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Noch zehn Tage bleiben Trainer Florian Kohfeldt um seine Jungs auf den Bundesliga-Restart vorzubereiten. Dann empfängt der SV Werder Bremen Bayer Leverkusen. 

Über den Liga-Neustart, Hygieneregeln – und das Spiel gegen Bayer Leverkusen

Werder-Trainer Florian Kohfeldt: „Es ist legitim, dass wir wieder spielen“

Bremen – Alles sollte perfekt sein, so gut es eben geht. Und deshalb hatte Florian Kohfeldt kürzlich vor dem ersten Mannschaftstraining des SV Werder Bremen nach knapp acht Wochen Corona-Pause noch ein ziemlich wichtiges Gespräch zu führen – mit dem Greenkeeper des Weserstadions.

„Ich habe ihm gesagt, dass der Platz perfekt geschnitten und gewässert sein muss, damit jeder Fußballer beim Anblick des Spielfelds das Gefühl hat: Oh Gott, wie sehr habe ich das vermisst!“, berichtete der Werder-Trainer, dessen Plan offenbar aufging: „Bisher waren alle Einheiten von großer Freude geprägt.“ Am Osterdeich hat die äußerst ungewöhnliche Vorbereitung auf den Endspurt im Abstiegskampf also euphorisch begonnen – während einer ausführlichen Online-Medienrunde schlug Florian Kohfeldt am Freitag allerdings auch ernstere Töne an. 

Es ging um das Coronavirus, natürlich, um Privilegien für Fußballer, Geisterspiele, mögliche Alibis für Spieler und um die durchaus komplizierte Einhaltung der Hygieneregeln. Und um Werder Bremens großes sportliches Ziel: den Bundesliga-Klassenerhalt. Florian Kohfeldt über...

...den Bundesliga-Neustart

Wie alle bei Werder, hätte auch Kohfeldt am liebsten erst am Wochenende 23./24. Mai wieder gespielt, damit alle Vereine zuvor Zeit für zwei Wochen Mannschaftstraining und somit gleiche Bedingungen haben. Dass es nun aber schon eine Woche früher losgeht, nimmt er klaglos hin. „Es ist entscheidend, dass wir uns in dieser Situation nicht mit Dingen beschäftigen, die wir nicht mehr ändern können“, sagte er – und betonte: „Wer mit den neuen Umständen im Kopf am besten klarkommt, der wird erfolgreich sein.“ 

Kritiker hatten Werder Bremen vorgeworfen, dass der Wunsch nach einem späteren Liga-Neustart ein Alibi für die Bremer Spieler sein könnte, wenn es sportlich nicht läuft. Kohfeldt hält das für Quatsch: „Es gibt keine Alibis. Wir akzeptieren die Situation und geben Vollgas.“

...das Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen

Es wird am Abend des 18. Mai für Werder Bremen die erste von zehn noch ausstehenden Partien, in denen die Mannschaft dringend benötigte Punkte für den Klassenerhalt sammeln kann. Als entscheidend betrachtet Kohfeldt das Spiel aber nicht. „Durch das Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt haben wir knapp ein Drittel der Saison noch vor uns. Es ist nicht so, dass wir schon in der absoluten Endphase sind, denn es ist noch eine Strecke zu gehen. Leverkusen wird ein wirklich wichtiges Spiel, aber kein entscheidendes“, sagte der Coach, der sich von der Partie wertvolle Erkenntnisse verspricht. „Das Spiel wird ein erstes Indiz dafür liefern, wie wir mit der neuen und ungewohnten Atmosphäre im Stadion umgehen können und wie wir körperlich aus der Pause kommen.“

...Geisterspiele

Fans in den Stadien wird es bekanntlich bis mindestens zum Ende der laufenden Saison nicht geben, und Florian Kohfeldt weiß, was speziell Werder damit verloren geht. „Wer Bremen und unsere Historie kennt, der weiß, dass die Fans in positiven und negativen Extremsituationen immer eine enorm wichtige Rolle gespielt haben“, sagte der Trainer, der inzwischen aber auch einen kleinen Vorteil von Spielen ohne Zuschauer ausgemacht hat. „Wir trainieren derzeit fast ausschließlich im leeren Weserstadion und damit in der Atmosphäre, in der wir auch spielen werden. Das ist eine einzigartige Chance, denn im Fußball ist es normalerweise nie möglich, den Wettkampf eins zu eins zu simulieren, weil 40.000 Fans in der Regel nicht zu unserem Training kommen.“

...die Fitness der Werder-Profis

Am 7. März hat Werder Bremen sein bis dato letztes Bundesligaspiel absolviert, ehe der gesamte Fußballbetrieb kurz darauf zum Erliegen kam. Kein Teamtraining, kein Ball – vor allem in den ersten Wochen der Pause lag der Schwerpunkt für die Bremer Spieler im „Homeoffice“ klar auf dem athletischen Bereich. „In der Breite verfügen wir jetzt grundsätzlich über eine bessere Fitness als vor der Pause“, sagte Kohfeldt. Jetzt gehe es für ihn bis zum ersten Spiel darum, seinem Team die „fußballspezifische Fitness“ zu vermitteln. So wird bis zum Neustart in erster Linie die (Wieder)-Gewöhnung an das Spiel im Vordergrund stehen. „Es geht zum Beispiel um kleine Ballhaltespiele, um sich wieder an die Räume zu gewöhnen“, erklärte Kohfeldt, der sein Team aber auch schon Standards üben ließ. Damit die bisher eklatante Schwäche nach ruhenden Bällen gar nicht erst in Vergessenheit gerät. Positiv: Bis auf die Langzeitverletzten Ömer Toprak, Niclas Füllkrug und Kevin Möhwald sind alle Spieler inklusive Fin Bartels und Philipp Bargfrede fit. Zuletzt angeschlagene Profis haben die Pause genutzt, um ihre Blessuren auszukurieren.

...die Hygieneregeln

Das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL), welches den Neustart der Saison überhaupt erst möglich gemacht hatte, hat natürlich auch Werders Alltag auf den Kopf gestellt. „Es gibt jetzt komplett andere Rahmenbedingungen“, sagte Kohfeldt und gab einen kleinen Einblick. „Da geht es unter anderem um räumliche Trennungen und Einlasskontrollen. Kein Spieler kommt in die Kabine, ohne dass vorher Fieber gemessen wurde. Zudem bekommt jeder Spieler eine individuelle Ankunftszeit am Stadion.“ Teamarzt Daniel Hellermann kümmert sich als Werders Hygiene-Beauftragter federführend um die Umsetzung der umfangreichen Auflagen. „Da muss ich ihm wirklich ein großes Lob aussprechen“, sagte Kohfeldt, „auch die Spieler nehmen das Konzept sehr, sehr ernst.“ Insgesamt gehe Werder Bremen äußerst gewissenhaft mit dem Thema um. Kohfeldt: „Es ist der Versuch, die Regeln zu jedem Zeitpunkt einzuhalten. Wir lernen dabei gerade jeden Tag dazu.“

...das neue Trainerleben

Keine Fans, also stille Ränge in den Stadien – das bedeutet, dass die Kommandos und Ansagen der Trainer künftig auch im TV ziemlich deutlich zu hören sein dürften. „Der eine oder andere Kollege wird demnächst vermutlich häufiger mit Aussagen vom Spielfeldrand in der Zeitung stehen“, mutmaßte Kohfeldt und bat die Berichterstatter schon vorab um einen fairen Umgang. „Natürlich wird man mehr von den Trainern und Spielern hören, aber bitte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.“ 

Wenn die Fans schon fehlen, dürften nicht auch noch dem Spiel auf dem Platz die Emotionen genommen werden. „Das wäre der größte Fehler, den wir machen können“, sagte Kohfeldt, der sich übrigens nicht nur an die neue Akustik wird gewöhnen müssen. Auch jeden unnötigen Körperkontakt zu seinen Spielern, gilt es zu vermeiden. „Ich nehme meine Spieler schon ganz gerne mal in den Arm, denn körperliche Nähe ist Teil des Coachings bei mir“, sagte der 37-Jährige, der inzwischen aber zweimal darüber nachdenke, ob er einem Spieler die Hand auf die Schulter legt oder nicht. 

Während seiner Ansprachen trägt Kohfeldt zudem einen Mund-Nasen-Schutz – und das Thema Corona kommt auch inhaltlich vor. „Klar spreche ich das an. Es ist ja nicht so, dass wir das komplett ausblenden können. Keiner denkt, dass gerade heile Welt ist“, sagte Kohfeldt. Er forderte aber auch: „Wenn wir gegen Leverkusen spielen, darf die Coronavirus-Pandemie für 90 Minuten kein Thema sein.“

...Kritik am Fußball

Natürlich ist auch Florian Kohfeldt nicht entgangen, dass die Branche, in der er arbeitet, zuletzt öffentlich stark in der Kritik stand. Unter anderem Profitgier und Verantwortungslosigkeit wurden dem Profifußball bei seinem Bestreben, die Bundesligasaison schnellstmöglich fortzusetzen, vorgeworfen. „Ich habe das wahrgenommen, sowohl medial als auch in meinem direkten Umfeld“, sagte Kohfeldt, der den Unmut der Bevölkerung verstehen kann. „Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Der Profifußball ist natürlich ein Wirtschaftsbetrieb, und aus meiner Sicht ist es auch legitim, dass die Bundesliga alle Voraussetzungen geschaffen hat, um zu spielen“, sagte Kohfeldt – hielt allerdings auch fest: „Aber diese Diskrepanz, dass der Sport auf professioneller Ebene unter strengen Auflagen möglich ist, für die Gesamtbevölkerung aber nicht, ist in meinen Augen einer der Gründe für die Kritik.“ 

