Hier streiten sich Maxi Eggestein (Mitte), Patrick Erras (l.) und Jean-Manuel Mbom um den Ball.
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Nach dem Abgang von Davy Klaassen lebt der Konkurrenzkampf im Mittelfeld des SV Werder Bremen noch einmal neu auf: Hier streiten sich Maxi Eggestein (Mitte), Patrick Erras (l.) und Jean-Manuel Mbom um den Ball.

Wie gut ist das Werder-Mittelfeld?

Zerbrechliches Zentrum: Nach dem Davy-Klaassen-Transfer muss der SV Werder Bremen sein Mittelfeld komplett neu sortieren

Bremen – Bei einigen seiner alten Bremer Mitspieler hat Davy Klaassen durchaus für Irritationen gesorgt. Das Bild, mit dem er kürzlich seinen Wechsel von Werder Bremen zu Ajax Amsterdam bei Instagram feierte, zeigt ihn samt Trikot mit der Rückennummer 10 – nur ist es eben schon einige Jahre alt. Es stammt aus Klaassens erster Schaffensperiode bei Ajax. „Wow #10“ schrieb Werder-Profi Marco Friedl prompt ehrfürchtig unter das Foto. Klaassen, der bei Ajax ab sofort die Rückennummer 6 trägt, klärte den Ex-Kollegen umgehend auf: „#6 Brudi“.

Am Ende ja auch irgendwie egal, schließlich stehen beide Nummern im Fußball seit jeher für prägende Mittelfeldspieler, womit sich die wohl letzte Brücke von Klaassen zu Werder Bremen schlagen lässt: Nach seinem Weggang hat das Bremer Mittelfeld nominell nun keine prägende Figur mehr. Einen Nachfolger hat der Verein wegen fehlender Mittel bekanntlich nicht unter Vertrag genommen. Dadurch ist die Statik des ohnehin schon kriselnden Zentrums komplett ins Wanken geraten. Sie wieder zu stabilisieren, wird plötzlich zur Hauptaufgabe von Trainer Florian Kohfeldt. Er betont: „Wir haben im Mittelfeld nicht mehr diese Balance. Dass wir in diesem Bereich ein erhöhtes sportliches Risiko eingehen, ist unstrittig.“

Das weiß natürlich auch Frank Baumann, und der Sportchef macht das, was er nun mal machen muss: Er verkauft die prekäre Lage nach Außen hin so positiv, wie es eben geht. „Davys Qualität müssen wir jetzt anderweitig auffangen“, sagt er – und zählt auf: „Durch Teamgeist, durch eine andere Aufteilung auf dem Platz und durch Spieler, die vielleicht den einen oder anderen Fehler machen, die aber mit sehr viel Engagement an die Sache rangehen.“

Werder Bremen-Mittelfeld: Keine Frage der Quantität, sondern eine der Qualität?

Diese Spieler – zahlenmäßig sind es neun. Was für ein Mittelfeld, bestehend aus wahlweise drei oder vier verschiedenen Positionen quantitativ sicher nicht zu wenig ist. Es ist vielmehr die Frage nach der Qualität, die vielen Fans und Beobachtern derzeit Sorgen bereitet. Von den erwähnten neun Profis haben Ilia Gruev (20) und Romano Schmid (20) noch gar keine Bundesliga-Erfahrung gesammelt. Patrick Erras (25 Jahre, 19 Spiele), Nick Woltemade (18 Jahre, 6 Spiele) und Jean-Manuel Mbom (20 Jahre, 2 Spiele) bringen es auch nicht auf wahnsinnig viel mehr. Auf sie alle wird Werder Bremen ab sofort setzen, und das notgedrungen konsequenter, als es in der Vergangenheit bei jungen Profis in Bremen der Fall war. Kohfeldt spricht von „Potenzialspielern, auf die ich mich sehr freue“.

