Ob der verfrühte Platzsturm 2012 in Düsseldorf oder der Last-Minute-Siegtreffer durch Marcelo Diaz für den HSV 2015 - die Relegation sorgte in der Vergangenheit für besondere Momente. Am Donnerstag spielt Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim.
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Ob der verfrühte Platzsturm 2012 in Düsseldorf oder der Last-Minute-Siegtreffer durch Marcelo Diaz für den HSV 2015 - die Relegation sorgte in der Vergangenheit für besondere Momente. Am Donnerstag spielt Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim.

Geschichte von Spektakel und Drama

Vor Werder gegen Heidenheim: Eine Reise durch die wilde Relegation

Von Hans-Günter Klemm. Es gab verschiedene Hauptdarsteller. Eine „Kobra“ spielte eine nicht unwesentliche Rolle, ein „Schlapphut“ stand im Blickpunkt und ein bei Werder Bremen bestens bekannter Trainer, der seit seinen Triumphen in Griechenland den Beinamen „Rehakles“ trägt, mischte auch mit.

Nur drei Beispiele in der an Höhenflügen und Tiefschlägen, je nach Betrachtungsweise, reichen Geschichte der Relegationsspiele, jenen Knockout-Runden in Form eines Play-off-Systems in Kleinformat. Gemeinsam ist diesen finalen Entscheidungsspielen, die sowohl über Verbleib oder Abstieg in der höchsten deutschen Spielklasse als auch in der 2. Liga bestimmen, das Element der Spannung, der Tragik oder Trauer einerseits, und des Glücksgefühls und Jubels andererseits.

Drama garantiert in der Relegation, die schon immer die Fans, ob ihre Lieblinge beteiligt sind oder nicht, in den Bann gezogen hat. Es ist dieser besondere Moment, der die Deutsche Fußball-Liga (DFL) wieder bewogen hat, 2009 nach beinahe zwei Jahrzehnten Pause, diese Spielrunde wieder einzuführen. Es habe halt fast immer Spannung und Dramatik gegeben, begründete damals Holger Hieronymus, in der DFL-Geschäftsleitung für den Sport zuständig. „Diesen Faktor wollen wir nutzen.“ Natürlich dürfte bei diesem Entschluss auch die wirtschaftliche Seite eine Rolle gespielt haben. Zwei Spiele mehr konnten an die TV-Anstalten verkauft werden. Lange hatten sich die öffentlich-rechtlichen Sender die Rechte gesichert, inzwischen ist das Bezahlfernsehen bei der Relegation (in diesem Jahr DAZN und Amazon Prime) in Vorhand.

Werder Bremen und Co. in der Relegation: Höherklassige Teams gewinnen viel öfter

Alles begann in der Saison 1981/82, als Reaktion auf die Gründung der zweigleisigen 2. Liga. Bayer Leverkusen setzte sich in jenem Jahr gegen die Kickers aus Offenbach durch - der erste Relegationssieger. Es folgten bewegte Jahre bis 1991, als nach der Wiedervereinigung die Spielklassen aufgestockt, im Gegenzug die Relegation ersatzlos gestrichen wurde. Drei Matches in der Anfangsphase sind in Erinnerung geblieben, haben den legendären Ruf der Relegation begründet.

Schalkes zweiter Abstieg wurde 1983 besiegelt, in den Vergleichsspielen mit Bayer Uerdingen. „Wir sind 80:20-Favorit“, hatte zuvor Jürgen Sundermann, der Trainer der Königsblauen, getönt. Doch der Rivale aus der westdeutschen Nachbarschaft widerlegte den Coach und trug sich in die Chronik ein: erster unterklassiger Verein, der triumphierte. Es sollte die Ausnahme von der Regel sein und bleiben: In der ersten Relegationsphase siegten sieben Mal die Erstligisten in zehn Aufeinandertreffen, in der zweiten Periode bis heute acht Mal die höherklassigen Clubs in elf Duellen.

Geschichte der Relegation: Entscheidungsspiele und Elfmeterschießen

Legendär ist die Geschichte aus 1986. Borussia Dortmund, der erste deutsche Europacupsieger, in Bedrängnis, sportlich sowieso, aber auch finanziell vor dem Exitus. Fortuna Köln hatte im Hinspiel 2:0 gesiegt, der BVB lag im Rückspiel zurück. Nur noch eine Halbzeit, die Borussen mussten treffen. Und sie trafen in Person von Jürgen Wegmann, „Kobra“ genannt, zum entscheidenden 3:1. Die Auswärtsregel gab es noch nicht, daher ein Entscheidungsspiel. Auch damals kam ein Virus ins Spiel, konkret ein Virus, das Magen und Darm befallen hatte - vor allem die der Fortuna-Akteure. Das dritte Spiel wurde um eine Woche verschoben. Es half den Kölnern nichts: 8:0 für Dortmund, schließlich eine klare Sache für den zwischenzeitlich torkelnden Favoriten.

