Werder-Torhüter Dieter Burdenski pariert einen Schuss.
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Torhüter Dieter Burdenski ist mit 444 Einsätzen bis heute Bundesliga-Rekordspieler des SV Werder Bremen. Nun wird der Ehrenspielführer 70 Jahre alt.

„Budde“ über seinen 70. und eine äußerst bewegte Karriere 

Werder-Legende Dieter Burdenski im Interview zum 70. Geburtstag: „Fußball ist meine große Liebe“

Bremen – Er ist mit Werder Bremen abgestiegen, aufgestiegen und Deutscher Meister geworden. Stand 16 Jahre lang für den Verein im Tor. War Rückhalt. Vorbild. Reizfigur. Und hat mehr Bundesliga-Spiele für Werder bestritten als jeder Profi vor und nach ihm: Dieter Burdenski. Am Donnerstag feiert die Bremer Legende ihren 70. Geburtstag.

Mit der DeichStube hat sich Dieter Burdenski vorab über besondere Zahlen, sein Leben mit dem Fußball und sein heutiges Verhältnis zum SV Werder Bremen unterhalten. 

Herr Burdenski, am Donnerstag feiern Sie ihren 70. Geburtstag. Was löst diese Zahl in Ihnen aus?

Ach, die Zahl bedeutet mir nicht viel, die blende ich aus. Entscheidend ist, wie ich drauf bin, wie der körperliche, seelische und geistige Zustand ist. Und damit bin ich absolut zufrieden. Der Blickwinkel ändert sich eben. Als ich 18 war, war ein 70-Jähriger für mich ein Methusalem. Heute weiß ich das Älterwerden und die damit verbundene Lebenserfahrung zu schätzen.

Wegen der Corona-Pandemie ist Feiern derzeit kaum möglich. Was haben Sie geplant?

Viel geht ja nicht, aber ich bin sowieso kein Mensch, für den ein Feuerwerk abgebrannt werden muss, nur weil er ein Jahr älter wird. Ich feiere in meinem Leben auch so schon genug. Da muss nicht extra ein Geburtstag her, damit Spaß und Freude aufkommen. Das größte Geschenk für mich ist, dass es meiner Familie gut geht. Mit dem, was ich habe, bin ich rundum zufrieden und glücklich. Ich habe so viel erlebt, so viele Dinge gesehen und gemacht – das Gefühl, etwas versäumt zu haben, kenne ich nicht.

Bleiben wir beim Thema „besondere Zahlen“. Mit 444 Einsätzen sind Sie bis heute Werders Bundesliga-Rekordspieler. Sind Sie stolz darauf?

Ja, denn es ist etwas Besonderes. Es war aber nie mein Ziel, diese Zahl unbedingt zu erreichen. Ich wollte einfach immer nur jedes Spiel spielen, immer und immer wieder. Etwas anderes gab es nicht für mich. Alles zusammengerechnet habe ich fast 1300 Spiele für den Verein gemacht. In jedem Dorf, in dem Werder mal gespielt hat, habe ich auch gespielt. Unvorstellbar eigentlich. Das gibt es heute nicht mehr.

16 Jahre lang, von 1972 bis 1988, standen Sie für Werder zwischen den Pfosten. Später waren Sie von 1997 bis 2005 Torwarttrainer – und sind bis heute verantwortlich für die Traditionsmannschaft sowie aufmerksamer Beobachter des Vereins. Ist Werder Bremen zur Liebe Ihres Lebens geworden?

Ja. Denn wenn man so viele Jahre für einen Verein aktiv ist, kann das gar nicht anders sein. Bremen als Stadt ist sympathisch. Ein bisschen Provinz, aber auch mit unglaublich viel Reiz. Und genauso ist es auch mit Werder. Ein ganz spezieller Verein.

Werder Bremen: Dieter Burdenski über Fehler, Ablösesummen und eine schlimme Verletzung

Welche drei Worte beschreiben diesen Verein am besten?

Sympathisch, familiär und (überlegt lange) harmonisch. Ja, ein Harmonieverein.

Dabei begann Ihre Zeit bei Werder alles andere als harmonisch. Kurz nachdem Sie 1972 von Arminia Bielefeld gekommen waren, haben Sie sich im Training das Bein gebrochen…

Ich war immer ein sehr ehrgeiziger Spieler, habe nie Urlaub gemacht, sondern wollte immer nur trainieren. Wir hatten kurz nach meinem Wechsel ein Ligapokalspiel bei meinem Ex-Verein Bielefeld, das haben wir 1:6 verloren. Da habe ich am nächsten Tag zu Trainer Sepp Piontek gesagt: „Keine Pause! Wir müssen gleich wieder auf den Trainingsplatz!“ Dort bin ich dann aus dem Nichts umgeknickt. Die Bänder waren gerissen, das Sprunggelenk und das Wadenbein gebrochen. Da hätte meine Karriere auch enden können. Nach einem Dreivierteljahr war ich aber zurück.

Dass Sie damals überhaupt zu Werder gewechselt sind, hing mit dem Bundesliga-Skandal zusammen, in dessen Folge Bielefeld im Sommer 1972 zwangsabsteigen musste. Sie hatten im Mai 1972 als erster Spieler überhaupt vor Gericht zugegeben, im Jahr zuvor – damals noch als Torhüter des FC Schalke 04 – 2 400 DM angenommen zu haben.

Ja, denn so war es ja auch. Wir haben mit Schalke damals gegen Bielefeld gespielt, aber ich hatte keine Ahnung davon, dass irgendetwas nicht stimmte. Eigentlich war ich für das Spiel auch gar nicht eingeplant. Ich bin erst anderthalb Stunden vor Anpfiff zum Stadion gekommen, weil Norbert Nigbur Knieprobleme hatte. Ich habe dann überragend gehalten, habe Bälle rausgeholt, die heute nicht mal Neuer halten würde. Mein einziger Fehler war, dass ich nach dem Spiel das Geld angenommen habe. Ich war damals 20 Jahre alt und habe mir nicht viel dabei gedacht.

Dieter Burdenski wirft auch heute noch einen kritischen Blick auf die Entwicklung seines SV Werder Bremen.

Wie ist im Sommer 1972 der Kontakt zu Werder zustande gekommen?

Der damalige Manager Hansi Wolf hat mich angesprochen. Werder hat damals 350.000 DM Ablöse für mich bezahlt, so viel wie noch nie zuvor in der Bundesliga für einen Torhüter gezahlt wurde.

Ist mit dem Wechsel zu Werder für Sie als gebürtiger Bremer ein Traum in Erfüllung gegangen?

Nein, nicht direkt. Als Bielefelds Zwangsabstieg feststand, hatte ich zunächst ein Angebot von Ajax Amsterdam, das ich annehmen wollte. Die Sache ist aber geplatzt, weil Ajax befürchtet hat, dass ich wegen des Bundesliga-Skandals noch gesperrt werden könnte, was dann nicht passiert ist. Mein erster Entschluss war, dann eben mit Bielefeld in die 2. Liga zu gehen. Ich hatte meinen Vertrag sogar schon verlängert. Als Werder ins Spiel kam, haben wir den Vertrag wieder aufgelöst.

Nach Ihrer Zeit als Werder-Profi haben Sie 1988 noch für ein Spiel bei AIK Stockholm ausgeholfen, 1990 folgte zudem kurzes Intermezzo bei Vitesse Arnheim und 2002 im Alter von 51 Jahren das bundesweit beachtete Ein-Spiel-Comeback für Werders Amateure in der Regionalliga. Warum konnten Sie nie vom Fußball lassen?

Der Fußball ist bis heute meine Berufung und meine große Liebe. Er ist das, was mein Leben positiv gestaltet. Ich habe mich vor 35 Jahren auch deswegen beruflich selbstständig gemacht: Um nach der Karriere als Profi das weitermachen zu können, von dem ich glaube, Ahnung zu haben und gut darin zu sein. Ich war damals der erste, der eine Fußballschule angeboten, der Trainingslager in der Türkei und in Andalusien organisiert, oder der vier Hallenturniere in einer Woche ausgerichtet hat. Meine Firmen betreibe ich bis heute.

Werder Bremen-Legende Dieter Burdenski: „Frank Baumann hat in den letzten zwei Jahren bei Transfers nicht glücklich agiert“

Wie sehr bekommen Sie die Corona-Krise wirtschaftlich zu spüren?

Da ich sehr viel in Veranstaltungen mache, spüre ich die Pandemie extrem. Viele Bereiche sind fast auf null runter, es laufen nur noch ganz wenige Dinge. Meine Mitarbeiter sind alle in Kurzarbeit, und ich hoffe, dass im nächsten Jahr so etwas wie Normalität zurückkehrt. Sonst wird es schwierig.

Seit Kurzem schreiben Sie eine Kolumne in der „Bild“-Zeitung, in der Sie Werder kritisch unter die Lupe nehmen. Wie sehen Sie ihre heutige Rolle gegenüber dem Verein?

Ich kritisiere den Verein nicht, um ihm wehzutun. Hin und wieder will ich nur auf gewisse Sachen hinweisen. Es sind ehrliche Einschätzungen, niemals unter der Gürtellinie. Meine Liebe zum Verein ist genauso groß wie immer. Aber manchmal ist auch meine Angst groß, dass der Verein nicht auf dem Weg ist, auf dem er sein könnte. Wenn ich zum Beispiel sage, dass Frank Baumann in den letzten zwei Jahren bei seinen Transfers nicht glücklich agiert hat, dann ist das meine ehrliche Meinung. Und genau die erwartet man von mir.

Wie stehen Sie dem Führungsduo Sportchef Baumann/Cheftrainer Kohfeldt gegenüber?

Ich habe zu Frank ein sehr freundschaftliches Verhältnis und schätze ihn menschlich sehr. Meine Kritik am Trainer aus der letzten Saison hatte den Grund, dass ich sehen wollte, dass es sportlich eine Verbesserung gibt. Das hat er hinbekommen, wie am Samstag in München gut zu sehen war. Er hat es geschafft, die Mannschaft wieder in einen besseren Zustand zu bringen. Deswegen hat er jetzt auch meine Rückendeckung. Momentan sehe ich Werder insgesamt positiv.  (dco)

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