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Davy Klaassen hat in der laufenden Saison drei Tore für den SV Werder Bremen erzielt und vier vorbereitet – ist mit seinen Leistungen aber alles andere als zufrieden.

Über den Abstiegskampf von Werder Bremen, Trainer Florian Kohfeldt und das Dortmund-Spiel

Davy Klaassen im Interview: „Wir sind Kohfeldt etwas schuldig“

Bremen – Davy Klaassen hat in der laufenden Bundesliga-Saison noch keine Sekunde verpasst. An den bisherigen 22 Spieltagen stand der Niederländer immer über die volle Distanz für Werder Bremen auf dem Platz – macht insgesamt 1980 Minuten, in denen es für seine Mannschaft aber auch für ihn persönlich überwiegend schlecht lief.

Im Interview mit der DeichStube hat Klaassen vor dem Heimspiel gegen Borussia Dortmund (Samstag, 15.30 Uhr) erklärt, wie sehr ihm der Abstiegskampf zu schaffen macht und weshalb er trotzdem nach wie vor felsenfest an die Rettung glaubt. Außerdem hat der 27-Jährige einen dringenden Appell an die Bremer Fans gerichtet.

Herr Klaassen, angesichts der sportlichen Krise – wie schlafen Sie im Moment?

Es ist schon schwierig, zur Ruhe zu kommen und nicht an unsere Situation zu denken. Wenn ich zu Hause bin, versuche ich es ein bisschen auszublenden, um nicht den ganzen Tag diese negativen Gedanken zu haben. Aber klar kommt es immer wieder hoch. Der Abstiegskampf beeinflusst mich natürlich, denn das Leben ist viel schöner, wenn du dir deswegen keine Sorgen machen musst.

Große Sorgen machen sich auch die Fans. Bekommen Sie davon im Alltag etwas mit? Reagieren die Leute anders auf Sie?

Das kann ich nicht genau sagen, denn im Moment unternehme ich gar nicht so viel, gehe zum Beispiel nicht so oft in die Stadt. Wenn es gut läuft, dann habe ich auch Bock, etwas zu machen, aber wenn es wie jetzt nicht läuft, bleibe ich lieber zu Hause.

Sie kennen die Zahlen: Werder hat acht der vergangenen neun Spiele verloren, seit 694 Minuten kein Tor mehr selbst erzielt und mit 51 die meisten Gegentreffer kassiert. Was macht Ihnen noch Hoffnung, dass es am Ende zum Klassenerhalt reicht?

Ich bin generell ein sehr positiver Mensch und werde das auch immer bleiben. Es geht darum, hart zu arbeiten, immer weiterzumachen. Wir haben einen klaren fußballerischen Plan und können nicht jede Woche denken: „Scheiße, es geht nicht. Jetzt hören wir auf!“ Wir alle wissen natürlich, wo wir stehen, und das ist auch ganz wichtig. Ich bin überzeugt davon, dass dieser realistische Blick zusammen mit einer positiven Grundeinstellung wieder zu guten Leistungen führen wird.

Aber werden das Glauben an den Plan und positives Denken von Frusterlebnis zu Frusterlebnis nicht immer schwerer?

Die Situation ist generell schwer, weil wir jede Woche sehr hart arbeiten. Wir haben vor jedem Spiel das Gefühl: „Wir sind bereit, heute wird es klappen!“ Wenn du dann doch wieder verlierst, ist es natürlich nicht besonders angenehm. Fakt ist, dass wir von Woche zu Woche immer ein Spiel weniger haben, um Punkte zu holen, dass sich unsere Lage bei weiteren Niederlagen also weiter verschlechtert. So viele Spiele sind es nicht mehr. Wir brauchen jetzt dringend Punkte.

Das war jetzt der von Ihnen erwähnte realistische Blick. Kommen wir zur positiven Grundeinstellung: Haben Sie nach wie vor die volle Überzeugung, dass es am Ende reicht?

Ja, die habe ich! Denn wenn wir die verlieren, steigen wir auf jeden Fall ab.

