Sie kamen als große Hoffnungsträger zum SV Werder Bremen und gingen als große Enttäuschungen: Gustavo Nery, Carlos Alberto und Wesley.
+
Sie kamen als große Hoffnungsträger zum SV Werder Bremen und gingen als große Enttäuschungen: Gustavo Nery, Carlos Alberto und Wesley.

Werder-Flops aus Brasilien

Werder Bremens brasilianische Missverständnisse: Was machen Gustavo Nery, Carlos Alberto und Wesley heute?

Einer spielt noch im Profibereich. Einer hat sich erst vor kurzem zurückgezogen und verblüfft als TV-Kommentator. Und einer konnte einfach nicht aufhören, hielt durch im bezahlten Fußball, bis es nicht mehr ging - und hat sich erst dann eine neue berufliche Existenz aufgebaut. „Fußball ist unser Leben!“ Die Liedzeile, die die deutschen Weltmeister vor dem Gewinn des Titels beim Turnier im eigenen Land 1974 zur Einstimmung trällerten, gilt auch für die Kollegen aus Brasilien, die in Bremen einst nach Höherem strebten, indes aber lange nicht so erfolgreich kickten wie die Zöglinge von Helmut Schön. Es geht um ein Trio prominenter Legionäre aus dem Land des Rekordweltmeisters, von Werder Bremen einst aus Übersee geholt und mit hohen Erwartungen befrachtet, das an der Weser nicht zu überzeugen wusste und daher nur ein kurzes Gastspiel gab. Die Namen der Spieler aus Lateinamerika, an die sich Kenner noch erinnern werden: Wesley, Carlos Alberto und Gustavo Nery.

Beim Zweitligisten möchten sie am liebsten diese Namen aus der Chronik streichen. Drei Fehleinkäufe, die nicht hielten, was sie versprachen. Und drei Episoden, die ganz im Gegensatz stehen zu den Erfolgsgeschichten, wie sie andere Profis aus Brasilien in Bremen schrieben. Ein Held wie Zauberer Diego, eine Legende wie „Kugelblitz“ Ailton, ein Liebling wie „Mister Zuverlässig“ Naldo, die alle an der Weser eine märchenhafte Zeit verlebten.

Werder Bremen wurde nicht glücklich mit den drei anderen Ballkünstlern, die allesamt für Frustration sorgten. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch die Brasilianer hatten sich ihre Engagements bei dem Traditionsclub im Norden Deutschlands, damals noch eine große Nummer im internationalen Geschäft, ganz anders vorgestellt. Geplatzte Träume auf beiden Seiten. Und heute? Was machen die Drei? Wie ist es Ihnen nach dem gescheiterten Werder-Abenteuer ergangen?

Werder Bremen-Flop Wesley startete nach Engagement in Deutschland eine Wechsel-Odyssee

Wesley Lopes Beltrame, kurz Wesley gerufen, hat sich den Ruf eines Wandervogels erworben. Der zweimalige Nationalspieler, der von 2010 bis 2012 in Bremen unter Vertrag stand und nur 26 Spiele absolvierte, kehrte nach dem gescheiterten Versuch in der Bundesliga in seine Heimat zurück. So richtig Fahrt nahm die Karriere dort ebenfalls nicht auf. Der beim Pelé-Club FC Santos ausgebildete zentrale Mittelfeldspieler heuerte bei Palmeiras im März 2012 an, nachdem Werder das unrühmliche Kapitel mehr als zwei Jahre vor dem Vertragsende beendet hatte.

Ein Riss des Kreuzbandes zwang Wesley zu einer langen Pause, danach kam er nicht mehr in Form. „Ohne jegliche Nostalgie zu hinterlassen“, umschreibt das Portal „Bola VIP“ blumenreich die Aktivitäten des Profis, der vor allem teuer war. Noch in diesem Sommer mussten die Palmeiras-Oberen rund 7,5 Millionen Euro Schulden begleichen, die aus dem damaligen Transfer entstanden sind. Für Wesley ging es bergab. Zunächst ein abermaliger Wechsel zum FC Sao Paulo, dann Transfers zu Sport Recife und Atletico Mineiro, allesamt noch namhafte Klubs in der ersten Liga. Es folgte eine Zeit ohne einen Job, drei Monate lang. Der Abstieg begann. Zweite Liga, 2019 Criciùma FC, Januar 2020 Avai FC.

