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Werder Bremen hat sein Geisterspiel gegen Bayer Leverkusen deutlich verloren.

Ein Besuch im Weserstadion

Aus der Stille des Raumes: Wie der Fußball ohne Fans auf den Rängen an Bedeutung verliert

Bremen – Der Satz ist besonders, das ist sofort klar. Acht Wörter, die wohl für längere Zeit im Gedächtnis bleiben werden. Weil sie einen ungewöhnlichen Abend schon ungewöhnlich einleiten. „Jetzt brauche ich noch einmal kurz Ihre Stirn“, sagt der nette Herr am Einlass für die Medienvertreter, knallgelbe Warnweste, leicht beschlagene Brille über dem Mundschutz.

Dann piept es. 36,4 Grad Körpertemperatur, kein Fieber: Zutritt gewährt. Wohl nie zuvor sind nackte Zahlen schon vor einem Fußballspiel so wichtig gewesen. Aber während einer Pandemie wurde im Weserstadion auch noch nie zuvor gespielt. Willkommen zum Geisterfußball. Werder Bremen gegen Bayer 04 Leverkusen, 26. Spieltag, Abstiegssorgen gegen Europapokalträume.

Was wie business as usual klingt, ist an diesem Montagabend alles – aber genau das nicht. Keine Fans auf den Rängen, insgesamt nur etwas über 200 Menschen in dieser riesigen Schüssel, in der sonst 42.000 schreien. Und dieser Sport, der einerseits so vertraut, andererseits aber vollkommen fremd wirkt. Der an diesem Abend irgendwie aus der Stille des Raumes kommt. Ein Stadionbesuch.

Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen: „I see bad times today“

Das Geräusch, quasi der Soundtrack der ganzen Veranstaltung, müsste man es aufschreiben – was an dieser Stelle ja durchaus hilfreich ist –, es würde sich wohl: Ptock! lesen. Fußballschuh gegen Ball. Ptock! Immer und immer wieder, mal lauter, mal leiser: Ptock! So klangen bis dato Bolzplätze und Soccerhallen, so klangen Bezirkssportanlagen und Schulhöfe – und so klingt jetzt also auch die Bundesliga. Eine, die trotz Corona unbedingt wieder spielen wollte, zur Not eben ohne Fans. 

Schön ist das nicht, um die Erkenntnis dieses Abends direkt vorwegzunehmen, nein, schön ist das nicht. Passend dazu hatte der Stadion-DJ, ob nun gewollt oder zufällig, bereits eine knappe Stunde vor dem Anpfiff eine musikalische Warnung über die Lautsprecher geschickt: „Bad Moon Rising“ von CCR, ein Klassiker, in dem schon früh die Zeile auftaucht: „I see bad times today.“ 

Werder Bremen: Profifußball ohne Zuschauer ein merkwürdiges Schauspiel

Kurz darauf die Startaufstellungen beider Teams, nüchtern verlesen – und der erste so richtig greifbare Eindruck davon, dass Profifußball ohne Fans ein merkwürdiges Schauspiel ist. Merke: Werden die Nachnamen der Spieler nämlich nicht aus tausenden Kehlen gegrölt, sind sie plötzlich einfach nur Namen. Ohne Überhöhung. Bargfrede. Havertz. Bittencourt. Bender. Na dann mal los.

Auch als der Ball rollte – Ptock! –, schnell ein ähnliches Gefühl: Ohne voll besetzte Tribünen wirkt dieser Sport kleiner als sonst. Das Spiel ist unmittelbarer, näher, das schon, aber ihm geht im leeren Stadion ein gehöriges Stück Bedeutung verloren. Ohne die Entsprechung auf den Rängen, den unmittelbaren Widerhall der Massen, schrumpfen alle Aktionen – Pässe, Grätschen, ja selbst Tore – auf das zusammen, was sie eigentlich sind: Pässe. Grätschen. Tore. Mehr nicht.

Werder Bremen: Im Weserstadion ging es zu wie in der Kreisliga

Diese Stille des Raumes, sie raubt dem Spiel seine Emotionen. Natürlich ging es auf dem Platz zur Sache, Berührungsängste oder Angst vor Ansteckung waren nicht auszumachen, nur bewegte das an diesem Abend im Weserstadion außer den direkt Beteiligten niemanden. Im Grunde so, wie es auch in der Kreisliga ist. Akustisch gab es da ebenfalls Gemeinsamkeiten. „Hey, hey, hey!“, „Pack zu!“ und „Schiriii!“ – noch so eine Erkenntnis dieses Abends – ist Fußball-Universalsprache, derer sich auch Bundesligaprofis bedienen. Dazu ein gellendes „Jaaaaaaa!“, wann immer ein Tor gefallen ist. Es war am Montagabend im Weserstadion insgesamt fünf Mal zu hören, vier Mal von Leverkusen, nur einmal von Werder, wodurch die ohnehin schon großen Bremer Abstiegssorgen wieder ein gutes Stück größer wurden.

Als Theodor Gebre Selassie in der 30. Minute zum zwischenzeitlichen 1:1 getroffen hatte, durchschnitt das altbewährte Nebelhorn die Stille des Raumes – am Osterdeich seit vielen Jahren schon der Sound, wann immer es Grund zur Freude gibt. An diesem merkwürdigen Abend jedoch klang es eher wie ein Notruf, der nicht erhört wurde. (dco)

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