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Einer für alle, alle für einen: In Werders Kader ist der Zusammenhalt derzeit enorm groß.

Führungsspieler ohne Murren auf Ersatzbank

Einheit geht vor Eitelkeit

Bremen - Auch Philipp Bargfrede kennt die Situation, meist passiert es unter vier Augen, und schön ist es nie. Wenn der Trainer einem Spieler mitteilt, dass er ihn nicht für die Startelf einplant, dann ist das durchaus ein schwieriger Moment.

„Man sagt nicht gerade: Alles klar, danke, sitze ich eben auf der Bank“, berichtete Bargfrede und hielt fest: „Kein Spieler bei uns ist davon begeistert und bricht in Jubel aus.“ So weit, so nachvollziehbar, doch was folgte, sorgte für einen ziemlich guten Eindruck davon, wie diese Werder-Mannschaft momentan tickt. Bargfrede sagte: „Bei uns gehen alle gut damit um, wenn sie mal auf die Bank müssen, weil alle das große Ganze sehen. Wichtig ist doch, dass wir als Team Erfolg haben.“ Das haben die Bremer momentan – auch und vor allem, weil es unter Trainer Florian Kohfeldt keine persönlichen Eitelkeiten gibt.

Kohfeldt kann auf Spielverlauf reagieren

Dieses Mal erwischte es also Thomas Delaney, zuvor in 20 von 21 Saisonspielen in der ersten Elf – gegen Wolfsburg plötzlich nicht mehr. Das war kurz vor Beginn des Bremer Heimspiels am Sonntagabend schon eine kleine bis mittelschwere Überraschung. Zumindest sorgte es für Gesprächsstoff. „Wir wollten mit unseren beiden Achtern aggressiv gegen die beiden Wolfsburger Sechser spielen“, erklärte Kohfeldt im Nachgang und lieferte die Erklärung, warum er sich dabei zunächst gegen Delaney entschieden hatte, direkt hinterher:

„Es war klar, dass unsere Achter viel laufen müssen. Zudem war die Wahrscheinlichkeit, dass Bargi 90 Minuten spielen kann, nicht so hoch.“ Delaney übernahm also die Funktion des dreifachen Backups – entweder für Zlatko Junuzovic oder Maximilian Eggestein, oder eben für Sechser Philipp Bargfrede, für den er in der 57. Minute ins Spiel kam. „Ich hatte das Privileg, dass wir von der Bank optimal auf den jeweiligen Spielverlauf reagieren konnten“, freute sich Kohfeldt, der Delaneys Beitrag zum wichtigen 3:1-Erfolg als „riesengroß“ einstufte.

Thomas Delaney musste gegen den VfL Wolfsburg zunächst auf der Bank Platz nehmen.

In der Tat fügte sich der Däne nahtlos ein und half dabei mit, dass Werder die zu Beginn der zweiten Hälfte verlorene Dominanz nach und nach zurückgewann. Seine beste Szene war eine spektakuläre Rettungstat bei einem Malli-Schuss (68.). „Das war ja schon wie selbst ein Tor zu schießen“, sagte Kohfeldt. Am Ende hatte Delaney nicht nur ein gutes Spiel gemacht, sondern war das nächste Werder-Gesicht, das stellvertretend für das gute Klima im Kader steht.

Beim Auswärtsspiel auf Schalke (2:1) hatte Kohfeldt gar seinen Kapitän Junuzovic nur auf die Bank gesetzt, um ihn dann in der 70. Minute für Jerome Gondorf ins Spiel zu bringen. In der Nachspielzeit wurde Junuzovic durch den Siegtreffer bekanntlich zum Helden des Tages. Nur drei Tage später – während des Pokalspiels in Leverkusen (2:4) – blieb Gondorf komplett draußen, dafür rückte Florian Kainz, der gegen Schalke nicht gespielt hatte, wieder ins Team und zeigte einen starken Auftritt, den er am Sonntag gegen Wolfsburg mit zwei Toren mehr als bestätigte. „Wir führen viele Gespräche mit den Jungs“, sagte Kohfeldt am Sonntagabend und meinte mit „wir“ neben sich selbst seine Co-Trainer Thomas Horsch und Tim Borowski sowie Torwarttrainer Christian Vander. Kohfeldt betonte: „Es ist wichtig, dass niemand beleidigt ist, sondern glänzt, wenn er spielt.“

Kein Personenkult: Jeder ist nur dann gut, wenn das Team gut ist

Generell setzt Werders Coach auf Kommunikation, weil er sich davon einen Lerneffekt verspricht. „Ich möchte nicht, dass ein Spieler von A nach B läuft, nur weil ich es sage, sondern dass er es tut, weil er versteht, warum es wichtig ist“, erklärte der 35-Jährige. Bei seinen Personalentscheidungen ist es nicht anders. Dass Kohfeldt selbst gar nicht so viel Lob für die guten Bremer Leistungen in den vergangenen Wochen haben will („Da steuert sich die Mannschaft auch selbst“), unterstreicht nur das Grundprinzip: Personenkult gibt es an der Weser nicht. Jeder ist nur dann gut, wenn das Team gut ist. Und dazu kann man auch seinen Teil beitragen, wenn man nicht von Beginn an auf dem Platz steht.

Philipp Bargfrede nannte es am Tag nach dem Sieg gegen Wolfsburg „ein gutes Zeichen“, dass auch die Leistungsträger mal draußen sitzen. „So haben wir Optionen, die uns in den letzten Minuten des Spiels helfen.“ Sobald ein Spieler das merkt, ist vermutlich auch das nächste „Vier-Augen-du-spielst-heute-nicht“-Gespräch mit dem Trainer nicht mehr ganz so unangenehm. Kohfeldt setzt auf diesen Effekt, drückt es allerdings etwas anders aus: „Wir Trainer geben die Richtlinien vor, aber dann wollen wir darüber sprechen, wollen die Kommunikation. Daraus entsteht am Ende Verständnis.“ Und das macht Werder momentan stark.

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