Eine Szene aus der Champions-League-Saison 2005/2006: Emerson von Juventus Turin schießt ein Tor gegen Werder Bremen und Torwart Tim Wiese
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Tim Wiese patzt, Emerson staubt ab: Es war vielleicht der Moment schlechthin in der Champions-League-Zeit des SV Werder Bremen - auch wenn er 2006 ein ganz bitteres Achtelfinal-Aus gegen Juventus Turin markierte.

CL-Triumphe und -Tragödien bei Werder

„Ein Wahnsinn!“ Vor zehn Jahren spielte der SV Werder Bremen letztmals in der Champions League

Bremen – Ob er die Champions-League-Hymne noch summen könnte? Frank Baumann muss lachen bei der Frage, denn mit Singen und Summen hat er es nicht so, sagt der ehemalige Kapitän und aktuelle Sportchef des SV Werder Bremen.

„Aber im Kopf habe ich die Hymne immer noch.“ Logisch, denn sie erklingt ja vor jedem Spiel, in dem sich die besten Clubs aus Europa gegenüberstehen. Werder Bremen gehörte viele Jahre dazu, doch am kommenden Montag ist es schon zehn Jahre her, dass die Bremer zum letzten Mal ein Champions-League-Spiel bestreiten durften. Mit einem bedeutungslosen 3:0 über Inter Mailand endete eine Zeit, die spektakulär war, die mitreißende Spiele geliefert hatte, mit großen Siegen und großen Tragödien. Frank Baumann und Ex-Keeper Tim Wiese erinnern sich.

„Tolle Spiele, tolle Reisen, tolle Gegner“, schwärmt Wiese, dessen ganz persönliche Champions-League-Aufzählung damit aber noch nicht vollständig ist: „Und natürlich Juventus Turin.“ Der Seufzer ist nicht zu überhören. „Was willste machen? Das bleibt leider unvergessen. Ich ärgere mich heute noch. Für mich war das auch kein Unglück, sondern höhere Gewalt“, sagt er über ein Spiel am 7. März 2006.

Werder Bremen: Tim Wieses Patzer wohl der Werder-Moment überhaupt in der Champions League

Werder Bremen hatte an diesem Tag im Achtelfinal-Rückspiel in Turin die Sensation in Sichtweite, als Tim Wiese den Ball fing, sich eine Rolle vorwärts gönnte und dabei den Ball verlor. Emerson nutzte in der 88. Minute die Gunst des Moments und schoss Juventus mit seinem Tor zum 2:1 nach der 2:3-Hinspielpleite doch noch eine Runde weiter. Wahrscheinlich ist es der Werder-Moment überhaupt in der Bremer Champions League – trotz vieler großer Siege. Denn jeder Fan weiß wohl noch, wo er das Spiel verfolgt hat und dass Wiese sein berühmtes rosafarbenes Trikot getragen hat.

Trotz dieses Blackouts war die Königsklasse für den damaligen Keeper des SV Werder Bremen ein riesengroßer Spaß: „Ich habe diese englischen Wochen geliebt. Es war einfach genial gegen diese Ausnahmespieler antreten zu dürfen. Raul, Zlatan Ibrahimovic, Ronaldinho, Ruud van Nistelrooy – das waren doch alles Ausnahmespieler“, erinnert sich Wiese und ist sich sicher: „Ich habe bestimmt noch ganz viele Namen vergessen.“

Immerhin 20 Partien hat der heute 38-Jährige in der Champions League absolviert. Natürlich seien die Stadien des FC Barcelona, von Real Madrid oder auch Inter Mailand beeindruckend gewesen. „Aber um 20.45 Uhr ins Weserstadion einzulaufen, das war ein einziger Hexenkessel. Ein Wahnsinn! Das ist wirklich anders als in der Bundesliga.“

Werder Bremen qualifizierte sich sieben Mal für die Champions League

Frank Baumann ging es ähnlich. „Das ganze Drumherum hat einen gepackt. Die Spiele in den schönsten Stadien Europas – allein das Abschlusstraining vor leeren Rängen war da manchmal schon ein besonderes Ereignis. Da saugt man vieles auf.“ 25 Mal ist er für Werder Bremen in der Königsklasse aufgelaufen, damit steht er gemeinsam mit Torsten Frings und Petri Pasanen an der Spitze des internen grün-weißen Rankings.

Sieben Mal qualifizierte sich Werder für die Champions League – zum ersten Mal in der Saison 1993/94, in der erst zwei K.o.-Runden überstanden werden musste, um in eine der beiden Vierer-Gruppen zu gelangen. Als Gruppen-Dritter verpasste das Team von Trainer Otto Rehhagel dann das Halbfinale. Es dauerte danach lange, bis Werder Bremen wieder zu den Champions gehörte. Genauer gesagt bis 2004. Als Meister gab es nach einer erfolgreichen Gruppenphase gegen Olympique Lyon ordentlich auf die Mütze – erst 0:3, dann 2:7. Letzteres auch ein dunkler, aber unvergesslicher Moment.

Werder Bremen in der Champions League: Über Siege gegen FC Chelsea und Real Madrid staunte Europa

Doch Werder Bremen schrieb nicht nur negative Schlagzeilen. Da wäre zum Beispiel der 1:0-Heimsieg vom 22. November 2006 gegen den FC Chelsea von Trainer Jose Mourinho und Spielmacher Michael Ballack durch ein Kopfballtor von Per Mertesacker. Oder ein Jahr später am 28. November der 3:2-Heimsieg gegen Real Madrid, bei dem Boubacar Sanogo nach feiner Vorlage von Markus Rosenberg ein Traumtor erzielte. Darüber staunte ganz Europa.

„Dem Verein hat das international ein gutes Renommee gebracht. Da bekommen wir heute noch in Gesprächen positive Rückmeldungen. Wenn man mit Beratern und Spielern aus dem Ausland spricht, ist eigentlich allen der Club Werder Bremen ein Begriff – und das liegt natürlich an diesen Champions-League-Jahren“, berichtet Baumann, der inzwischen als Sportchef für Werder arbeitet. Und natürlich wird er dann auch immer wieder gefragt, ob sein Club auf diese große Bühne noch einmal zurückkehren wird.

Werder Bremen heute weit weg von der Champions League: Tim Wiese glaubt nicht mehr an Rückkehr in Königsklasse

„Wir haben im Moment mit anderen Dingen zu kämpfen. Und grundsätzlich muss man sagen, dass in der Historie von Werder die Bundesliga – und dabei das Mittelmaß – die Normalität war. Weil eben nicht die Möglichkeiten da waren wie bei anderen Clubs“, sagt der 45-Jährige und erklärt weiter: „Aber es gab zwei außergewöhnliche Phasen – das war die Zeit mit Otto Rehhagel und die mit Thomas Schaaf. Da hat man es durch Geschlossenheit, Kontinuität und gute Entscheidungen geschafft, im Konzert der Großen dabei zu sein und diese auch zu ärgern.“

Tim Wiese glaubt nicht, dass sich diese Geschichte kurz-, mittel- oder auch langfristig wiederholen lässt. „Dafür ist Werder viel zu weit weg von den Topclubs“, findet der Ex-Profi, will sich damit aber nicht so wirklich abfinden: „Das hätte schon was, wenn hier in Bremen abends wieder die Lichter angehen und echte Weltstars auf dem Platz stehen würden.“ Die Champions-League-Hymne vermisst der Ex-Profi dabei übrigens nicht: „Die habe ich nie richtig wahrgenommen, da war ich wohl im Tunnel.“ (csa/kni)

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