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Dixie Dörner war von Januar 1996 bis August 1997 Trainer von Werder Bremen. Heute sitzt der 68-Jährige im Aufsichtsrat von Dynamo Dresden.

Ex-DDR-Star zum Tag der Deutschen Einheit

Ex-Werder-Trainer Dixie Dörner im Interview: „Wir standen unter Beobachtung“

Bremen – Zugegeben: Besonders erfolgreich war seine Amtszeit bei Werder Bremen nicht. Nach nur 66 Spielen wurde Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner im August 1997 schon wieder entlassen. Und dennoch: Das Engagement des Trainers aus dem sächsischen Görlitz hat deutsche Fußball-Geschichte geschrieben.

Dixie Dörner war damals der erste Übungsleiter aus der ehemaligen DDR, der in der Bundesliga arbeitete. Passend zum Tag der Deutschen Einheit hat sich der 68-Jährige, der in Dresden lebt, mit der DeichStube über 30 Jahre Mauerfall, seine Stasi-Akte und einen ganz speziellen „Dixie-Dörner-Song“ zu Zeiten bei Werder Bremen unterhalten.

Herr Dörner, wie haben Sie den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt?

Ich war zu Hause in Dresden und habe die Bilder mit meiner Familie zusammen im Fernsehen gesehen. Der Fernseher lief zufällig. Dann kam die Meldung, dass in Berlin die Mauer aufgemacht wird, und schon saßen wir alle wie gebannt davor.

Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Am Anfang konnte ich es gar nicht glauben. Ich dachte, dass es eine Fehlmeldung ist. Als es dann bestätigt wurde, habe ich mich sehr gefreut, dass es endlich so weit ist und dass alles friedlich zugegangen ist. Es gab ja im Vorfeld die ganzen Demonstrationen, unter anderem auch in Dresden. Das Ganze hatte sich schon über ein, zwei Jahre hinweg angedeutet.

Wie haben Sie den Abend weiter verbracht?

Ganz normal und entspannt. Ich bin irgendwann ins Bett und am nächsten Tag zur Arbeit gegangen.

Sie waren damals Trainer der DDR-Olympia-Auswahl. Es muss Sie doch beunruhigt haben, plötzlich nicht mehr zu wissen, wie es weitergeht.

Das wusste ja damals niemand auf Anhieb, auch die andere Seite nicht. Keiner konnte absehen, ob die Vereinigung der beiden Fußballverbände überhaupt stattfindet. Das Kuriose war ja, dass beide deutschen Teams bei der Auslosung zur Qualifikation für die Europameisterschaft 1992 in eine Gruppe gelost wurden. Das war schon spannend. Am Ende kam es dann ja nicht mehr zu den Spielen.

Sie wurden 1951 im sächsischen Görlitz geboren. Was haben Sie für Erinnerungen an das Leben in der DDR?

Ich konnte mich nicht beklagen, hatte eine schöne Kindheit. Mein Vater war mein erster Trainer bei der BSG Energie Görlitz. Er hat das nebenberuflich gemacht. Gearbeitet hat er tagsüber bei der Energieversorgung. Später ging es für mich in Dresden weiter. Als Fußballspieler gab es für mich sicherlich einen besonderen Status. Ich bin mit Dynamo und der Nationalmannschaft ins Ausland gereist und habe dadurch viele Vorteile gehabt. Insofern kann ich über das Leben in der DDR für mich persönlich nichts Schlechtes sagen.

Im Trikot der DDR bestritt Dixie Dörner 100 A-Länderspiele. 1976 gewann er mit der Mannschaft die Olympische Goldmedaille. Als Trainer wechselte er später in den Westen – zu Werder Bremen.

Dixie Dörner erinnert sich: Stasi nimmt Spieler am Flughafen fest

Einige Ihrer Mitspieler haben die Auslandsreisen mit der Mannschaft für Fluchtversuche genutzt...

