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Marc Kosicke berät unter anderem den Trainer von Werder Bremen, Florian Kohfeldt. Jetzt rückt er neben Jens Lehmann in den Aufsichtsrat von Hertha BSC.

Über den Bundesliga-Neustart und Berlin

Kohfeldt-Berater Kosicke im Interview: „Der Fußball wird ein anderer sein“

Der gebürtige Bremer Marc Kosicke lebt in Kassel und betreut mit seiner Agentur „Projekt B“ Fußballtrainer. Zu seinen Klienten gehören unter anderen Florian Kohfeldt, Trainer des SV Werder Bremen, Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann.

Kassel - Im Interview mir der HNA* spricht der 49-Jährige über sein neues Engagement bei Hertha BSC, den Bundesliga-Neustart und den FC Liverpool.

Herr Kosicke, gerade wurde bekannt, dass Sie eine neue Aufgabe übernehmen. Wie kam der Kontakt zu Hertha BSC zustande?

Vor etwa sechs Wochen hat Lars Windhorst Kontakt zu mir aufgenommen, um sich ein Feedback zu seinem bisherigen Investment einzuholen. Wir haben uns gegenseitig kennen- und schätzen gelernt. Als er mich bat, ihn bezüglich seines Investments und der Vision, Berlin zu einem Topklub in Europa zu machen, strategisch zu beraten und einen Platz im Aufsichtsrat zu belegen, habe ich gern zugesagt.

Thema Bundesliga: Was halten Sie vom Neustart?

Ich bin da nicht ganz objektiv, weil ich ein Teil dieses Systems bin. Ich glaube, dass es legitim ist, dass jede Berufsgruppe versucht, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten. Dazu gehört auch die Bundesliga. Man sieht gerade aus dem Ausland, dass es viele gibt, die aufatmen und sagen: ‘Oh, es scheint, dass die Welt wieder gesünder wird und es bei uns auch bald wieder losgeht.’ Diese symbolische Nachricht ist schon stark.

Hat der Fußball eine Sonderrolle?

Das finde ich nicht. Die DFL und Christian Seifert haben ein generalstabsmäßiges Krisenmanagement betrieben, was seinesgleichen sucht. Dass jede Berufssparte versucht, soweit es geht, in die Normalität zurückzukehren, ist völlig legitim. Auch wenn der Fußball, den wir dann sehen, ein anderer sein wird.

Inwiefern? Meinen Sie die Geisterspiele?

Für mich sind das keine Geisterspiele, für mich sind das TV-Spiele, weil man sie nur am TV verfolgen kann. Geister sind ja nicht dabei. Das alles wird natürlich anders für Spieler und Trainer. Die Atmosphäre ist das, was die Bundesliga ausmacht. Klar würde sich jeder wünschen, dass Zuschauer wieder in die Stadien strömen. Und ich freue mich auch jetzt schon auf den Moment, wenn das wieder möglich ist. Das wird für Fußballfans ein Feiertag ähnlich wie damals zur Deutschen Wiedervereinigung.

Gibt es Probleme an dem Konzept der DFL?

Natürlich gibt es die, aber da bin ich kein Fachmann. Wie gesund sind die Spieler? Wie sicher ist das Konzept mit den Tests? Keiner kennt die Situation, und wir müssen ein bisschen ausprobieren. Es gab unterschiedliche Vorbereitungszeiten. Man weiß nicht, wie fit die Spieler unter Wettkampfcharakter wirklich sind. Das ist aber auch eine Möglichkeit, zu sehen, wie sich das Kräfteverhältnis vielleicht verändert. Das ist Fußball pur, wie wir ihn aus dem Amateurbereich kennen. Keine Fans, elf gegen elf, der Bessere gewinnt.

Hat die Liga durch den Neustart auch Chancen?

Ich glaube, dass Spieler, die schon hier sind oder noch im Ausland spielen, nach Deutschland schauen und sagen: ‘Wow, da scheint das alles in geregelten Bahnen zu laufen. Klasse, wie schnell die Deutschen es geschafft haben, dank ihres Gesundheitssystems wieder Fußball zu spielen.’ Mittelfristig könnte das dazu führen, dass es manche überzeugen wird, eher in die Bundesliga zu kommen.

Wird die Saison beendet?

Ich glaube schon. Ich glaube, dass alles händelbar ist, was jetzt passiert. Aber ich bin medizinisch auch mit weniger als gefährlichem Halbwissen ausgestattet. Das ist einfach nur ein Gefühl.

Wie ist es mit der Chancengleichheit? Aktuelles Beispiel ist Dresden.

Die 36 Klubs haben sich entschieden, alles dafür zu tun, um die Saison zu Ende zu spielen. Deswegen ist jetzt auch mal eine Solidarität in die andere Richtung gefragt. Also nicht: Was machen wir mit denen, die mehr Schwierigkeiten haben? Sondern: Wir finden eine Lösung, weil alle Klubs erklärt haben, dass sie spielen wollen.

Zum Trainergeschäft: Was ist gerade das Schwierigste an Ihrer Arbeit?

Schwierig ist es derzeit, für die Klienten, die keinen Job haben, in den kommenden Monaten einen zu finden. Vereine, die vor zwei Monaten mal Kontakt aufgenommen haben, suchen jetzt nicht weiter. Was auch völlig verständlich ist. Es ist eine Phase, in der man hoffentlich loyal zu allen seinen Mitarbeitern ist. Ich glaube auch, dass die finanzielle Komponente schwieriger wird. Wenn ein Verein seinen Trainer freistellen würde, müsste er diesen weiter bezahlen und noch einen neuen Trainer dazu. Das scheint gerade nicht so einfach.

Ich glaube aber auch, dass sich das nach ein paar Monaten wieder reguliert. Wenn weitergespielt wird, werden Vereine, die ihre sportlichen Ziele gefährdet sehen, versuchen, das zu ändern, um auch im nächsten Jahr und eventuell ohne Zuschauer das Fernsehgeld in der ersten Liga zu beziehen. (Das Interview führte Maximilian Bühlau)

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Zur letzten Meldung vom 11. Mai 2020

Werder Bremen: Kohfeldt-Berater Marc Kosicke freut sich auf Jens Lehmann

Bremen - Keine Frage: Das Aufsehen war groß, als am Sonntag bekannt wurde, dass Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann künftig dem Aufsichtsrat von Hertha BSC angehört. Aber auch die zweite neue Personalie im Gremium ließ die Fußballbranche aufhorchen - und sie steht, zumindest indirekt, in Bezug zu Werder Bremen.

Neben Jens Lehmann wird ab sofort auch Trainerberater Marc Kosicke, der Werder-Coach Florian Kohfeldt zu seinen Klienten zählt, dem Aufsichtsrat von Hertha BSC angehören. Zur Erinnerung: Der 49-Jährige wurde in der Vergangenheit von Werder Bremen hartnäckig umworben, sollte 2013 Sportchef werden - sagte dem Verein aber ab. Den Job übernahm schließlich Thomas Eichin.

Seit 2007 ist Kosicke als Trainerberater aktiv und hat sich in der Fußballbranche längst einen Namen gemacht. Neben Kohfeldt arbeiten beispielsweise auch Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann eng mit ihm zusammen.

Werder Bremen: Ex-Bremer Bruno Labbadia übernahm von Ex-Bremer Alexander Nouri

Seine künftigen Aufgaben im Hertha-Aufsichtsrat umschreibt der gebürtige Bremer, der heute in Kassel lebt, im Gespräch mit der „Welt“ wie folgt: „Zu einer von meinen Aufgaben zählt es, auch als Mediator aufzutreten. Das heißt konkret, dass ich meinen Teil dazu beitrage, zwischen allen Beteiligten eine positive, konstruktive Arbeitskultur zu entwickeln. Die war augenscheinlich in den vergangenen Monaten nicht ganz so gegeben.“ Der Abgang von Jürgen Klinsmann, der Trainerwechsel von Alexander Nouri hin zu Bruno Labbadia und das Facebook-Video von Profi Salomon Kalou - langweilig ging es im Hauptstadtclub zuletzt nicht gerade zu.

Dass auch Jens Lehmann, der jüngst wegen umstrittener Äußerungen zur Coronavirus-Krise in die Kritik geraten war, künftig im Hertha-Aufsichtsrat sitzt, begrüßt Marc Kosicke. „Jens ist zwar ein streitbarer Geist, aber kein lauter Mensch. Ich glaube, dass Jens ein großes Fußball-Knowhow besitzt und international anerkannt ist. Es kann dem ganzen Projekt bei Hertha BSC nur zuträglich sein", sagt er. (dco)

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