Inzwischen ist Wesley, eines der vielen unerfüllten Versprechen des brasilianischen Fußballs, in der Provinz gelandet. Im Nordosten, genauer in Maceio, der Hauptstadt des Bundesstaates Alagoas. Sein Arbeitgeber: CRB, Clube des Regatas Brasil, ein Verein aus der Serie B, Siebter in diesem Spieljahr. Immerhin spielte der prominenteste Akteur im Kader regelmäßig, was an seinen vorherigen Wirkungsstätten nur selten der Fall gewesen ist: 38 Einsätze insgesamt, 27 davon in der Meisterschaft. Und wie geht für den 34-Jährigen weiter? Die neue Saison im Kalenderjahr-Rhythmus startet bald nach Neujahr. Wesley wird dann, das wurde gerade bekannt, für den Zweitligisten AA Ponte Preta spielen. Mit dem Fußball muss er noch Geld verdienen, weil ihm dies bisher nur im überschaubaren Maße gelungen ist.

Auch interessant: Volltreffer und Missverständnisse - die Leihspieler des SV Werder Bremen im Check!

Werder Bremen-Transfers: Linksverteidiger Gustavo Nery wurde in Deutschland nicht glücklich

Auf Leidensgenosse Wesley trifft auch zu, was Gustavo Nery, der Oldtimer aus dem Trio der in Bremen Gescheiterten, sagt. „Es hätte besser laufen können“, gibt der inzwischen 44 Jahre alte Ex-Profi zu. Selbstkritische Töne aus dem Mund eines Berufsfußballers, der weitaus mehr aus seiner Begabung hätte machen können. Es lief vor allem schief bei seinen kurzen Verpflichtungen in Europa, wo talentierte Brasilianer gemeinhin ihr Können in stattliche Gehälter ummünzen können. Dem Verteidiger Nery, ausgebildet in Santos, glückte das nicht. Weder bei Werder Bremen, wo er es von Juli 2004 bis Mai 2005 gerade mal auf vier Einsätze brachte, noch bei Real Saragossa ab 2007, wo er als Leihspieler ebenfalls nur viermal zum Zuge gekommen ist.

Vorbei der Traum vom großen Geld in der alten Welt. Daheim wusste er durchaus zu überzeugen: Neun Länderspiele, gekrönt mit dem Gewinn der Südamerika-Meisterschaft 2004 in Peru unter Trainer Carlos Alberto Pereira sowie der Titel im „Brasileirao“ 2005 mit Corinthians. „Chinelinho“, übersetzt in etwa wie Pantoffel, wurde Nery genannt. Oder auch als „faule Orange“ verspottet in seiner Zeit bei den „Korinthern“ aus Sao Paulo. Es waren Anspielungen auf seine mangelhafte Fitness und auf sein eher genügsames Auftreten mitunter. Gustavo Nery hat sich dagegen gewehrt, fühlte sich zu Unrecht kritisiert. Die nicht enden wollenden Diskussionen über seine körperlichen Voraussetzungen führten schließlich dazu, dass er nicht ins Aufgebot für die Weltmeisterschaft 2006 berufen wurde, der damals bei Hertha BSC engagierte Gilberto bekam den Vorzug.

Werder Bremen: Heute betreibt Ex-Profi Gustavo Nery seine eigene Autowerkstatt

2010 hat Gustavo Nery, der 18 Jahre lang in 13 Vereinen sein Geld verdiente, seine Laufbahn als Profi beim EC Santo André beendet. Für den Defensivspieler, der bedauert, dass er nie mit so namhaften Trainern wie Vanderlei Luxemburgo, Abel Braga oder Muricy Ramalho zusammenarbeiten durfte, änderte sich von da an nur der Status: Fußball spielte er weiter, als Amateur, regelmäßig und intensiv in Hobbymannschaften, oft sogar mehreren gleichzeitig. Er wolle sich, so der Fußballverrückte, der nicht loslassen konnte, weiter fit halten, um bereit zu sein. „Wenn eine Anfrage kommt“, so wurde er zitiert, „dann sage ich nicht nein.“

Der rüstige Fußball-Rentner wartete vergeblich auf eine Offerte. Zum Glück hat er sich inzwischen ein zweites Standbein aufgebaut. „Car Service“ heißt seine Autowerkstatt, die er in Sao Bernardo do Campo im Bundesstaat Sao Paulo seit Jahren betreibt. Für sein Auskommen ist gesorgt, Fußball ist für ihn nur noch Spaß an der Freude, ein willkommener Zeitvertreib. „König Fußball“ regiert auch weiterhin die Welt des Paradiesvogels unter den drei Ex-Bremern. „Wartet ab“, verabschiedete sich Carlos Alberto Gomes des Jesus von seinen Fans, als er vor drei Jahren beim Boavista FC seine Karriere offiziell beendet hatte. Sein Versprechen: „Der Fußball wird in meinem Leben weitergehen.“

Werder Bremen-Flop Carlos Alberto kam nur auf 41 Minuten Spielzeit und fünf Partien an der Weser

Und das Enfant terrible, der Problemkicker, der überall für Schlagzeilen, nur selten positiver Art, sorgte, startete durch in seine zweite Karriere: Carlos Alberto ist für Fox Sports als TV-Kommentator am Ball. Wie in der Bundesliga Lothar Matthäus, Stefan Effenberg oder Didi Hamann, so begeistert das Gegenstück aus Rio de Janeiro vor den Kameras mit seinem Charisma und einer gelungenen Performance, wie ihm die Fußballfans bescheinigen. Flotte Sprüche einerseits, wie von ihm erwartet, fachliche Anmerkungen andererseits, die er locker ausspricht, wie es seinem Naturell gemäß ist, und dezidierte Expertisen, gewürzt schon mal mit knallharten Urteilen. So hat der auch bei diversen Podcasts und Online-Auftritten engagierte Kritiker unlängst ein aktuelles Fußball-Denkmal am Zuckerhut in delikater Form beschädigt. Carlos Albertos Diktum: „Gabigol“, Gabriel Barbosa, der Torschützenkönig und Held bei Flamengo, sei nicht reif für eine Nominierung in die Selecao.

Harte Worte aus dem Mund eines Sorgenkindes, das laut der Plattform „trivela“ immer eher „dezente Leistungen“ vollbracht hat. Die Daten als Beleg: 22 Vereine in 17 Jahren als Profi von 2002 bis 2019, viermal vereinslos. 242 Einsätze lediglich, viele Aus- und Einwechselungen, umgerechnet nur 15.406 Minuten reine Spielzeit auf dem Rasen. In der Bundesliga bei Werder Bremen, wo Carlos Alberto in der Saison 2007/08 gastierte, sind fünf Spiele mit insgesamt 41 Spielminuten gelistet.

Carlos Albertos Eskapadan führten zur schnellen Trennung bei Werder Bremen

In Bremen hatte der Supertechniker, der 2004 als 19-Jähriger ein Tor zum Gewinn der Champions League für den FC Porto beisteuerte, seinen größten Auftritt bei einer Rauferei mit Teamkollege Boubacar Sanogo. Andere Eskapaden führten zur blitzschnellen Trennung. Die Skandale setzten sich fort. Unrühmlicher Höhepunkt: Im März wurde der heute 37-Jährige des Dopings überführt, der Oberste Sportgerichtshof verurteilte ihn zu einer Sperre von neuneinhalb Monaten.

In Brasilien hat Carlos Alberto fast alle populären Clubs durch. Er spielte in Sao Paulo und in Porto Alegre, in Belo Horizonte und in Rio. Als gebürtiger Carioca, wie die Einwohner Rios heißen, bei drei Teams aus dem Quartett der Traditionsclubs unter Vertrag, nur nicht bei Flamengo, der innigen Liebe aller Brasilianer. Diesen Makel spricht der wortgewaltige TV-Schaffende selbst an: „Fluminense war die Mutter, die mich geboren hat. Botafogo eine Affäre, die ich hatte. Vasco, die Frau, die ich geheiratet habe. Und Flamengo die heiße Piranha, die ich nicht die Möglichkeit hatte zu essen.“

„Mengao“, wie der Edelclub und zweimalige Copa-Sieger gerufen wird, fehlt auf seiner Visitenkarte. Carlos Alberto ist nicht alles geglückt. Er war ein selbstverliebter Kicker, der sich mitunter selbst ausgedribbelt hat, oftmals sich selbst ein Bein gestellt hat. Es klingt wie Hohn, wenn er wohlwollend diesen Schlussstrich unter sein Schaffen zieht: „Ich habe mich immer dem Maximum verschrieben, wo ich war.“ Nicht nur in Bremen schütteln sie ob dieser verfehlten Selbsteinschätzung mit dem Kopf. (hgk)

Auch interessant

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare