Christian Groß von Werder Bremen schaut vor dem Weserstadion in die Kamera
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Ein Spätzünder als Mr. Zuverlässig: Der SV Werder Bremen setzt auf Christian Groß

„Manchmal muss ich mich schon kneifen“

Plötzlich Profi: Werder-Aufsteiger Christian Groß über Hurra-Fußball, Bachelor und Corona

Bremen – Er ist der Hauptdarsteller eines Fußball-Märchens: Christian Groß von Werder Bremen. Erst mit 30 Jahren feierte der gebürtige Bremer am 1. September 2019 sein Bundesliga-Debüt. Als Notlösung aus der Regionalliga-Truppe während einer Verletzungsseuche bei den Werder-Profis.

Doch es blieb nicht bei diesem einen Kapitel, das Märchen geht immer noch weiter – und es ist kein Ende in Sicht. Christian Groß wird immer wertvoller für Werder Bremen und hat richtig Spaß dabei. In einer Medienrunde per Video-Konferenz spricht der 31-Jährige über...

...seinen ersten Profi-Vertrag bei Werder Bremen:

„Natürlich hat das eine Symbolik“, gesteht Groß mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Werder hatte ihn vor einer Woche mit der Vertragsverlängerung auch zum Profi gemacht. Diesen Status besaß er als „Oldie“ der U23 bislang noch nicht, obwohl sich der Defensivspezialist längst oben festgebissen hatte. Nun darf er sich über mehr Geld freuen oder – wie er selbst sagt – über eine „noch längere Zeit mit der Mannschaft“.

...eine bemerkenswerte Statistik:

Mit Christian Groß holte Werder Bremen in der Vergangenheit 1,53 Punkte im Schnitt (29 Punkte/19 Spiele), ohne ihn nur 0,52 (11/21). „Ich bin schon das eine oder andere Mal darauf angesprochen worden“, berichtet Groß, merkt jedoch sofort an: „Ich habe sicherlich meinen Teil dazu beigetragen, aber man sollte diese Statistik auch nicht zu hoch hängen.“

...seinen so ruhigen Spielstil:

„Mein Alter gibt mir ein Stück weit die Sicherheit. Ich habe viel Erfahrung – natürlich nicht in der Bundesliga, aber in anderen Ligen in Deutschland“, erzählt Groß. 182 Mal hat er allein in der Dritten Liga für den VfL Osnabrück und den SV Babelsberg gespielt. „Von mir weiß man einfach, was man am Spieltag bekommt. Und das ist kein Hurra-Fußball. Ich werde auch nicht vier Spieler ausspielen“, sagt der 31-Jährige, der in der Innenverteidigung und als Sechser zum Einsatz kommt: „Ich schaffe es, die Aufgaben des Trainerteams, glaube ich, ganz gut umzusetzen, und konzentriere mich darauf, was mich stark macht: Das ist das einfache Spiel.“

...sein persönliches Fußball-Märchen:

„Wenn ich nach Hause fahre, muss ich mich manchmal schon kneifen, um zu glauben, dass es jetzt so ist, wie es ist.“ 2018 war er aus Osnabrück zum SV Werder Bremen gekommen, um die U23 als Kapitän durch die Regionalliga zu führen und auf den Weg in den Profi-Fußball zu begleiten. Um seine eigene Karriere ging es da eigentlich nicht mehr. Doch es kam anders und Christian Groß schwärmt: „Jede Bundesliga-Minute ist für mich immer noch etwas Besonderes. Deswegen genieße ich das. Das habe ich mir aber auch über die Jahre und die letzte Saison hinweg erarbeitet.“ Und welche spannenden Kapitel sind in dem Märchen noch möglich? „Ich bin doch das beste Beispiel, dass es immer noch eine Steigerung geben kann.“ Wie wahr: Beim 1:1 am Samstag gegen Frankfurt gelang Groß seine erste Torvorlage in der Bundesliga.

...über Möglichkeiten, sich noch zu verbessern:

„Verbesserungspotenzial ist immer da, unabhängig vom Alter“, kommt die Antwort, wie aus der Pistole geschossen und endet damit noch lange nicht: „Die Bundesliga kann mir noch mehr geben. Ich kann von unserem Trainer Florian Kohfeldt unheimlich viel mitnehmen – zum Beispiel, welche Räume man bespielen kann. Da erweitere ich meinen Horizont. Das wird mir in der Zeit danach helfen.“

...über die Karriere nach der Karriere:

Einen Anschlussvertrag mit Werder Bremen gibt es schon länger. „Ich habe bereits meine Erfahrung im Scouting gemacht. Das interessiert mich total, es kann in diese Richtung gehen“, sagt Groß. Eine Zukunft als Trainer oder Manager mag er aber auch nicht ausschließen.

...über sein Studium:

Betriebswirtschaftslehre und Management stehen auf seinem Stundenplan – oder besser gesagt: standen. „Ich befinde mich gefühlt gerade im Urlaubssemester, weil ich mich voll auf Fußball fokussiert habe.“ Im Bundesliga-Geschäft bleibe für so einen Nebenjob keine Zeit. Doch Groß will sich auch nicht zu sehr schonen: „Ich habe wirklich in der Vergangenheit viel investiert, um dieses Studium abzuschließen. Deswegen will ich irgendwann auch den Bachelor in der Tasche haben.

...seinen Wohnort Hamburg:

Es klingt fast schon wie eine Entschuldigung, als Groß sagt: „Ich wohne nicht direkt in Hamburg, es ist schon Richtung Bremen.“ Werders Erzrivale Hamburger SV ist also aus Fan-Sicht weit genug weg. Wenngleich: Von 2006 bis 2011 trug Groß ohnehin schon die andere bekannte Raute im Norden, besaß beim HSV sogar einen Profi-Vertrag, kam in der Bundesliga aber nicht zum Einsatz. Die längeren Fahrten zum Training seien übrigens kein Problem: „Ich genieße das, um runterzukommen. Und ich habe auch immer die Möglichkeit, hier in Bremen zu bleiben, falls zum Beispiel mal das Training zu lang oder zu anstrengend war.“

...über sein Fehlen im Zillertal:

Aus privaten Gründen war Christian Groß im Sommer nicht mit ins Trainingslager nach Österreich gereist, mehr wollte Werder Bremen damals nicht verraten. Nun lüftet der Spieler selbst das Geheimnis: „Ich bin zum zweiten Mal Vater geworden. Wir haben jetzt zwei Töchter zu Hause. Deswegen konnte ich es auch gut verschmerzen, das Trainingslager zu verpassen.“ Wenngleich es schon nicht so gut sei, bei „dieser Detailarbeit“ (Groß) nicht auf dem Platz zu stehen. „Ich wollte aber auch bei der zweiten Geburt dabei sein, weil ich weiß, was das für die Frau bedeutet.“ Und deshalb sei er den Verantwortlichen bei Werder sehr dankbar, „dass ich diesen Moment mit meiner Frau genießen konnte“.

...über die Zeit als Profi in der Corona-Zeit:

„Wir haben ein totales Privileg, dass wir in dieser gesellschaftlich schwierigen Lage unseren Job ausüben dürfen. Deswegen sollten wir es auch zu schätzen wissen und uns dementsprechend verhalten.“ Bei diesen Worten ist sehr deutlich herauszuhören, dass Christian Groß in der Vergangenheit Verantwortung als Profi übernommen hat und Kapitän war. Und so fügt er noch an: „Ich kann nur immer wieder dazu aufrufen, dass man sich an die Maßnahmen der Politik hält und versucht, alle Regeln, so gut es geht, zu erfüllen.“ (kni)

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