+
Vor dem Wiedersehen mit Werder Bremen spricht Felix Kroos von Union Berlin im DeichStube-Interview über Heimat, Kult und Claudio Pizarro.

Vor dem Werder-Spiel bei Union Berlin

Felix Kroos im Interview: Union ist echter Kult, Bremen seine Zukunft und „Eisern Pizarro“ der Wahnsinn

Berlin/Bremen – Die Premiere steht an. Am Samstag bestreitet Werder Bremen erstmals ein Bundesliga-Spiel bei und gegen Union Berlin. Obwohl ein Neuling in der Liga, gilt der Club nicht zuletzt wegen seines Stadions „Alte Försterei“ und seiner Fans als Kult. Ein Mann mit Werder-Vergangenheit kann erklären, warum das so ist - Felix Kroos.

Felix Kroos absolvierte zwischen 2010 und 2016 70 Pflichtspiele für Werder Bremen. Mit dem Wechsel zu „Eisern Union“ wurde er zum Entwicklungshelfer in Berlin und feierte im Sommer den historischen Aufstieg in Liga eins. „Das hier ist Fußball pur“, sagt der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler im Interview mit der DeichStube über das Feeling an der „Alten Försterei“. Obwohl das aus seiner Sicht einmalig ist, will der Bruder von Weltmeister Toni Kroos zurück nach Bremen – irgendwann nach der Karriere. „Das steht fest.“ Denn für Lisa und Felix Kroos – das Paar gab sich in der Sommerpause das Ja-Wort – ist Bremen „die gefühlte Heimat“.

Felix Kroos, was macht Union Berlin zum Kult-Club?

Es geht schon damit los, dass dreiviertel der Plätze in unserem Stadion Stehplätze sind. Wo findet man so etwas sonst noch im Profi-Bereich? Und für die Fans ist Union deren Lebensgefühl und Lebensinhalt. Das spiegelt sich in der ganzen Stimmung wider.

Werder erwartet am Samstag also was?

Auf jeden Fall eine neue Erfahrung. Denn das hier ist einfach Fußball pur. Wir Spieler wissen, dass wir mit unserer Art, Fußball zu spielen, genau so sein müssen wie die Fans: alles reinhauen, alles geben, volle Leidenschaft zeigen. Das werden wir auch gegen Werder wieder so machen.

Felix Kroos vor Wiedersehen mit Werder Bremen: Bei Union Berlin wird Kult gelebt!

Volle Leidenschaft, Fußball pur – das sind Wesenszüge, die andere Clubs auch für sich in Anspruch nehmen. Reicht das schon, um „Kult“ zu sein?

Natürlich behaupten viele Clubs, Kult zu sein, aber hier wird es auch wirklich gelebt. Man kann das auch nur schwer beschreiben, man muss diese Identifikation mit dem Verein einfach erlebt haben.

Sie meinen Aktionen wie das WM-Wohnzimmer 2014, als die Fans mit eigenen Sofas zum Public Viewing ins Stadion kamen? Oder den Stadionumbau, bei dem die Fans entscheidend mit angepackt hatten?

Genau das. Das sind die besonderen Aktionen. Und: Union ist einfach, was Union ist. Hier hat sich niemand auf die Fahnen geschrieben, anders sein zu wollen. Es ist einfach so. Das alles ist total authentisch, die Geschichte wird einfach so gelebt, da ist nichts gekünstelt.

Die Partie gegen Werder ist für Union das dritte Heimspiel der Saison. Das erste ging mit dem 0:4 gegen RB Leipzig gründlich in die Hose. Mit dem 3:1 gegen Borussia Dortmund wurde dann im zweiten ein ganz anderes Ausrufezeichen gesetzt. Welches Gesicht ist das wahre?

Das wahre Gesicht ist vor allem, dass wir mit einem Rückschlag wie dem gegen Leipzig umgehen können. Dass wir nicht unruhig werden und dass wir die richtigen Schlüsse aus Niederlagen ziehen können. Viele sagen ja, dass der Sieg über Dortmund ein Zeichen an die Liga gewesen ist. Aber in erster Linie war es das Zeichen an uns selbst, dass wir in der Liga angekommen sind und dass wir gegen jeden Gegner – Dortmund ist ja nicht gerade die schlechteste Mannschaft in Deutschland – mithalten können, wenn wir alles reinhauen. Das war sehr wichtig für uns.

Der Überraschungseffekt ist jetzt aber weg, alle anderen Gegner sind nun gewarnt vor Dortmund-Bezwinger Union.

Wer zu uns nach Berlin kommt, sollte immer wissen, dass es unangenehm werden kann. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir überhaupt unterschätzt werden oder wurden. Auch von Dortmund nicht. Wir haben es in dem Spiel einfach gut gemacht.

Felix Kroos: „Werder Bremen bedeutet mir sehr viel“

Fünfeinhalb Jahre waren Sie bei Werder, jetzt spielen schon ihre vierte Saison bei Union. Was bedeutet es Ihnen, dass sich die Wege der Clubs nun in der Bundesliga kreuzen?

Für mich ist das absolut besonders. Ich habe ja schon immer betont, dass Werder ein Verein ist, der mir viel bedeutet hat und immer noch bedeutet. Bei Werder bin ich damals erwachsen geworden, habe die ersten Bundesliga-Spiele gemacht und sogar ein Champions-League-Spiel absolvieren dürfen. Ich verbinde mit Werder einfach nur positive Gefühle – auch wenn es sportlich in der Zeit nicht immer rosig aussah.

Werder hat sich immer vor dem Abstieg gerettet, für Sie endete die Geschichte trotzdem mit dem Gang in die Zweite Liga zu Union Berlin. Doch ein Abstieg?

Zunächst war es ja nur eine Ausleihe für eine Halbserie, um Spielpraxis zu sammeln. In der Zeit habe ich aber ein Gefühl für den Verein entwickelt und dafür, was hier entstehen kann. Ich war dann voller Überzeugung, hier bleiben zu wollen. Und bei der Vertragsunterschrift haben wir das klare Ziel formuliert, aufzusteigen.

Cheers! Felix Kroos bei der Aufstiegsfeier von Union Berlin.

Hat geklappt.

Damit ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Ein Aufstieg an sich ist schon ein Riesenerlebnis. Aber ein Aufstieg mit Union ist noch größer. Das erste Mal Bundesliga – damit haben wir Geschichte geschrieben. Die Dankbarkeit in den Augen der Leute sehen zu dürfen, war etwas absolut Einmaliges. Wenn ich an die Feiern denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut – und werde sie auch in zehn Jahren noch bekommen.

Der Aufstieg sei Ihre „persönliche Weltmeisterschaft“, haben Sie mal gesagt. Ist noch eine Steigerung möglich?

Das nächste Ziel ist der Klassenerhalt. Und das wäre ein mindestens genauso großer Erfolg.

In die neue Saison sind Sie mit Magenproblemen gestartet, haben die ersten beiden Spiele komplett verpasst. Waren das noch die Nachwehen von Aufstieg und Hochzeit?

(lacht) Könnte man so sehen, es gab ja wirklich einiges zu feiern. Aber nein, natürlich nicht. Mich hatte es einfach in der Schlussphase der Vorbereitung erwischt, mittlerweile habe ich mich aber zurückgekämpft, hatte gegen Dortmund einen wichtigen Einsatz über 15 Minuten. Das Ziel ist es jetzt, wieder konstant zu spielen.

Wie stehen Ihre Chancen auf einen Startelf-Einsatz am Samstag?

Mit diesem Ziel gehe ich in die Trainingswoche. Und ich werde vorbereitet sein, wenn es so kommen sollte.

Im Herzen noch Werderaner: Felix Kroos will irgendwann nach Bremen zurückkehren

Was verbindet Sie noch mit Bremen und dem SV Werder?

Für meine Frau und mich steht fest, dass wir irgendwann nach Bremen zurückkehren werden, um dort zu leben. Meine Frau stammt aus Vechta, wir haben uns in Bremen kennengelernt, haben viele Freunde dort.

Man hätte meinen können, dass sich die Brüder Kroos irgendwann an einem schönen sonnigen Fleckchen dieser Erde ihre Villen kaufen und es sich mit ihren Familien gutgehen lassen. Sie ziehen Bremen vor?

Die Stadt ist für meine Frau und mich die gefühlte Heimat. Deswegen werden wir nach meiner Karriere zurückkehren – nicht unbedingt direkt ins Zentrum, aber doch nahe dran.

Können Sie sich eine Rückkehr zu Werder ebenfalls vorstellen – auch in einer anderen Rolle als als Bundesliga-Fußballer?

Definitiv. Die Identifikation mit Werder ist bei mir nach wie vor hoch. Mit 28 Jahren muss ich ja auch langsam anfangen, darüber nachzudenken, was nach der Karriere kommt. Und da spielt Werder für mich eine zentrale Rolle, wenn da mal eine Möglichkeit besteht. Aber geplant ist noch nichts. Und feste Vorstellungen gibt es bei mir auch noch nicht.

Wann waren Sie zuletzt zu Besuch in Bremen?

Das ist tatsächlich schon lange her. Dieses Jahr noch nicht. Auf jeden Fall wird es mal wieder Zeit. Aber wegen des Aufstiegs und der Hochzeit haben ehrlich gesagt auch die Gelegenheiten gefehlt.

Die Hochzeit wäre doch eine Gelegenheit gewesen.

Wir wollten auch in Bremen heiraten, haben aber keine Location mehr gefunden, die uns zufriedengestellt hätte. Deshalb sind wir nach Nörten-Hardenberg ausgewichen.

Werder Bremen-Legende: Felix Kroos schwärmt von  Claudio Pizarro: „Der Wahnsinn!“ 

Zu den Hochzeitsgästen gehörte auch Werder-Profi Philipp Bargfrede, Ihr Freund aus der gemeinsamen Zeit in Grün und Weiß. Das Duell auf dem Platz fällt nun aus, weil er noch ein paar Wochen braucht bis zu seinem Comeback. Enttäuscht?

Wir hatten vor der Veröffentlichung des Spielplans schon darüber gesprochen und gemeinsam gehofft, dass die Partie später sein würde in der Hinrunde. Dann hätte er mehr Zeit gehabt, fit zu werden. Jetzt setzen wir ganz auf die Rückrunde. Ich würde mich unheimlich freuen, wenn wir gegeneinander spielen könnten.

Claudio Pizarro, ein anderer noch verbliebener Bremer Weggefährte, wird nach Lage der Dinge in der „Alten Försterei“ dabei sein – wenn auch nur als Reservist. Vorfreude?

Für mich ist es ein Wahnsinn, welchen Einfluss er in seinem Alter immer noch auf das Bremer Spiel hat, was er noch alles bewirken kann. Da kann man nur den Hut vor ziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine vergleichbare Geschichte in Zukunft noch mal geben wird.

Warum nicht?

Er wird bald 41 Jahre alt und kann immer noch Spiele entscheiden – das ist für mich einmalig. Einen Spieler, der in diesem Alter noch so eine Bedeutung für eine Mannschaft auf und abseits des Platzes hat, wird man nie wieder finden.

Dann mal Hand aufs Herz: Wer ist kultiger – „Eisern Pizarro“ oder „Eisern Union“?

(lacht) Beide sind unvergleichlich und einmalig.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare