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Werders Kader-Planer Tim Steidten.

So wurde Pavlenka entdeckt

Eine Frage der Technik

Bremen - Irgendwann stand der Name einfach da, schwarz auf weiß und ziemlich weit oben, doch wissen, was für ein Volltreffer sich dahinter verbirgt, konnte in Werder Bremens Scouting-Abteilung zu diesem Zeitpunkt niemand.

Zunächst war es bloß ein Name auf dem Monitor. Werder beobachte den Spieler daraufhin, vor Ort, intensiv und mehrfach – und die Einschätzung des Computers wurde dadurch bestätigt: Dieser Jiri Pavlenka ist genau der Torhüter, nach dem der Verein sucht. „Bei Jiri war es so, dass der erste Impuls über die Daten kam“, sagt Kaderplaner Tim Steidten über den Mann, der direkt nach seiner Verpflichtung im Sommer 2017 zu einem der besten Torhüter der Bundesliga avancierte – und auf den Werder ohne ein ganz spezielles Computerprogramm vielleicht niemals aufmerksam geworden wäre.

Am Anfang der Geschichte steht eine schlichte Anfrage, eine E-Mail, die Tim Steidten vor etwa anderthalb Jahren erreichte. Das Bremer Unternehmen „Just Add AI“ (JAAI) bot dem Kaderplaner darin eine Zusammenarbeit an, und für Steidten klang das durchaus interessant. Er lud den Geschäftsführer Roland Becker für ein Gespräch ins Weserstadion ein – „und wir haben schnell die Vision gehabt, dass wir gemeinsam etwas Innovatives entwickeln wollen.“ Herausgekommen ist ein Programm, eine große Datenbank, noch hat sie keinen Namen, mit der Werders Scouting-Abteilung seitdem täglich arbeitet.

Pavlenka tauchte in der Datenbank auf

In einem ersten Schritt haben Sportchef Frank Baumann, Trainer Florian Kohfeldt, Kaderplaner Steidten sowie einige Mitglieder der Scouting-, Analyse- und Athletikabteilung Profile erstellt, für jede Position auf dem Platz. Darin enthalten die Anforderungen, die, sagen wir, ein neuer Linksverteidiger mitbringen muss, damit er für Werder interessant ist. „Diese Profile geben wir dann in unsere Datenbanken ein“, erklärt Steidten. Zum einen verwaltet Werder eine eigene, mit Spielern, die die Scouts des Vereins schon live gesehen haben. Zum anderen nutzt der Club nun die neue von JAAI. Darin werden unzählige Daten von Spielern aus der ganzen Welt gesammelt, bereitgestellt von Werders Partnern „Opta Sports“ und „Impact“. „Fällt dann in diesen Rastern etwas auf, gibt uns das Programm eine Info“, erklärt Steidten. Wie im Fall von Jiri Pavlenka.

Werder-Keeper Jiri Pavlenka im Spiel gegen Borussia Dortmund.

„Durch seine Daten sind wir darauf aufmerksam geworden, dass er ein Torhüter ist, der genau in unser Profil passt“, erklärt Steidten, für dessen Scouting-Team die Arbeit damit aber erst begann. Werder forderte weitere, detailliertere Daten an, sichtete Videos von Pavlenka und beobachtete den Tschechen mehrfach live im Trikot seines Clubs Slavia Prag. Im Juni 2017 unterschrieb Pavlenka dann einen Vertrag in Bremen, den der 26-Jährige nach bärenstarken Leistungen inzwischen langfristig verlängert hat.

So gesehen ist Werders Vorstoß in die Daten-Welt bisher eine Erfolgsgeschichte, das weiß natürlich auch Steidten. Einen zu großen Stellenwert beimessen, möchte er dem neuen Instrument aber trotzdem nicht: „Ich sehe das Programm als unterstützend an. Es geht darum, dass wir uns in diesem Bereich optimieren wollen, aber wir verlassen uns nicht nur darauf. Das menschliche Auge ist am Ende das Entscheidende.“

Weiche Faktoren werden noch nicht erfasst

Werder geht es bei der möglichen Verpflichtung eines Spielers nicht nur um reine Leistungswerte, sondern auch um weiche Faktoren, die das Programm (noch) nicht erfasst. Was hat der Spieler für einen Charakter? Wie geht er mit Niederlagen um? Und wie funktioniert er innerhalb eines Teams? „Wenn ich live im Stadion bin, komme ich zum Beispiel früher, weil für mich auch das Verhalten des Spielers während des Aufwärmens interessant ist“, sagt Steidten. Missen möchte er das Daten-Scouting aber nicht mehr. „Die richtige Mischung aus beidem macht es aus.“

Sportchef Frank Baumann und Kader-Planer Tim Steidten beobachten das Werder-Training.

In der Vergangenheit war der 39-Jährige mehrfach in den USA, um beim New York FC und bei den Seattle Sounders, für die Steidten früher selbst aktiv war, zu hospitieren. „Was die Arbeit mit Daten angeht, sind die USA auf jeden Fall ein Vorbild“, betont er. Ein Vorbild, dem Werder nacheifert, denn die Entwicklung des Daten-Scoutings sieht Steidten in Bremen noch lange nicht am Ende angelangt.

Künstliche Intelligenz soll Vorschläge ableiten

Neben der PC-Version soll es demnächst eine App des neuen Programms geben, damit die Scouts auch unterwegs problemlos darauf zugreifen können. Auch die Analyse und Prognose von Marktwerten könnte eines Tages in die Anwendung eingespeist werden. Dank künstlicher Intelligenz soll sich der Computer dann irgendwann die Entscheidungen der Bremer merken und daraus neue Spieler-Vorschläge ableiten. „Wir sind gerade noch in einer Findungsphase, wo wir für uns festlegen müssen, mit welchen Daten wir arbeiten und was wir alles aus ihnen herausziehen wollen“, erklärt Steidten.

„Bei Claudio Pizarro brauchten wir keine Daten“

Dass Werder einen Transfer abschließt, ohne vorher die Daten des betreffenden Spielers zu Rate gezogen zu haben, komme übrigens nicht mehr vor. Aber nicht immer sind die Zahlen und Statistiken gleichermaßen von Bedeutung. „Bei Claudio Pizarro brauchten wir keine Daten, weil wir ihn schon so lange kennen“, sagt Steidten – und fügt mit einem Schmunzeln an: „Das Alter von 39 Jahren stand jedenfalls nicht in unserem gesuchten Profil für einen neuen Stürmer.“

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