Optimistisch gesehen kann er das auch, denn natürlich kann die erzwungene Verjüngungskur bei Werder eine Chance sein, könnten sich ein bis zwei dieser Namen plötzlich mit guten Leistungen hervortun und fest ins Team spielen. So wie es Mbom bei seinen Einsätzen gegen Schalke und Bielefeld bereits angedeutet hatte. „Er hat ja gerade erst gezeigt, dass er in der Bundesliga spielen kann“, betont Baumann, für den der 20-Jährige als Positivbeispiel natürlich wie gerufen kommt. Die skeptischere Sichtweise auf Werder Bremens Mittelfeld überwiegt in der Öffentlichkeit derzeit aber stark: Wie soll das gehen? Wo doch das zerbrechliche Zentrum schon im Vorjahr eine Bremer Großbaustelle gewesen war, als unter anderem noch Namen wie Klaassen und Kevin Vogt auf dem Platz standen. Immerhin: Das Testspiel gegen St. Pauli (4:1) war vergangene Woche ein guter erster Auftritt ohne Klaassen.

Werder Bremen: Maxi Eggestein „muss jetzt nicht die ganze Last auf sich tragen“

Klar ist, dass dauerhaft ein anderer Spieler in die Rolle des Chefs der Zentrale wachsen muss, und im Grunde kommt dafür nur einer in Frage: Maximilian Eggestein (23 Jahre), über den Kohfeldt sagt: „Wir haben in ihm nur noch einen gestandenen defensiven Mittelfeldspieler.“ Neben Leonardo Bittencourt (26), Yuya Osako (30) und Kevin Möhwald (27) zählt Eggestein zum Quartett der erfahrenen Profis, die im Mittelfeld spielen können. Da Kevin Möhwald – trotz mehr als ansprechender Leistung im St. Pauli-Testspiel – nach seiner Knieverletzung noch Zeit brauchen wird, Osako kein Leader-Typ und Bittencourt kein Spielorganisator ist, bleibt die Rolle des Taktgebers an Eggestein hängen. „Wir sollten ihm nicht zu viel aufbürden“, warnt Kohfeldt – und stellt klar: „Er muss jetzt nicht die ganze Last von Werder Bremen tragen, auf gar keinen Fall.“

Dass er grundsätzlich ein Leistungsträger sein kann, hatte Eggestein in der Saison 2018/19 gezeigt, als er alle 34 Bundesligaspiele bestritt, fünf Tore schoss und fünf weitere vorbereitete – und sich bis in den Dunstkreis der Nationalmannschaft spielte. Damals allerdings, das sollte nicht verschwiegen werden, an der Seite von Kollegen wie Klaassen und Max Kruse. Heute dürfte die neue Führungsrolle ein ziemlicher Kraftakt für Eggestein werden, weil er nach einem schwachen Vorjahr selbst immer noch auf der Suche nach seiner Bestform ist.

Werder Bremen nach Davy Klaassen-Abgang: „Wir müssen die Erwartungen jetzt zurückschrauben“

„Wir werden Schwankungen haben, und wir haben eine schwierige Saison vor uns. Das wissen wir“, räumt Baumann ein, ehe er den Verzicht auf einen neuen Mann fürs Mittelfeld erneut rechtfertigt: „Wir wollten keinen Spieler holen, der ein ähnliches Niveau hat wie unsere jungen Spieler. Wir haben immer betont, dass wir etwas aufbauen wollen, und jetzt wollen wir Taten folgen lassen. Wir glauben an die Jungs.“ Allen im Verein und auch der Öffentlichkeit müsse aber bewusst sein, „dass wir unsere Erwartungen jetzt zurückschrauben müssen“, sagt Baumann. Florian Kohfeldt ergänzt: „Wir haben eine tolle Mannschaft, aber wir sollten uns auch im Klaren darüber sein, dass wir diese gestandene Qualität nicht mehr haben. Deshalb werden wir etwas Geduld brauchen.“

Junge Spieler entwickeln, sie besser machen – das ist seit einigen Jahren schon der von Werder Bremen verkündete Weg. Nachdem das letzte große Aufbäumen inklusive Rekordtransfer Klaassen und Europapokal-Ambitionen im Vorjahr krachend scheiterte und Corona den Verein an den Rand seiner Existenz führte, ist dieser Weg nun endgültig alternativlos geworden. Das Mittelfeld ist der erste Mannschaftsteil, in dem Werder dazu gezwungen ist, ihn zu gehen. (dco)

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