Kämpfen, kratzen, beißen: Leonardo Bittencourt (rechts) und den SV Werder Bremen müssen in der neuen Bundesliga-Saison wieder mehr Wert auf die Defensive und ihre Gegner legen.
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Kämpfen, kratzen, beißen: Leonardo Bittencourt (rechts) und den SV Werder Bremen müssen in der neuen Bundesliga-Saison wieder mehr Wert auf die Defensive und ihre Gegner legen.

Bundesliga-Aufsteiger spezieller Art

Demütig und anpassungsfähig: Werders besonderer Weg zurück in die Bundesliga

Bremen – Leonardo Bittencourt sieht reichlich geschafft aus. Mit müdem Blick schaut er in die Kamera seines Smartphones und drückt auf den Auslöser. Das Foto landet wenig später in den sozialen Medien – gepaart mit zwei kurzen Worten: „Warum Stoxi?“ Jener „Stoxi“ heißt eigentlich Günther Stoxreiter und ist Athletik-Coach beim SV Werder Bremen. Und natürlich hat der 41-Jährige die Profis auch dieses Mal für den Urlaub mit individuellen Trainingsplänen versorgt. Erholung darf, nein, soll in der Sommerpause sogar sein, aber eben auch der Erhalt einer gewissen körperlichen Basis für das, was da demnächst noch kommt. Erst die Vorbereitung und dann eine Saison, in der Werder ein Aufsteiger der besonderen Art ist.

Nun ist Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt logischerweise nicht der einzige Akteur, der während seiner Auszeit vom Liga-Alltag etwas geschuftet hat. Auch Niclas Füllkrug, Nicolai Rapp, Abwehr-Neuzugang Amos Pieper oder Keeper Jiri Pavlenka haben bildlich dokumentiert, dass sie fleißig waren oder es noch sind. Da wurden Gewichte gestemmt oder Meter gemacht. Manchmal war auch der Ball im Spiel. Am Sonntag folgt dann am Osterdeich der Aufgalopp zur neuen Saison mit den individuellen Leistungstests, Mittwochnachmittag wird die Mannschaft erstmals wieder gemeinsam trainieren. Schon kurz darauf steht in Verden das erste Testspiel gegen Drittliga-Aufsteiger VfB Oldenburg an (25. Juni, 16 Uhr). Ziemlich genau sechs Wochen später geht es für Werder Bremen dann erstmals wieder um Punkte. In der Bundesliga. Dort, wo Werder jetzt gern wieder langfristig bleiben will, sich aber trotzdem erst einmal ganz kleine Ziele steckt.

Demütig und anpassungsfähig: Werder Bremens besonderer Weg zurück in die Bundesliga

„Wir sind der Aufsteiger. Da ist es völlig normal, dass du in der Außenseiterrolle bist“, betont Clemens Fritz, Leiter Profifußball bei Werder Bremen, im Gespräch mit der DeichStube. „Für uns ist es wichtig, dass wir uns stabilisieren. Unser Ziel ist es, den Klassenerhalt zu schaffen.“ Die DFL hat den Bremern dabei einen Spielplan spendiert, der das Team vom ersten Moment an fordert. Wolfsburg und Stuttgart heißen die Gegner zum Einstand, direkt danach folgen Dortmund und Frankfurt. Klingt dann doch wieder – bei allem Respekt – etwas appetitlicher als Aue, Ingolstadt oder Sandhausen.

Nun geht es dem SV Werder Bremen ähnlich wie dem Mitaufsteiger FC Schalke 04. Vom Selbstverständnis und den Erinnerungen an die Vergangenheit her gehört man zum festen Inventar der Bundesliga, denkt nur zu gern an Zeiten zurück, in denen die oberen Tabellenregionen die sportliche Dauer-Heimat waren. Doch der Sturz in die Zweitklassigkeit und die jüngsten Entwicklungen im deutschen Fußball-Oberhaus haben die Clubs aus Bremen und Gelsenkirchen demütig werden lassen. Finanziell besser ausgestattete Konkurrenten haben es sich längst in der Liga und auf den Topplätzen gemütlich gemacht, einstige Außenseiter verdienten sich die Ligazugehörigkeit oder gute Platzierungen durch kontinuierliche und lobenswerte Arbeit. Die Konkurrenz ist Vorbild, Ansporn und Hindernis zugleich. In ihre Phalanx müssen die prominenten Traditionsvereine erst einmal hineinstoßen. Auf Schalke verzichtet man deshalb ähnlich wie bei Werder auf große Töne, stattdessen bekräftigte der dortige Aufsichtsratsvorsitzende Axel Hefer unlängst: „Oberstes Ziel in den kommenden zwei Jahren muss der Klassenerhalt sein. 40 Punkte, zweimal.“

Werder Bremen: Für den Bundesliga-Aufsteiger geht es in der neuen Saison in erster Linie um den Klassenerhalt

Grün-Weiß und Königsblau eint, dass sie keinesfalls klassische Aufsteiger sind. Personell ähnelt der Ist-Zustand zwar längst nicht mehr der mitunter glorreichen Vergangenheit, doch das Fundament unterscheidet sich doch stark von manch anderem Liga-Neuling der jüngeren Bundesliga-Historie. Viele Spieler haben schon in Deutschland auf höchstem Niveau gespielt, sind mitunter amtierende oder ehemalige Nationalspieler. Der Sprung ins Unbekannte fällt somit verhältnismäßig niedrig aus. Das kann und sollte ein Vorteil sein – wenn denn auch der Rest stimmt. Soll heißen: das Funktionieren des möglichst noch zu optimierenden Kaders. Werder Bremen hat in der Abwehr mit Amos Pieper und Niklas Stark bereits zwei Akteure mit Stammplatzpotenzial verpflichtet, in anderen Mannschaftsteilen ging es bislang – anders als gewünscht – nicht ganz so schnell. „Grundsätzlich versuchen wir, eine große Ausgewogenheit hinzubekommen“, erklärt Clemens Fritz. „Wir haben schon im vergangenen Jahr gesagt, dass wir einerseits eine junge, hungrige, entwicklungsfähige Mannschaft auf den Platz bringen möchten. Das ist auch jetzt unser Ziel. Wir wissen aber natürlich auch, dass wir uns punktuell verstärken müssen.“ Und das soll im Idealfall noch auf der Sechs, bei den Außenverteidigern, im offensiven Mittelfeld und auch im Angriff passieren.

Werder-Bremen-Leiter Profifußball Clemens Fritz über die Bundesliga: „Werden uns in dem ein oder anderen Spiel schon mehr auf den Gegner einstellen müssen“

Denn eines ist auch klar: Wo in der zweiten Liga in mitunter kniffligen Momenten die individuelle Klasse einzelner Akteure half, sind eine Etage höher als Aufsteiger wieder andere Kernkompetenzen gefragt - ein höheres Tempo, mehr technische Sauberkeit in den Aktionen, ein disziplinierteres taktisches Auftreten, um nur einige Beispiele zu nennen. So gern Werder Bremen unter Trainer Ole Werner auch offensiv ausgerichtet auftreten mag und das eigene Spiel durchdrücken möchte, so schwierig wird es, diesen Plan wöchentlich umzusetzen. Das haben nicht zuletzt die tristen Jahre vor dem Zweitliga-Abstieg bewiesen, als Werder unter einer psychischen Dauerbelastung immer mehr den spielerischen Faden verlor. „In der 1. Bundesliga werden wir uns in dem einen oder anderen Spiel schon mehr auf den Gegner einstellen müssen“, ist sich auch Clemens Fritz sicher. „Das war in der 2. Liga mit der vorhandenen Qualität vielleicht nicht ganz so notwendig. Aber jetzt wird es schon einen Unterschied ausmachen, ob du gegen den FC Bayern München und Borussia Dortmund oder andere Teams der Liga spielst.“ Da lohnt es sich also, schon frühzeitig eine Sonderschicht einzulegen. Auch wenn man danach so kaputt dreinschaut wie Leonardo Bittencourt. (mbü)

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