Florian Kohfeldt verschränkt die Arme und schaut unzufrieden.
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Florian Kohfeldt, Cheftrainer des SV Werder Bremen, gefiel bei weitem nicht alles, was seine Mannschaft beim Pflichtspielstart im DFB-Pokal gegen den FC Carl Zeiss Jena zeigt.

Analyse von DeichStube-Experte Tobias Escher

Taktik-Analyse: Patrick Erras als Vogt-Ersatz? Noch funktioniert nicht alles im Spiel des SV Werder Bremen

Jena - Der große Neustart nach der Horrorsaison blieb aus. Beim 2:0-Sieg über Carl Zeiss Jena setzte Werder Bremen in taktischer Hinsicht auf Kontinuität. Warum die Grün-Weißen sich in der ersten Halbzeit so schwertaten und wieso eine Neuverpflichtung neuen Schwung in das Spiel brachte, erklärt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Neue Saison, neues Glück: Das ist die große Hoffnung der Bremer Fans. Alles soll anders werden in dieser Spielzeit – und bitte, bitte auch besser als in der vergangenen Spielzeit. Der Pflichtspiel-Auftakt konnte diese Hoffnung nicht entfachen, im Gegenteil: In vielen Aspekten erinnerte Werder Bremens Spielweise gegen Carl Zeiss Jena an jene der vergangenen Saison – im Guten wie im Schlechten.

Werder Bremen gegen Carl Zeiss Jena: Patrick Erras als neuer Kevin Vogt

Florian Kohfeldt stellte seine Mannschaft in einer Mischformation aus 4-4-2 und 5-3-2 auf. Für den Wechsel zwischen Vierer- und Fünferkette war Patrick Erras verantwortlich. Bei gegnerischem Ballbesitz ließ er sich in die Abwehr fallen. Er sollte in der letzten Linie für Stabilität sorgen. Bei eigenem Ballbesitz rückte er auf die Sechser-Position vor der Abwehr. Erras‘ Rolle erinnerte damit an jene, die Leihspieler Kevin Vogt in der vergangenen Rückrunde bekleidet hatte.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Wechselspiel zwischen Offensive und Defensive: Bei gegnerischem Ballbesitz standen sie wie aufgezeichnet in einem 5-3-2-System. Bei eigenem Ballbesitz rückte Erras vor in die Mittelfeldreihe.

Im Mittelfeld war Werder Bremen leicht anders aufgestellt als in der vergangenen Saison. Leonardo Bittencourt und Yuya Osako starteten nominell als Außenstürmer. Sie zogen jedoch immer wieder in die Halbräume. Sie sollten Präsenz zeigen hinter der gegnerischen Mittelfeldkette. Vorne sollte ein Doppelsturm mehr Tiefe in das eigene Spiel bringen: Davie Selke und Josh Sargent starteten häufig hinter die gegnerische Abwehr.

Trotz dieser Veränderungen im Detail plagten das Bremer Spiel in der ersten Halbzeit jene Schwächen, die Werder-Fans bereits aus der vergangenen Saison kennen. Werder Bremen hatte viel Ballbesitz, spielte diesen Ballbesitz aber hauptsächlich in der eigenen Abwehr aus. Raumgewinn über das Mittelfeld? Fehlanzeige. Erras verstärkte diesen Effekt, indem er meist den sicheren Pass spielte.

Werder Bremen gegen Carl Zeiss Jena: Wacher Gegner mit konsequentem Pressing

Dass Werder Bremen kaum über das Mittelfeld nach vorne kam, lag auch am Gegner. Carl Zeiss Jena verteidigte kompakt. Ihr 4-4-2-System war darauf angelegt, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld kleinzuhalten. Die Thüringer wagten zwar kein allzu hohes Pressing, störten den Bremer Aufbau aber immer mal wieder. Sobald Bremens Innenverteidiger versuchten, mit dem Ball am Fuß nach vorne zu stoßen, rückten Jenas Stürmer heraus. Sie unterbanden diese Dribblings konsequent. So kappten sie einen weiteren Weg der Bremer, Raumgewinn zu erzielen.

Nach vorne kamen die Bremer praktisch ausschließlich über die Flügel. Linksverteidiger Ludwig Augustinsson und Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie avancierten zu den auffälligsten Akteuren. Sie interpretierten ihre Rolle offensiv und kurbelten das Spiel an. Ihre Flanken waren allerdings lange harmlos. Zu Chancen kam Bremen vor der Pause hauptsächlich nach Standardsituationen.

Werder Bremen mit Umstellungen in der Pause: Unruhestifter Josh Sargent und Tahith Chong

Kohfeldt war offensichtlich nicht zufrieden mit der Leistung seines Teams. Die Fünferkette gegen den Ball brachte Stabilität, hatte sonst aber keinen nennenswerten Effekt. Folgerichtig löste Kohfeldt die Fünferkette auf. Für Erras kam Davy Klaassen, für Yuya Osako wechselte Kohfeldt Tahith Chong ein. Bremen agierte nun mit einer Mischung aus 4-4-2 und Raute. Letztere entstand durch Klaassens Offensivdrang: Immer wieder rückte er nach vorne, er agierte praktisch permanent vor Sechser Maximilian Eggestein. Werder Bremen hatte nun wesentlich mehr Präsenz vor der gegnerischen Abwehrkette.

Zum Schlüsselspieler mauserte sich in der Folge nicht Klaassen, sondern Leihspieler Tahith Chong. Der junge Niederländer forderte als Rechtsaußen die Bälle und suchte das Eins-gegen-Eins. Bremen konnte den eigenen Spielaufbau über die Flügel wesentlich effektiver ausspielen. Dadurch dass Chong auch in den Strafraum ging, hatte Werder Bremen dort wesentlich mehr Präsenz. Bremen war dadurch nicht nur auf Chongs rechter Seite effektiver, sondern auch nach Hereingaben von der linken Seite. So köpfte Josh Sargent eine Augustinsson-Flanke von der linken Seite zur Führung ein (49.). Sargent überzeugte in der zweiten Halbzeit nicht nur als Stürmer. Immer wieder tauschte er mit Leonardo Bittencourt die Position. Sargent sprintete dann von der linken Seite in den Strafraum – und stiftete damit Verwirrung bei Jena. Diese Wechselspielchen halfen, eine müder werdende Jenaer Mannschaft zu dominieren.

Trotz Sieg gegen Carl Zeiss Jena: Es bleiben Fragezeichen bei Werder Bremen

Noch mehr Tiefe bekam das Bremer Spiel nach den Einwechslungen von Niklas Füllkrug (75., für Selke) und Nick Woltemade (75., für Bittencourt). Woltemade stieß aus dem Mittelfeld immer wieder in den Strafraum, Füllkrug war dort präsent wie eh und je. Beide sind interessante Varianten für eine wuchtige Besetzung des gegnerischen Sechzehners.

Mit der stark verbesserten zweiten Halbzeit verdiente sich Werder Bremen den 2:0-Sieg. Aus taktischer Sicht stimmt nur die zweite Halbzeit hoffnungsfroh auf die kommende Saison. Beim Bundesliga-Start gegen Hertha BSC muss Bremen vor allem in Sachen Durchschlagskraft zulegen, möchte man einen Fehlstart wie in der vergangenen Saison vermeiden.

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