Felix Agu spricht im DeichStube-Interview ausführlich über seinen Rolle beim SV Werder Bremen, Tiefschläge und Aufstiegsträume.
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Felix Agu spricht im DeichStube-Interview ausführlich über seinen Rolle beim SV Werder Bremen, Tiefschläge und Aufstiegsträume.

Werders Agu im DeichStube-Gespräch

„Was passiert erst beim Aufstieg?“ - Werder-Profi Felix Agu im DeichStube-Interview über Druck im Fußball und den Traum von der 1. Liga

Bremen – Gelassen, aufgeräumt, meinungsstark. Felix Agu ist bei Werder spürbar gereift, inzwischen hat der 22-Jährige auch seinen Stammplatz zurück, den er zwischenzeitlich verletzungsbedingt an Mitchell Weiser verloren hatte. Warum er trotzdem nicht sauer auf den Kollegen ist, wie schwer der Umgang mit Drucksituationen im Fußball ist und wie der Wechsel zu Werder sein Leben verändert hat, erzählt er im Interview mit der DeichStube.

Wann haben Sie das letzte Mal den Namen Theodor Gebre Selassie gehört?

Den höre ich meistens immer wieder in Interviews, die ich gebe (lacht). In der Kabine hört man ihn aber auch manchmal, wenn Pavlas (Jiri Pavlenka, Anm. d. Red.) Kontakt zu ihm hat.

Öffentlich ist der Name aber nicht mehr häufig gefallen. Es spricht für Ihre Arbeit, dass sein sportliches Fehlen nicht lautstark beklagt, sondern eher gesagt wird, dass dort auf der rechten Seite jemand ist, der es auch kann.

Das könnt ihr wahrscheinlich besser beurteilen als ich.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie in diesem Jahr einen Schritt nach vorne gemacht haben?

Ich denke schon, dass mir dieses Jahr ganz gutgetan hat – auch in der zweiten Liga. Ich habe mich mehr auf meiner Position gefestigt, bin mehr in die Abläufe hineingekommen und habe über mehr Spielzeit einen guten Entwicklungsschritt nach vorne gemacht.

Spielzeit ist ein gutes Stichwort: Zuletzt gegen Darmstadt haben Sie zwar wieder gespielt, davor aber länger auf der Bank gesessen. Ist Ole Werner eigentlich sehr überzeugend, wenn er Ihnen die Gründe dafür erklärt?

Er musste das eigentlich gar nicht groß erklären. In der Zeit davor, als ich gespielt habe, haben wir als Team funktioniert und gewonnen. Ich habe meine Sache dabei nicht so schlecht gemacht, weshalb es keinen Grund zum Wechseln gab. Dann war es halt mein Pech, dass ich mich verletzt habe und raus war. Dann hat Mitch (Mitchell Weiser, Anm. d. Red.) seine Chance genutzt, gut gespielt und wir haben gewonnen. Da kann man dann auch nicht viel sagen. Wenn es für das Team läuft, dann muss man das hinnehmen und weiter Gas geben. Man sieht immer wieder im Fußball, wie schnell man dann doch wieder drin ist.

Geht es nicht trotzdem unheimlich auf die Nerven, wenn man auf der Bank sitzt? Es gibt bei Werder andere Spieler, die nach einer Genesung aufgrund ihrer Qualitäten ziemlich sicher sofort wieder spielen würden. Denkt man da nicht automatisch über das eigene Standing nach?

Schon. Es ist immer eine schwierige Situation. Wenn man Ömer Toprak als Kapitän als Beispiel nimmt, dann ist es relativ egal, was vorher war – er wird wieder spielen, wenn er fit ist. Dieses Standing muss man sich über die Zeit aber erarbeiten. Und wenn ein anderer Spieler es auf deiner Position gerade einfach gut oder besser macht, dann ist man persönlich zwar sauer, dass man nicht mehr die Einsatzzeit wie vorher bekommt, aber man muss immer das große Ganze betrachten. Wenn wir am Ende aufsteigen, kommt für alle etwas Positives dabei heraus – egal, ob man nun 20 oder 30 Spiele gemacht hat.

Werder Bremen-Profi Felix Agu über Konkurrent Mitchell Weiser: „Verstehen uns auch neben dem Platz“

Es gab schon Profis, die meinten, man müsse seinen Kontrahenten im Konkurrenzkampf ein Stück weit hassen, sonst ginge es nicht. Wie ist Ihr Verhältnis zu Mitchell Weiser?

Wir verstehen uns auch neben dem Platz sehr gut, haben viele Themen und gemeinsame Interessen, über die wir reden können. Auch in der Zeit, als ich viel gespielt habe und Mitch eher weniger, war es nicht so, dass der eine mit dem anderen nicht geredet oder ihn sauer angeguckt hat. Es ist ein ganz normaler Konkurrenzkampf, am Ende ist es dann eine Trainerentscheidung. Auf diese ist man dann vielleicht sauer, aber nicht auf den anderen Spieler.

Das klingt alles sehr locker? Gehen Sie generell mit Rückschlägen so um oder gibt es auch Momente, an denen sowas an Ihnen nagt?

Es gab schon Tage, an denen ich sehr negativ war. Und auch sauer auf die Situation mit meinem Knie und dass ich deshalb aus der Mannschaft gerutscht bin und Probleme hatte, wieder hineinzukommen. Jetzt im Rückblick, wenn es wieder besser läuft, ist es natürlich einfacher das zu sagen, als wenn ich noch immer nicht spielen würde und meine Knieprobleme noch schwerer wären. Ich hoffe, dass es weiter so bis zum Ende der Saison läuft und wir zusammen den Aufstieg schaffen.

Der französische Nationalspieler Paul Pogba hat jüngst in einem viel beachteten Interview über Drucksituationen in seiner Karriere und sogar Depressionen gesprochen. Es fiel der Satz: „Wenn man mental kein dickes Fell hat, ist man in diesem Sport tot.“ Hat er Recht?

Das würde ich schon so sagen. Man muss auf dem Feld alles, was neben dem Platz passiert – privat oder im Verein – ausschalten und auf den Punkt Leistung bringen. Wenn du das nicht machst, spielst du das nächste Spiel vielleicht nicht mehr. Fußball ist einfach ein zu großer Teil in unserem Leben. Wenn du dich da schlecht fühlst, dann beeinflusst das auch deine anderen Beziehungen. Da muss man schon ein relativ dickes Fell haben. Pogbas Äußerungen zeigen auch, welch großes Thema es ist, wenn ein Topspieler wie er Probleme mit seinen Leistungen hat, nur weil es im Kopf nicht stimmt.

Werder Bremen-Profi Felix Agu im DeichStube-Interview über mentale Tiefs und den Druck im Fußball

Wann haben Sie gemerkt, dass Fußball nicht mehr nur Spaß und Leichtigkeit ist, sondern ein knallhartes Geschäft?

Das war in etwa als ich zu Werder in die Bundesliga gekommen bin. Das war das erste Mal, dass ich von zu Hause in Osnabrück weg bin, wo mein ganzes gewohntes Umfeld war und ich seit meinem zehnten Lebensjahr im Verein gespielt habe. Damals war alles locker und leicht. Alle Freunde waren da, es lief sportlich beim VfL gut, wir sind aufgestiegen und haben anschließend die Klasse gehalten. Alles war positiv. Dann hatte ich in Bremen erstmals nicht mehr mein gewohntes Umfeld, und am Ende lief es auch bei Werder nicht mehr so besonders. Wir haben viel verloren, ich habe zwischenzeitlich wenig gespielt. Da habe ich mich schon gefragt, warum ich das eigentlich mache. Das war das erste Mal, dass ich richtig aufgewacht bin. Es war nicht mehr alles nur Hobby und Spaß, sondern man war jetzt Berufssportler.

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Warum haben Sie trotzdem den besten Job der Welt?

Es macht mir immer noch riesig Spaß, Fußball zu spielen (lacht). Das möchte ich gegen nichts eintauschen. Wenn es aber nur ein Hobby wäre, dann würde man manchmal sagen: Heute mache ich es nicht. Aber in meinem Fall geht das nicht. Auch in schlechten Zeiten musst du immer weitermachen. Doch dabei sieht man, dass man auch in negativen Sachen etwas Positives findet. Man denkt, der Abstieg sei eigentlich etwas sehr Schlechtes, aber nun hat sich eine relativ neue Mannschaft gefunden und man hat selbst viel gespielt.

Müssen Sie sich selbst manchmal kneifen, wenn es darum geht, wie gut es mittlerweile läuft?

Natürlich fragt man sich mitunter, woher das auf einmal kommt. Natürlich kamen während der Hinrunde ein paar Spieler nach Verletzungen zurück, aber jetzt im Winter kein Neuzugang dazu. Wie kann es also sein, dass wir jetzt auf einmal so gut zusammenspielen, so viele Siege holen und das vorher mit den gefühlt selben Spielern nicht hinbekommen haben?

Haben Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden?

Vielleicht durch die ganzen Turbulenzen, die wir in dieser Saison hatten. Vielleicht auch erst durch die Akzeptanz, dass wir in der zweiten Liga sind. Als sich das eingestellt hat, haben wir als Team super zueinandergefunden. Zudem haben wir mit Ole Werner einen Trainer, der uns in dieser schweren Zeit die richtigen kleinen Schlüssel an die Hand gegeben und uns zu dieser Siegesserie geführt hat.

Wie sehr kribbelt es denn beim Blick auf die Tabelle?

Man guckt natürlich immer mal ein bisschen drauf. Am Ende ist es aber wirklich diese alte Floskel: Man schaut nur aufs nächste Spiel. Fünf Spiele nach vorne zu gucken, bringt nichts. Unser jetziger Drei-Punkte-Vorsprung kann theoretisch schon am nächsten Spieltag wieder weg sein.

Wie wichtig wäre Ihnen persönlich der Aufstieg?

Mein Ziel ist es, wieder in der Bundesliga zu spielen. Es wäre perfekt, das jetzt mit diesem Aufstieg zu verwirklichen. Als kleiner Junge hatte man dieses besondere Gefühl, wenn man Spiele vom FC Bayern München und den anderen großen Mannschaften gesehen hat – und jetzt könnte man selbst in dieser Liga spielen. Es war ein überragendes Gefühl, damals gegen die Bayern mein Debüt zu geben (am 21. November 2020 beim 1:1 in München, Anm. d. Red.). Dann haben wir aber die Saison negativ beendet und sind als Zeichen dafür, nicht gut genug für diese Liga zu sein, abgestiegen. Deshalb ist das Ziel, wieder in die Bundesliga zurückzukehren und zu zeigen, dass wir dort auch hingehören.

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Werder Bremen-Profi Felix Agu: „Es ist das Ziel, wieder in die Bundesliga zurückzukehren“

Noch im Sommer schien ein Abschied aus Bremen möglich, weil Sie höherklassig spielen wollten. Nun haben Sie kürzlich Ihren eigentlich bis 2024 laufenden Vertrag bei Werder sogar vorzeitig verlängert. Warum?

Ich habe das Vertrauen hier gespürt. Das Gefühl, dass ich mich hier weiterentwickeln kann. Es ist, wie gesagt, das Ziel, diesen Verein zurück in die Bundesliga zu bringen – und da sehe ich für mich persönlich die besten Chancen auf eine Weiterentwicklung.

Sportchef Frank Baumann hat durchblicken lassen, dass das neue Arbeitspapier auch wegen einiger angepasster Bezüge aufgesetzt wurde. Ist das ein netter Nebeneffekt oder der verdiente Lohn?

(lacht) Vielleicht beides. Für mich spielte bei der Verlängerung aber die sportliche Perspektive eine deutlich wichtigere Rolle.

Ist Geld vielleicht aber gerade in der jetzigen Situation, wo Europa und die ganze Welt über Sicherheit sprechen, ein Faktor, der wenigstens ein bisschen beruhigt?

Ich denke, es ist angesichts der Situation in Osteuropa nicht die richtige Zeit, über Geld nachzudenken. Wenn der Krieg hier in Deutschland stattfinden würde, wäre das Geld wohl gar nichts mehr wert. Dann wäre das Wichtigste, dass du dich mit deiner Familie in Sicherheit wiegen kannst. Da wäre das Letzte der Blick aufs Bankkonto.

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Was machen die Bilder aus der Ukraine mit Ihnen? Spüren Sie ein Gefühl der Angst?

Es ist ein unschönes Gefühl, wenn man merkt, dass der Krieg so nah ist. Theoretisch könnte es ja auch jeden Tag soweit sein, dass ein weiterer Weltkrieg ausbricht. Aber auch die Jahre davor war es ja nicht so, dass es komplett friedlich überall abgelaufen ist. Es gab in aller Welt Krieg: in Afrika, in Israel und Palästina. Da fliegen gefühlt täglich Bomben. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren, nur weil der Krieg jetzt näher ist.

Sie haben Afrika angesprochen: Haben Sie einen anderen Bezug zum Thema Krieg als andere Deutsche in Ihrem Alter, weil Sie Familie in Nigeria haben und es auch dort immer wieder militärische Unruhen gegeben hat?

Man bekommt schon mehr von den Unruhen mit. Von meinem Vater erfahre ich einiges, was auch hier in den Medien nicht groß gezeigt wird. Ob jetzt aber Krieg in Afrika ist oder in der Ukraine – wenn Menschen sterben, ist es immer schlimm. Daher glaube ich nicht, dass der Bezug ein anderer ist.

Ist es dennoch ein Thema, dass für Sie auch bei einer möglichen Nationalmannschaftslaufbahn eine Rolle spielt? Sie haben signalisiert, dass Sie es sich überlegen würden, für Nigeria zu spielen, wenn der Anruf kommt.

Natürlich war es Thema in meinem Kopf, inwiefern mich das gefährden könnte. Wenn dort totaler Krieg herrscht, würde ich sicherlich nicht spielen, das ergeht der ukrainischen Nationalmannschaft ja nicht anders, weil die Spieler ganz andere Probleme haben. Für meine endgültige Entscheidung, ob ich nun für Nigeria oder Deutschland spiele, spielt es sicherlich eine Rolle, aber keine ausschlaggebende.

Aber der Anruf kam immer noch nicht?

Nein, der kam immer noch nicht.

Werder Bremen-Profi Felix Agu über Wechsel während der Pandemie: „Es ist der schlechteste Zeitpunkt, um die Stadt zu wechseln“

Zurück nach Europa. Zwei Jahre bestimmt das Virus inzwischen das öffentliche Leben, auch als Sie zu Werder kamen, war Corona schon allgegenwärtig. Ist es eigentlich ein optimaler oder sehr bescheidener Zeitpunkt zum Wechseln? 

Es ist der schlechteste Zeitpunkt, um die Stadt zu wechseln. Es war sehr schwer, neue Leute kennenzulernen, sich außerhalb des Fußballs einzuleben. Wir haben in einer Blase gelebt und durften trotzdem alles machen, was fußballerisch auch sehr schön war. Aber außerhalb gab es wenig neue Kontakte. Da war es ganz gut, dass ich in der Nähe von Osnabrück war und zurück zur Familie und alten Freunden fahren konnte. Aber mittlerweile, wo alles ein bisschen offener ist, habe ich deutlich mehr von der Stadt gesehen, mich eingelebt und fühle mich sehr wohl.

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Sie dürften sicherlich am Marktplatz vorbeigekommen sein. Ein paar Meter höher, auf dem Rathausbalkon, waren schon einige Werder-Mannschaften zu Gast, es wurde viel gefeiert. Rund um den 15. Mai könnte es mal wieder soweit sein. Hätten Sie Lust darauf?

Natürlich. Das wäre eine schöne Krönung der Saison. Einen Aufstieg durfte ich zum Glück in Osnabrück schon einmal erleben und daher weiß ich, was das mit einer ganzen Stadt macht. Das ist unglaublich, da kann man nur drauf hinarbeiten.

Glauben Sie, dass Ihnen ein volles Weserstadion bereits ein Vorgefühl davon gibt, was dann in Bremen los sein könnte?

Ich muss sagen, dass man es am meisten nach dem Nordderby gespürt hat, als die Fans auf uns gewartet und wir mit ihnen zusammen gefeiert haben. Natürlich war es das Nordderby, aber da habe ich mir schon gedacht: Wenn es nach einem Spiel schon eine solch große Feier gibt, was passiert dann erst, wenn wir in die Bundesliga aufsteigen? (mbü) 

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