Stefan Reuter, Sportvorstand des FC Augsburg, spricht im DeichStube-Interview über den missglückten Saisonstart und das Auswärtsspiel beim SV Werder Bremen.
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Stefan Reuter, Sportvorstand des FC Augsburg, spricht im DeichStube-Interview über den missglückten Saisonstart und das Auswärtsspiel beim SV Werder Bremen.

Vor Werder gegen Augsburg

Augsburg-Manager Stefan Reuter im Interview: „Offensiv besitzt Werder eine enorme Wucht“

Augsburg - Drei Punkte aus den ersten fünf Spielen - keine Frage: Diesen Start in die Saison hatte sich der FC Augsburg komplett anders vorgestellt. Während des Auswärtsspiels beim SV Werder Bremen (Freitag, 20.30 Uhr) möchte die Mannschaft endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis verbuchen. Über die Partie in Bremen und den Abstiegskampf sprach Manager Stefan Reuter im Interview mit der DeichStube. Außerdem stärkte der Ex-Profi dem Augsburger Trainer Enrico Maaßen ausdrücklich den Rücken - und übte klare Kritik am Videoschiedsrichter.

Herr Reuter, wissen Sie, wann Werder Bremen das letzte Heimspiel vor Publikum in der Bundesliga gewonnen hat?

Wenn Sie so fragen, dann wahrscheinlich gegen uns.

Genau! Am 1. September 2019, also vor der Corona-Pandemie und dem Bremer Abstieg, siegte Werder mit 3:2 gegen den FC Augsburg.

Dann haben wir damals unsere Schuldigkeit getan, indem wir die Punkte da gelassen haben. Diesmal wollen wir es anders machen.

In den beiden Heimspielen nach dem Wiederaufstieg hat Werder nur einen Punkt geholt. Macht Ihnen das zusätzlich Mut?

Mit acht Punkten steht Werder momentan richtig gut da. Und in den Partien zu Hause gab es extrem enge Duelle, in denen es durchaus auch anders hätte ausgehen können. Bremen macht einen recht stabilen und gefestigten Eindruck. Seit Ole Werner im Amt ist, präsentiert sich die Mannschaft ausgezeichnet und strahlt Gefahr aus. Wir sind extrem gefordert, um in Bremen zu gewinnen.

Was beeindruckt Sie beim nächsten Gegner am meisten?

In der Offensive besitzt Werder eine enorme Wucht mit Füllkrug und Ducksch, sie forcieren das Spiel auf den zweiten Ball. Zudem agieren sie sehr diszipliniert, verteidigen kompakt.

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Werner lässt im Oberhaus so spielen wie in der 2. Liga: einen mutigen Stil nach vorn. Hatten Sie das erwartet von einem Aufsteiger?

Das stimmt. Doch warum sollten sie dieses Erfolgsrezept ändern? Sie laufen recht intensiv an, das machen sie gut. Darüber hinaus setzen sie auch auf die Spielweise mit langen Bällen. Werder besitzt dafür die passenden Typen. Wie gesagt: Mit den beiden Stürmern Füllkrug und Ducksch haben sie geeignete Zielspieler.

Torjäger Füllkrug ragt momentan mit fünf Toren in fünf Spielen heraus. Ihn zeichnet besonders seine Kopfballstärke aus. Beobachter der Liga stufen ihn als einen der besten Kopfballspieler ein. Was meinen Sie?

Er ist fürwahr ein kopfballstarker Stürmer. Auf einen Angreifer dieser Kategorie bin ich als Abwehrspieler früher ungern getroffen. Ich war froh, wenn ich neben mir Jürgen Kohler oder Julio Cesar hatte, die es mit diesen Kontrahenten in Luftduellen aufgenommen haben. Werder weist Qualität im Zentrum auf. Wir müssen konzentriert und aufmerksam verteidigen.

Werder hat im Sommer sechs ablösefreie Neuverpflichtungen geholt und nur für Jens Stage eine Ablöse in Höhe von vier Millionen Euro gezahlt. Lediglich der VfL Bochum hat in der Bundesliga weniger Geld auf dem Transfermarkt ausgegeben. Wie beurteilen Sie die Bremer Personalpolitik?

Sie haben es richtig gut gemacht. Es zeigt, dass Werder weiterhin eine enorme Strahlkraft und Anziehungskraft für Spieler hat. So war es möglich, dass der Verein namhafte Akteure für sich gewinnen konnte. Schon nach dem Abstieg haben die Bremer es gut hinbekommen, den Großteil der Mannschaft zu halten. Und zudem haben sie vortreffliche Ablösesummen für die Akteure erzielt, die sie abgeben mussten.

Augsburg hat am vergangenen Wochenende die dritte Niederlage im eigenen Stadion kassiert. Wo sehen Sie die Gründe für den nicht optimalen Start?

Wir schaffen es bislang nicht, das im Spiel umzusetzen, was die Mannschaft im Training zu leisten imstande ist. Es fehlt aktuell ein Erfolgserlebnis, wodurch die Mannschaft freier aufspielen kann.

Was meinen Sie genau?

Etliche Spieler sind verletzt, Qualitätsspieler und wichtige Spieler, die häufig in der Stammformation gestanden haben. Reece Oxford, Niklas Dorsch und Felix Uduokhai fallen länger aus, Fredrik Jensen, Iago und Robert Gumny fehlten, Ruben Vargas konnte die Vorbereitung nicht mitmachen. Das sind leider einige Ausfälle, die nur schwer zu kompensieren sind.

Gibt es weitere Gründe für das schlechte Abschneiden?

Ich will keine Entschuldigung suchen. Wir spielen noch nicht gut, größtenteils ohne Überzeugung und ohne Wachsamkeit in der Defensive. Wir sind aktuell nicht zufrieden. Doch zu allem Übel waren für uns in zwei Heimspielen die Entscheidungen der Schiedsrichter und der Videoassistenten unglücklich. Gegen Mainz begeht Onisiwo ein klares Handspiel, dazu die Aktion, in der Mainz-Torwart Zentner Felix Uduokhai in die Wade fällt, der zehn Wochen ausfällt - eigentlich ein Elfmeter für uns beim Stand von 1:1. Vor dem 1:2 rollt dann auch noch der Ball bei der Ausführung des Eckballs. Auch gegen Hertha, als selbst Sandro Schwarz hinterher von einer Roten Karte gegen Uremovic gesprochen hat, die es nicht gab. Es laufen dann Spiele schon mal anders, wenn anders entschieden worden wäre. Ich sehe ein, dass ein Referee in der Hektik es vielleicht nicht so leicht erkennen kann, aber ein VAR müsste es schon - und er sollte das Regelwerk anwenden, und zwar überall gleich, in Augsburg so wie in München, Dortmund oder Bremen.

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Die Klagen über den VAR in der Liga häufen sich…

Ich war lange totaler Befürworter, doch es geht mir langsam so richtig auf den Keks. Ich hatte die Erwartung, dass die Fehlerquote gegen null geht, weil im Keller Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven angeschaut werden können, um zu einer richtigen Entscheidung zu kommen. Es fühlt sich zum Teil ungerechter an als früher.

Kann der FC Augsburg in Bremen die Wende schaffen?

Natürlich. Wir gehen in jedes Spiel, um erfolgreich zu sein. Alle Partien sind sehr eng und umkämpft. Ein Auswärtssieg würde uns guttun.

„Nun stecken wir erst mal da unten drin“, haben Sie nach dem 0:2 gegen Hertha am Wochenende gesagt. Für Augsburg keine unbekannte Situation, oder?

Das ist unser Los als kleiner Verein, wir haben aber schon häufig solche Situationen erfolgreich gemeistert. Wir wissen, dass es kein Selbstläufer ist, da wieder herauszukommen, dafür müssen wir aufmerksam und fleißig sein.

Zuletzt, gerade nach der Trennung von Markus Weinzierl, haben Sie eingeräumt, dass Ihre Entscheidungen in der Trainerfrage nicht immer glücklich gewesen seien. Bestehen Zweifel an Enrico Maaßen, dem neuen Trainer?

Nein, gar nicht. Enrico Maaßen steht nicht zur Diskussion. Er macht einen guten Eindruck, hat eine klare Idee vom Fußball. Gegenwärtig kann noch nicht alles so umgesetzt werden, wie er es sich wünscht. Doch wir arbeiten gemeinsam daran, das zu ändern.

2015 hat der FC Augsburg den fünften Platz belegt und ist in den Europacup eingezogen. Seitdem hat sich viel geändert, vor allem auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen in der Liga. Ist ein solcher Erfolg heute noch wiederholbar?

Schon damals war es so, dass die Konkurrenz andere Möglichkeiten hatte. Es war für uns ein positiver Ausreißer, den wir genossen haben und der uns gutgetan hat.

Ist denn so ein Triumph eines Außenseiters heute noch möglich?

Ja, andere Vereine haben es unlängst doch geschafft - wie Union Berlin oder Köln.

FC Augsburg-Manager Stefan Reuter über den Abstiegskampf: Werder Bremen hat sich „ganz gut Luft verschafft“

Union steht aktuell weit oben, Freiburg sogar an der Spitze…

Freiburg hat sich kontinuierlich über die letzten Jahre positiv entwickelt, hat sich somit ganz andere Voraussetzungen geschaffen, sich alles selbst erarbeitet. Das neue Stadion, die sportlichen Erfolge, die Teilnahme am internationalen Geschäft - Freiburg ist aktuell ein ganzes Stück weit vor uns.

Zählen Freiburg und Union schon zum Kreis der Bayern-Jäger? Oder ist die Platzierung dieser Überraschungsteams nur eine Momentaufnahme?

Es kann aktuell passieren, dass die Clubs mithalten. Ob es über Jahre der Fall sein kann, muss abgewartet werden.

Neben den Aufsteigern wird immer Augsburg als potenzieller Abstiegskandidat genannt, dazu noch Stuttgart und Hertha. Eine richtige Einordnung?

Ich sehe eine zweigeteilte Liga. Die obere Hälfte, die um die internationalen Ränge kämpft, die andere kämpft um den Klassenerhalt.

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Dazu rechnen Sie explizit auch Bremen?

Werder hat augenblicklich acht Punkte, hat sich somit ganz gut Luft verschafft. Doch ich betrachte auch Teams wie Leipzig, Leverkusen und auch Wolfsburg, alles Mannschaften, die definitiv am Ende nicht unten stehen werden.

Bochums Geschäftsführer Ilja Kaenzig hat kürzlich Gedankenspiele entworfen, nach denen die Gründung einer europäischen Super-League mit den Spitzenmannschaften aus den Topligen eine Möglichkeit wäre, die nationalen Ligen ausgeglichener und attraktiver zu gestalten. Die Lösung aller Probleme?

Aus meiner Sicht nicht. Mit Ausnahme des Meisterkampfes halte ich die Bundesliga für sehr interessant. Spannungsmomente bringen der Kampf um den Klassenerhalt und das Ringen um die internationalen Plätze. Es muss geschaut werden, dass die Schere, was die Finanzen betrifft, nicht noch weiter auseinandergeht. Und Bayern macht die Klasse attraktiv. Jeder Fan freut sich auf das Kommen der Bayern.

Freut sich auch der Augsburger Manager, dass die Bayern im Pokal nach Augsburg kommen?

Ehrlicherweise hätte ich mir in der zweiten Pokalrunde einen anderen Gegner gewünscht. Doch wir werden eine Idee entwickeln, wie man den FC Bayern in einem Spiel wehtun und sie schlagen kann. Das haben wir ja auch schon geschafft. Warum also nicht erneut? (hgk)

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