Beim SV Werder Bremen wurde Ivan Klasnic zwischen 2001 und 2008 zum Star. Profi geworden war er zuvor beim FC St. Pauli.
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Beim SV Werder Bremen wurde Ivan Klasnic zwischen 2001 und 2008 zum Star. Profi geworden war er zuvor beim FC St. Pauli.

Ex-Bremer vor Duell mit St. Pauli im Interview

Klartext von Ivan Klasnic: „Der FC St. Pauli macht bessere Arbeit als Werder Bremen“

Bremen/Hamburg – Beim FC St. Pauli wurde er zum Profi, beim SV Werder Bremen zum Star – und wenn die beiden Clubs am Samstag in der 2. Liga aufeinandertreffen, wird Ivan Klasnic selbstredend im Wohninvest Weserstadion vor Ort sein.

Irgendwo, Loge, Tribüne, Stehplatz – ihm egal, Hauptsache er kann das Spiel, bei dem in seiner Brust zwei Herzen schlagen, live verfolgen. Während der Ex-Torjäger vom FC St. Pauli, dem aktuellen Tabellenführer, schwer begeistert ist („Das ist eine sehr, sehr intakte Mannschaft“), warnt Ivan Klasnic den Bundesliga-Absteiger SV Werder Bremen, dass sich der Absturz noch fortsetzen kann, wenn Mannschaft und Club jetzt nicht aufpassen: „Nicht, dass es am Ende zu weit runtergeht für Werder, dass man nicht mehr nach oben schauen kann, sondern nach unten gucken muss.“ Außerdem macht sich der 41-Jährige, 2004 ein Protagonist beim Double-Gewinn, für Jiri Pavlenka und Niclas Füllkrug stark. Seine Erwartung: Beide müssen bei Werder wieder Teil der Startelf werden.

Ivan Klasnic, wie ist es mit den zwei Herzen in der Brust?

Die schlagen immer noch stark für beide Clubs. Ich habe St. Pauli viel zu verdanken und Werder auch, da mache ich auch keine Unterschiede. Wenn man beide Vereine derzeit sieht, muss man aber sagen, dass St. Pauli bessere Arbeit macht als Werder.

Das Werder-Herz blutet also?

Ja, natürlich. Aber was soll ich sagen? Wenn man Spiele nicht gewinnt und – wie zuletzt – in Darmstadt und Sandhausen Punkte lässt, dann muss man sich nicht wundern, dass man nicht oben, sondern unten dabei ist.

Wo sehen Sie die Gründe?

Das kann ich nicht dezidiert beantworten, ich habe aber meine Gedanken.

Werder Bremen im Live-Ticker gegen den FC St. Pauli gibt es hier!

Ivan Klasnic über Werder Bremen und die Kritik an Sportchef Frank Baumann

Welche?

Wenn ich zum Beispiel als Erklärung für die Leistungen höre und lese, dass Werder die jüngste Mannschaft hat, dann sage ich: Dann verändert doch die Mixtur im Team! Ich war auch mal junger Spieler in einem jungen Team, da brauchte es auch ältere Spieler, die uns Jüngeren in den Hintern getreten haben, die uns geführt haben und auch mal lauter geworden sind, wenn es nicht lief.

Bei Werder sind in Ömer Toprak und Christian Groß zwei dieser älteren Spieler langzeitverletzt. Ist die Mannschaft jetzt ohne Leader?

Es wird sie in der Theorie schon noch geben, aber man muss sie auch auf dem Platz sehen. Ich hoffe, dass Werder schnell wieder in die Spur findet, denn die anderen Mannschaften machen auch ihre Punkte. Nicht, dass es am Ende zu weit runtergeht für Werder, dass man nicht mehr nach oben schauen kann, sondern nach unten gucken muss.

Sehen Sie diese Gefahr herannahen?

Das hat in der vergangenen Saison in der 1. Liga zunächst auch niemand gesehen, und jetzt wissen wir, was geschehen ist. Fußball kann sehr dreckig sein.

In Sandhausen haben die Werder-Fans einmal mehr „Baumann raus“ gerufen. Treffen sie mit ihrer Kritik den Richtigen?

Eigentlich kann ich das nicht beurteilen. Was ich aber sagen kann: So ein Fußballverein ist keine One-Man-Show. Es gibt eine Geschäftsführung, einen Trainer, ein Scoutingsystem, es gibt Baumann und auch eine Mannschaft. Es kann doch kein Mensch vorhersagen, dass die Mannschaft einen Ruck bekommen würde, wenn Baumann jetzt nicht mehr da wäre. Aber ja: Die Frage, ob bei Werder die richtigen Spieler geholt wurden, muss man schon stellen. Damit möchte ich aber nicht sagen, dass Frank nicht mehr der richtige Mann am richtigen Platz ist.

Werder Bremen: Ivan Klasnic plädiert für Doppelsturm mit Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch

Sondern?

Ich sehe es so: In dieser Phase sollte es nicht darum gehen, mit Gewalt nach einem Schuldigen zu suchen. Es muss darum gehen, die Kräfte darauf zu konzentrieren, wieder gemeinsam erfolgreich zu sein. Ich gucke dabei vor allem auf die Spieler und wer welche Leistung bringt. Aber auch an diesem Punkt will ich keine Einzelkritik betreiben. Es ist die gemeinsame Aufgabe von allen, Werder wieder nach vorne zu bringen. Dafür braucht es die richtigen Charaktere in der Mannschaft.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Niclas Füllkrug. Er wurde drei Tage suspendiert, wird eingewechselt in Sandhausen, macht sein Tor (zum 2:2-Endstand, d. Red.) und alles ist wieder in Butter. Ich könnte mir vorstellen, dass er am Samstag gegen St. Pauli von Beginn an spielt, weil er mit dem Tor natürlich neues Selbstvertrauen geschöpft hat, vielleicht sogar in einen Lauf kommen kann.

Eine mutige These nach nur einem Treffer. Ist es wirklich so, wie es immer behauptet wird, dass schon ein Moment, ein Erfolgserlebnis so viel verändert?

Ich weiß noch aus eigener Erfahrung: Wenn du fünf Spiele lang nicht mal die Mülltonne getroffen hast, dann bist du froh, wenn du wieder auferstanden bist von den Toten. Das ist das, was ein Stürmer braucht. Und jetzt ist für Niclas die Chance da, dass er gegen St. Pauli wieder spielt, dass er wieder trifft. Dann wäre er wirklich in einem Flow. Diese Chance sollte man ihm jetzt auch gewähren.

Also: Füllkrug rein in die Startelf?

Wenn ich der Trainer wäre und Niclas in der Woche gut trainiert, dann würde ich keinen Grund sehen, warum er nicht neben Marvin Ducksch spielen sollte.

Der Grund, weshalb es bislang nicht in einer Startaufstellung dazu gekommen ist, war immer, dass Werder-Trainer Markus Anfang ein 4-3-3-System mit nur einem zentralen Stürmer favorisiert. Macht er da einen Fehler?

Es ist schwer, das zu beurteilen. Wenn ein Trainer an seine Spielidee glaubt, dann muss er daran festhalten und sie auch durchziehen. Am Ende des Tages wird seine Arbeit bewertet. Das Wichtigste ist immer, dass die Mannschaft hinter dem Trainer steht. Wenn es so ist, dann sieht man das auch auf dem Platz.

Ivan Klasnic über die Torwartfrage bei Werder Bremen: „Jiri Pavlenka ist meines Erachtens ganz klar die Nummer eins“

Gegen Sandhausen hat Werder zwar schlecht gespielt, aber noch einen Punkt erkämpft. War dort dieser Zusammenhalt zu sehen, von dem Sie sprechen?

Ich meine, ja. Man hat deutlich gesehen, dass die Mannschaft dieses Spiel nicht verlieren wollte. Hätte Werder verloren, wäre es sehr schwer geworden für Markus Anfang. Und wenn ich eines noch sagen darf…

...nur zu!

Was ich wirklich nicht verstehe, ist, dass Jiri Pavlenka, der in den letzten Jahren einer der besten Torhüter in der Bundesliga war, keine Chance mehr hat zu spielen.

