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Auf Golfplätzen ist Dieter Zembski ziemlich oft zu finden, der Sport mit der kleinen Kugel hat ihn voll gepackt.

Der besondere Werder-Profi

Dieter Zembski: „Ich sah aus wie eine Leiche“

Dieter Zembski war Musiker durch und durch, doch die Bundeswehr machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Aber ausgerechnet dadurch landete er schließlich beim SV Werder und wurde Bundesliga-Profi. 

179 Spiele absolvierte Zembski für die Bremer von 1968 bis 1975 im Fußball-Oberhaus, anschließend folgten noch 122 für Eintracht Braunschweig. 1979 war die Karriere von heute auf morgen praktisch beendet. Wie es dazu kam, warum seine Band „Mushroams“ gut, aber nicht gut genug war, und was er heute macht, erzählt der 70-Jährige im Interview mit der DeichStube.

Herr Zembski, machen Sie noch Musik?

Dieter Zembski: Für sehr gute Freunde greife ich bei privaten Anlässen gerne zu meiner Gibson. Das macht mir Spaß, weil ich das Feedback sehe. Man sagt, dass ich eine Stimme habe, die nicht ganz normal ist. Rauchen, Whiskey, rostige Nägel über Jahre gepflegt . . . (lacht).

Warum spielen Sie nicht mehr in einer Band?

Zembski: Wir haben 1986 mit „Blax“ ein Comeback gestartet. Das ging bis 1996 und war gar nicht so erfolglos. Nach einer längeren Pause haben wir es dann noch einmal „unplugged“ versucht, also mit ganz kleiner Anlage. Aber je leiser du spielst, desto besser musst du sein. Wenn du dann ins fortgeschrittene Alter kommst, ist die Stimmkapazität nicht mehr so da, die Präzision auch nicht. Was wir uns vorgestellt haben, das haben wir nicht mehr erreicht.

Sie waren damals gleichzeitig Fußballer und Musiker – wie haben Sie das geschafft?

Zembski: Gar nicht! Nach einem halben Jahr sah ich aus wie eine Leiche. Deswegen habe ich in der A-Jugend bei Union Bremen mit dem Fußball aufgehört. Die Musik war mir wichtiger.

Hätten Sie damit auch Ihr Geld verdienen können?

Zembski: Haben wir ja, aber es war nicht so viel, dass man davon leben konnte. 1964 haben wir mit der Band „Mushroams“ so 140 Konzerte im Jahr gespielt. Aber wir haben auch festgestellt, dass wir eigentlich nur reproduzieren können. Wir waren nicht gut genug, um eigene Songs zu machen. Als Coverband waren wir klasse. Wir konnten die Hollys gut, auch die Stones. Die Beatles waren zu kompliziert. Die hatten 18 000 Griffe in einem Stück, die Stones sechs, die Hollys sieben – das war einfacher (lacht).

Sind Sie deshalb zurück zum Fußball?

Zembski: Nein. Alles änderte sich, als ich 1966 zur Bundeswehr kam. Am Abend vorher hatte ich mit langen Haaren vor 800 Leuten gespielt, am nächsten Tag war ich mit kurzen Haaren Karl Arsch bei der Bundeswehr in Itzehoe. Einen größeren Bruch im Leben gibt es nicht. Da hatte ich Tränen in den Augen. Aber so bin ich wieder zum Sport gekommen.

Wie wurde Werder auf Sie aufmerksam?

Zembski: Ich habe an den Wochenenden in Bremen bei Union gespielt. Sonntagmorgens um 11 Uhr, unser Platz war neben dem Weserstadion. Werder hatte zu dieser Zeit immer Sauna und Massage, anschließend haben sie bei uns zugeschaut. Der Geschäftsführer Hansi Wolf hat meinen Vater Franz gekannt. Von dem hatte ich geerbt, den Ball einigermaßen um die Ecke spielen zu können (lacht). Ich wurde zum Probetraining eingeladen und bekam dann meinen ersten Profivertrag. 1968 war das.

Wer war damals Trainer?

Zembski: Fritz Langner, der sogenannte Eisenfresser. Wenn du den überlebt hast, konnte dir im Leben nichts mehr passieren. Wir waren vier junge Leute. Nur Herbert Meyer und ich haben überlebt. Horst Bünting, Kapitän der Jugendnationalelf, und Ralf Faber aus Düren haben aufgegeben.

Was war so schlimm?

Zembski: Eine Schinderei hoch drei. Man kann sich nicht vorstellen, wie unterschiedlich Langner alte verdiente Spieler und junge Leute behandelt hat. Dass ich das überlebt habe, dafür bin ich dem lieben Gott dankbar. Ich habe damals noch zu Hause gewohnt. So viel Milch habe ich nie mehr getrunken und auch nicht so viele Steaks gegessen. Ich bin zeitweise mit geschlossenen Ohren durch die Gegend gefahren, weil der Kreislauf nicht mehr mitgemacht hat.

Ehemaliger Werder-Trainer Fritz Langner.

Also keine guten Erinnerungen an die Werder-Zeit?

Zembski: Es war schwer für mich. Ich war mit 21 der Jüngste in einer Mannschaft, deren Altersdurchschnitt bei 28 lag. Die konnten mit mir nichts anfangen. Ich hatte eine lange Matte, habe Musik gemacht. Der einzige, der mich sofort aufgenommen hat, war Pico Schütz: „Da ist dein Platz mein Junge, da sind deine Schuhe und dann geh’ raus und zeig, was du kannst!“ Diese Freundschaft hielt bis zu seinem Tode vor zwei Jahren! Zu fast allen anderen gab es einfach keine Berührungspunkte. Das soll nicht despektierlich klingen. Auf dem Platz waren alle gleich, alles super, alles sauber – aber neben dem Platz . . . Für die war ich ein Exot.

Sind Sie deshalb nach Braunschweig geflüchtet?

Zembski: Nein. Nach sieben Jahren war ich in den Vertragsverhandlungen der Meinung, dass ich nun ein gewisses Standing in der Bundesliga hatte. Da habe ich meine Gehaltsvorstellungen genannt. Die waren nicht überbordend, sondern realistisch. Sie wurden trotzdem dreimal abgelehnt.

Und dann?

Zembski: Ich hatte über Max Lorenz Verbindungen zu Eintracht Braunschweig. Und als mich Branco Zebec haben wollte, war das ein Ritterschlag für mich. Dem habe ich nachgegeben.

War es der richtige Schritt?

Zembski: Ich habe dort fünf Jahre gespielt und insgesamt acht Jahre gelebt, es war ein Traum.

Warum?

Zembski: Branco Zebec war der erste Trainer, der mit der Raumdeckung spielte – dazu brauchte er einen gestandenen Profi, der nicht für die Galerie, sondern für die Mannschaft spielt. Ich war quasi der erste Sechser, durfte aber nicht über die Mittellinie. Ich habe alles abgefangen, was sich offensiv eingeschaltet hat. Entscheidend für mich war, dass Trainer und Kollegen zufrieden waren. Was die Zuschauer gesagt haben, hat mich nicht so sehr interessiert. Es war übrigens die sportlich wesentlich erfolgreichere Zeit.

Dieter Zembski (re.) mit ehem. Bremer Kollegen Per Roentved am 07.05.1977 im Spiel Eintracht Brauschweig gegen Werder Bremen 0:1

Nur Fußball war Ihnen offenbar zu wenig – oder warum haben Sie auch noch über Ihren Club geschrieben?

Zembski: Als Profi hast du ja Zeit genug, wenn sich der Körper an die Belastung gewöhnt hat. Du kannst dann entweder Kaffee trinken oder arbeiten. Mein Freund Bernd Gersdorff und ich haben uns für das Arbeiten entschieden. Wir haben ein neues Stadionprogramm „Eintracht aktuell“ herausgebracht. Bernd war der „Macher“, ich der „Kreative“. Ich hatte Schriftsetzer bei den Bremer Nachrichten gelernt. „Eintracht aktuell“ war ein Stadionprogramm, das deutschlandweit hoch angesehen war.

Sie haben es 1971 bis in die Nationalmannschaft geschafft, aber nur einmal gespielt, warum?

Zembski: Wer damals bei Werder war, hatte keine große Lobby. Da gab es die Bayern mit Beckenbauer, die Gladbacher mit Netzer, die Kölner mit Overath. Ich hatte Glück, einmal reinzurutschen – beim 5:0 gegen Mexiko bin ich in Hannover für Berti Vogts eingewechselt worden.

Und wie war es?

Zembski: Da ist ein Kindheitstraum für mich in Erfüllung gegangen. Und ich werde nie vergessen, wie toll sich Franz Beckenbauer verhalten hat. „Pass auf mein Junge“, hat er zu mir gesagt, „wenn du nicht mehr weißt, wohin mit dem Ball, dann spiel’ ihn zu mir, ich löse dein Problem.“ Damit hat er mir jegliche Scheu genommen.

1979 war Ihre Karriere dann auf einen Schlag beendet, warum?

Zembski: Achillessehnenanriss. In der Halbzeit habe ich noch eine Spritze bekommen, weil ich unbedingt weiterspielen wollte. Ein Sprint, und das war es dann. Das Bild, wie der Zembski traurig vom Platz schleicht, habe ich zu Hause. Dann machst du Reha, bist 33, dein Vertrag läuft aus – da machst du dir Gedanken.

Mit welchem Ergebnis?

Zembski: Entweder die Selbstständigkeit, das Stadionheft ausbauen oder etwas Neues beginnen. Meine Freunde Uwe Seeler und Max Lorenz haben dann die Verbindung zu adidas hergestellt – dort war ich 27 Jahre. Die Jahre nach der Profi-Zeit mit der Uwe-Seeler-Mannschaft möchte ich auch nicht missen.

Was machen Sie heute?

Zembski: Ich bin Rentner. Soll ich etwa mit 70 noch ackern (lacht)? Aber natürlich mache ich noch etwas nebenbei. Meine Gitarre rostet nicht ein, ich schreibe für Braunschweiger Zeitungen, gestalte Einladungen für Freunde und leite ein Fußball-Ferien-Camp für Kinder und noch einiges anderes.

Verfolgen Sie Werder?

Zembski: Natürlich. Ich hoffe auf einen Platz im Mittelfeld, ohne Abstiegsangst.

Welche aktuelle Musik gefällt Ihnen?

Zembski: Ich liebe Coldplay, ich mag die Art der Singer-Song-Writer mittlerweile. Gitarre und Stimme, nackter und ehrlicher geht es nicht. Da singt dann einer in einer Form, die wir früher so nicht kannten. Diese Musik fasziniert mich.

Eintracht Braunschweig gegen Werder Bremen 0:0 am 30.11.1974. Werder Spieler v.l.: Horst-Dieter Hoettges, Dieter Zembski und Rudi Assauer. Li. Franz Merkhoffer.

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