Besonderheit auch beim finalen Spiel im Jahr 1988 zwischen Waldhof Mannheim und Darmstadt 98. Beide gewannen die Heimspiele: Darmstadt 3:2, Waldhof 2:1. Torlos endete das Entscheidungsspiel in Saarbrücken, im Elfmeterschießen siegte Erstligist Mannheim mit 5:4, konnte so die Klasse halten. Zum Leidwesen von Klaus Schlappner, bekannt durch seine Kopfbedeckung mit Pepita-Muster. Der „Schlapphut“ scheiterte erstmals, in den Folgejahren noch zweimal mit seinem neuen Verein Saarbrücken. Dieser Negativrekord gehört dem Unikum aus dem Südwesten.

Spektakuläre Relegation: Platzsturm in Düsseldorf, Last-Minute-Drama des HSV

In der Neuzeit der Relegation hatten die Begegnungen auch schicksalhafte Verläufe. Besonders hektisch ging es 2012 in Düsseldorf zu beim Rückspiel gegen Hertha BSC. Bengalische Feuer aus beiden Fanlagern, Platzsturm der Fortuna-Anhänger, Attacken von Berliner Profis gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark, mehrmalige Unterbrechungen. Das Spiel stand vor dem Abbruch. Düsseldorf, 15 Jahre lang in der Zweitklassigkeit, hatte in Berlin 2:1 gewonnen. Die von Otto Rehhagel, dem ehemaligen Meistercoach von Werder Bremen und seit dem Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland zum „Rehakles“ beförderten Fußballlehrer, betreuten Berliner unter Zugzwang. Am Ende stand es 2:2. Hertha legte Protest ein. Einspruch abgewiesen, Niederlage für „Otto, den Großen“ am grünen Tisch.

Wenn ein Drama das Fußballspiel würzt, ist der Hamburger SV nicht weit. Der bis Sonntag potenzielle Werder-Gegner konnte vor fünf Jahren zuletzt eine Tragödie abwehren. In den Entscheidungsspielen mit dem Karlsruher SC hatten die Hamburger im Hinspiel nur ein 1:1 erreicht, im Rückspiel in Baden drohten sie unterzugehen nach einem 0:1-Rückstand. Ihr Glück: Manuel Gräfe leistete sich eine folgenschwere Fehlentscheidung, als er ein vermeintliches Handspiel von Jonas Meffert ahndete. Freistoß in letzter Minute: Rafael van der Vaart wollte schießen, durfte aber nicht. „Morgen, mein Freund“, raunte ihm Marcelo Diaz zu. Der Chilene, ansonsten kaum aufgefallen an der Alster, trat an und traf zum 1:1. Verlängerung erreicht, in der Nicolai Müller den erlösenden Siegtreffer für die Glücksritter aus Hamburg verbuchte.

Relegation abschaffen? Problem für Zweitligisten, Chance für Bundesligisten

Die Relegation ging schon vielen an die Nerven, nicht nur den Leid gewohnten Hamburgern. Niko Kovac, derweil arbeitslos, bangte 2016 mit Eintracht Frankfurt, für die es äußerst knapp wurde. Mit Müh und Not konnten die Hessen den fünften Abstieg verhindern. 1:1 im Hinspiel, 1:0 im Rückspiel in Franken dank eines Treffers von Haris Seferovic. Alles noch mal gut gegangen, doch Kovac, der zuletzt bei den Bayern beschäftigt war, wo eine Relegation nun wahrlich nicht in Betracht kommt, hatte sich nach jenem Nervenflattern seine Meinung gebildet. Kovac plädiert für „eine Abschaffung der Relegation“. Sein Argument: Zumeist seien die gezeigten Leistungen eher unterdurchschnittlich, viel Krampf und Kampf, weniger Schönheit und somit keine Werbung für den Fußball.

Eine Meinung, die ganz gewiss viele Zweitligisten durchaus unterstützten, sollte es auch dem Tabellendritten das direkte Aufstiegsrecht gewährleisten. Und das Stimmungsbild in der Bundesliga? Eher das genaue Gegenteil. Die Kellerkinder nehmen gern die Umleitung am Saisonende, da sie eine weitere Chance nach einem verkorksten Spieljahr bietet. Also reagiert der Dachverband wie folgt: Bei der DFL steht der Modus mit den Relegation momentan nicht auf der Agenda. Alles bleibt beim alten.

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