Ja, das habe ich hautnah miterlebt. Im März 1986 haben wir mit Dresden im Europapokal in Uerdingen gespielt, und danach hat uns Frank Lippmann verlassen. Er ist nachts aus dem Hotel abgehauen und von irgendjemandem abgeholt worden. Das Schlimmste daran war, dass die, die zurückgefahren sind, den größeren Ärger hatten als der, der abgehauen war. Wir standen unter besonderer Beobachtung und mussten erklären, wie das passieren konnte. Ich erinnere mich auch noch gut an die Szenen am Flughafen 1981.

Erzählen Sie.

Wir waren mit der Nationalmannschaft auf dem Weg zu einer Länderspielreise nach Argentinien, als die Stasi kurz vor dem Abflug drei unserer Spieler am Flughafen Berlin-Schönefeld festgenommen hat. Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller, alle drei genau wie ich von Dynamo Dresden. Die Stasi hatte vermutet, dass sie republikflüchtig werden könnten und hat sie aus dem Verkehr gezogen. Das war in der Mannschaft natürlich ein großes Thema. Und für Dynamo war es traurig, weil die drei danach vom Verein ausgeschlossen wurden und nicht mehr spielen durften.

Haben Sie niemals über eine Flucht nachgedacht?

Es gab den einen oder anderen Kontakt, aber für mich war es letztlich kein Thema. Ich war verheiratet, hatte zu dem Zeitpunkt zwei Kinder. Das kam für mich nicht infrage, weil man nie wissen konnte, was anschließend mit der Familie passiert.

Haben Sie sich beobachtet gefühlt?

Ja, denn ich wusste, dass viele Leute unterwegs sind, in der Stadt, oder auch auf unseren Reisen. Man kannte die irgendwann. Im Großen und Ganzen hat mich das aber nicht berührt. Ich bin nie unruhig geworden.

Ihr Name taucht in alten Stasi-Berichten über Wohnungsdurchsuchungen auf. Es heißt, sie sollten „Besuch“ bekommen, nachdem ihrer Tochter der Schlüssel aus dem Schulranzen gestohlen und alle Familienmitglieder weggelockt waren. Letztlich soll die Aktion gescheitert sein, weil die Stasi den Großvater vergessen hatte, der noch ihm Ohrensessel saß, als die Eindringlinge kamen.

(lacht) Ja, die Geschichte kenne ich auch. Ich habe davon damals nichts mitbekommen, was ja wohl auch der Sinn der Aktion war. Mir ist es aber von mehreren Seiten berichtet worden, also muss es so gewesen sein.

Dixie Dörner bei Werder Bremen: Erster Bundesliga-Trainer, der aus der DDR stammt

Hat die Stasi mal versucht, Sie anzuwerben?

Nein, das ist nie passiert.

Haben Sie sich Ihre Stasi-Akte denn inzwischen mal angesehen?

Nein, das habe ich bewusst vermieden, und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass ich in Ruhe weiterleben möchte. Wenn ich die Akte lese, wäre ich über einige Dinge sicherlich sehr erschrocken, und das will ich mir nicht antun.

Bis zum Mauerfall waren Sie als Trainer für die DDR-Olympia-Auswahl verantwortlich. Danach sind Sie schnell beim DFB untergekommen. Wie lief das ab?

Ich hatte damals ein bisschen Glück. 1990 war ich bei der WM in Italien noch als Beobachter vom Fußballverband der DDR. Da hatte ich Kontakt mit Berti Vogts, und es kam die Frage, ob ich nach einem möglichen Zusammenschluss der Verbände im DFB mitarbeiten würde. Ich war dann U17- und U18-Trainer und bei der U21 Co-Trainer von Hannes Löhr.

Bis 1996 waren Sie DFB-Nachwuchstrainer. Dann kam das Angebot von Werder Bremen, und Sie wurden zum ersten Bundesliga-Trainer, der aus der DDR stammt.

