Ex-Schiedsrichter Babak Rafati sieht im mentalen Bereich großes Entwicklungsbereich in der Fußball-Bundesliga. Werder Bremen ist ein Vorreiter unter den Clubs.
+
Ex-Schiedsrichter Babak Rafati sieht im mentalen Bereich großes Entwicklungsbereich in der Fußball-Bundesliga. Werder Bremen ist ein Vorreiter unter den Clubs.

Mehr Erfolg durch Mentaltraining?

Rafati lobt den Werder-Weg

Bremen – Von Hans-Günter Klemm. Der SV Werder Bremen kämpft wieder, stemmt sich gegen den Abstieg. Möglicherweise hat das auch damit zu tun, dass der Bundesligisten seit einigen Wochen auf die Dienste von Mentaltrainer Jörg Löhr setzt und den Sportpsychologen Mathias Kleine-Möllhoff von der U23 befördert hat. Lob gibt es für diesen Werder-Weg in jedem Fall von Babak Rafati, dem ehemaligen Schiedsrichter, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt.

Einst war er eine nicht unwesentliche Person im Berufsfußball, nun wirkt er in der Branche in einer anderen Funktion. Babak Rafati, der von 2005 bis 2012 84 Bundesligaspiele geleitet hat und auch international als Fifa-Referee eingesetzt wurde, arbeitet als Mentalcoach und hält Referate zum Thema Präventionsstrategien bei Burnout und Depressionen, Mobbing und Leistungsdruck.

Der 49-Jährige, der im November 2011 Schlagzeilen machte, als er vor der Erstliga-Partie 1. FC Köln gegen Mainz 05 einen Selbstmordversuch verübt hatte, bezeichnet den Weg von Werder Bremen als „eine kluge Entscheidung“. Der Experte kann auch nachvollziehen, dass sich die Bremer von dem langjährigen Experten Andreas Marlovits getrennt haben. Seine Begründung: „Wie ich gelesen habe, dauerte die Zusammenarbeit vier Jahre an. Die Tatsache, dass Werder überhaupt mit einem Psychologen zusammengearbeitet hat, finde ich an sich sehr professionell. Es wird sicherlich Gründe geben, warum man sich schließlich getrennt hat und neue Wege geht.“

Werder Bremen: Babak Rafati erklärt Unterschied zwischen Sportpsychologe und Mentaltrainer

Es stört den ehemaligen Filialleiter einer Bank nicht, dass nun gleich zwei Spezialisten für den mentalen Bereich am Osterdeich tätig werden. Die Arbeitsweise der Experten unterscheide sich grundlegend, sagt Rafati: „Ein Sportpsychologe ist ein Fachmann, der seine Kenntnisse aus seinem Studium erlangt hat und die theoretischen Zusammenhänge daraus ableitet. Mentaltrainer sind als Ergänzung gedacht.“

Er erläutert dies anhand seiner Lebensgeschichte: „Ich habe Stress und Leistungsdruck damals selbst erlebt und überlebt. Wichtig ist es, den Spielern auf Augenhöhe zu begegnen. Ich erzähle meine Geschichte und rede offen über meine damaligen Ängste. Dadurch ergeben sich viele Gemeinsamkeiten. Somit kann er sich ohne Scheu öffnen und alles rauslassen.“ Daher empfehle er den Spielern wie auch Managern und Führungskräften in der Wirtschaft, sich immer von beiden Experten begleiten zu lassen, „weil es zwei komplett verschiedene Blickwinkel sind“.

Werder Bremen zukünftig erfolgreicher? Bedeutung von mentalem Bereich steigt

In einer Zeitungskolumne hat Rafati jüngst betont, dass sich die psychologische Hilfe in dieser hochsensiblen Saisonphase auszahlen werde. Der Personalcoach, der einige Erstligaspieler betreut, erinnert in diesem Zusammenhang an ein Zitat von Joachim Löw. „Es geht nicht mehr um schneller, weiter oder höher. Es geht um die Stärkung des mentalen Bereiches. Daran müssen wir zukünftig im deutschen Fußball arbeiten.“ Babak Rafati stimmt dem Bundestrainer absolut zu: „Sportlich hat jeder Bundesligaspieler sein Potenzial fast ausgeschöpft und ist athletisch am Limit. Wir müssen somit eine andere Konfiguration vornehmen. Einige Spieler haben das erkannt und arbeiten individuell an ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das ist klug und zukunftsorientiert. Die Vereine, die damit schneller anfangen, werden sportlich erfolgreicher sein. Hier liegt das größte Entwicklungspotenzial.“

Im Sport und speziell auch in der Bundesliga sieht Rafati noch Nachholbedarf. Vorbehalte, die er sogar einzuordnen weiß: „Ich kann die generelle Ablehnung bei vielen Vereinen verstehen. So habe ich früher auch gedacht. Mit der heutigen Erfahrung sehe ich das ganz anders.“ Hingegen sei in der Wirtschaft das Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ schon längst angekommen, sagt der Referent, der in seinen Vorträgen bei diversen Unternehmen über Leistungsdruck und Stress spricht und gezielte Strategien an deren Mitarbeiter vermittelt. Werder Bremen sei in dieser Hinsicht, so Rafati weiter, schon sehr weit und im Vergleich zu anderen Clubs führend.

Werder Bremen: Persönlichkeitsentwicklung als Wettbewerbsvorteil?

Und der Effekt? Kann das Eingreifen der psychologischen Experten sich auszahlen und tatsächlich Pluspunkte bringen? Gerade im Abstiegskampf? Rafati ist zuversichtlich bis sicher, dass es Rendite bringen wird. „Hochqualifizierte Mitarbeiter und hochmoderne Technik – überall gibt es fast gleiche Voraussetzungen. Zukünftig wird der Wettbewerbsvorteil am Markt die Persönlichkeitsentwicklung sein, genau da kann man punkten – in der freien Wirtschaft wie auch in der Bundesliga-Tabelle“. Immerhin hat Werder Bremen seit dem Re-Start der Bundesliga nach der Corona-Zwangspause sieben Punkte aus vier Spielen geholt, die Mannschaft wirkt – abgesehen von dem schwachen Auftakt gegen Leverkusen – mental stabiler.

Mit dem Liga-Standort Bremen verbindet Babak Rafati viel. „Ich habe nur gute Erinnerungen an Bremen“, sagt er und denkt dabei vor allem an eine Geschichte. Drei Jahre „nach meinem tragischen Fall“, dem Selbstmordversuch, stand er im ausverkauften Weserstadion das erste Mal wieder als Schiedsrichter auf dem Platz – beim Abschiedsspiel für Ailton. „Ein gelungenes Comeback mit Gänsehautfeeling“, schwärmt Rafati. Der Niedersachse, der als Kind persischer Eltern sowohl in der Landeshauptstadt als auch im Iran aufgewachsen ist, wünscht Werder den Klassenerhalt: „Weil Bremen eine fußballverrückte Stadt ist und Werder in die Bundesliga gehört.“

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare