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Werder-Boss Klaus Filbry geht fröhlich aus dieser schwierigen Saison, weil es am Ende einen Geldregen für den Club gab.

Werder-Boss fordert harte Arbeit

Filbry im Interview: „Ich möchte wieder europäisch spielen“

Bremen - So freudestrahlend wie nach dem letzten Bundesliga-Spieltag in Mainz war Klaus Filbry in dieser Saison selten zu sehen. Der Werder-Boss bejubelte nicht nur den 2:1-Sieg, sondern vor allem auch die daraus resultierende Mehreinnahme bei den TV-Geldern.

Ein paar Tage danach blickt der Mann für die Finanzen beim Bremer Bundesligisten schon wieder etwas nüchterner in die Zukunft. Die Aufbruchstimmung, die inzwischen rund um den SV Werder herrscht, nimmt der 51-Jährige zwar wahr, aber er will sich davon nicht blenden lassen. Filbry fordert im Interview mit der DeichStube, nun unbedingt weiter hart zu arbeiten. Er erklärt zudem, was Werder mit den höheren Einnahmen plant, wie er die Situation bei Thomas Delaney einschätzt und dann sagt er doch noch ganz deutlich, wo er den Club in nicht allzu ferner Zukunft sehen will: „Ich möchte wieder europäisch spielen.“

Herr Filbry, wie viele japanische Unternehmen werden künftig im Weserstadion werben?

Klaus Filbry: Es werden auf jeden Fall viele japanische Journalisten kommen. Für unsere Reichweite wird das gut sein. Ob wir auch Sponsoren akquirieren können, muss sich zeigen.

Aufsichtsratschef Marco Bode und ihr Geschäftsführer-Kollege Hubertus Hess-Grunewald könnten da schon tätig werden, sie reisen in den nächsten Tagen nach Japan.

Filbry: Das stimmt, es geht um den One-Nation-Cup, für den sich Marco sehr engagiert. Er findet in diesem Jahr in Japan statt. Unsere U 15-Juniorinnen sind auch dabei. Das Timing ist natürlich ganz gut.

Werder ist auch in China aktiv: Wenn Yuning Zhang den Club im Sommer verlassen sollte, verschwinden dann auch die Sponsoren aus China?

Filbry: Der Vertrag mit Yingsheng Sports ist zwar daran nicht gekoppelt, es kann aber gut sein, dass es nicht weitergeht. Aber mit heji18 (ein Wettanbieter, Anm. d. Red.) wird die Zusammenarbeit auf jeden Fall fortgesetzt. Und wir haben bereits eine mündliche Vereinbarung mit einem weiteren chinesischen Sponsor. Da geht es um Knowhow-Transfer.

Werden Sie in diesen Tagen eigentlich oft nach Geld gefragt?

Filbry: Sie meinen wegen der vier Millionen, die wir durch den Sieg in Mainz mehr an TV-Geld bekommen?

Auch. Werder bekommt zwölf Millionen Euro mehr aus dem Fernseh-Topf als vor einem Jahr – insgesamt 52,8 Millionen Euro. Was machen Sie mit dem ganzen Geld?

Filbry: Wir haben zum einen infrastrukturelle Themen, zum anderen wollen wir ein bisschen Eigenkapital aufbauen, aber das meiste Geld wird in die Kaderqualität fließen. Wir haben gerade Yuya Osako verpflichtet, davor auch schon Kevin Möhwald. Und wir werden da sicherlich noch einiges machen.

Könnte Werder noch einen weiteren Transfer vom Umfang eines Osako mit geschätzten sechs Millionen Euro Ablöse stemmen, ohne vorher einen Spieler wie Thomas Delaney verkaufen zu müssen?

Filbry: Ihre Zahlen sind Spekulationen. Aber ja, wir sind handlungsfähig.

Wenn Sie lesen, dass Clubs angeblich über 20 Millionen Euro für Delaney bezahlen könnten, geht Ihnen da als Herr der Finanzen das Herz auf?

Filbry: Das ist viel Geld. Thomas hat hier aber Vertrag, wir wollen ihn nicht verkaufen. Klar, er hat gesagt, dass er sich den Traum von der Premier League erfüllen möchte. Das ist legitim. Aber das muss nicht in diesem Sommer sein.

Ist ein Wechsel innerhalb der Bundesliga denkbar?

Filbry: Thomas möchte bei einem Wechsel schon sehr gerne nach England gehen.

Dortmund und Schalke sollen interessiert sein. Würden Sie Delaney überhaupt an einen Bundesliga-Konkurrenten abgeben?

Filbry: Es wäre natürlich eine andere Situation, die wir bewerten müssten. Aber sind diese Clubs wirklich interessiert? Wenn es konkretes Interesse geben würde, hätten wir das schon mitbekommen.

Anderes Thema: Wann wird das Weserstadion umbenannt, um damit Einnahmen zu erzielen?

Filbry: Das kann ich nicht sagen. Die EWE war unser Stadionpartner – und hat sich nun entschieden, ausschließlich Energie- und Telekommunikationspartner zu sein. Diese Lücke wollen wir ausgleichen. Da ist die Vergabe des Namens eine Möglichkeit.

Schon für die neue Saison?

Filbry: Es ist alles offen. Es ist uns bewusst, dass dies bei den Fans ein sehr emotionales Thema ist. Wir sind einer von drei Bundesligisten, deren Stadion noch nicht den Namen eines Partners trägt. Wir werden sehr verantwortungsbewusst mit diesem Thema umgehen.

Der Bilanzabschluss naht, wird es ein Plus oder ein Minus geben?

Filbry: Es war schon ein kompliziertes Jahr für uns mit dem Trainerwechsel. Dazu mussten wir im Winter aus sportlicher Sicht mit den Transfers von Milot Rashica und Sebastian Langkamp ein bisschen ins finanzielle Risiko gehen. Wir können deshalb noch nicht sagen, ob wir wieder ein Plus erreichen, dafür gibt es noch zu viele Variablen.

Sie wirken dabei sehr entspannt.

Filbry: Bin ich auch. Wir haben gerade als Geschäftsführung mit dem Aufsichtsrat die Finanzplanung durchgesprochen und sehen uns da auf einem wirtschaftlich gesunden Weg – inklusive des nötigen Risikos, das man in der Branche einfach eingehen muss. Die Transfers, die wir in den vergangenen zwei Jahren getätigt haben, waren aber fast alle sehr gut. Da macht Frank Baumann einen sehr guten Job.

Er genießt in der Branche inzwischen einen sehr guten Ruf – genauso wie Trainer Florian Kohfeldt. Der attraktive Offensivfußball wird immer wieder gelobt. Wie nutzen Sie das für die Vermarktung des Clubs?

Filbry: Eines vorweg: Es ist eine Momentaufnahme. Wir dürfen das nicht überbewerten, wir haben Platz elf erreicht, das ist nach dieser Saison zufriedenstellend, aber nicht unser Anspruch. Wir müssen weiter hart arbeiten, dürfen uns nicht mit dem Status quo zufrieden geben und müssen auf allen Ebenen den nächsten Schritt machen – sicherlich auch in Marketing und Vertrieb. Da gibt es positive Signale. Die Ticketnachfrage steigt, wir führen viele interessante Gespräche mit möglichen Sponsoren.

Florian Kohfeldt und Frank Baumann wirkten in den vergangenen Tagen wesentlich euphorischer. Warum sind Sie so vorsichtig?

Filbry: Natürlich ist eine Aufbruchstimmung da, aber wir müssen auch weiter hart arbeiten.

Rührt die Skepsis auch daher, dass Werder in den vergangenen Jahren schon zweimal in ähnlicher Position war und mit den Trainern Viktor Skripnik und Alexander Nouri dann doch wieder abgestürzt ist?

Filbry: Ich bin nicht skeptisch. Wir sind jetzt mit der Kombination Frank Baumann und Florian Kohfeldt sowie dem Team dahinter sehr gut aufgestellt. Aber wir haben aus der Vergangenheit gelernt, immer achtsam sein zu müssen.

Florian Kohfeldt vermittelt den Eindruck, dass ihn allein die Arbeit mit der Profi-Mannschaft nicht ausfüllt, dass er sich um die Entwicklung des ganzen Vereins kümmern will.

Filbry: Das schätzen wir auch so sehr an ihm. Er verkörpert einfach diese Lust auf Erfolg und geht unseren Weg, auf junge Spieler zu setzen, komplett mit.

Müssen Sie aufpassen, dass er sich als junger Trainer mit seinem Einsatz für den ganzen Verein nicht übernimmt?

Filbry: Nein. Florian hat einen klaren inneren Kompass, wohin er möchte. Er kennt auch genau seine Ressourcen, weiß, wo er sich mal zurückziehen muss. Er ist eigentlich immer positiv, für ihn ist das Glas stets halb voll.

Bringt er einen neuen Geist in den Verein?

Filbry: Florian repräsentiert Werder mit seiner Art genau so, wie wir Werder gerne hätten.

Was ist ihr persönliches Ziel mit Werder?

Filbry: Ich möchte wieder europäisch spielen. Wann das sein wird, weiß ich nicht. Noch haben wir nichts erreicht. Wir müssen auf allen Ebenen weiter Gas geben. Der Wettbewerb ist sehr intensiv, Fehler werden hart bestraft. Es hat schon viele Traditionsclubs erwischt. Man muss seinen eigenen Weg konsequent weitergehen. Das machen wir.

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