Zudem könne es „in einer Zeit voller Verzicht“ auf den ersten Blick skurril erscheinen, dass eine Freizeitbeschäftigung, die für einige zum Beruf geworden ist, wieder den Betrieb aufnimmt. Kohfeldt: „Wir sollten es als Privileg begreifen. Auf der anderen Seite sollte man uns aber nicht zu stark in die Kritik nehmen, denn wir haben nicht entschieden, dass wir das dürfen. Die Politik hat gesagt, dass es in Ordnung ist. Deswegen denke ich, dass es legitim ist, dass wir wieder spielen.“ (dco)

Zur letzten Meldung von 14.00 Uhr

Werder-Trainer Florian Kohfeldt voller Vorfreude: „Wir sind fitter als vor der Pause“

Der Bundesliga-Neustart rückt immer näher, zehn Tage sind es noch bis zum ersten Spiel von Werder Bremen, sieben Tage vorher muss der Club in einem Quarantäne-Trainingslager verbringen. Dabei entscheidet sich Werder für die naheliegendste Lösung, wie Cheftrainer Florian Kohfeldt in einer Online-Medienrunde am Freitag erklärte.

„Wir planen es so, dass wir in Bremen bleiben werden“, erklärte Florian Kohfeldt. „Wir werden in unser Mannschaftshotel, das Parkhotel, gehen.“ Trainiert wird dann wie gewohnt im und am Weserstadion. Noch ist nicht exakt geklärt, wann es mit dem Trainingslager losgeht, aber der Trainer des SV Werder Bremen versicherte, die im Hygiene-Konzept von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorgegebenen Fristen einzuhalten.

Werder Bremen: Spieler fitter als vor Coronavirus-Pause

Der Coach sprach von „besten Bedingungen“ in Bremen. Für das erste Mannschaftstraining mit der ganzen Truppe habe er vom Greenkeeper den Rasen extra in perfekten Zustand bringen lassen. „Es sollte jeder denken: Wie hab' ich das vermisst!“, erklärte Kohfeldt. Tatsächlich habe er in den ersten gemeinsamen Einheiten „sehr viel Freude“ am Fußball bei seinen Spielern festgestellt.

Werder Bremen hat also wieder richtig Lust auf Fußball – und ist auch fitter als vor der durch die Coronavirus-Pandemie bedingten Pause. „Ich würde schon sagen, dass wir in der Breite – damit meine ich alle Spieler – grundsätzlich über eine bessere Fitness verfügen als vor der Pause, auf jeden Fall“, sagte Kohfeldt. „Jetzt geht es darum, die fußballspezifische Fitness, die du nicht mit vier Mann in der kurzen Zeit trainieren kannst, zu vermitteln.“

Werder Bremen simuliert Geisterspiele im Training

Das Hauptaugenmerk im Training liege nun auf dem Thema „Gewöhnung an das Spiel“. Zunächst in kleinen Übungen, um wieder Gefühl für den Raum zu bekommen, dann auch im Elf-gegen-Elf. Werder lässt dabei fast ausschließlich im Weserstadion trainieren. Einerseits weil das Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden muss, aber auch um sich auf die Geisterspiele ohne Zuschauer vorzubereiten.

„Somit trainierst du durchgehend in der Atmosphäre, in der du auch spielst“, erklärte Kohfeldt. „Im Fußball ist es normalerweise nie möglich, den Wettkampf eins zu eins zu simulieren. Bei aller Euphorie: 40.000 Fans kommen in aller Regel nicht zum Training. Jetzt gibt es aber die Möglichkeit, die Wettkampfsituation im Training abzubilden. Du kannst ein Elf-gegen-Elf unter den gleichen Bedingungen trainieren, wie es sie dann auch während der Ligaspiele geben wird.“

Werder Bremen: Florian Kohfeldt versteht Kritik am Bundesliga-Neustart

Am Montag, 18. Mai, geht es dann für Werder Bremen in der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen weiter. In der Öffentlichkeit hat es viel Kritik am Neustart der Liga gegeben. Florian Kohfeldt kann das nachvollziehen. Einerseits seien die Clubs Wirtschaftsunternehmen, andererseits sei Fußball Volkssport: „Diese Diskrepanz, dass der Sport auf professioneller Ebene unter sehr strengen Auflagen möglich ist, aber in der Gesamtbevölkerung nicht, ist einer der Gründe für Kritik.“

In einer Zeit voller Verzicht und größerer Probleme als Fußballergebnissen „kann es skurril erscheinen, dass ein Wettkampf, eine Freizeitangelegenheit, die für einige zu Beruf geworden ist, wieder beginnt“. Aber dafür solle man „uns alle“, so Kohfeldt, nicht zu sehr in die Kritik nehmen. „Wir haben nicht für uns entschieden, dass wir das dürfen.“ Die DFL habe ein Konzept erarbeitet, die Politik habe das abgesegnet. „Ich kann die Kritik nachvollziehen, bin aber auch der Meinung, dass die Politik unter Abwägung aller vorliegenden Fakten diese Entscheidung getroffen hat und es damit auch legitim ist, dass wir wieder spielen.“ (han)

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