Markus Gisdol gibt Florian Kohfeldt die Faust.
+
Markus Gisdol trifft am Abend auf den SV Werder Bremen - es könnte das erste Schicksalsspiel für den Köln-Coach werden.

Vor dem 7. Bundesliga-Spieltag

So viel Werder steckt im 1. FC Köln: Wie Gisdol fast ein Bremer wurde

Bremen - Erste Ausfahrt Bremen-Hemelingen. Zweite Ausfahrt Hamburg-Volkspark. An der A2 liegen diese Richtungsänderungen, die vor vier Jahren für einen ambitionierten Bundesliga-Coach möglich und interessant waren. Markus Gisdol, zuvor bei der TSG Hoffenheim entlassen und auf Jobsuche, ließ Werder Bremen links liegen und wählte Hamburg aus. So kam es zum Engagement beim HSV, so landete der aktuelle Trainer des 1. FC Köln in der nördlicheren der beiden Hansestädte.

Ob der 51-Jährige an diese Episode in seinem Leben vor dem Gastspiel im an der Weser gelegenen Stadion denkt, das um ein Haar mal sein Arbeitsplatz geworden wäre, ist in diesen Tagen nicht überliefert. Damals, im November 2016, als Markus Gisdol beim Erzrivalen des SV Werder Bremen anheuerte, schien die Erwähnung dieses Kapitels ihm regelrecht peinlich zu sein. „Wie eng es war, spielt keine Rolle“, sagte Gisdol beim Vorstellungsgespräch an der Alster lediglich, als er auf seinen Flirt mit den Bremern angesprochen wurde. Um sodann von der „Strahlkraft des HSV“ zu reden, die es ihm leicht gemacht habe, sich für diesen Standort zu entscheiden.

Werder Bremen: Frank Baumann hielt Markus Gisdol zu lange hin

Rückblende in jene unruhige Zeit bei Werder Bremen: Viktor Skripnik, der Schaaf-Nachfolger, war gescheitert. Beurlaubung im September 2016. Die Suche nach einem Nachfolger begann. Der Name Markus Gisdol fiel, wie Frank Baumann zugab: „Wir haben intensiv diskutiert.“ Doch die Macher des Bundesligisten zögerten, sie hielten den Schwaben hin, zu lange für Gisdols Geschmack. In den Worten des Managers: „Wir waren nie am Ende des Entscheidungsprozesses angelangt.“ Baumann wählte diese Sprachvariante, um nicht als Verlierer im Duell mit den Hamburgern dazustehen: „Es gab keine Niederlage für uns.“

Der Gang der Dinge ist bekannt: Alexander Nouri übernahm, erst als Interimscoach, schließlich im Oktober offiziell zum Chef befördert. Nouri schaffte zunächst den Klassenerhalt, erhielt indes im Oktober 2017 den Laufpass nach 13 sieglosen Spielen und Platz 17. In Hamburg erlebte Markus Gisdol ein vergleichbares Szenario. Zunächst den Abstieg vermieden, anschließend mit dem Team abgerutscht. Der „verhinderte Werder-Coach“ konnte sich an der Alster zweieinhalb Monate länger halten als Kollege Nouri am Osterdeich. Beurlaubung am 21. Januar 2018, nach vier Niederlagen in Serie, Platz 17 und gewaltige Abstiegsangst.

Werder Bremen: Die Partie wird für Köln-Coach Markus Gisdol zum ersten Schicksalsspiel

Nun versucht Markus Gisdol sein Glück am Rhein. Und sein Arbeitsnachweis sieht ähnlich aus. Zunächst glänzt er mit einer erfolgreichen Rettungstat beim „Effzeh“, doch seit Corona ist er für einen „sportlichen Lockdown“ verantwortlich. Der Negativtrend in der Endphase der letzten Saison hat sich in dieser Spielzeit fortgesetzt. Die Zwischensumme nach dem 1:2 im Heimspiel gegen die Bayern: 16 Spiele ohne Dreier. Gisdol steht, obwohl Geschäftsführer Horst Heldt vorläufig ihm die Treue geschworen hat, zur Disposition. München galt als Bonusspiel, Niederlage einkalkuliert. Doch nun wird es ernst: Werder Bremen ist das erste Schicksalsspiel, Union Berlin anschließend das Match, das über Wohl und Wehe richten soll.

