Jürgen L. Born, langjähriger Chef des SV Werder Bremen, blickt in die Ferne
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Jürgen L. Born, langjähriger Chef des SV Werder Bremen, feiert seinen 80. Geburtstag.

Interview der DeichStube

Ex-Werder-Boss Born wird 80: „Ich musste aufpassen, dass ich nicht einen Knüppel auf den Kopf bekomme“

Bremen – Gäbe es das Corona-Virus nicht, dann wäre am Donnerstag richtig was los in Bremen und am Weserstadion. Jedenfalls ist das anzunehmen. Denn Jürgen L. Born, langjähriger Chef des SV Werder Bremen, feiert seinen 80. Geburtstag. Und weil der Jubilar in seinem Leben viel herumgekommen ist, dabei jede Menge Menschen kennengelernt hat, würde die Feier untern normalen Umständen wohl eine Mega-Party geworden.

Doch die Umstände sind nicht normal, und der Empfang zu Borns Ehren fällt klein aus. Ein paar Einladungen sind rausgegangen – unter anderem an Claudio Pizarro, Ailton, Klaus Allofs, Thomas Schaaf. Dass die ganz große Sause nicht stattfinden kann, „macht nichts, man kann auch ohne große Feier glücklich sein“, sagt Born, der im Gespräch mit der DeichStube über seinen größten Wunsch zum „80.“, seine Abenteuer als Chef der Deutschen Bank in Südamerika sowie über zehn Jahre an der Spitze von Werder Bremen spricht.

Herr Born, hat ein Mann wie Sie, der eine Menge erreicht hat im Leben, noch offene Wünsche?

Ja, ich möchte gerne, dass diese verflixte Corona-Pandemie verschwindet und alle Menschen wieder glücklich sind. Denn was nützt es, wenn man selbst am 80. Geburtstag einen glücklichen Tag hat, aber von anderen weiß, dass sie leiden müssen? Mir gefällt nicht, was diese Pandemie – abgesehen von der Krankheit selbst – noch alles an Unheil mit sich bringt.

Setzt Ihnen das auch persönlich zu?

Ich habe sehr viel Respekt vor der Angelegenheit und halte alle Regeln ein. Ich habe in jeder Hosentasche so ein Schnüffeltuch und meide auch größere Menschenansammlungen. Ich fahre viel mit dem Fahrrad durch die freie Natur, durch das Bremer Blockland, das ist inzwischen schon meine zweite Heimat geworden. Ich bin der Meinung, dass ich so diesen Virus von mir fernhalten kann.

Sie sind in Bremen aufgewachsen, haben in Hamburg studiert, waren über drei Jahrzehnte für die Deutsche Bank in Südamerika tätig und anschließend noch zehn Jahre der Chef von Werder Bremen – deshalb diese These: Sie würden das Weserstadion locker vollbekommen, wenn sie zum Geburstag alle Weggefährten ihres Lebens zusammentrommeln würden! Richtig?

(lacht) Das würde ich unheimlich gerne mal machen. Zum Beispiel haben wir immer noch ein Treffen mit den Leuten, die Ende der 60er Jahre für die Deutsche Bank nach Buenos Aires ausgewandert sind. Zweimal im Jahr kommen wir zusammen, und wir lachen fürchterlich über das eine oder andere gemeinsame Erlebnis. Und so ist es auch mit den anderen Abschnitten des Lebens: Man möchte gerne noch mal Freunde aus der ersten Schulklasse, aus der letzten Schulklasse, aus der Lehre, dem Studium, dem Arbeitsplatz – und natürlich auch von Werder Bremen treffen.

Jürgen L. Born kam 1999 zu Werder Bremem

Welchen Stellenwert hat das Kapitel SV Werder Bremen bei Ihnen?

Es war eine ganz, ganz tolle Angelegenheit für mich, das wohl schönste Langstreckenerlebnis meiner beruflichen Laufbahn.

Wieso?

Ich musste damals ja nicht mehr arbeiten, habe die Tätigkeit ehrenamtlich ausgeübt. Ich ging bei der Deutschen Bank in Rente und bin dann 1999 zu Werder gekommen, als es dem Verein nicht gut ging. Dort konnte ich mit jungen Leuten zusammenarbeiten, die fit waren, die immer einen guten Spruch auf den Lippen hatten. In einem Job in Südamerika kommt auch eine Menge Unheil zusammen. Es waren einige Revolutionen, die ich dort miterlebt habe, wo ich aufpassen musste, dass ich nicht irgendwo einen Knüppel auf den Kopf bekam. Das war bei Werder ja nicht der Fall (lacht).

Gab es eine besonders brenzlige Situation für Sie in Südamerika?

Ja, durchaus. Es gab damals eine Zeit des Kidnappings in Südamerika. Das ging so weit, dass man sagte, in Buenos Aires habe es 50 Entführungen pro Tag gegeben. Da wurden gerne die Chefs von deutschen Firmen als Opfer genommen. Da stand dann auch mal mein Name auf so einer Liste. Aber ich war jung damals, das hat mir nicht so viel Angst gemacht. Ich fuhr einfach jeden Morgen zu einer anderen Uhrzeit auf einem anderen Weg in die Firma. Ich weiß jedoch nicht, ob ich das heute noch mal so mitmachen würde.

Wussten Sie, dass Sie auf einer dieser Listen standen oder vermuteten Sie es?

Es wurde mal so eine Liste gefunden. Aber ich war denen wohl zu unbequem, ich ging manchmal auch nachts um vier in die Bank und mittags um eins wieder nach Hause. In Buenos Aires bin ich eine Zeitlang sogar dreimal die Woche abends nach Montevideo geflogen, habe dann dort geschlafen. Es war schon ganz interessant, was wir da alles so gemacht haben, um denen nicht in die Fänge zu geraten. Es waren aber leider keine schönen Zeiten.

Wie verlief dann der Einstieg bei Werder – immerhin waren Sie ja fremd im Fußball-Business?

Ich habe einfach so getan, als wüsste ich alles, und einige haben es geglaubt (lacht). Im Ernst: Ich musste erstmal lernen, dass es im Fußball keinen Feierabend und kein Wochenende gibt. Sitzungen wurden kurzfristig einberufen, es wurde am Samstag und Sonntag gearbeitet. Das Leben war ganz schwer zu planen.

Jürgen L. Born erlebte bei Werder Bremen die goldenen Jahre

Ihre Werder-Zeit begann 1999 und endete 2009 – die Jahre dazwischen waren die goldenen Jahre, das Double inklusive. Wie groß sehen Sie Ihren eigenen Anteil daran?

Nicht besonders groß. Das war ein Produkt der Leute, die für die Mannschaft zuständig waren, und von der Mannschaft selbst. Alles nur umrahmt von uns in der Verwaltung. Da passte aber alles Zahn in Zahn zusammen – und das führte dann zum Erfolg. Es waren zehn Jahre, die mich unheimlich glücklich gemacht haben.

Sie haben die Hälfte Ihres Lebens in Argentinien, Paraguay, Uruguay, Brasilien verbracht. Wieso dann die Rückkehr nach Bremen, wieso dann das Engagement für und beim SV Werder Bremen?

In jedem Land, in dem ich war, hatte ich meinen Lieblingsverein. Aber der SV Werder war immer die Verbindung in meine Heimatstadt. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter mir in meinen ersten Jahren in Südamerika Zeitungsausschnitte mit Werder-Berichten schickte. Oder dass sie einmal den Telefonhörer ans Radio hielt, damit ich die Live-Übertragung eines besonderen Spiels verfolgen konnte. Das war 1988, als Werder durch ein 1:0 in Frankfurt Deutscher Meister wurde. Ich saß in der Bank und hatte der Sekretärin gesagt: ,Jetzt keinen Kunden reinlassen!’ Und als das Tor fiel habe ich so geschrien, dass der Kunde merkte: ,Aha, der ist ja doch da.’

Zum Kapitel Werder gehörte auch der Abschied aus der Geschäftsführung 2009, der unschön verlaufen war. Es ging um Vorwürfe gegen Sie, die sich später als unberechtigt erwiesen. Was ist zurückgeblieben von der Geschichte?

Ich habe damit heute keine großen Probleme. Egal, mit wem ich heute zusammentreffe: Jeder weiß, was damals gelaufen ist. Aber mittlerweile ist ja auch viel Gras über die Sache gewachsen. Man muss aber denjenigen, der das betrieben hat, fragen, was ihn damals geritten hat.

Wirtschaftsprüfungsgesellschaft: Jürgen L. Born hat sich nicht zum Schaden von Werder Bremen bei Spielertransfers bereichert

Sie meinen den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Willi Lemke, der Ihnen nicht geglaubt hat. Ist auch mit ihm alles bereinigt?

Nein. Das kommt nicht infrage. Was da passiert ist, habe ich nicht mal in 30 Jahren Südamerika erlebt.

Sie stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber?

Wir sind zu sehr verschieden.

Wie das?

Er sagt, er sei Werderaner. Ich bin Werderaner, denn ich habe mich nie beim HSV beworben und habe übrigens bei Werder zehn Jahre unentgeltlich mitgemacht.

Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Ich habe immer noch zu wenig Zeit (lacht). Ich reise immer noch viel, auch wenn es aktuell in der Corona-Zeit deutlich weniger geworden ist. Ich spiele Golf, gehe schwimmen, fahre viel Rad – da hat sich ein unendliches Programm aufgetan. Und damit bin ich ganz zufrieden. Ich fühle mich topfit.

Und der Kontakt zu Werder Bremen?

Ist immer noch da. Ich schnacke gerne mit den Leuten von Werder.

Mischen Sie sich noch ein oder werden um Rat gefragt?

Es wird schon mal eine Frage gestellt, aber ich dränge mich gewiss nicht als Berater auf. Wenn ich aber mit am Tisch sitze und etwas diskutiert wird, sage ich auch meine Meinung.

„Die Situation von Werder Bremen ist sehr bedrohlich“

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation des Clubs?

Die Situation ist sehr bedrohlich. Der Verein braucht Geld, aber es ist wirklich schwer im Moment, neue Quellen zu erschließen. Deshalb ist es die sportliche Hauptaufgabe des Vereins, aus dem, was wir haben, das Beste zu machen. Aber es gibt viele Clubs in derselben Situation.

Sie sind ein Mann der Finanzen – wie kann es sein, dass viele Clubs durch den Lockdown der Liga so nahe an den Abgrund geführt wurden?

Im Fußball ist eines wie verdammt: Man kann keine Reserven bilden. Man kann nicht sagen: ,Wir haben 20 Millionen Euro Gewinn gemacht und legen jetzt 15 Millionen als Reserve zurück.‘ Dann muss man die Hälfte an Steuern abführen. Deswegen ist es unter rechnerischen Aspekten unheimlich schwer, Kontinuität und Sicherheiten zu schaffen. (csa)

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