„Boycott Qatar“: Werder Bremens Fans fordern beim Heimspiel gegen Hertha BSC zum WM-Verzicht auf!
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„Boycott Qatar“: Werder Bremens Fans fordern beim Heimspiel gegen Hertha BSC zum WM-Verzicht auf!

Werder-Fans gegen WM in Katar

WM-Boykott? Die Reaktionen auf das Fan-Banner beim SV Werder Bremen

Bremen – Das Banner war nicht zu übersehen: „Boycott Qatar“ prangte in der Ostkurve beim Heimspiel des SV Werder Bremen gegen Hertha BSC. Dass wenige Meter davor in der 85. Minute ausgerechnet Niclas Füllkrug den Bremer Siegtreffer erzielte und damit seine Chance auf eine WM-Teilnahme in eben diesem Katar weiter steigerte, darf durchaus als Ironie des Schicksals bezeichnet werden. Oder als „Füllkrug-Dilemma“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ titelte. Denn eigentlich gönnt jeder Grün-Weiße dem Stürmer die WM-Teilnahme, genauso wie Milos Veljkovic für Serbien – nur eben nicht in dem Wüstenstaat, der die Menschenrechte ganz tief verbuddelt hat. Das passt so gar nicht zu den Werten von Werder. Die DeichStube hat sich umgehört, was Club-Verantwortliche, Ex-Profis und Fans zu diesem Zwiespalt sagen.

„Diese WM darf es eigentlich nicht geben und deswegen darf Werder das auch nicht unterstützen“, findet Ingo Kläner – und der Präsident des größten Werder-Fanclubs 27801 erntet dafür bei der Jahreshauptversammlung seines Vereins am Sonntagabend im Landhotel Dötlingen durchaus Applaus. Bei einer spontan durchgeführten Abstimmung der 250 anwesenden Mitglieder sind immerhin 20 Prozent auf der Seite von Kläner und würden sich einen WM-Boykott von Werder Bremen wünschen. Doch als klare Ansage an den Verein darf das nun auch nicht missverstanden werden. „Aus dieser Nummer wird kein Bundesligist rauskommen, jeder wird seine Spieler schicken müssen. Da bleibt uns nichts anderes übrig“, seufzt Kläner. Ob er selbst die WM gucken werde, habe er noch nicht entschieden.

„Boycott Qatar“: Werder Bremens Fans fordern beim Heimspiel gegen Hertha BSC zum WM-Boykott auf

Das wiederum bringt Dirk Wintermann ein bisschen in Rage. Werders Aufsichtsratsmitglied ist an diesem Abend ebenfalls in Dötlingen: „Lieber Ingo, da müssen wir uns zum ersten Mal ein bisschen streiten. Wenn nicht mal du dir sicher bist, ob du bei der WM zuschauen wirst, dann überleg‘ doch mal, wie sich ein Spieler fühlen muss. Der hat sein ganzes Leben nichts anderes gemacht, um irgendwann mal zur WM zu fahren.“ Es stehe außer Frage, „dass das eine katastrophale WM-Vergabe war, die 2010 korrupte Funktionäre mit mafiösen Strukturen entschieden haben“, so der Unternehmer aus Großenkneten: „Da war auch der DFB an Bord. Die WM in ein Land zu geben, in denen keine Menschenrechte gelten, ist eine Vollkatastrophe. Aber die einzigen, die nichts dafür können, sind die Spieler. Deswegen mache ich ihnen auch keinen Vorwurf.“

Genauso sieht es Clemens Fritz. „Als Spieler kannst du nichts dafür, wo die WM stattfindet“, sagt Werders Leiter Profifußball auf Nachfrage der DeichStube und erklärt: „Natürlich ist die Vergabe nach Katar politisch zu hinterfragen – und wir bei Werder sehen das auch sehr kritisch. Der Fußball sollte alles dafür tun, bei der Vergabe von zukünftigen Turnieren die Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales zu berücksichtigen und an eine Vergabe zu koppeln.“ Ob das schon für die übernächste Weltmeisterschaft gilt, ist eher zu bezweifeln. Denn 2026 wird in Kanada, den USA und Mexiko gespielt – mit vielen weiten Reisen für die Teams. Doch das sei eine Sache der Funktionäre und weniger der Spieler – vor allem nicht wie jetzt kurz vor Turnierbeginn. „Als Fußballer ist eine WM-Teilnahme das Größte, was du erreichen kannst. Das ist eine Riesenchance und eine Riesenehre, die wenn überhaupt nur alle vier Jahre kommt. Deswegen sollte man nicht erwarten, dass ein Spieler die WM boykottiert“, findet Fritz, der das Turnier allein schon aus beruflichen Gründen vor dem Fernseher verfolgen wird.

Werder Bremens Fans rufen mit großem Plakat zum WM-Verzicht auf: „Es geht darum, das Turnier nicht zu gucken“

Als ehemaliger Profi des SV Werder Bremen hat er zumindest EM-Erfahrung gesammelt – 2008 in Österreich und der Schweiz. Sein ehemaliger Teamkollege Torsten Frings ist dagegen gleich ein zweifacher WM-Fahrer, war 2002 in Südkorea und Japan sowie 2006 in Deutschland dabei. Bis heute heißt es: Wäre Frings nicht nachträglich für das Halbfinale gegen Italien gesperrt worden, hätte Deutschland nicht verloren. „So eine WM ist für dich als Spieler einfach unglaublich, es ist eine Riesenehre, dein Land vertreten zu dürfen“, schwärmt Frings im Gespräch mit der DeichStube: „Und mit Deutschland hast du auch immer die Chance, Weltmeister zu werden. Mehr geht als Fußballer nicht. Deswegen darfst du dir so eine WM nicht entgehen lassen.“ Natürlich sei die Vergabe nach Katar „äußerst kritisch zu sehen, aber dann müssen wir auch so ehrlich sein und viele andere Dinge im Fußball und im Sport anprangern“, fordert Frings. Er werde die WM auf jeden Fall verfolgen – vor allem die deutschen Spiele, gerne auch mit einem Niclas Füllkrug im Kader: „Es würde mich freuen, wenn er dabei wäre.“

Selbst die Initiatoren des Boykott-Banners sollen ähnlich denken. Mit ihrer Aufforderung würden sie ein anderes Ziel verfolgen, erklärt Sina Wetzel vom Fanclub-Dachverband bei der Jahreshauptversammlung in Dötlingen: „Es geht nicht darum, dass Niclas Füllkrug nicht mit nach Katar fahren soll, sondern eher darum, das Turnier nicht zu gucken. Die Ultras haben ja auch eine gute Alternative angeboten: ,Kommt am 26. November ins Weserstadion und schaut die Werder-Frauen!´“ Allerdings spielt Deutschland an dem Tag gar nicht, Serbien ebenso wenig. Ohnehin ist noch unklar, welche Profis des SV Werder Bremen bei der WM tatsächlich dabei sein werden. Erst am 10. November erfolgt die Bekanntgabe der Kader für das Turnier, das am 20. November startet und am 18. Dezember mit dem Finale endet. (kni)

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