Wer einen Blick auf die beiden Fußballlehrer wirft, die sich am Freitag duellieren, wird um diese Feststellung nicht herumkommen: Gisdol und Rivale Florian Kohfeldt sind mit vergleichbaren Hypotheken in der diesmal wegen der Pandemie spät gestarteten Saison an den Start gegangen. Beide angezählt und angeschlagen, beide im Amt auf Bewährung. Kollege Kohfeldt hat die Prüfung bisher bestanden. Er hat die Elf stabilisiert, zumindest was das Abwehrverhalten anbelangt. Neun Punkte nach sechs Spielen, selbst die kühnsten Optimisten hätten das dem nur mit viel Glück vor dem Abstieg geretteten Relegationsteilnehmer nicht zugetraut. Diese Zahlen sprechen für Werder Bremen: nur acht Gegentore nach sechs Spielen im letztjährigen Defensiv-Tollhaus der Liga, fünf Spiele ohne Niederlage, dreimal ein 1:1-Remis. Die Kohfeldt-Truppe hat ihre Lektion in Sachen Effektivität gelernt.

Werder Bremen hat sieben Punkte mehr als der 1. FC Köln

Anders der 1. FC Köln unter Gisdols Leitung. Der ernüchternde Status quo: nur zwei Punkte auf der Habenseite, die Tordifferenz bei -5. Punktgleich mit dem vergleichbaren Sorgenkind Schalke, das vor dem noch punktlosen Mainzern Rang 17 einnimmt. Noch schlimmer: kaum realistische Hoffnung in Sicht, dass sich in absehbarer Zukunft wesentlich etwas zum Besseren ändert. Werder Bremen hat mehr Zähler als Köln, doch die Spielweise der beiden Traditionsklubs ähnelt sich. Eine Bestandsaufnahme, die für die Bremer nicht gerade ein Kompliment darstellt. Beide Teams zählen, was die fußballerische Qualität ihrer Darbietungen betrifft, zu den absolut schwächsten Erstligisten in diesen Tagen. Die Offensive stockt und stümpert, viel Pfusch im Aufbauspiel, kaum Ideen und wenig Kreativität, Solisten, heutzutage Unterschiedsspieler genannt, kaum vorhanden. Nicht weit entfernt vom „Rumpelfußball“, wie man einen solchen Fußball ohne großartigen Unterhaltungswert in früheren Zeiten nannte. Die Kommentare der beiden Fußballlehrer gleichen sich. Beide verweisen auf die üblichen Entwicklungsschritte beim Aufbau eines neues Kollektivs: „Wir sind erst am Anfang.“

Werder Bremen besiegte im letzten Aufeinandertreffen den 1. FC Köln mit 6:1

Viel Arbeit noch sowohl für Florian Kohfeldt als auch für Markus Gisdol, der nur auf einen Schützling mit Bremer Vergangenheit zurückgreifen kann. Auf den im Bremer Umland groß gewordenen Rafael Czichos, der sich am Rhein einen enormen Stellenwert erarbeitet hat. Eine Rolle, wie sie auch Florian Kainz anstrebt. Der Österreicher, von 2016 bis 2018 in 52 Spielen (fünf Tore) bei Werder Bremen eingesetzt, war auf dem besten Weg, das zu erreichen, was ihm in Bremen nicht glückte. Kainz brillierte in der Rückserie, fünf Tore und sieben Assists, unumstritten Stammspieler. Eine famose Vorbereitung folgte, bis ihn eine schwere Knieverletzung ausbremste. Operation und Gehhilfen, Hinrunden-Aus für die Offensivkraft, die Gisdol so gern bräuchte.

Auch beim letzten Gastspiel im Weserstadion fehlte Kainz wegen einer Gelbsperre. Es wurde zum Alptraum von seinem Chef, der zuvor großspurig im dramatischen Existenzkampf angekündigt hatte: „Wir verteilen keine Geschenke.“ Am Ende gab es dieses Präsent, das Werder Bremen in die Relegation brachte und den Kontrahenten aus der in Köln ungeliebten Landeshauptstadt Düsseldorf ins Verderben stürzte: 1:6 aus Sicht der Rheinländer, die sich hilflos und unmotiviert ergaben. An diesen Tag wird sich Markus Gisdol – wenn auch ungern - ganz bestimmt erinnern, eher als an die Vertragsgespräche von einst. Einen solchen Lapsus sollte er sich nicht noch mal erlauben, will er seine Zukunft in Köln nicht gefährden.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare