Aufsichtsrat-Wahl beim SV Werder Bremen: Kandidat Oliver R. Harms muss sich vor dem Wahlausschuss erklären.
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Aufsichtsrat-Wahl beim SV Werder Bremen: Kandidat Oliver R. Harms muss sich vor dem Wahlausschuss erklären.

Vor Aufsichtsrat-Wahl beim SV Werder

Rechte Gesinnung? Werder Bremen muss Kandidat Oliver R. Harms überprüfen

Bremen – Was für eine Panne! Obwohl beim SV Werder Bremen schon seit Juni Gerüchte bekannt waren, dass Oliver R. Harms möglicherweise rechte Positionen vertritt sowie eine Nähe zur AfD hat und damit so gar nicht zu den Wertevorstellungen des Traditionsvereins passt, wurde er ungefragt zu diesem Thema vom Wahlausschuss auf die Kandidatenliste gesetzt. Die linksorientierte Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ berichtete nun in einem Kommunique über einen offenbar heiklen E-Mail-Verkehr zwischen Harms und einem Kriminologen. Der Dachverband der Bremer Fanclubs nahm dies umgehend zum Anlass für eine deutliche Stellungnahme via Twitter: „Wir als DV distanzieren uns von der der Kandidatur von Oliver R. Harms. Er widerspricht den Werten unseres Vereins und sollte somit als Kandidat für den Aufsichtsrat nicht in Frage kommen.“

Oliver R. Harms wehrte sich zunächst im Gespräch mit der DeichStube gegen die Vorwürfe, gab dann seine Aussagen aber nicht frei, weil sich inzwischen der Wahlausschuss bei ihm gemeldet hatte. Das siebenköpfige Gremium, bestehend aus Mitgliedern des Ehrenrats und des Präsidiums, wurde von dem Wirbel um Harms kalt erwischt. „Das überrascht mich alles. Wir klopfen die politische Gesinnung der Kandidaten nicht ab. Der Wahlausschuss wird mit Herrn Harms noch einmal das Gespräch suchen. Er muss sich erklären dürfen, bevor wir eine Entscheidung treffen", sagte Peter Eilers als Vorsitzender des Gremiums im Gespräch mit der DeichStube. Ob Harms seinen Platz auf der Kandidatenliste verlieren könnte, ließ Eilers offen.

Update (3. September 2021): Werder Bremen reagiert auf Vorwürfe - Ulrike Hiller ersetzt Oliver R. Harms

Aufsichtsrat-Wahl beim SV Werder Bremen - „Infamous Youth“: Kandidat Oliver R. Harms untauglich

Und darum geht‘s: Harms hat einen Kriminologen, der sich auch mit dem Thema Fußball beschäftigt, angeschrieben und um einen Austausch zum Thema Antifa und Fußball gebeten. „In dieser E-Mail bezieht Harms sich positiv auf zwei Autoren, die sich beide großer Beliebtheit in rechten Kreisen erfreuen. Einer dieser Autoren ist Karsten D. Hoffmann. Hoffmanns Buch, welches von Kandidat Harms als „bemerkenswert“ beschrieben wird, wird u.a. über den Kopp-Verlag vertrieben, welcher pseudowissenschaftliche, verschwörungsideologische, rechtspopulistische Inhalte und Titel der extremen Rechten vertreibt. Karsten D. Hoffmann ist darüber hinaus in der Vergangenheit AfD-Politiker in Rotenburg gewesen und fabuliert regelmäßig über eine Gesellschaft, die sich aus seiner Sicht bedrohlich nach links verschieben würde“, heißt es in dem Schreiben von „Infamous Youth“. In dem E-Mail-Verkehr gebe es darüber hinaus weitere Anhaltspunkte, „dass Herr Harms‘ Verständnis von Antifaschismus nicht nur äußerst zweifelhaft ist, sondern er vielmehr versucht, Antifaschismus zu diskreditieren“. Die Ultra-Gruppierung betont dabei: „Ohne das antifaschistische Engagement der Werder-Fans würden sich Personen aus dem neonazistischen Spektrum noch heute im Stadion wohlfühlen. Dass sich auch der SV Werder grundsätzlich antifaschistisch und mit seinen Werten gegen menschenfeindliche Ideologien positioniert, scheint Herrn Harms entgangen zu sein.“