Im Umfeld ist der Eindruck wahrnehmbar, dass längst nicht mehr alle Fans an die Rettung glauben.

Natürlich wünschen wir uns, dass alle Fans hinter uns stehen und weiter Hoffnung haben. Aber wir sind auch alle lange genug im Fußballgeschäft, um zu wissen, dass es immer Leute gibt, die eher pessimistisch sind. Ich kann das auch nachvollziehen. Wenn deine Mannschaft in so einer Lage ist, tut das sehr weh. Trotzdem ist es enorm wichtig, dass Mannschaft und Fans zusammenbleiben. Wenn wir irgendwann gegen unsere eigenen Fans spielen, wird es schwierig.

Werder Bremen: Davy Klaassen glaubt an Florian Kohfeldt 

Zu den Mechanismen im Abstiegskampf zählt auch, dass der Trainer irgendwann öffentlich in die Kritik gerät. Wie erleben Sie Florian Kohfeldt in der sportlichen Krise?

Er bleibt souverän. Natürlich gibt es Tage, an denen er im Umgang anders ist als in der letzten Saison, weil er dann einfach enttäuscht von uns ist. Aber das ist doch normal. Er wirkt zu keinem Zeitpunkt so, als wüsste er nicht mehr, was zu tun ist. Ich finde es sehr wichtig, dass Frank Baumann (Werders Sportchef, Anm. d. Red.) immer wieder betont, dass der Verein an ihn glaubt, denn wir als Mannschaft glauben auch an ihn.

Dass ein Verein trotz ausbleibendem Erfolg eisern an seinem Trainer festhält, ist in der Branche eher eine Seltenheit. Kommt die Ruhe, die die Verantwortlichen nach außen demonstrieren, der Mannschaft entgegen?

Ja, absolut. Wir als Mannschaft bekommen den Zusammenhalt intern ja sowieso mit, aber es ist auch wichtig, dass er nach außen klar gezeigt wird. Eigentlich heißt es im Fußball ja, wenn dem Trainer von der Vereinsführung das volle Vertrauen ausgesprochen wird, dann ist er am nächsten Tag weg. Ich bin sehr froh darüber, dass das bei Werder nicht so ist.

Haben Sie angesichts der schlechten Leistungen und Ergebnisse das Gefühl, dass die Mannschaft den Trainer hängen lässt, dass sie ihm mehr schuldig ist?

Ja. Wir Spieler sind dem Trainer, aber auch allen anderen bei und rund um Werder Bremen mehr schuldig. Uns gegenseitig ja auch. Wir sind es, die immer wieder diese kleinen Fehler machen, durch die wir Spiele verlieren. Da müssen wir endlich aufmerksamer sein.

Davy Klaassen im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Daniel Cottäus.

Ein Problem, das sich durch die gesamte Saison zieht. Wie kann es jetzt noch abgestellt werden?

Wir gehen nie ins Spiel und nehmen irgendetwas zu locker. Alle erkennen die Lage und sind voll fokussiert. Deswegen ist es eine gute Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Wichtig ist, dass wir als Mannschaft, aber auch jeder Spieler für sich die volle Verantwortung für das Problem übernehmen und dafür sorgen, dass es nicht mehr passiert.

Vor dem 0:3 in Leipzig gab es ein Kurz-Trainingslager, ein positiver Effekt war auf dem Platz nicht zu erkennen. Kommen auch aus der Mannschaft Ideen für spezielle Aktionen, um die Wende zu schaffen?

Wir gehen zum Beispiel sehr oft gemeinsam essen. Dazu werden immer alle Spieler eingeladen. Der Zusammenhalt in der Mannschaft ist sehr gut. Daran kann es nicht liegen. Und zum Trainingslager: Wir haben in Leipzig sehr gute Tage gehabt mit guten Gesprächen und Einheiten. Natürlich sieht es von außen blöd aus, wenn wir danach 0:3 verlieren, aber für den Rest der Saison kann das Trainingslager noch sehr wichtig werden.

