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Hinter dem SV Werder Bremen liegen zwei anstrengende Monate, in der das Team wegen der Coronavirus-Krise weder spielen noch regulär trainieren konnte.

Schlüsse aus der Coronavirus-Pandemie

Werder Bremen und die Erkenntnisse aus der Corona-Krise

Bremen – Vermutlich hat das ganze Theater jetzt bald ein Ende. Vermutlich geben Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Fußball-Bundesliga und dem SV Werder Bremen am Mittwoch endlich das „Go“ für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Am 15. Mai wird es demnach wieder losgehen – nach zwei Monaten Zwangspause.

Zwei Monate, in denen zwar kein Ball rollte, aber trotzdem viel passierte. Auch und vor allem bei Werder Bremen. Was nimmt die grün-weiße Fan-Welt also mit aus dieser Zeit? Was haben wir alle gelernt? Vielleicht, dass...

...Vorurteile über Profis nicht immer Vorurteile sind:

Spieler, die freiwillig auf Gehalt verzichten, nährten den Gedanken, dass ihre Spezies doch nicht so ist, wie gemeinhin angenommen: oberflächlich und nur am Geld interessiert. Doch dann kam das Inside-Hertha-Video made by Salomon Kalou und bestätigte einige Vorurteile. So verflucht Vedad Ibisevic im Kabinentalk den Vertrag über den Gehaltsverzicht als „verdammtes Papier“.

...Werder Bremen noch Vorreiter sein kann: 

Ja, der SV Werder hat überrascht. Nicht mit einer besonders pfiffigen Idee, wie die Coronavirus-Krise bewältigt werden kann, sondern mit schonungsloser Offenheit die finanzielle Lage betreffend. Bis zu 45 Millionen Euro Einnahmeverlust bei Saisonabbruch, „nur“ 20 Millionen bei einer Fortsetzung mit Geisterspielen – dass Geschäftsführer Klaus Filbry diese Summen auf den Tisch legte, war ungewöhnlich, nötigt aber Respekt ab. Und es hat veranschaulicht, wie gefährlich die Lage tatsächlich ist. Nicht nur für Werder Bremen, auch für andere. Aber die trauen sich nicht, ihre Zahlen ebenfalls zu nennen.

...es im Bundesliga-Fußball schon lange nicht mehr um die Fans geht: 

Mal ehrlich: Das wissen wir doch. Aber noch nie wurde es so deutlich wie in den zurückliegenden Wochen. Geisterspiele machen keinen einzigen Fan glücklich, sondern nur die Gehaltsempfänger in den Clubs, die am Tropf der TV-Sender hängen. Schwer zu verstehen auch, dass die Clubs ihren Spielern vorerst keine weiteren Zugeständnisse abringen wollen, gleichzeitig aber Ticketinhaber bezirzen, ihr Geld nicht zurückzufordern.

...es jetzt an der Zeit ist, über eine neue Moral im Fußball zu reden: 

Die absurden Gehälter, die sich immer weiter hochschraubenden Ablösesummen – wer will das alles noch? Niemand. Der Profi-Fußball, das wurde in der Krise klar, hat sich mit seiner turbokapitalistischen Dynamik schon lange von der Gesellschaft abgekoppelt. Dass die Diskussion angestoßen wurde, wie er wieder dort andocken kann, ist nur zu begrüßen.

...Fußball-Profis trotz allem doch nur Menschen sind: 

Der 1. FC Köln lieferte das Paradebeispiel dafür ab, wie man es nicht machen sollte. Birger Verstraete, belgischer Profi in Diensten des Clubs, kritisiert die Umsetzung der Hygienemaßnahmen und äußert seine Angst vor einer Ansteckung. Folge: Gardinenpredigt, erzwungene „Richtigstellung“ und die herzkranke Freundin wird schnell nach Belgien verfrachtet. Ein Hoch auf dieses Fingerspitzengefühl! Werder Bremen macht es besser, verspricht nie einen Profi zu etwas zu zwingen. Wer Angst hat, soll nicht trainieren, nicht spielen, sagt Aufsichtsratschef Marco Bode, der vor allem den Menschen hinter dem Profi sieht. Gut so – und noch besser, wenn die Theorie irgendwann auch den Praxistest bestehen sollte.

Bremens Bürgemeister Andreas Bovenschulte ist eigentlich gegen eine Fortsetzung der Fußball-Bundesliga. Allerdings wolle er dem SV Werder Bremen keine Steine in den Weg legen.

...Werder Bremen und die Bremer Politik gemeinsam doch noch konsensfähig sind: 

Es geht um die Durchführung der Geisterspiele. Werder lechzt danach, die Bremer Politik lehnt zunächst ab. Weil: Es könnten ja doch Fans zum Stadion kommen, das ist einerseits verboten und fordert andererseits den Einsatz von Polizeikräften. Doch dann wird miteinander gesprochen, sogar konstruktiv. Letztlich verkündet Bürgermeister Bovenschulte, nicht im Wege stehen zu wollen, und Werder-Geschäftsführer Filbry gibt dem Greenkeeper sogleich das Signal: „Wir werden im Wohninvest-Weserstadion spielen. Das ist in meinen Augen klar.“

...die Pause gut war für das Bremer Fitnesslevel: 

Werder stand stets unter dem Verdacht, ein Fitnessproblem zu haben. Befeuert durch die Verletzungsmisere, erkennbar an vielen Gegentoren im letzten Drittel der Partien. Doch in der Corona-Pause, vor allem im Home-Training, wurde gekeult. „Fit wie nie“ sei er, sagte beispielsweise Kevin Vogt.

...der Transfermarkt ein anderer wird: 

Nochmal zurück zu den exorbitant hohen Ablösesummen und der Prognose, dass sie sinken werden, weil demnächst weit weniger Geld im Markt sein wird. Das ist allerdings keine rundum gute Nachricht für den SV Werder, der gezwungen ist, Stars zu Geld zu machen. Für Rashica, Pavlenka und Co. gibt es schlimmstenfalls nur noch die Hälfte von dem, wovon die Bremer mal geträumt haben. Andersherum gilt aber auch: Neuzugänge gibt es günstiger, vielleicht sogar zum Nulltarif, weil nahezu jeder Club in Europa seinen Kader ausdünnen wird.

...Solidarität im Fußball oft nur eine hohle Phrase ist:

Hier leidet Werder und bangt um die Existenz, dort kündigt der FC Bayern einen Mega-Transfer an – die in der Krise oft beschworene Solidarität kommt über Ansätze nicht hinaus. Siehe auch Paderborn und Leipzig, die noch vor dem Okay der Regierung und ohne Rücksicht auf andere mit dem Mannschaftstraining begonnen haben.

...sich der Fußball selbst zu wichtig nimmt: 

„Wir wollen ja keine Sonderrechte, aber...“ – es war der Standardsatz, mit dem der Fußball seine Lobbyarbeit startete und der ihn vor Angriffen schützen sollte. Das eine gelang, das andere nicht. Denn natürlich mussten die Fußball-Bosse heftig Kritik dafür einstecken, dass sie sich in einer Zeit, in der Deutschland an alles dachte, nur nicht an Fußball, nach vorne drängten. Und natürlich ging es um die Extrawurst, die letztlich auch gebraten wurde. Mahlzeit! (csa)

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