Werder Bremen ist schon lange für Aktionen wie „Klare Kante gegen Rechts“ bekannt, auch für deutliche Aussagen von Präsident Hubertus Hess-Grunewald – wie diese aus dem Jahr 2018: „Jeder AfD-Wähler sollte schon wissen, dass es ein Widerspruch ist, Werder gut zu finden und die AfD zu wählen.“ Gegenüber der DeichStube hat Hess-Grunewald nun bestätigt, dass besagter E-Mail-Verkehr im Juni auch bei ihm gelandet sei. Er habe ihn an ein Mitglied des Wahlausschusses weitergeleitet und das auch telefonisch mitgeteilt. „Ich muss davon ausgehen, dass der Wahlausschuss alle Kandidaten geprüft und dabei auch diese Hinweise aufgenommen hat. Dieses Vertrauen habe ich, es ist auch die satzungsmäßige Aufgabe des Wahlausschusses“, sagte der Vereinspräsident, der gleichzeitig auch als Geschäftsführer der ausgegliederten Profi-Abteilungen tätig ist. Für diese Kapitalgesellschaft wird am Sonntag ein neuer Aufsichtsrat gewählt.

Ob Oliver R. Harms dann dabei sein wird, mochte Hess-Grunewald nicht vorhersagen. Das sei allein Sache des Wahlausschusses, diese Kompetenz habe er als Präsident nach den Statuten nicht. Es geht darum, dass der Wahlausschuss komplett unabhängig entscheiden darf. Das Gremium hat sich deshalb in den vergangenen Monaten ziemlich abgeschottet und keinen Einblick in die Kandidatensuche gegeben. Als die sieben Kandidaten dann bekannt gegeben wurden, hagelte es viel Kritik, weil weder eine Frau auf der Liste steht noch eine Person mit Bundesliga-Fußball-Kompetenz, wie es eigentlich Tradition im Aufsichtsrat ist. Durch das freiwillige Ausscheiden von Ex-Profi Marco Bode wird dieser Bereich künftig nicht mehr besetzt sein.

Aufsichtsrat-Wahl beim SV Werder Bremen: Kandidat Oliver R. Harms mit rechter Gesinnung?

Doch die Geschichte um Harms hat nun eine ganz andere Dimension. Es geht darum, ob der Wahlausschuss seiner Aufgabe nicht gerecht geworden ist, alle Kandidaten ausreichend unter die Lupe zu nehmen. Mehrere Stunden mussten die Bewerber Rede und Antwort stehen. Auch Harms. Den kennt Peter Eilers persönlich – aus gemeinsamen Zeiten im Tennisclub Schwarz-Weiß Bremen. Das liege aber schon Jahrzehnte zurück, betont der 78-Jährige, von einem persönlichen Verhältnis könne deshalb keine Rede sein.

Nicht nur der Dachverband der Fan-Clubs erwartet nun eine Reaktion – auch Hubertus Hess-Grunewald, wenngleich er sich noch etwas diplomatischer ausdrückte: „Jeder weiß, wie Werder aufgestellt ist. Dass wir sehr werteorientiert agieren. Wir stehen für Werte ein, die sich nicht mit rechtsextremer Gesinnung in Einklang bringen lassen. Wir gehen davon aus, dass sich die Kandidaten mit den Werten des SV Werder Bremen identifizieren. Wenn Zweifel aufkommen, müssen sie ausgeräumt werden.“ Oder betroffene Kandidaten schnell noch gestrichen werden. All‘ das hätte man sich und dem Kandidaten allerdings ersparen können, wenn die im Juni aufgetauchten Vorwürfe ernster genommen worden wären. (kni)

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