Werder Bremen ist abgestiegen - die Fans trauern auf unterschiedliche Weise.
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Werder Bremen ist abgestiegen - die Fans trauern auf unterschiedliche Weise.

Werder steigt in die 2. Liga ab

Schreie, Tränen, Flaschenwürfe – Werder Bremens Fans zeigen nach dem Abstieg viele Gesichter

Bremen - Erst Euphorie und Hoffnung, dann Trauer und blanke Wut. Bei den Fans des SV Werder Bremen kippt die Stimmung nach dem Abstieg. Aber die Anhänger gehen ganz unterschiedlich mit der Enttäuschung um.

Einmal noch nimmt Kevin seine heisere Stimme zusammen und brüllt mit voller Inbrunst: „Werder!“ Er ballt seine Fäuste, sein Oberkörper ist nach vorne gebeugt. Alle Kraft legt er in diesen einen Schrei. So hatte er es in den Stunden zuvor schon hundertfach gemacht. Und hundertfach hatten die anderen Fans um ihn herum dann geantwortet: „Bremen!“ Doch bei diesem Schrei ist es anders. Die Antwort, die dieses Mal zurückkommt, ist Stille. Der SV Werder Bremen ist aus der Bundesliga abgestiegen – und bei den Fans ist mit einem Mal die Luft raus.

Mit einem Mal ist nichts mehr übrig von der – beileibe nicht immer corona-konformen – Party, die sie vorher vor dem Weserstadion gefeiert hatten. 3.000 Menschen, dicht an dicht, hatten den Bremer Spielern erst einen euphorischen Busempfang bereitet, mehrere Hundert verbrachten dann auch das letzte Bundesliga-Spiel der Saison vor der Ostkurve des Weserstadions. Viele schauten das Spiel per Livestream auf ihren Handys oder fieberten am Radio mit, sangen, tanzten und brüllten sich bei Schlachtrufen die Seele aus dem Leib. „Werder!“ – „Bremen!“ Dann ist es aus.

Werder Bremen steigt ab, die Fans trauern

„Das ist deprimierend“, sagt Kevin ganz gefasst. Der 25-Jährige war als einer der lautesten Lautsprecher am Weserstadion aufgetreten. Über Stunden hatte er andere Fans zum Support der Mannschaft motiviert, und auch nach der enttäuschenden 2:4-Niederlage seines SV Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach, die den Abstieg besiegelte, wollte er zunächst gar nicht aufhören. Doch irgendwann kommt einfach nichts mehr zurück. „Das war der Moment, wo ich gesagt habe, okay, hörst du mal lieber für heute auf. Jetzt muss jeder erst mal für sich klarkommen.“

Die Hoffnung weicht der Trauer – so auch ein Stück südlicher an der Ostkurve, wo die Fans das Spiel auf ihren Smartphones konzentrierter und ohne allzu viel Bambule verfolgt hatten. Die Nachricht vom Abstieg erreicht die Menschen dort nach und nach. Das Fernsehbild und die Liveticker auf ihren Handys sind unterschiedlich schnell. Nach und nach schlagen sich die Leute die Hände über den Kopf, rufen „Scheiße!“, fallen sich in die Arme und ziehen sich zum Weinen in entlegene Ecken zurück. „Hier sind alle zusammengebrochen, einer nach dem anderen“, sagt Philipp. Mit dem Moment des Abstiegs hat es auch den 21-Jährigen innerlich zerrissen. An einer Mauer neben dem VIP-Eingang ließ er sich auf den Boden rutschen und zog die Knie an. „Seitdem sitze ich hier“, sagt er. Auch eine Dreiviertelstunde nach Abpfiff zittert seine Stimme, seine Augen sind feucht und feuerrot, immer wieder kommen neue Tränen nach. Sein Kumpel Nicolas (17) sitzt als Tröster neben ihm.

Dass die beiden aus dem ostfriesischen Augustfehn nach Bremen gefahren sind, um dann einen Abstieg zu erleben, bereuen sie nicht. „Ich wollte hier sein, wenn es passiert“, sagt Philipp. Schon vor einem Jahr, als sich Werder über die Relegation ein Jahr Aufschub verschaffte, hatte er genau an der Stelle gestanden, an der er nun sitzt. Aber eigentlich würde er viel lieber drinnen sitzen und weinen, im Stadion. Dass Werder ausgerechnet inmitten der Corona-Pandemie und vor Geisterkulisse absteigt, schmerzt ihn besonders: „Am allerschlimmsten ist, dass man nicht bei seiner Mannschaft sein kann.“

Nach Abstieg von Werder Bremen: Bei einigen Fans schlägt die Enttäuschung in Aggression über

Aber längst nicht alle Fans reagieren so besonnen. Bei einigen schlägt die Enttäuschung in Aggression über. Gut zwei Stunden nach Abpfiff versammeln sich etwa 200 Menschen vor dem Marathontor, wo die Spieler normalerweise das Stadion verlassen. Die aufgebrachten Fans skandieren zornig „Baumann raus“ und „Vorstand raus“, die Stimmung heizt sich rasant auf, es gibt Rangeleien untereinander und Konfrontationen mit der Polizei. Fans werfen Flaschen, Polizisten setzen Pfefferspray ein. Erst als die Polizei durchsagt, dass Spieler und Verantwortliche das Stadion schon verlassen hätten, lichten sich die Reihen langsam. Es dauert allerdings noch eine ganze Weile, bis am Weserstadion wirklich Stille einkehrt.

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