Davy Klaassen: „Ich spiele nicht den besten Fußball“

Eine Bremer Hoffnung ist, dass auch Davy Klaassen noch sehr wichtig wird. Wie zufrieden sind Sie nach einer auch für Sie persönlich ziemlich durchwachsenen Saison?

Mir ist klar, dass ich leider nicht meinen besten Fußball spiele. Aber Leuten, die sagen: „Der geht nicht voran“, muss ich widersprechen, denn das stimmt nicht. Ich gebe in jedem Spiel Vollgas, da muss ich mir nichts vorwerfen lassen. Dass ich im Moment nicht gut genug spiele, ist mir bewusst, und deswegen fühle ich mich auch schlecht. Ich frage mich sehr oft, was ich verbessern kann und bin natürlich nicht zufrieden mit meiner Saison.

Im November haben Sie den Satz gesagt: „Wir sind zu stark für den Abstiegskampf!“ Das wurde Ihnen danach immer wieder vorgehalten. Bereuen Sie die Aussage heute?

Nein! Denn damals habe ich es genauso gesehen. Da war die Lage auch noch nicht so ernst. Dass so ein Satz dann immer wieder rausgeholt wird, ist im Fußball eben so. Ich sage trotzdem immer, was ich denke.

Am Samstag kommt nun Borussia Dortmund zum Bundesliga-Rückspiel nach Bremen. Wie viel Mut schöpfen Sie aus dem 3:2-Pokalsieg gegen den BVB?

Eine Menge, denn aus dem Spiel können wir sehr viel mitnehmen. Wir haben gesehen, dass wir diese Mannschaft schlagen können. Auf der anderen Seite birgt es aber auch Gefahren, weil die Dortmunder nach der Niederlage vielleicht noch motivierter sind als ohnehin schon.

Sie haben bisher vier Gelbe Karten gesehen, bei einer weiteren sind Sie für ein Spiel gesperrt, was für Werder der nächste personelle Rückschlag wäre. Inwiefern beeinflusst das Ihre Spielweise?

Gar nicht. Wenn du Gelb siehst, siehst du eben Gelb. Seit der neuen Regel, dass die Schiedsrichter schneller Gelbe Karten zeigen, passe ich aber schon etwas auf. Ich werde deswegen im Spiel aber ganz sicher niemanden laufen lassen.

Werder Bremen: Davy Klaassen schwärmt von Erling Haaland

Laufen ist ein gutes Stichwort. Was sagen Sie zu Dortmunds Stürmer Erling Haaland, der nicht nur pfeilschnell, körperlich robust, technisch stark, sondern auch ein echter Torjäger ist?

Er macht es einfach super im Moment. Keiner hat wirklich erwartet, dass er sich direkt auch auf diesem Level so stark präsentieren kann. Es ist unglaublich, was er immer wieder zeigt. Leider ist er nicht der einzige gute Spieler, den Dortmund hat. Das ist eine absolute Top-Mannschaft.

Kommen wir zum Abschluss nochmal zu Ihnen. Nach Ihrem ersten Jahr in Bremen haben Sie gesagt, dass Sie es nicht fair finden würden, den Verein direkt wieder zu verlassen. Würden Sie das bei einem Abstieg ähnlich sehen?

Ich bin nicht der Typ, der schon so früh im Jahr über die Zeit nach der Saison nachdenkt. Das lenkt nur vom Wesentlichen ab. Es wäre in unserer Lage doch fatal, wenn einer jetzt nur noch daran denken würde, was er im Sommer macht. Erstmal müssen wir die Klasse halten. Alles andere kommt danach.

Dann haben Sie jetzt noch Gelegenheit, den Fans Mut zu machen. Was wollen Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Wir können es zusammen noch schaffen, und zwar nur zusammen! Denn alle wissen doch, was hier möglich ist, wenn wir eine Einheit sind. Dann kann hier etwas Schönes entstehen, nämlich die Rettung.

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