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Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, spricht im Interview über Werder Bremen und den Abstiegskampf.

Eintracht-Boss vor dem „Doppelpack“

Fredi Bobic im Interview zu Werders Abstiegskampf: „Das ist existenzieller Druck“

Frankfurt – Fredi Bobic eilt mit Eintracht Frankfurt von Spiel zu Spiel, ist dabei auch international unterwegs. Doch den Sportvorstand der Hessen stresst das nicht, es macht ihm Spaß. Vor den beiden Duellen mit dem SV Werder Bremen in der Bundesliga am Sonntag und am Mittwoch darauf im DFB-Pokal-Viertelfinale nahm sich der 48-Jährige auch noch Zeit für ein Interview mit der DeichStube.

Fredi Bobic lobte dabei Werder-Coach Florian Kohfeldt, den er vor dem Hinspiel noch etwas kritisiert hatte.

Haben Sie die Niederlage im Montagsspiel gegen Union Berlin schon verdaut, Fredi Bobic?

So ist Fußball eben, das weiß ich, daher habe ich es schon abgehakt. Wir haben die Berliner eingeladen, ihnen zwei Geschenke gemacht, die sie dankend angenommen haben. Sie hatten keinen Torschuss bis zu dem Zeitpunkt und führten dann plötzlich mit zwei Toren.

In der Liga hat sich durch diese Niederlage die Situation für die Eintracht beim Kampf um die Plätze für die Europa League verschlechtert. Wie sehen Sie die Lage?

Es ist richtig, dass die Lücke zu Schalke und Platz sechs wieder größer geworden ist. Wir wollten den Abstand minimieren. Die Niederlage gegen Union war nicht eingeplant, wir müssen uns die drei Punkte halt woanders holen.

Zeit, um zu entspannen, bleibt nicht. Sie haben ein strammes Programm mit ständigen englischen Wochen, fortlaufend mit dem Europacup-Spiel am Donnerstag gegen Salzburg.

Das stimmt, es ist und bleibt anstrengend. Doch das haben wir uns doch gewünscht, das wollten wir, noch in drei Wettbewerben aussichtsreich im Rennen zu liegen. Klar, es ist Stress, doch ich betrachte es als einen positiven Stress. Viele Vereine wären froh, wenn sie momentan in dieser Situation wären.

Fredi Bobic: Florian Kohfeldt versprüht noch Hoffnung im Abstiegskampf bei Werder Bremen

Nun der „Doppelpack“ gegen Werder Bremen. Vor dem Hinspiel gab es einige Ungereimtheiten zwischen Frank Baumann und Ihnen. Haben Sie sich inzwischen ausgesprochen?

Wir haben uns kurz ausgetauscht, doch da war doch nichts Weltbewegendes, kein Thema mit Sprengstoff, auch wenn dies einige Medien so sehen wollten. Ich habe einige Aussagen an die Adresse der Bremer Kollegen gemacht, die humorvoll und lustig gemeint waren. Es gibt keinen Streit zwischen Frank Baumann und mir.

Sie haben damals angesprochen und geraten, Werder-Coach Florian Kohfeldt möge sich nicht so emotional an der Seitenlinie verhalten. Wie ist Ihre Beobachtung, hat er sich in dieser Hinsicht zurückgenommen?

Ich möchte dieses Thema nicht vertiefen, möchte insgesamt nicht so viel über Bremen reden, sondern mich auf unsere Arbeit bei der Eintracht konzentrieren. Festzuhalten ist, dass Werder in einer Phase steckt, die nicht gerade einfach ist. Der Club, also alle, Verantwortliche, Spieler und Trainer, befinden sich in einer außergewöhnlichen Drucksituation.

Wie beurteilen Sie, wie sie Bremer damit umgehen?

Zuletzt habe ich unmittelbar nach dem Abpfiff der erneut sieglosen Partie gegen Dortmund das TV-Interview mit Florian Kohfeldt gesehen. Er machte auf mich einen recht authentischen Eindruck, er wirkte keineswegs frustriert oder niedergeschlagen, sondern schätzte die Lage vor den nun kommenden entscheidenden Spielen klar, ruhig und sachlich ein. Kohfeldt zeigt sich als ein Trainer, der noch Hoffnung versprüht im Abstiegskampf.

Fredi Bobic von Eintracht Frankfurt über Trainer-Bekenntnis bei Werder Bremen

Die Geschäftsführung mit Ihrem Kollegen Baumann als sportlichen Entscheider steht zum Trainer entgegen dem Trend in der Liga. Wäre dieser Werder-Weg, also das unbedingte Festhalten am Coach, auch an anderen Standorten möglich? Wäre es in Frankfurt praktikabel?

Ja. Warum denn nicht? Aus meiner Sicht gibt es nur einen Indikator, der entscheidend ist. Wenn ich das Gefühl habe, der Trainer erreicht noch die Mannschaft, Trainer und Spieler bilden eine Einheit, gibt es keinen Anlass für einen Trainerwechsel. Warum soll ich denn dann den Trainer wechseln? Nur weil es irgendjemand von außen oder aus dem Umfeld fordert? Ich bin überzeugt von dem Trainer, also halte ich an ihm fest und stütze ihn.

Sie können leicht reden, weil die Eintracht nicht in einer so bedrohlichen Lage wie Werder ist.

Moment mal, wir hatten eine vergleichbare Zeit im November und Dezember, als wir nicht erfolgreich gespielt haben und prompt von außen die Kritik an Adi Hütter zunahm. Wir sind damals ruhig geblieben, haben uns nicht beirren lassen und das Spielchen nicht mitgemacht, dass der Trainer infrage gestellt wird. Ich bin überzeugt von der Arbeit, die Adi Hüter leistet. Und ich wusste, dass bald wieder bessere Resultate folgen.

Eine ähnliche Kritik von außen auf anderer Ebene gab es auch im Hinblick auf die Einstellung des Ex-Nationalspielers Andi Möller als Chef der Nachwuchsabteilung. Wie haben Sie dies erlebt?

Es ist nicht vergleichbar, weil in Sachen Andi Möller der Protest nur von einer kleinen Gruppe formuliert worden ist. Andi erfährt seit seinem ersten Arbeitstag eine hohe Wertschätzung bei allen Verantwortlichen im Verein und ich höre nur Positives. Alleine das zählt.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt: „Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf“

Sie sind im Juni 2016 als Manager in Frankfurt angetreten. Tage zuvor gab es den Existenzkampf zwischen der Eintracht und Werder um den Klassenverbleib. Erinnern Sie sich an diese Zeit?

Natürlich, ich hatte der Eintracht in Person von Wolfgang Steubing, dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats, schon zugesagt, dass ich komme. Übrigens unabhängig von der Klassenzugehörigkeit. Also habe ich schon ein bisschen gebangt. Ich war jedoch auch nach der Niederlage in Bremen, die die Relegation bedeutete, der festen Überzeugung, dass Niko Kovac es mit der Truppe schafft gegen Nürnberg. So kam es, und ich war froh, denn in der Zweiten Liga wäre der Einstieg schwerer geworden. Wir hätten etliche Spieler verkaufen müssen.

In der Vorsaison kam es zu einem erneuten Duell, diesmal unter anderen Vorzeichen. Gerangel um den letzten Platz in der Europa League, das die Eintracht schließlich mit einem Punkt im Vorteil sah. Der Unterschied zum Existenzkampf damals?

Zwei komplett verschiedene Dinge, es lässt sich nicht vergleichen. Im letzten Sommer existierte ein positiver Druck, es ging darum, nach Europa zu kommen, nach oben zu gelangen. Abstiegskampf indes bedeutet Existenzkampf. Da ist ein ganz anderes Stehvermögen gefragt. Ich nehme einfach mal das Wort auf: existenzieller Druck. Dieser löst psychische Reaktionen aus, beträchtliche Anspannung und immenses Nervenflattern. Es geht in der Tat um Existenzen, um das Wohl und Wehe nicht nur der Spieler, sondern das vieler Mitarbeiter, die möglicherweise ihren Job verlieren.

Haben Sie in der Laufbahn als Spieler eine derartige Ausnahmesituation mal durchleiden müssen?

Bei Hannover 96 in der Spielzeit 2002/03, was damals zum Glück gut ausgegangen ist.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt: Bundesliga und DFB-Pokal „zwei verschiedene Paar Schuhe“

Als Torjäger haben Sie 14 Treffer zum Verbleib beigesteuert. Was hat sich bei Ihnen eingeprägt?

Ich war schon älter, über 30 Jahre alt. Vielleicht habe ich daher ein besonderes Gefühl dafür entwickelt, wie gefährlich und bedrohlich diese Lage war, für alle im Club. Ich spürte damals jedenfalls eine besondere Verantwortung gegenüber allen Angestellten im Club und war mehr als erleichtert über das gute Ende.

Zurück zu Werder, dem nächsten Gegner gleich zweimal. Hat diese „Doppelansetzung“ in Liga und Pokal irgendwelche Auswirkungen?

Nein, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Zunächst einmal interessiert uns jetzt Salzburg, dann kommt Werder. Wir müssen sehen, dass wir eine richtige Belastungssteuerung hinbekommen, müssen sehen, dass wir vom Kopf her frei und frisch sein werden. Es wird nicht einfach. Doch wie gesagt: Es gibt keine Ausreden, weil wir nun dieses Mammutprogramm haben.

Wie bewerten Sie die Werder-Krise? Ist der Verlust eines Machers wie Max Kruse das Kardinalproblem?

Kruse war ein wichtiger Spieler und schwer zu ersetzen, schon gar nicht eins zu eins. Doch es geht weiter, auch nach einem solchen Transfer. Wer den Verlust eines Ausnahmespielers betrauert, ist schnell dabei, eine Entschuldigung zu formulieren. Wir mussten eine deckungsgleiche Sachlage bewältigen, weil uns die drei Stürmer Jovic, Rebic und Haller verlassen haben. Es muss ausgeglichen werden. Werder versucht es auf den offensiven Positionen mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern, was natürlich eine gewisse Zeit benötigt.

Fredi Bobic lobt Werder Bremen für Transfer von Kevin Vogt

Was hat Werder in den Schlamassel gestürzt?

Es gibt mitunter gewisse gruppendynamische Prozesse, die nicht zu steuern sind. Dann brechen Führungsspieler weg, es gibt viele Verletzte. Und es kommt Pech hinzu wie im Fall Kevin Vogt. Für mich ein toller Transfer im Winter, es hat sich ausgezahlt, doch dann verletzt sich auch diese Säule sofort wieder. Nun sind mit Gebre Selassie und Augustinsson zwei Stützen zurückgekommen. Die Elf hat dadurch an Stabilität gewonnen, wie das Dortmund-Spiel trotz der Niederlage gezeigt hat.

Was erwarten Sie vom ersten Aufeinandertreffen, dem Auswärtsspiel an der Weser?

Wir sind die Mannschaft, die mit zu den schlechtesten Auswärtsteams zählt. Wir müssen in der Fremde mal punkten. Nur auf unsere Heimstärke – das 1:2 gegen Union Berlin war ein Ausrutscher, der immer mal wieder vorkommt – können wir nicht bauen.

Ist das Weserstadion bei Werders sprichwörtlicher Heimschwäche aktuell ein denkbar günstiger Ort?

Vorsicht ist geboten, diese momentane Bilanz sollte nicht überbewertet werden. Wir machen nicht den Fehler, die Bremer zu unterschätzen.

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