interview: Werder Bremen steht am Abgrund

Wie fällt man da nicht runter, und wie kommt man da wieder weg?

Ganz einfach: durch sportlichen Erfolg.

Dafür braucht man aber auch finanzielle Mittel.

Na ja, wer ist denn gerade aufgestiegen? Fürth und Bochum. Das sind andere Modelle. Fleißige, beharrliche, mit bescheidenen Mitteln wirtschaftende Zweitligisten. Oder nehmen wir Union Berlin, den SC Freiburg oder Arminia Bielefeld, die es schaffen, mit schmaleren Budgets erstklassig zu sein. Es ist nicht alles eine Frage des Geldes. Man kann nicht einen Sack Geld auf den Tisch legen, und dann ist alles wieder gut. Schalke ist doch nicht abgestiegen, weil dort zu wenig Geld war. Köln und Berlin waren als Großstädte auch im Abstiegskampf, Hannover und Hamburg spielen bereits in der 2. Liga.

Aber darf sich so ein großer und in der Vergangenheit so erfolgreicher Club wie Werder Bremen mit Vereinen . . .

. . . stop, wenn Sie den Satz zu Ende sprechen, sind Sie genau bei dem Problem. Es ist eine kulturelle Frage, mit welchen Vereinen wir uns künftig vergleichen sollten. Die 2. Liga bietet die Möglichkeit, diese Frage zu beantworten. Wir sollten von Union Berlin und Freiburg lernen.

Was ist mit Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt, die als Traditionsclubs vergleichbar mit Werder sind?

Die haben die Sprungfeder des sportlichen Erfolgs genutzt. Aber auf die Dauer ist es schwierig, mit grundsätzlich geringeren finanziellen Möglichkeiten ganz oben dabei zu bleiben. Das ist wie beim Boxen: Du kannst als Halbschwergewichtler ein paar gute Kämpfe im Schwergewicht machen, aber irgendwann bekommst du einen auf die Nase. Okay, es gibt natürlich auch Ausnahmen wie Evander Holyfield (lacht).

Glauben Sie an den direkten Wiederaufstieg?

Ja! Ich habe das vor 40 Jahren selbst als Werder-Fan erlebt. Ich gehe mit der Vorfreude in die Saison, dass wir oben mitspielen werden. (kni)

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare