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Florian Kohfeldt ist die Begeisterung für seinen Job bei Werder fast immer anzusehen.

Ein Treueschwur, viele Forderungen und gute Teamarbeit

Der Faktor Kohfeldt: So macht der Coach Werder interessant

Bremen - Wenn Leonardo Bittencourt demnächst bei Werder als Neuzugang vorgestellt wird, und danach sieht es laut Informationen der DeichStube derzeit aus, dann hat das auch explizit mit Florian Kohfeldt zu tun.

Der junge Werder-Coach gilt in der Branche als Mann der Zukunft, als Trainer, der Spieler besser machen kann. Diesen Ruf genießt noch wesentlich mehr Julian Nagelsmann. Und er würde den hochtalentierten Bittencourt vom 1. FC Köln mit Kusshand nehmen. Das Problem: Nagelsmann wird wohl nur noch ein Jahr die TSG 1899 Hoffenheim trainieren, um dann zu einem großen Club zu wechseln. Kohfeldt hat sich dagegen für die nächsten drei Jahre auf Werder festgelegt – mit einem in diesem Geschäft seltenen Treueschwur. Es ist nicht die einzige Besonderheit in der Personalie Kohfeldt.

Neulich hat Alexander Nouri ein Interview gegeben, sein erstes nach der Entlassung als Werder-Coach Ende Oktober vergangenen Jahres. Der „Sport-Bild“ berichtete er dabei von einer Selbstreflexion. Sein Ergebnis: „Es ist von zentraler Bedeutung, sich nur auf das zu konzentrieren, was man auch beeinflussen kann, und weniger Energie auf das Umfeld zu verwenden.“

Kohfeldt will langfristige Entwicklungen anschieben

Kohfeldt geht dabei einen ganz anderen Weg. Er möchte so viel wie nur irgendwie möglich beeinflussen. Deswegen habe er einen langfristigen Vertrag unterschrieben, erklärt der 35-Jährige nun im „kicker“: „Mit der Überzeugung, die nächsten drei Jahre zusammenzuarbeiten, kannst du auch Entwicklungen im Verein über einen längeren Zeitraum anschieben.“ Das klingt zunächst ziemlich allgemein und schön unverbindlich. Doch Kohfeldt ist ein Trainer, der bei seinen öffentlichen Aussagen – anders als viele Kollegen – fast immer in die Tiefe geht.

Und so zählt er seine Ziele auf: „Die Zusammenarbeit zwischen Profis und Nachwuchs; die Einführung des Technischen Direktors; kognitives Training im gesamten Verein; der medizinische Bereich; infrastrukturelle Themen.“ Beim letzten Punkt wagt sich Kohfeldt dann sogar aufs politische Parkett. „Die Stadt Bremen muss sich überlegen: Wenn sie weiter von Werder und den Vorteilen eines Erstliga-Standorts profitieren will, müssen wir Lösungen beim Trainingsgelände finden.“ So deutlich hat sich selten zuvor ein Werder-Coach öffentlich geäußert. Das war eigentlich immer der Job der Geschäftsführung, der Trainer kümmerte sich fast ausschließlich um den Sport.

Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern

Viktor Skripnik und Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt spielte von 2001 bis 2009 in Werders dritter Mannschaft, wechselte dann ins Trainerfach. Als Co-Trainer von Viktor Skripnik war er vier Jahre lang bei der U17 tätig, in der Saison 2013/14 dann auch bei Werders U23. © nordphoto
Viktor Skripnik, Florian Kohfeldt und Torsten Frings
Im Oktober 2014 wurde Skripnik nach der Entlassung Robin Dutts Cheftrainer bei den Profis. Seine Co-Trainer bei der U23, Kohfeldt und Torsten Frings, folgten ihm in die Bundesliga. © Gumz
Florian Kohfeldt und Viktor Skripnik
In 70 Pflichtspielen der Profis saß Kohfeldt auf der Werder-Bank. © nordphoto
Florian Kohfeldt
Nachdem Skripnik im September 2016 gehen musste und U23-Trainer Alexander Nouri seinen Posten übernahm, kehrte Kohfeldt zu Werders U23 zurück.  © nordphoto
Florian Kohfeldt
Seit Oktober 2016 ist er dort als Trainer tätig und schaffte in der Saison 2016/17 den Klassenerhalt. © Gumz
Alexander Nouri und Florian Kohfeldt
Nach der Entlassung von Alexander Nouri (l.) am 30. Oktober 2017 übernahm Fußballlehrer Kohfeldt die Bundesliga-Mannschaft interimsweise als Cheftrainer. © nordphoto
Florian Kohfeldt
Kohfeldt genießt bei Werder eine sehr hohe Wertschätzung. „Er kann Spieler weiterentwickeln. Er hat eine klare Ansprache. Er ist ein intelligenter, junger, innovativer Trainer“, lobte Sportchef Frank Baumann nach Kohfeldts Beförderung. © Gumz
Florian Kohfeldt
Zwar setzte Kohfeldt in seinem ersten Erstliga-Spiel als Cheftrainer mit Werder neue Impulse, das Spiel gegen Eintracht Frankfurt ging durch ein spätes Gegentor trotzdem mit 1:2 verloren. © Gumz
Florian Kohfeldt
Doch unter Kohfeldt ging es aufwärts. Am 10. November meldete Werder Vollzug: Kohfeldt bleibt Cheftrainer - zunächst bis zur Winterpause. © nordphoto
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt hatte Erfolg, wurde fest als Cheftrainer installiert und führte Werder aus der Abstiegszone in der Bundesliga. © Gumz
Florian Kohfeldt
Anfang April 2018 unterschrieb Kohfeldt einen Vertrag bei Werder bis 2021. © Gumz
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt blieb in der Saison 2017/2018 in allen zwölf Heimspielen als Cheftrainer ungeschlagen. © Gumz
Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt hat Werder eine neue Handschrift und Mentalität verpasst. Mit ihm soll es nun wieder dauerhaft aufwärts gehen. © Gumz

„Diese Themen haben für mich als Bundesligatrainer zwar nicht Priorität eins, aber ich beschäftige mich sehr bewusst damit und versuche, mich einzubringen“, sagt Kohfeldt. Er agiert da nicht allein, ist alles andere als der neue starke Mann, der den Verein im Handstreich umkrempeln will. Der 35-Jährige ist viel zu schlau, um sich diese übertriebene Rolle anzumaßen. Nein, er macht das im Team mit Frank Baumann.

Der Sportchef war stets ein Förderer von Kohfeldt. Viktor Skripnik und Torsten Frings hatten nach ihrer Entlassung Anfang der Saison 2016/17 keine Zukunft mehr bei Werder. Co-Trainer Kohfeldt durfte dagegen bleiben, bekam wenig später die U23 und stieg inzwischen zum Coach der Profis auf. Jetzt sind Baumann und Kohfeldt Partner, werden gerne schon mit dem einstigen Erfolgsduo Klaus Allofs und Thomas Schaaf verglichen.

Werder nicht nur erfolgreicher, sondern auch attraktiver

„Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Frank will das wirklich, und er geht für seine Überzeugung auch ein persönliches Risiko ein“, erinnert sich Kohfeldt im „kicker“ an seine Inthronisierung im vergangenen Herbst. Damals gab es viel Kritik, weil Baumann erneut auf einen Coach aus der eigenen U23 setzte. Das Vertrauen in Kohfeldt hat sich ausgezahlt. Werder spielt nicht nur erfolgreicher, sondern auch wesentlich attraktiver. Aus einem Abstiegskandidaten mit nur fünf Punkten nach zehn Partien wurde eine Mannschaft, die nach vorne spielt und so viele Clubs hinter sich gelassen hat. Der Klassenerhalt war unerwartet, nach dem ersten Saisondrittel sogar fast schon sensationell früh perfekt.

Es folgte ergebnistechnisch eine kleine Delle. Seit Kohfeldt Anfang April seinen Vertrag verlängert hat, gab es in fünf Spielen keinen Sieg mehr. Allerdings auch keine Niederlage gegen die drei Champions-League-Anwärter Leipzig (1:1), Dortmund (1:1) und nun auch Leverkusen (0:0). Zeitweise waren es Duelle auf Augenhöhe, die nicht nur Werder-Fans verzückten. Bremen steht seit der Rückrunde wieder für mutigen Angriffsfußball. Allein damit gibt sich Kohfeldt aber nicht zufrieden, er bastelt schon an der Zukunft, lässt zum Beispiel nicht mehr mann-, sondern raumorientiert verteidigen. „Diesen Schritt müssen wir einfach machen“, hat Kohfeldt nach dem Dortmund-Spiel erklärt.

Bei Werder auf lange Zeit im Fokus: Florian Kohfeldt.

Er nutzt die Schlussphase der Saison schon für Experimente. Das ist nicht ungefährlich. Schließlich geht es noch um viel TV-Geld. Jeder Platz in der Tabelle kann einen siebenstelligen Betrag ausmachen. Natürlich weist Baumann pflichtbewusst darauf hin, aber er macht dem Trainer öffentlich keinen zu großen Druck. Er vertraut ihm. Genauso wie Kohfeldt ihm vertraut. Gemeinsam planen sie Werders Zukunft – und dieses gemeinsam ist dabei nicht zu übersehen. So saßen sie neulich in Köln nebeneinander im Stadion, um sich ihren Wunschspieler Bittencourt anzuschauen. Sie gaben damit auch dem Spieler das Gefühl, da stimmt es, da herrscht Einigkeit beim Blick in die Zukunft.

Das ist ein seltenes Gut im Fußball. Kontinuität auf den beiden wichtigsten Positionen eines Clubs, also dem Sportchef und dem Trainer, wünscht sich jeder, bekommt trotzdem kaum jemand hin. Bei Werder gab es seit Ende der Ära Schaaf 2013 auch viele Trainerwechsel – genauer gesagt vier. Da werden Vereine gerne vorsichtig, geben neuen Übungsleitern eher kurze Verträge. Baumann machte es anders. Ein bisschen spielte sicherlich auch die Sorge mit, dass Topclubs den interessanten Newcomer bald ins Visier nehmen könnten. Erste Interessenten aus dem oberen Tabellendrittel gab es bereits.

Kohfeldt: „Das ist ein klares Bekenntnis für Werder“

Aber es sollte auch ein Akt des Vertrauens und ein Signal sein, wie Kohfeldt nun noch mal erklärt: „Als Trainer ist man immer auch ein Gesicht nach außen und Orientierung für die Mannschaft. Deshalb habe ich bewusst für drei Jahre unterschrieben, das ist ein klares Bekenntnis für Werder.“ Eine Ausstiegsklausel sei deshalb auch kein Thema gewesen. Es zähle nur Werder. Und damit will er auch die Profis überzeugen. Also die, die da sind wie zum Beispiel Max Kruse und Thomas Delaney, aber auch die, die noch kommen sollen wie zum Beispiel Bittencourt. Der Noch-Kölner kann sich darauf verlassen, dass der Trainer, der ihn holt, noch lange da ist. Das könnte auch noch andere interessante Spieler nach Bremen locken.

So weit zumindest die Theorie, denn die Praxis kann natürlich auch durch ausbleibende Erfolge ganz schnell anders aussehen. Aber das ist Fußball, das weiß auch Kohfeldt – und daher formuliert er sein Ziel ziemlich geschickt: „Wenn Werder es auch möchte, werde ich die nächsten drei Jahre definitiv hier sein.“

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