Das war mir damals gar nicht bewusst. Ich habe den Job in Bremen einfach als sehr große Chance begriffen.

Wie kam der Kontakt zu Werder zustande?

Ich war bei einem Trainerlehrgang in Hennef und bin von Berti Vogts angerufen worden. Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Werder zu übernehmen. Franz Böhmert (Werders damaliger Präsident, Anm. d. Red.) hatte zuvor bei Berti vorgefühlt und mit ihm darüber gesprochen. Die beiden haben die Sache ins Rollen gebracht. Für mich war das sehr attraktiv. Werder war ja unabhängig vom damaligen Tabellenplatz eine große Mannschaft in Deutschland. Da bin ich gerne in den Westen gezogen. Während meiner Zeit beim DFB hatte ich weiter in Dresden gewohnt.

Als Sie in Bremen anfingen, wurde Ihnen schnell ein Lied gewidmet. „Am Tag, als Dixie Dörner kam“ auf die Melodie von „Der Tag, als Connie Cramer starb“...

(lacht) Ja, das habe ich noch im Ohr. Da ging es um eine Viererkette, die in der Weser lag. Ich habe dafür wieder mit Libero spielen lassen. Das war eben noch eine ganz andere Zeit im Fußball.

Dixie Dörner wurde nach nur 66 Pflichtspielen als Trainer bei Werder Bremen entlassen.

Dixie Dörner hat Wechsel zu Werder Bremen nie bereut

Nach nur 66 Pflichtspielen wurden Sie im August 1997 schon wieder entlassen. Warum hat es nicht geklappt mit Ihnen und Werder?

Heute ist es im Fußball zwar schlimmer, aber auch damals hatte man nicht die nötige Geduld, um in Bremen in aller Ruhe etwas Neues aufzubauen. Für mich war es trotzdem eine wunderbare Zeit, in der ich viel gelernt habe. Ich habe bei Werder mit sehr guten Leuten wie zum Beispiel Willi Lemke zusammengearbeitet. Auch Spieler wie Mirko Votava und Marco Bode sind mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Den Wechsel habe ich nie bereut.

Sie haben damals beide Seiten erlebt. Was denken Sie heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall: Gibt es die Unterscheidung zwischen Ost und West in den Köpfen der Deutschen noch?

Die gibt es auf jeden Fall noch! Es ist nicht so einfach, alles in eine einheitliche Linie zu bekommen. Man muss sich ja nur mal die Arbeitsverhältnisse ansehen. Hier ist nach der Wende alles zusammengefallen. Wirtschaftlich ging alles nach unten. Jetzt versucht man, das eine oder andere wieder in die richten Bahnen zu lenken. Auch im Fußball ist viel kaputtgegangen. Daran haben die Ostvereine bis heute zu knabbern.

Meinen Sie den großen Ausverkauf der Ost-Stars, die nach dem Mauerfall reihenweise in den Westen gewechselt sind?

Ja, unter anderem. Das ging mit Andreas Thom los. Es war klar, dass die Vereine aus dem Westen versuchen, die besten Spieler wegzuholen. Ich habe das in Dresden erlebt. Hier hat man auf einen Schlag fünf Spieler weggekauft, darunter Matthias Sammer und Ulf Kirsten.

Gibt es Momente, in denen Sie die DDR vermissen?

Also zu den Leuten, die sich die DDR zurückwünschen, zähle ich gewiss nicht. Mir fehlt die DDR nicht. Für mich sind die letzten 30 Jahre, die ich erlebt habe, etwas, das ich nicht missen möchte.

Sie waren der erfolgreichste Fußballer der DDR. Bedeutet Ihnen das etwas?

Ja. Weil es zeigt, dass man etwas erreichen kann, wenn man hart dafür trainiert. Das gilt für jede Mannschaft und jedes Land. Und da spielt eine Mauer keine Rolle. (dco)

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