Sie kennen die offizielle Erklärung: Pavlenka war zu Saisonbeginn verletzt, Michael Zetterer hat in Vertretung einen ordentlichen Job gemacht, Anfang sieht deshalb keinen Anlass, wieder zu tauschen.

Das ist grundsätzlich auch in Ordnung, und ich möchte auch Michael Zetterers Leistung überhaupt nicht schmälern. Nur: Wenn ein Torwart von der Qualität eines Pavlenka bei Werder nicht spielt, dann muss er auch nicht in Bremen bleiben.

Sie spielen auf den auslaufenden Vertrag an.

Pavlenka ist meines Erachtens ganz klar die Nummer eins.

Themenwechsel: Ihr St. Pauli-Herz dürfte derzeit vor Freude hüpfen, oder?

Ja, die machen das alles ziemlich gut.

Vor Spiel des SV Werder Bremen: Ivan Klasnic erklärt, warum es beim FC St. Pauli so gut läuft

Platz eins in der Tabelle, zuletzt fünf Spiele in Folge gewonnen, mit 25 Punkten in elf Spielen einen neuen Vereinsrekord aufgestellt - „ziemlich gut“ ist ziemlich untertrieben. Wieso läuft es so rund beim FC St. Pauli?

Die haben eine sehr, sehr intakte Mannschaft mit zwei, drei Leadern wie Guido Burgstaller und Kapitän Philipp Ziereis sowie eine wirklich starke Abwehr. Ziereis und Medic hauen hinten alles weg, was kommt. Und nach vorne spielt St. Pauli einen richtig schönen Fußball, da gibt es kein Langgebolze, da wird jeder Ball sauber von hinten nach vorne gebracht. Im Mittelfeld haben sie technisch sehr gute Spieler. Ich war beim 4:0 gegen Hansa Rostock am Sonntag im Stadion, und mich hat sehr Afeez Aremu (22 Jahre alter Nigerianer, der 2020 aus Norwegen kam, d. Red.) auf der Sechs beeindruckt. Seine Pässe, seine Zweikampfquote – das war sehr, sehr gut.

Und mit 27 Toren stellt St. Pauli auch die gefährlichste Offensive. Burgstaller ist trotz seiner schon 32 Jahre der Hauptdarsteller im Sturm, hat sich mit zehn Toren und drei Assists an die Spitze der Scorerliste der Liga gesetzt.

Er ist absolut Gold wert für St. Pauli. Als er 2020 aus Schalke kam, waren viele auf St. Pauli skeptisch. Jetzt wissen alle, warum Burgstaller geholt wurde. Er ist ein Anführer, er zieht die jungen Spieler mit, nimmt sie auch mal in den Arm. Auch insgesamt passt es einfach. Die Kombination Burgstaller/Maximilian Dittgen funktioniert vorne sehr gut.

Kann Werder Burgstaller stoppen, kann Werder den St. Pauli-Lauf stoppen?

Es wird schwer, sehr schwer. Ich glaube, im Moment kann St. Pauli sich nur selbst stoppen, weil die Mannschaft einfach prächtig harmoniert.

Mit der Hoffnung auf eine undiplomatische Antwort: Wem drücken Sie am Samstag die Daumen?

Sorry, darauf kann ich nicht antworten. Denn das mit den zwei Herzen in meiner Brust ist ja kein Scherz. Ich kann nicht zu dem einen halten und zu dem anderen nicht. Ich werde am Samstag im Stadion sein und hoffe einfach auf ein gutes Spiel. (csa) Lest auch: So seht Ihr das Zweitliga-Spiel von Werder Bremen gegen den FC St. Pauli live im TV und im Live-Stream!

Zur Person: Ivan Klasnic

95 Zweitliga-Spiele plus vier im DFB-Pokal mit insgesamt 28 Toren für den FC St. Pauli (1997-2001)

205 Pflichtspiele, 77 Tore und 45 Assists für Werder Bremen (2001-2008)

Weitere Stationen: Bolton Wanderers, FC Nantes, FSV Mainz 05.

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