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Dirk Gieselmann schreibt für die DeichStube über sein Leben als Werder-Fan.

Dirk am Deich

„Aber wir halten immer zusammen“

Von Dirk Gieselmann. Hoffnung: Das solle das Thema der nächsten Kolumne über Werder Bremen sein, sagte der freundliche Redakteur neulich am Telefon, ein zuversichtlicher Ausblick ins kommende Jahr. Ich verstand sein Anliegen sofort. Natürlich möchten die Leute in diesen Tagen nicht lesen, dass das neue Jahr genauso finster aussehen wird wie das alte.

Meine Aufgabe ist es, ein Lichtlein anzuknipsen in diesem dunklen Raum, den wir gemeinhin Tabellenkeller nennen. Seht nur, Freunde, da vorn ist eine Treppe! Wir können sie hinaufgehen, wenn wir nur wollen. Folgt mir hinauf ins gesicherte Mittelfeld!

Aber auch als Kolumnist kann ich mich nicht freimachen von den Gebrechen des Fans, der ich nun mal bin: Ich war ja selbst gerade eben, kurz vor dem Telefonat mit dem freundlichen Redakteur, beim katastrophalen 0:5 gegen Mainz, kopfüber diese Treppe hinabgestürzt. Zerschmettert und wimmernd lag ich jetzt auf dem Kellerboden, zwischen Bananenkartons voller schmerzlicher Erinnerungen an bessere Zeiten, und von irgendwo aus den unheimlichen Gewölben hörte ich Aad de Mos und das Abstiegsgespenst ein zynisches Lied grölen.

Werder Bremen: „Nach dem Spiel gegen Köln sieht die Welt schon wieder anders aus“

„Hoffnung?“, sagte ich also zum freundlichen Redakteur, als hätte ich dieses Wort zum ersten Mal vernommen und sei mir seine Bedeutung vollkommen unbekannt. „Naja“, sagte er milde, „warten wir mal das Spiel gegen Köln ab. Danach sieht die Welt bestimmt schon ganz anders aus.“ Er klang dabei wie meine Mutter, die früher an verregneten Ferientagen, wenn wir frierend im Strandkorb saßen, zu sagen pflegte: „Da hinten wird der Himmel schon wieder blau.“ Dass das eine redliche Lüge war, wussten wir alle, aber sie gab uns ein bisschen Halt. Ich sagte „in Ordnung“ zum freundlichen Redakteur und wartete, weil ich ohnehin keine andere Wahl hatte, das Spiel gegen Köln ab.

Nun ist es ja so, dass man als Fan, wenn man ein Spiel live im Stadion oder auch am Fernseher verfolgt, sich immer wieder der Illusion hingibt, man könne dessen Ausgang irgendwie aktiv beeinflussen. Es sei möglich, durch eine Art magischen Denkens den Ball ins gegnerische Tor zu tragen oder wenigstens vom eigenen fern zu halten. An jenem 17. Spieltag aber sah ich mich dazu rein kräftemäßig außer Stande. Ich entschloss mich deshalb, mir die Partie in der „Sportschau“ anzusehen, also erst dann, wenn sich das Schicksal des SV Werder Bremen auch durch meine Stoßgebete nicht mehr abändern ließe, wenn es zu spät wäre, so oder so. Ich schaltete mein Mobiltelefon aus, um nicht durch Pushmeldungen oder Kurznachrichten verzweifelter Freunde über das Resultat in Kenntnis gesetzt zu werden, und ging ziellos spazieren.

Werder Bremen: Der traurigste Fan in der Geschichte der Menschheit spendet Hoffnung

Gegen 18 Uhr jedoch, als ich mich gerade auf dem Heimweg befand, sah ich in einer Parallelstraße im schmutzig gelben Licht der Laternen einen Mann mit Werder-Schal und Werder-Hut sein Fahrrad abschließen. Schon an der bleiernen Melancholie der Bewegungen, mit denen er es tat, erkannte ich, dass Werder verloren hatte: Ja, noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte jemand trauriger ein Fahrrad abgeschlossen als dieser Mann. Er schloss es ab, als sei ihm vollkommen egal, ob es ihm gestohlen würde, als sei ihm alles egal auf dieser Welt, weil sein geliebter SV Werder schon wieder verloren hatte, diesmal in Köln. Der Mann tat mir leid, alle, die wir Werder lieben, taten mir leid, unfassbar leid.

Ich ging zu ihm und stellte die Frage, die sich längst erübrigt hatte: „Und?“ Er sah mich aus ozeantiefen Augen an, als hätte seine Frau ihn verlassen, und sagte: „Verloren.“ Dann gab er mir seine Hand, ich gab ihm meine, wie zum Schwur, und er legte seinen Kopf an meine Schulter. Ich roch seinen leichten Bieratem, aber das war nicht schlimm. Es war etwas zwischen uns, das stärker war als alles Abstoßende. Ich weiß nicht, ob eine halbe Minute verstrich oder eine halbe Stunde, bis der Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, schließlich zu mir sagte, ganz dicht an meinem Ohr: „Aber wir halten immer zusammen, oder?“ Ich sagte: „Auf jeden Fall.“ Und der Mann sagte: „Dann ist gut.“

Mehr Hoffnung habe ich nicht. Aber auch nicht weniger. Vielleicht reicht sie, um ein Lichtlein anzuknipsen in einem dunklen Raum. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der Deichstube und dem glorreichen SV Werder ein frohes neues Jahr und den Klassenerhalt.

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